Was ist eine Stichprobeninventur und eignet sie sich für mein Unternehmen?

Erfahre, wie die Stichprobeninventur genau funktioniert, wie gut sie sich für dein Unternehmen eignet und welche weiteren Möglichkeiten sie bietet

Inhalt
  1. Definition: Was ist eine Stichprobeninventur?
  2. Verfahren der Stichprobeninventur
  3. Voraussetzungen und rechtliche Vorgaben: Wer darf eine Stichprobeninventur durchführen?
  4. Step-by-Step: Wie läuft eine Stichprobeninventur ab? 
  5. Vor- und Nachteile der Stichprobeninventur 
  6. Software-Tipp
  7. Stichprobeninventur in der Praxis
  8. Fazit & Ausblick
Wer das Wort Inventur hört, denkt vermutlich erstmal an Stress, Kosten und einen hohen Aufwand. Jahr für Jahr müssen Unternehmen die für sie gesetzlich vorgeschrieben Inventur durchführen. Sie bietet nicht nur einen Überblick über die Vermögensbestände, sondern ist auch eine zentrale Grundlage für die Geschäftstransparenz. 
Doch die klassische Vollinventur bringt oft erhebliche Herausforderungen mit sich: hoher Personal-, Zeit- und Kostenaufwand, Lagerschließzeiten, Produktionsstopps und ein erhöhtes Fehlerrisiko bei der Zählung und Datenübertragung. Diese Belastungen beeinträchtigen den gesamten Arbeitsablauf. Immer mehr Unternehmen suchen daher nach Alternativen. Das Handelsgesetz bietet seit Jahrzehnten die Möglichkeit, Inventurvereinfachungsverfahren anzuwenden, mit denen sich der Aufwand drastisch reduzieren und Fehlerquellen minimieren lassen. In Kombination mit digitalen Lösungen eröffnen sich völlig neue Perspektiven für eine optimierte Bestandssicherheit und effizientere Prozesse.
Das nachweislich effektivste und einfachste Verfahren ist die Stichprobeninventur. Wie diese Art der Inventur funktioniert und welche rechtlichen und praktischen Aspekte du bei der Stichprobeninventur beachten musst, zeigt dieser Artikel. 

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Stichprobeninventur ist ein gesetzlich zulässiges Verfahren, bei dem nur ein kleiner Teil des Lagers gezählt wird, um Rückschlüsse auf den Gesamtbestand zu ziehen.
  • Unternehmen können den Inventuraufwand um bis zu 99 % reduzieren und gleichzeitig Zeit, Kosten sowie personelle Ressourcen einsparen.
  • Voraussetzung ist eine hohe Datenqualität im ERP- oder Warenwirtschaftssystem sowie eine ordnungsgemäße und prüfbare Lagerbuchführung.
  • Die Methode eignet sich für die meisten Lager, ist jedoch bei verderblichen, sehr wertvollen oder schwundanfälligen Waren eingeschränkt.
  • Digitale Lösungen und Software ermöglichen eine effiziente, teilweise papierlose Durchführung und verbessern zusätzlich die Bestandsqualität.

Definition: Was ist eine Stichprobeninventur?

Die Stichprobeninventur ist ein nach § 241 Abs. 1 HGB gesetzlich zulässiges Inventurvereinfachungsverfahren, bei dem nicht mehr der komplette Warenbestand gezählt werden muss. Stattdessen wird mithilfe von gesetzlich anerkannten, mathematisch-statistischen Methoden die Bestandsqualität anhand der Daten im bestandsführenden System (Warenwirtschafts-, ERP- oder Lagerverwaltungssystem), gemessen, und eine Aussage über deren Zuverlässigkeit getroffen. Geprüft und nachgewiesen wird also die Übereinstimmung der systemseitig geführten Bestände mit den tatsächlich im Lager befindlichen Artikeln. Wird dies innerhalb der zulässigen Grenzen bestätigt, entfällt die aufwendige Vollinventur. Je nach Größe und Beschaffenheit des Lagers lässt sich der Zählaufwand mit der Stichprobeninventur um bis zu 99 % reduzieren. Die statistischen Methoden können zusätzlich für unterjährige Bestandskontrollen verwendet werden. 
Die Stichprobeninventur wurde als Ersatz für die Vollinventur erstmals in Deutschland gesetzlich aufgenommen, im Jahr 1981 hat der Hauptfachausschuss des IdW (Institut der Wirtschaftsprüfer) eine ausführliche Stellungnahme zur Durchführung dieser Inventurform herausgegeben.

Verfahren der Stichprobeninventur

Die Stichprobeninventur wird je nach Lagerbeschaffenheit mit einem Sequenzialtest oder mittels Hochrechenverfahren durchgeführt. 
Der Sequenzialtest gilt als effizienteste Inventurart – im Idealfall reichen schon 30 Stichproben, um das gesamte Lager zu inventieren. Bei diesem Verfahren erfolgt eine laufende Auswertung der gezogenen Stichproben, wodurch je nach Ergebnislage entweder weitere Erhebungen entfallen oder notwendig werden. Sobald die Inventurzahlen die Akzeptanzgrenze innerhalb der vorab definierten Irrtumswahrscheinlichkeit nicht überschreiten, gilt die Prüfung der Bestände als abgeschlossen. Der Sequenzialtest wird häufig für unterjährige Bestandskontrollen verwendet. Er kommt lediglich in Lagerbereichen mit einer sehr hohen Bestandssicherheit zum Einsatz. Das ist zum Beispiel in hochautomatisierten Lagern der Fall. 
In konventionellen Lagerbereichen werden in der Regel Hochrechenverfahren eingesetzt. Sie erfordern lediglich eine moderate Bestandssicherheit, der Zählaufwand umfasst etwa 5 % der Lagerpositionen. Zunächst werden repräsentative Stichproben entnommen und deren tatsächlicher Bestand präzise aufgenommen. Dann werden die Zählergebnisse nach allen vier zulässigen Hochrechenverfahren (Mittelwert-, Differenzen-, Verhältnis- und Regressionsschätzung) ausgewertet. Das Verfahren mit dem genauesten Ergebnis wird zur Dokumentation für die Inventur herangezogen. Hier erweist sich regelmäßig die Regressionsschätzung als das zwar mathematisch anspruchsvollste, aber gleichzeitig genaueste Verfahren.
Jedes Lager hat unterschiedliche Anforderungen. Für ein optimales Inventurkonzept können auch beide Verfahren kombiniert werden, um Lagerbereiche mit unterschiedlicher Bestandsgenauigkeit effizient zu inventieren. Diese Kombination bietet mehr Flexibilität und maximale Wirtschaftlichkeit.

Voraussetzungen und rechtliche Vorgaben: Wer darf eine Stichprobeninventur durchführen?

Grundsätzlich kann die Stichprobeninventur heutzutage in fast allen Unternehmen durchgeführt werden. In der Regel erfüllen die Lager die für eine Hochrechnungs-Stichprobeninventur erforderliche Bestandsgenauigkeit. Aber auch stationäre Verkaufsflächen erfüllen zunehmend die Anforderungen. Damit Unternehmen die Stichprobeninventur rechtssicher anwenden können, müssen bestimmte rechtliche und organisatorische Voraussetzungen gegeben sein. Diese sind im Handelsgesetzbuch (HGB) § 241 Abs. 1 geregelt. Eine Grundvoraussetzung ist, dass ein ERP- oder Warenwirtschaftssystem genutzt wird und dadurch eine bestandszuverlässige Lagerbuchführung sichergestellt wird.
Das Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW, 1981, S. 61) zählt hierzu auf
  • Vollständigkeit 
  • Richtigkeit 
  • Nachprüfbarkeit 
  • Einzelerfassung der Bestände und bestandszuverlässige Lagerbuchführung 
  • Körperliche Aufnahme der Bestände
Das angewendete Stichprobenverfahren muss von der Finanzverwaltung genehmigt sein; hierzu zählen zum Beispiel mathematisch-statistische Methoden wie die obengenannten Verfahren. Zudem ist eine klare und aktuelle Lagerorganisation erforderlich, damit die gezogenen Stichproben repräsentativ für den Gesamtbestand sind. Unternehmen sind verpflichtet, alle Abläufe, Ergebnisse und angewendeten Methoden zu dokumentieren und prüfungssicher aufzubewahren, um sie den Wirtschaftsprüfern jederzeit vorlegen zu können. 
Die Stichprobeninventur ist in Österreich gesetzlich zulässig und auch die Schweiz akzeptiert dieses Inventurvereinfachungsverfahren. Stichprobeninventursysteme werden zudem in einigen inner- und außereuropäischen Ländern durchgeführt, die keine spezifische Rechtsgrundlage zu Stichprobeninventuren haben. Hier muss sich im Einzelfall mit den Wirtschaftsprüfern abgestimmt werden.
Bei leicht verderblichen Waren, sehr wertvollen Produkten oder Erzeugnissen, die unkontrollierbarem Schwund unterliegen, darf keine Stichprobeninventur angewendet werden.

Step-by-Step: Wie läuft eine Stichprobeninventur ab? 

Üblicherweise wird eine Inventur nach Betriebsschluss durchgeführt, um eine Störung der Abläufe oder der Produktionsprozesse zu vermeiden. Eine Stichprobeninventur kann teilweise aber auch im laufenden Betrieb durchgeführt werden. Dazu müssen der Zeitpunkt und die Ressourcen sorgfältig geplant und die Inventur entsprechend vorbereitet werden. 
Diese Schritte veranschaulichen den Ablauf einer Stichprobeninventur:
  • Step 1: Auswahl der Lager und Strichprobenverfahren: Zunächst werden die zu prüfenden Lagerbereiche und Artikelgruppen festgelegt und eines der zulässigen Stichprobeninventurverfahren ausgewählt.
  • Step 2: Daten-Export aus dem LVS/ERP: Danach erfolgt der Export der Lagerdaten aus dem bestandsführenden System. Die Daten werden in die Inventursoftware übertragen. Die Software ermittelt die zu zählenden Stichproben bzw. Artikelpositionen.
  • Step 3: Kontrolle der Daten: Die Inventurverantwortlichen prüfen die Daten und geben die ermittelten Stichproben an die Zählteams weiter.
  • Step 4: Händische Zählung: Anschließend erfolgt die eigentliche Durchführung der Inventur. Die Zählteams inventieren die vorgegebenen Artikel, wahlweise mit Papierlisten oder digital in einer App. Die Ergebnisse werden danach wieder in die Inventursoftware übertragen. Das erfolgt je nach Softwarelösung manuell oder automatisch.
  • Step 5: Auswertung der Inventurergebnisse: Die Auswertung der Zählung zeigt, ob die Stichprobeninventur bestanden ist oder nicht. Das endgültige Ergebnis muss vom zuständigen Wirtschaftsprüfer abgenommen bzw. bestätigt werden.
Ablauf der Stichprobeninventur mit REMIRA Cloudlösung.png
Grafische Darstellung des Ablaufs der Stichprobeninventur mit der Cloudlösung von REMIRA
Wie dieser Ablauf der Stichprobeninventur live funktioniert, könnt ihr anhand eines Praxisbeispiels auf YouTube anschauen.

Vor- und Nachteile der Stichprobeninventur 

Der größte Vorteil der Stichprobeninventur ist der massiv reduzierte Zählaufwand um bis zu 99 %. Die Inventur kann dadurch schneller und häufig sogar während des laufenden Geschäftsbetriebs durchgeführt werden, wodurch Lagerschließungen und Produktionsstopps vermieden werden. Der geringere Aufwand sorgt zudem für eine Senkung der Kosten und des Personalaufwands. So muss beispielsweise kein zusätzliches und fachfremdes Personal für die Inventur abgestellt werden. Zusätzlich werden auch die Planung und die Durchführung der Inventur deutlich vereinfacht und die fehlerhaften Zählungen im Vergleich zur Vollinventur minimiert. Ein weiterer wichtiger Vorteil der Stichprobeninventur ist die hohe Zufriedenheit der Mitarbeiter. Während eine Vollinventur für viel Stress und Frust sorgt, ist eine Stichprobeninventur durchschnittlich in wenigen Stunden erledigt – ohne Überstunden oder Wochenendschichten. Die statistischen Methoden der Stichprobeninventur können zusätzlich auch für unterjährige Bestandskontrollen genutzt werden, um die Bestandsqualität kontinuierlich zu optimieren.
Es gibt nur wenige Nachteile einer Stichprobeninventur. Die Verfahren setzen eine hohe Datenqualität in LVS- und ERP-Systeme voraus. Fehlerhafte, unvollständige oder schnell wechselnde Bestandsdaten können die Aussagekraft der Hochrechenverfahren erheblich beeinträchtigen. Weiterhin ist zu beachten, dass die Stichprobeninventur für bestimmte Warenarten – etwa leicht verderbliche Güter, seltene oder besonders wertvolle Artikel sowie Produkte mit schwer kontrollierbarem Schwund – nicht zulässig oder geeignet ist. 

Software-Tipp

REMIRA bietet eine Software für Stichprobeninventur als Cloudlösung an. Damit lässt sich die Inventur so schnell und einfach wie noch nie durchführen. Anwender*innen werden Schritt für Schritt durch den Inventurprozess geführt. Sie können dabei klassisch mit Papierlisten zählen oder optional die integrierte REMIRA Zähl-App nutzen und die komplette Inventur digital durchführen. 
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Oberfläche der REMIRA Cloudlösung für Stichprobeninventur

Stichprobeninventur in der Praxis

Durch den Einsatz der REMIRA GmbH für Stichprobeninventur konnte bei der Centrotherm Systemtechnik GmbH aus Brilon ein Großteil des Papierkrams vermieden und die Lagerschließzeiten stark verkürzt werden. Insgesamt wurden bei Centrotherm drei Lager mithilfe der REMIRA Cloudlösung  und der REMIRA Zähl-App auf Tablets inventiert.
„Wir empfanden die Zusammenarbeit mit REMIRA als sehr professionell, kollegial und angenehm. Für die nächsten Inventuren können wir noch weniger Mitarbeiter*innen einplanen und die Schichten von acht auf sechs Stunden reduzieren, was sich sowohl auf die Zählqualität als auch auf die Konzentration positiv auswirken wird.“ - Frank Engelbracht, Leiter Finanzwesen bei Centrotherm
REMIRA hat die komplette Inventur bei Centrotherm live mit einem Filmteam begleitet. Wie die Durchführung der Stichprobeninventur genau ablief und wie die Verantwortlichen die Inventur empfunden haben, zeigt dieses Video.

Fazit & Ausblick

Wer immer noch eine aufwendige Vollinventur durchführt, verschwendet nur Zeit, Geld und Ressourcen – und sorgt für unnötigen Stress bei den Mitarbeiter*innen. Die Stichprobeninventur hingegen stellt eine gesetzlich zulässige Alternative da. Sie kann den Inventuraufwand um bis zu 99 % senken und bietet gerade als Cloud-Anwendung viele weitere Vorteile. So kann die Stichprobeninventur beispielsweise im laufenden Betrieb durchgeführt werden und minimiert Kosten und Fehlerquoten. In Verbindung mit digitaler Erfassung, zum Beispiel mittels einer Zähl-App, kann die Umsetzung zusätzlich erleichtert und digitalisiert werden. Die Stichprobeninventur sorgt zudem für eine deutlich verbesserte Bestandsqualität und ermöglicht unterjährige Bestandskontrollen.
Stina Berghaus

Stina ist Content Marketing & PR Manager bei der REMIRA GmbH, einem der führenden europäischen Anbieter intelligenter Supply-Chain- und Commerce-Lösungen. In ihrer Position ist sie u.a. auch für die Erstellung verschiedener Contentformate zuständig, darunter Fach- und Blogartikel. Besonderer Fokus liegt dabei auf Search Engine Optimization (SEO) und Generative Engine Optimization (GEO). Die Textinhalte drehen sich meist um Supply Chain Management, (Stichproben-)Inventur und andere Logistikthemen, teilweise aber auch um Omnichannel Commerce und Einzelhandel.

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