Mit App-Entwickler und Gründer Frederik Riedel im Gespräch über Erfolge in der Softwarebranche

Marvin Erdner 15.7.2024

Diese Software verwendet der selbst ernannte Indie-Developer beim Programmieren von Apps und in seiner eigenen Firma

Als Frederik Riedel in unserem Interview anfängt, über seinen frühen Werdegang als Programmierer und später Entwickler mehrerer Apps und Firmengründer zu sprechen, steht hinter ihm seine Balkontür auf. Die Sonne erleuchtet den Hintergrund. Beiläufig erzählt er, dass er nur ein paar Tage später erneut auf eine Konferenz von Apple ins Silicon Valley eingeladen wurde. Danach geht’s für ihn in die Wüste – wenn man schon einmal in der Gegend der Mojave ist. 

Angesetzt war das Interview für eine halbe Stunde, allerdings hatte der selbst ernannte Indie-Developer dermaßen viel zu berichten, dass wir über eine Stunde mit dem 29-Jährigen gesprochen haben. Wir fragten den Bekannten von Laura Lewandowski, woher sein frühes Interesse an der IT kam, wie eine App gegen Social-Media-Konsum überhaupt erfolgreich sein kann und welche Software und Programme er in seiner alltäglichen Arbeit so nutzt. 

„Mir wurde von Apple nahegelegt, mich auf ein Praktikum zu bewerben“

Man hört ja immer wieder von Kindern und Jugendlichen, die bereits früh ihren Talenten und Leidenschaften freien Lauf lassen. Frederik scheint ebenso ein Frühzünder gewesen zu sein: Bereits mit 13 oder 14 – so genau weiß er das auch nicht – hat er erste Programmierversuche auf dem Schultaschenrechner und dem eigenen iPod Touch gestartet. Erst der Job als Zeitungsausträger brachte Geld, um sich ein MacBook zu kaufen. 

Die ersten programmierten Apps kamen dann ein, zwei Jahre später. Seine allererste App war ein Tutorial für Minecraft. Sie ist immer noch im App-Store zu finden. Und obwohl es damals laut Frederik noch schwieriger mit dem Coden war, war die App direkt erfolgreich.

Welchen Background hast du?

Frederik: „Nach dem Abitur studierte ich Softwaretechnik. Und von da an verstand ich theoretisch auch, was ich die ganze Zeit schon praktisch gemacht habe. Vorher waren mir die Strukturen eher egal. Ich habe einfach so lange probiert, bis die App gemacht hat, was ich wollte. Ein bisschen wie ein Cowboy.“ 

Für die Firmengründung wartete Frederik, bis er volljährig war. Das wäre sonst mit zu viel Bürokratie verbunden gewesen. In seinem Team arbeiten rund zwölf Personen, darunter Profis fürs Design, Programmieren und den eigenen Customer Support. Als Gründer lernte der noch junge Mann, mit mehreren im Team zusammenzuarbeiten und Aufgaben zu delegieren. Buchhaltung und administrative To-dos gebe er immer gerne an Externe ab. Seit der Gründung bringt das IT-Unternehmen Apps für iOS und Android heraus. Und das dermaßen erfolgreich, dass er regelmäßig Gast auf Konferenzen von Apple ist. 

Frederik: „Durch die Minecraft-App wurde Apple auf mich aufmerksam und riet mir, mich für ein Praktikum zu bewerben. Das absolvierte ich mit tollen Erfahrungen. Doch schnell stellte ich fest, dass ich in dem Tech-Konzern keine Nebenprojekte mehr machen kann und machte mich selbstständig, um immer noch möglichst viel coden zu können.“ 

Die erfolgreichste App von Frederiks Firma ist die one sec App, die er während der Coronapandemie auf den Markt brachte. Das Prinzip ist einfach wie wirksam: Wenn du eine Social-Media-Plattform öffnest, zwingt dich die App kurz innezuhalten und zu überlegen, ob du sie gerade wirklich aufmachen willst. 

 

Oft ist es nur ein Reflex aus Langeweile, Ablenkung oder Automatismus in der Bahn oder auf der Toilette. Das Gehirn verspricht sich die Ausschüttung von Dopamin, doch statt Glücksgefühl werden nahezu immer Stresshormone freigesetzt. In der Psychologie nenne man diese Verzögerung zur Belohnung, die sich die App zunutze macht, als Boosting bzw. Nudging, so Frederik. Dieses Phänomen werde mittlerweile auch von Einrichtungen wie dem Max-Planck-Institut in Berlin erforscht. Dieses fand in Kooperation mit der one sec App heraus, dass der Besuch auf sozialen Netzwerken um 57 % verringert werden könne. 

Kein Wunder, dass die App und nicht zuletzt Frederik nur positives Feedback erhalten. Immer weniger Leute sind wirklich überzeugte Social Media User und die App trage dazu bei, achtsamer und bewusster Medien zu konsumieren. Noch in diesem Jahr soll die App auf Schüler*innen und Studierende ausgeweitet werden, damit diese konzentrierter lernen können und sich weniger ablenken lassen. 

Wie wird man erfolgreich in der Softwarebranche?

Frederik: „Früher habe ich noch versucht, alle meine Ideen direkt umzusetzen. Inzwischen frage ich mich jedoch bei jeder neuen Idee: Gibt es Leute, die genau das im App-Store suchen könnten? Mit einem Business im Hintergrund sollten neue Apps natürlich auch erfolgreich sein.“

Die App Redpoint ist ein anschauliches Beispiel dafür. Sie ist die erste und einzige Anwendung für Boulder*innen für die Apple Watch. Und als Frederik feststellte, dass er seine sportlichen Ergebnisse nicht gut tracken konnte, programmierte er sie eben kurzerhand selbst. Mittlerweile ist sie ebenfalls erfolgreich in ihrer Nische.

Ein Geheimrezept auf Erfolg habe er nicht. Er brennt schlicht für das Thema. Auf die Frage, an welcher App er gerne mitgearbeitet hätte, antwortet er bescheiden, dass er zufrieden sei und gar nicht die Zeit habe, sich darüber Gedanken zu machen. Wenn er merkt, dass eine App gar nicht funktioniert, nimmt er sie zwar wieder offline, um keine App-Leiche zu haben. Aber es scheint, als habe er mehr Ideen, als er gerade umsetzen könne. Nur bei den Animationen bei der iPhone-App von Netflix, da hätte er gerne mal mitprogrammiert. Sie seien nämlich ausgesprochen smooth.

Frederik spricht dabei auch den sogenannten Survivorship Bias an. Hierbei wird wie in einem Überlebensszenario die eigene Erfolgschance verzerrt wahrgenommen, da wesentlich häufiger über das Gelingen als über Misserfolge gesprochen wird. Und darum haben wir durch all die Erfolgsgeschichten der Softwarebranche immer nur die positiven Storys im Hinterkopf.

„Nicht alle Apps brauchen unbedingt eine AI-Funktion“

Schon krass, dass eine App heutzutage auch ohne den Einsatz künstlicher Intelligenz auskommen kann. Der Need und der Effekt von one sec steht wohl einfach für sich. Für Frederik ist KI natürlich äußerst spannend. Allerdings befänden wir uns zurzeit in einer Hype-Bubble und für viele Technologien sei der Einsatz von AI nur als Magnet für Investoren zu verstehen, so Frederik.

Frederik: „Zum Glück bin ich nicht auf Investoren angewiesen und ich muss mich nicht fragen, ob meine Apps immer noch attraktiv wirken. Wir haben zwar überlegt, beispielsweise die one sec App mit einem Chatbot auszustatten – um die eigene Nutzung vor einer KI zu rechtfertigen. Eventuell kann AI unseren Nutzern dabei helfen, die App an ihre eigenen Anforderungen besser anzupassen.“ 

Welche Tools helfen dir in deinem Berufsalltag?

Frederik: „Generative KIs wie ChatGPT erleichtern das Coden immens. Früher musste ich mir noch mühselig die Programmierbefehle zusammensuchen und bei Problemen selbst auf Suche gehen. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Google-Suchergebnisse qualitativ schlechter geworden sind. Mittlerweile lasse ich die KI von OpenAI die Fehler im Code anzeigen.“ 

Als spezielle Programmiersoftware nennt der Gründer iTerm und sein präferiertes Tool Xcode. Hier hat er wohl die meisten seiner Apps geschrieben. Für alle Profis: Frederik codet übrigens in den Programmiersprachen Swift (von Apple und SwiftUI als Framework), Kotlin (Pendant von Google), Typescript (für Web-Apps) und PHP (fürs Backend). 

Innerhalb der Firma ist Slack das Kommunikationsmittel Nummer 1. Insgesamt benötigt das Unternehmen von Frederik Software, die einen kollaborativen Ansatz haben. So können alle Beteiligte an einer Sache gemeinsam arbeiten, sich Feedback geben und alles zentral an einem Ort wiederfinden: Auf GitHub liegt der Code ab, Figma nutzen sie als Designtool für UI/UX der Apps. Und beim Designen darf auch Pixelmator Pro nicht fehlen, das ähnlich wie Photoshop funktioniert. Außerdem verwendet das Team Procreate® sowie die iPad-App für weitere Illustrationen.

Structured ist eine Kombination aus Kalender und Reminder und ebenso wie Spotify bei Frederik dauerhaft in Nutzung. make.com hilft bei der Automatisierung von Prozessen und Arbeitsschritten, wobei Typeform ein empfehlenswerter und wichtiger Bestandteil innerhalb des Workflows darstellt. In unserem Experteninterview mit Dominic von Proeck wurde die Lösung ebenfalls genannt.

Das Baukasten-Tool Bootstrap Studio hilft Riedel und seinem Team bei der Gestaltung der eigenen Website. Schließlich sei Webdesign etwas ganz anderes als App-Design und daher musste ein intuitives und praktisches Tool her, erklärt er.

Obendrein nutzt der Chef-Developer die Standard-Apps bei Apple: Mail für den externen Verkehr sowie Pages und Keynote für die Erstellung von diversen Materialien. Notes sei seine absolute Lieblingsapp für Notizen. Hier schreibt er jedes Mal seine neuen Ideen auf. 

„Minecraft, Boulder-Tracking oder Social Media – es kommt auf den Mehrwert an!“ 

Es gäbe noch so viel zu berichten aus unserem Experteninterview mit Frederik Riedel: Von dem Unterschied zwischen Korrelation und Kausation über den Mehrwert, den wirklich jede App bieten sollte, oder über die fatalen Folgen von unkontrollierter Social-Media-Nutzung. 

Seine Philosophie ist klar: Wenn du früh weißt, worin du passioniert bist und wo deine Talente liegen, dann solltest du denen auch im frühen Alter nachgehen. Apps programmieren sich auch in Zeiten von KI weiterhin nicht von allein, und daher ist es umso schöner, dass Frederik und sein Team den App-Store mit immer mehr Ideen bereichern. 

Ob der junge Gründer privat eigentlich Indie hört, haben wir vergessen zu fragen. Aber eins ist sicher: Die Strategie Trial-and-Error hat wohl selten so gut gepasst wie bei seinem Werdegang. Das Interview endete, wie es begann: Mit Sonnenstrahlen im Hintergrund und einem bescheidenen Typen im eigenen Merch, der davon berichtet, bald in der Wüste zu sein. Schon ironisch, wenn man bedenkt, dass er höchstpersönlich der Entwickler des Eisbär-Emojis ist.

Riesige Wüstendüne mit schemenhafter Person

Vielen lieben Dank für das lehrreiche Interview, Frederik! 🐻‍❄️

Marvin Erdner
Autor*In
Marvin Erdner

Marvin ist Redakteur bei OMR Reviews. Nach seinem Studium in Englisch und Spanisch an der Uni Augsburg zog der gebürtige Hannoveraner nach Hamburg. Dort ist er im Fitnessstudio, im Kino oder in einem der Sushirestaurants anzutreffen. Neben der Leidenschaft für Sprachen interessiert er sich für digitales Marketing und praktische Onlinetools.

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