Die SaaSocalypse-Korrektur: Was wirklich im SaaS-Markt passiert

SaaS-Aktien stehen unter Druck, doch der Software-Markt wächst weiter. Wir zeigen, wie KI-Agenten, Pricing-Druck und neue Kategorien den SaaS-Markt verändern

Inhalt
  1. SaaS-Markt 2026: Zwischen Korrektur und Wachstum
  2. Das SaaS Geschäftsmodell steht vor neuen Herausforderungen
  3. Brauchen Unternehmen klassische SaaS-Anbieter noch?
  4. Der B2B Software Markt wächst weiter
  5. Was im SaaS-Markt wirklich passiert
  6. SaaS ist nicht tot – der Markt verschiebt sich
  7. Was als Nächstes kommt
Wer in den letzten Monaten Wirtschaftsnachrichten gelesen hat, kennt das Narrativ: SaaS ist tot, AI ersetzt klassische Software, der Markt steht vor einer Zäsur. Die Schlagzeilen reichen von „Get Me Out: Traders Dump Software Stocks“ (Bloomberg) über „Anthropic’s Claude triggered a trillion-dollar selloff“ (Fortune) bis zu „SaaS Is Dead, Long Live SaaS“ (PitchBook). Wer dagegen auf die Marktdaten schaut, sieht etwas anderes. Der Software Markt 2026 wächst so stark wie nie. Beides ist wahr. Und genau darin liegt die eigentliche Geschichte.
Das Wichtigste in Kürze
  • Trotz sinkender Aktienkurse und Marktkorrekturen wächst der weltweite Software-Markt 2026 mit einem Rekordplus von fast 15 % auf 1,43 Billionen Dollar.
  • Das klassische "Seat-based Pricing" gerät unter Druck, da KI die Produktivität steigert und das Umsatzwachstum von der reinen Mitarbeiterzahl entkoppelt.
  • Entgegen dem Hype um Eigenbau-Lösungen modernisieren Unternehmen wie Klarna ihren Software-Stack eher durch spezialisierte, KI-native Drittanbieter als durch komplettes In-House-Development.
  • Der Trend verschiebt sich von Tools, die lediglich Workflows abbilden, hin zu KI-Agenten, die eigenständig Aufgaben übernehmen und Ergebnisse statt Funktionen liefern.
  • Etablierte SaaS-Giganten bleiben durch ihren Zugang zu Top-Talenten wettbewerbsfähig, müssen jedoch ihre Geschäftsmodelle an die neue Ära der automatisierten Arbeit anpassen.
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SaaS-Markt 2026: Zwischen Korrektur und Wachstum

Die Zahlen, die das Narrativ tragen, sind real. Der BVP Nasdaq Emerging Cloud Index (EMCLOUD), in dem die wichtigsten börsennotierten SaaS-Unternehmen abgebildet sind, hat in den vergangenen zwölf Monaten fast 20 % verloren. Einzelne Aktien sind deutlich stärker eingebrochen: Asana –63 %, Salesforce –37 %, Sprout Social –70 %. Während die großen Indizes im gleichen Zeitraum zwischen 20 % und 40 % zugelegt haben.
Für Anlegende sieht das nach einer Sektorkrise aus. Aber Aktienkurse sind Erwartungen an die Zukunft. Und die Erwartung lautet: Die Bewertungs-Multiples der SaaS-Branche, die jahrelang im zweistelligen Bereich lagen, normalisieren sich. Was als Krise erscheint, ist auch eine späte Korrektur einer historischen Überbewertung. SaaS-Unternehmen werden inzwischen bewertet wie Unternehmen anderer Branchen. Das ist neu. Aber es ist kein Hinweis darauf, dass die Branche schrumpft.
 
 

Das SaaS Geschäftsmodell steht vor neuen Herausforderungen

Beim Blick auf die etablierten SaaS-Player gibt es dennoch strukturelle Punkte, die Investor*innen nervös machen und die Branche tatsächlich vor neue Herausforderungen stellen. Der wohl wichtigste Punkt ist das klassische Seat-based Pricing. In diesem Modell wird Software pro Nutzer*in bezahlt. Das koppelt das Wachstum eines SaaS-Anbieters an das Headcount-Wachstum seiner Kundenunternehmen. Solange Unternehmen wachsen, indem sie mehr Menschen einstellen, wachsen auch ihre Software-Ausgaben.
Aber dieses Muster verschiebt sich. Unternehmen wachsen heute zunehmend, ohne proportional mehr Menschen einzustellen. AI ermöglicht es, bestehende Teams produktiver zu machen oder Aufgaben ganz zu automatisieren. Wer als SaaS-Anbieter nur auf Seat-based Pricing setzt, sieht sein klassisches Wachstumsmodell unter Druck. Das ist einer der wichtigsten SaaS Trends: Das SaaS Pricing verschiebt sich weg vom reinen Seat-Modell und hin zu neuen Preismodellen, die stärker an Nutzung, Output oder automatisierte Arbeit gekoppelt sind.

Brauchen Unternehmen klassische SaaS-Anbieter noch?

Dieser Druck auf das SaaS Geschäftsmodell ist die eine Seite der Investorensorge. Die andere ist die Frage, ob Unternehmen klassische SaaS-Anbieter zukünftig überhaupt noch brauchen. Wenn AI das Bauen von Software so stark vereinfacht, könnten Unternehmen ihre Tools doch einfach selbst entwickeln, oder?
Das lauteste Beispiel dafür ist Klarna. Im August 2024 verkündete CEO Sebastian Siemiatkowski, das Unternehmen werde Salesforce und Workday abschalten und durch eigene AI-Lösungen ersetzen. Inc. Magazine titelte: „Klarna Plans to Shut Down SaaS Providers and Replace Them With Internally Built AI“. Das Bild war eindeutig: Hier baut jemand klassische SaaS-Anbieter weg.
Über ein Jahr später sieht die Realität anders aus. Klarna hat Workday und immerhin den CRM-Teil von Salesforce tatsächlich ersetzt, aber nicht durch selbstgebaute AI. Stattdessen ist Workday größtenteils durch Deel ersetzt worden, eine modernere HR-Plattform. Die CRM-Funktionalität wurde auf mehrere kleinere Tools verteilt und durch einen Knowledge Graph auf Basis von Neo4j ergänzt. Siemiatkowski selbst sagte im Mai 2025, ihm sei „tremendously embarrassed“ gewesen, wie sehr die Salesforce-Geschichte hochgekocht war. Sein Resümee: „We did not replace SaaS with an LLM.“
Klarna hat also nicht alles selbst gebaut, sondern modernisiert. Und ist damit dem gefolgt, was OMR Reviews schon im letzten Jahr auf der großen Bühne beim OMR Festival beobachtet hat: Moderne, oft AI-native Challenger greifen etablierte Anbieter mit schlankeren, oft günstigeren Lösungen an. Das ist eine echte Verschiebung. Sie funktioniert über andere Produkte am Markt – und eben nicht über reinen Eigenbau.
 
 
Table 1. Worldwide IT Spending Forecast (Millions of U.S. Dollars)
Segment2025 Spending2025 Growth (%)2026 Spending2026 Growth (%)
Data Center Systems496,23148.9653,40331.7
Devices788,3359.1836,4176.1
Software1,249,50911.51,433,63314.7
IT Services1,717,5906.41,866,8568.7
Communications Services1,303,6513.81,365,1844.7
Overall IT5,555,31610.36,155,49310.8
Source: Gartner, February 2026

Der B2B Software Markt wächst weiter

Und das bringt uns zum wichtigsten Datenpunkt: Der B2B Software Markt wächst. Und zwar stärker als je zuvor. Laut Gartner geben Unternehmen 2026 weltweit 1,43 Billionen US-Dollar für Software aus. Das sind 14,7 % mehr als im Vorjahr und das höchste absolute Wachstum, das die Branche jemals gesehen hat. Das passt scheinbar nicht zur Aktienmarkt-Erzählung. Es passt aber sehr gut dazu, was tatsächlich passiert: Bestehende Software wird nicht weniger gekauft. Sie wird sogar mehr gekauft, auch von Unternehmen, die wie Klarna ihren Stack modernisieren.
Gleichzeitig entstehen neue Kategorien, in die Unternehmen investieren. AI-Assistenten, KI Agenten, vertikale Lösungen. Der SaaS Markt differenziert sich weiter. Die Frage ist also nicht, ob SaaS verschwindet. Die Frage ist, welche SaaS Trends den Markt neu sortieren.

Was im SaaS-Markt wirklich passiert

Das sehen wir auch bei OMR Reviews. AI-Assistenten und Agenten haben in den letzten zwölf Monaten die höchsten relativen Traffic-Zuwächse verzeichnet. Wo ein direkter Vorjahresvergleich möglich ist, sehen wir teilweise Zuwächse von über 100 %. Aufgrund der Neuheit dieser Kategorien ist der Vergleich nicht überall möglich, aber die Richtung ist eindeutig: Wer heute Software sucht, sucht zunehmend nach Lösungen, die Aufgaben übernehmen, nicht nur Workflows abbilden. Auch wenn die Anzahl der User hier in der Gesamtnutzung unserer jährlich Millionen Softwaresuchenden noch zu vernachlässigen ist, zeigt sich ein klarer Trend: KI Agenten und AI Agents werden zu einer neuen Kategorie im SaaS Markt.
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SaaS ist nicht tot – der Markt verschiebt sich

Was bleibt, wenn man die Headlines, die Aktienkurse und die DACH-Daten zusammen anschaut? Die SaaSocalypse, wie sie in den USA erzählt wird, ist eine Geschichte aus zwei Bewegungen, die gleichzeitig stattfinden. Auf der Investorenseite normalisieren sich Bewertungen, die jahrelang überzogen waren, und das Seat-Modell stößt strukturell an Grenzen. Das verändert SaaS Pricing und zwingt Anbieter, ihr SaaS Geschäftsmodell weiterzuentwickeln.
Auf der Marktseite wächst die Branche stärker als je zuvor, aber das Wachstum kommt aus neuen Bereichen. Das passiert in DACH langsamer als in den USA. Und es ist noch nicht abzusehen, wer in den neuen Bereichen langfristig gewinnt – und wie weit diese sich auf den bestehenden Markt ausweiten.
Wer hier in die Versuchung gerät, die klassischen SaaS-Anbieter abzuschreiben, übersieht zwei Dinge. Erstens: Die etablierten Player haben nach wie vor starke Teams und Top-Talente. Salesforce, SAP und andere haben jahrelang die besten Talente eingestellt und werden nicht plötzlich unfähig, auf eine neue Marktrealität zu reagieren. Zweitens: Die größte Bewegung passiert nicht zwischen alter und neuer Software, sondern dort, wo Software anfängt, Arbeit zu übernehmen, die bisher Menschen gemacht haben.

Was als Nächstes kommt

Beide Bewegungen schauen wir uns in den nächsten Wochen genauer an. Im zweiten Teil dieser State-of-SaaS-Reihe geht es darum, was passiert, wenn Chat-Interfaces selbst zu Applikationen werden. Wenn niemand mehr Tableau öffnet, sondern Claude. Wenn Salesforce mit Headless 360 sein eigenes Interface abschreibt. Und wenn ganze Tool-Kategorien nicht ersetzt, sondern übersprungen werden.
Im dritten Teil geht es um die größere Geschichte: Software ersetzt nicht mehr andere Software, sondern Arbeit. Vom Sales Assistant, der Daten anreichert, über Customer-Support-Agenten, die 90 % der Anfragen autonom lösen, bis hin zu Engineering-Tools, die ganze Entwicklungsteams ersetzen. Der Markt, der hier entsteht, ist ein Vielfaches größer als der klassische Software-Markt.
Wir haben jahrelang Software gekauft. Bald kaufen wir Ergebnisse.
Felix Rahlmeyer
Autor*In
Felix Rahlmeyer

Felix ist Mitarbeiter Nummer eins bei OMR Reviews. Seit 2020 beobachtet er den DACH-SaaS-Markt nicht von der Seitenlinie, sondern von innen – erst als Aufbauer und Leiter des Content-Bereichs, heute als VP Strategy mit Verantwortung für die Gesamtstrategie. Seine Kernfragen: Wie verschiebt sich der B2B-Software-Markt im KI-Zeitalter? Welche Moats halten noch stand? Was ist echter Wettbewerbsvorteil und was strategische Hoffnung? Fünf Jahre Marktdaten, Plattformpraxis und operative Realität bilden die Grundlage. Am OMR Festival beleuchtet er jährlich den State of SaaS.

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