Digitaler Produktpass: Wenn die Flasche sprechen lernt

Tobias Kaiser30.1.2026

Die EU-Pflicht ab 2027: Vom Bürokratie-Fluch zur Kommunikations-Chance

Inhalt
  1. Hersteller oder Händler – wer erstellt den DPP? 
  2. Rechtssicherer DPP – wie soll das gehen?
  3. Diese Tools unterstützen dein Produktmanagement
  4. Fazit: Lieber gleich richtig machen
Das Wichtigste in Kürze
  • Der Digitale Produktpass (DPP) wird ab 2027 schrittweise für fast alle physischen Produkte in der EU zur Pflicht, als Teil des Green Deals.
  • Marken und Hersteller tragen die primäre Verantwortung für die Erstellung und digitale Bereitstellung des DPP mit umfassenden Produktinformationen.
  • Zu den größten Herausforderungen zählen der hohe Investitionsbedarf, die Gewährleistung der Datenintegrität und der Schutz sensibler Betriebsgeheimnisse.
  • Der DPP bietet Marken die Chance, über die gesetzlichen Pflichtangaben hinaus innovative, KI-gestützte Kundendialoge und einzigartige Markenerlebnisse zu schaffen.
 
 
Der Countdown läuft. Ab 2027 wird in der EU der neue Digitale Produktpass (DPP) mit vielen Produktangaben für fast alle physischen Waren Pflicht. Was bei der Erstellung hohen Aufwand und Bürokratie mit sich bringt, bietet Dir gleichzeitig neue Möglichkeiten für Deine Marke. Im besten Fall: Produkte, die KI-generiert über aufgedruckte QR-Codes mit den Kund*innen sprechen. 
Als Teil der Verordnung über Ökodesign-Anforderungen für nachhaltige Produkte ist der DPP für die EU ein Meilenstein auf dem Weg zum erklärten Green Deal. Die Einführung erfolgt schrittweise, beginnend mit Produktgruppen wie Batterien, Textilien, Elektronik, Kunstoffen, bis er bis 2030 auf jedes physische Produkt ausgeweitet wird. Jedes Produkt muss dann über einen QR-Code oder Chip den Digitalen Produktpass ausweisen. Einfach scannen und alle Angaben rund um das Produkt sind über den DPP auf dem Smartphone verfügbar.

Hersteller oder Händler – wer erstellt den DPP? 

Die Verantwortung für die Erstellung des DPP liegt zwar primär bei den Marken bzw. Hersteller*innen, doch auch Importeure, Bevollmächtigte und andere Akteur*innen in der Lieferkette können je nach Produkt und Regelung bestimmte Pflichten übernehmen.
Nur sie kennen die Angaben zum Produkt, einschließlich der Lieferkette, der verwendeten Materialien, Reparaturmöglichkeiten, Umweltauswirkungen und vielem mehr. Hersteller müssen deshalb garantieren, dass alle Infos stimmen, den DPP digital bereitstellen und auch per Chip oder Aufkleber am Produkt anbringen. 
Die Händler*innen tragen dagegen keine Verantwortung für den DPP. Sie müssen nur sicherstellen, dass sich ab 2027 keine Artikel ohne DPP mehr im Sortiment befinden. Andernfalls drohen Abmahnungen, Anwaltsschreiben und Schlimmeres.
Um diese Angaben im DPP geht‘s:

Produktidentität:

  • Produktname, Marke und Modell
  • Serien- oder Chargennummer
  • Herstellungsdatum
  • Herkunftsland

Material- und Inhaltsstoffe:

  • Detaillierte Auflistung der verwendeten Materialien und Komponenten
  • Informationen zur chemischen Zusammensetzung
  • Angaben zur Herkunft der Rohstoffe

Umweltauswirkungen:

  • Energieeffizienzklasse
  • CO₂-Fußabdruck über den gesamten Lebenszyklus
  • Informationen zur Recycling-Fähigkeit und Entsorgung

Nutzungsinformationen:

  • Betriebsanleitungen und Montageanleitungen
  • Hinweise zur optimalen Nutzung und Wartung
  • Ggf. Verfügbarkeit von Software-Updates 

Reparatur- und Ersatzteilinformationen:

  • Reparaturanleitungen
  • Verfügbarkeit und Bezugsquellen von Ersatzteilen
  • Informationen zur Reparierbarkeit des Produkts

Zertifizierungen und Konformität:

  • Vorhandene Zertifikate (z. B. Umweltzeichen, Sicherheitszertifikate)
  • Konformitätserklärungen gemäß relevanter EU-Richtlinien

End-of-Life-Informationen:

  • Hinweise zur umweltgerechten Entsorgung
  • Mögliche Rücknahmesysteme oder Recyclingprogramme
Die verfügbaren Infos im DPP müssen für alle Hersteller, Händler und Endverbraucher jederzeit abrufbar sein. Eine der wenigen Ausnahmen: Softwareprodukte. Sie gelten als immaterielle Güter und fallen nicht unter die aktuellen Verpflichtungen des DPP. Diese Ausnahme gilt auch für bestimmte Fahrzeuge, Lebensmittel, Medikamente und Verteidigungsprodukte.
Abhängig vom Produkt können für materielle Waren aber zusätzliche oder abweichende Informationen erforderlich sein. Welche Angaben für welches Produkt zur Verfügung gestellt werden müssen, wird in den Rechtsakten der Europäischen Kommission festgelegt.  
So führt für Marken kein Weg daran vorbei, für jedes einzelne Produkt die relevanten gesetzlichen Bestimmungen zu prüfen und sicherzustellen, dass alle erforderlichen Infos im DPP enthalten sind. Sonst drohen Abmahnungen, Anwaltsschreiben und sondergleichen.

Rechtssicherer DPP – wie soll das gehen?

Der Weg zum abmahnsicherem DPP ist steinig und führt über die Ökodesign-Verordnung, delegierte Rechtsakten, nationale Behörden, Verbände, EU-Datenbanken oder digitale Tools. Wenn du dir das ersparen willst, ziehst du am besten gleich Expert*innen oder Rechtsberater*innen hinzu. Investment und Aufwand sind für Marken, die zum Teil tausende Produkte vertreiben, hoch.
Entscheidend und aufwändig ist dabei die Datenintegrität, denn die Angaben im DPP müssen zuverlässig und genau sein. Ungefähre Angaben führen automatisch zu Rechtsunsicherheit. 

Die Herausforderungen sind vielfältig

Damit Kund*innen nicht von einer komplexen Informationsflut überwältigt werden, braucht der DPP eine klare, nutzerfreundliche Struktur. Dabei hilft die Trennung von Pflicht (zwingend vorgeschriebene Informationen) und Kür (weiterführende für die Kund*innen relevante Features). Die Reduzierung aufs Wesentliche und einige wenige Killer-Features helfen ebenfalls dabei, die Komplexität des DPPs zu reduzieren
Die Einführung des DPP bedeutet zudem erhebliche Investitionen in Technologie und Infrastruktur. Für kleinere Unternehmen mit vielen Produkten kann dies zu hohen finanziellen Belastungen führen. Von den laufenden Kosten für die Datenaktualisierung sowie für Schulungen und Weiterbildungen des Teams mal ganz abgesehen. 
Auch der Schutz vor Datenmissbrauch gehört zu den wesentlichen Herausforderungen im DPP. Wie also umgehen mit sensiblen Daten zum Bespiel für die Zusammensetzung von Materialen, die Mitbewerber nichts angehen? Wo hört das Betriebsgeheimnis auf und wo fängt die Verpflichtung zur Verbraucherinformation an? Diese Fragen lassen sich bisher noch nicht pauschal beantworten.  

Chance statt lästiger Pflicht

Und doch liegt trotz der vielen Herausforderungen im DPP auch eine große Chance Innovationen voranzutreiben, Umsätze zu erhöhen und die Markenkommunikation auf ein ganz anderes Level zu heben. Erstellt werden muss der DPP mit den Pflichtangaben ohnehin. Warum also nicht direkt ein paar Schritte vorausdenken?
Was wäre, wenn die Handtasche tatsächlich sprechen könnte? Über Herstellungsbedingungen, Materialien, Pflegehinweise, Zertifikate und das Herkunftsland. Und auch gleich passende Outfits zum Style der Handtasche vorschlagen könnte?
Was, wenn der Chianti, nicht nur seinen Winzer samt Weingut vorstellt, sondern auch über eine interaktive Slideshow die umliegenden Anbauregion präsentiert, passende Rezepte vorschlägt und Auszeichnungen für Regionalität zeigt? 
Was, wenn der DPP sprechen könnte und für fast alle produktspezifischen Fragen eine adäquate Antwort hätte? 
Durch den Einsatz verschiedener Tools und lernfähiger KI-Modelle, ist das alles technisch längst möglich. Gerade durch generative KI sehen Expert*innen große Chancen, um über Chatbots den Dialog zwischen Produkt und Kunde zu ermöglichen. 
Content wie FAQs, Bildergalerien oder verwandte Produkte sind oft schon erstellt und in verschiedenen Bereichen des bestehenden Internetauftritts digital verfügbar. 

Der DPP als Bühne für die Marke

Mit dem DPP gibt es bald die ideale Plattform, den vorhandenen Content an einem Ort zur Verfügung zu stellen. Wer sich als Kunde die Mühe macht, den QR-Code zu scannen, bekommt dann im besten Fall weit mehr als die gesetzlichen Pflichtangaben. Kunden können über sprachbasierte KIs direkt in den produktbezogenen Dialog gehen, bei interaktiven Gewinnspielen Preise abräumen oder Gutscheincodes sammeln. 
Lesetipp

Lesetipp: Du willst mehr aus deinen Produkten rausholen? Mit Product Mining zeigen wir dir wie.

Diese Tools unterstützen dein Produktmanagement

Noch bevor der DPP kommt, gibt es eine Vielzahl an Tools, die dein Produkt auf verschiedenen Ebenen unterstützen können – sowohl im Logistik- & Supply-Chain-Management als auch in Governance, Risk & Compliance. Folgende Tools kann ich dir empfehlen:

Fazit: Lieber gleich richtig machen

Die Möglichkeiten, Kund*innen neben den nötigen Produktinfos auch einzigartige Markenerlebnisse zu bieten, waren noch nie so vielfältig. Wer als Marke den DPP nicht nur als lästige Pflicht, sondern als smarte Kommunikationschance versteht, investiert nachhaltig in die eigene Zukunft. Auch Content und Services bieten die Chance, sich vom Wettbewerb abzusetzen, Umsätze durch ergänzende Produktvorschläge zu erzielen und das Markenerlebnis wirklich unverwechselbar zu gestalten. Wenn Du den DPP schon früh einführst, positionierst Du deine Marke in Sachen Nachhaltigkeit und kannst Wettbewerbsvorteile nutzen.
Hero-Produkt versus Sleeper – ob sich die Extra-Meile für die Erstellung eines smarten DPP lohnt, musst Du für jedes Produkt selbst abwägen. Schließlich müssen Kosten und Aufwände in Relation zum Ergebnis stehen. Bis dahin läuft der Countdown bis zur Einführung weiter. Außer, die Mitgliedsländer der EU legen den DPP wie beim Lieferkettengesetz in letzter Minute doch noch auf Eis. Danach sieht es derzeit aber nicht aus. Und Hoffnung ist ja auch keine Option.
 
 
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Tobias Kaiser

Wenn Nutzer*innen digitale Anwendungen lieben, sind sie wertvoll für das Unternehmen. Mit dieser Überzeugung führt Tobias Kaiser (47) als strategischer Leiter und Geschäftsführer die Hamburger E-Commerce-Agentur For Sale Digital. Das Unternehmen bietet ein breites Leistungsspektrum mit Fokus auf Umsatzsteigerung und begleitet Marken von der strategischen Beratung über Konzept, Design und Content bis hin zur technischen Umsetzung sowie der Entwicklung leistungsfähiger Teams. Seit einigen Jahren ist Tobias als Speaker und Moderator unter anderem für OMR Reviews im Einsatz.

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