Inhalt
- Die Zukunft der Steuerberatung liegt in klaren Rollen statt in neuen Tools
- Warum KI-Buchhaltung gerade jetzt zum Thema wird
- Welche Aufgaben kann künstliche Intelligenz bereits übernehmen?
- Warum viele Kanzleien trotz KI nicht produktiver werden
- Die eigentliche Frage lautet: Wer macht künftig was?
- Warum jede Rolle eine andere KI benötigt
- Was Steuerberater*innen gewinnen, wenn die Datenpflege wegfällt
- Die meist unterschätzte Hürde: die Mandant*innen
- Welche Tools aktuell relevant sind
- Mein Fazit nach der Arbeit mit hunderten Kanzleien
Das Wichtigste in Kürze
- Die Zukunft der Steuerberatung entscheidet sich nicht über die Auswahl neuer Software-Tools, sondern über eine klare Organisation und Rollenverteilung innerhalb der Kanzlei.
- Durch die fortschreitende Automatisierung der Routineaufgaben verlagert sich der Wertbeitrag von der reinen Datenerfassung hin zur strategischen Beratung und Interpretation.
- Produktivitätsgewinne durch KI bleiben oft aus, weil Kanzleien technische Lösungen einführen, bevor sie ihre internen Prozesse und die digitale Zusammenarbeit mit den Mandant*innen optimiert haben.
- Erfolgreiche Kanzleien der Zukunft verabschieden sich vom klassischen Generalistenmodell und setzen stattdessen auf spezialisierte Rollen im Team („Ensemble-Kanzlei“).
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Die KI-Buchhaltung automatisiert immer mehr Tätigkeiten, die bislang von Fachkräften erledigt wurden. Dadurch verschiebt sich der Schwerpunkt steuerlicher Arbeit von der Datenerfassung hin zur Analyse, Beratung und Qualitätssicherung. Für Kanzleien geht es deshalb längst nicht mehr nur um neue Software, sondern um die Frage, wie Arbeit in Zukunft organisiert wird.
Warum KI-Buchhaltung gerade jetzt zum Thema wird
In Gesprächen mit Steuerkanzleien stelle ich derzeit häufig dieselbe Frage: Welche Aufgaben erledigt Ihr Team in fünf Jahren noch selbst? Die Antwort fällt vielen schwer. Gleichzeitig wird genau diese Frage durch die KI-Buchhaltung immer wichtiger. Denn künstliche Intelligenz übernimmt bereits heute zahlreiche Tätigkeiten, die lange als Kernbestandteil der steuerlichen Arbeit galten.
In meiner Arbeit als Steuerberater, Kanzleiinhaber und Berater für Steuerkanzleien beobachte ich seit einigen Jahren, wie künstliche Intelligenz immer stärker in Bereiche vordringt, die lange als klassische Aufgaben von Fachkräften gelten. Belege werden automatisch erkannt, Buchungsvorschläge erstellt und große Datenmengen innerhalb kürzester Zeit ausgewertet.
Gleichzeitig nehme ich wahr, dass viele Diskussionen noch immer an der Oberfläche bleiben. Oft geht es um einzelne Tools oder die Frage, ob ChatGPT für die Buchhaltung geeignet ist. Aus meiner Sicht greift das zu kurz. Die eigentliche Veränderung findet nicht auf Softwareebene statt, sondern in der Organisation der Kanzlei.
Denn je mehr Routineaufgaben automatisiert werden, desto wichtiger wird die Frage, welche Tätigkeiten künftig überhaupt noch von Menschen übernommen werden sollen. Genau hier entscheidet sich, welche Kanzleien von der Entwicklung profitieren und welche zunehmend unter Druck geraten.
Welche Aufgaben kann künstliche Intelligenz bereits übernehmen?
Wenn von künstlicher Intelligenz in der Buchhaltung gesprochen wird, denken viele zunächst an automatische Belegerkennung. Tatsächlich reichen die Möglichkeiten heute deutlich weiter: Moderne Systeme können Rechnungen auslesen, Informationen kategorisieren, Buchungsvorschläge erstellen und Auffälligkeiten erkennen. Auch die automatische Rechnungsverarbeitung entwickelt sich rasant weiter. Darüber hinaus unterstützen viele Anwendungen bereits bei Kontenabstimmungen, Auswertungen oder vorbereitenden Tätigkeiten im Jahresabschluss.
Besonders die KI-Finanzbuchhaltung hat in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht. Während klassische Buchhaltungssoftware feste Regeln verarbeitet, können moderne Systeme Zusammenhänge erkennen und daraus Empfehlungen ableiten.
Auch angrenzende Bereiche verändern sich. Erste Lösungen unterstützen bei der KI-Steuererklärung, bei der Analyse von Unternehmenszahlen oder bei der Aufbereitung komplexer Sachverhalte für Mandant*innen. Dadurch verschiebt sich der Schwerpunkt der Arbeit zunehmend von der Datenerfassung hin zur Bewertung und Einordnung von Informationen.
Warum viele Kanzleien trotz KI nicht produktiver werden
Trotz der technologischen Fortschritte erlebe ich immer wieder Kanzleien, die kaum von ihren Investitionen profitieren. Auf den ersten Blick wirkt das widersprüchlich. Schließlich stehen heute mehr digitale Werkzeuge zur Verfügung als jemals zuvor.
Der Grund liegt jedoch meist nicht in der Technologie selbst.
Viele Kanzleien starten bei der Suche nach einer Lösung, bevor sie das eigentliche Problem definiert haben. Sie beschäftigen sich mit neuen Anwendungen, ohne zuvor zu analysieren, welche Prozesse bereits funktionieren, wo Engpässe bestehen und welche Aufgaben überhaupt automatisiert werden sollen.
Dadurch entstehen häufig zusätzliche Systeme, die parallel betrieben werden und neue Komplexität schaffen. Die Folge: Mitarbeitende arbeiten mit immer mehr Anwendungen, während die erhoffte Entlastung ausbleibt.
In meiner Beratungspraxis zeigt sich deshalb immer wieder derselbe Zusammenhang: Produktivität entsteht nicht durch die Anzahl der eingesetzten Programme, sondern durch deren gezielten Einsatz innerhalb einer klaren Struktur.
Gleichzeitig beobachte ich, dass viele Kanzleien künstliche Intelligenz noch immer mit
OpenAI ChatGPT gleichsetzen. Wer jedoch nur auf allgemeine Anwendungen blickt,
übersieht die Entwicklung spezialisierter Systeme für Buchhaltung, Rechnungswesen oder steuerliche Analysen. Dadurch entsteht häufig der Eindruck, die Technologie könne noch nicht viel leisten, obwohl die Praxis längst weiter ist.
Aus meiner Sicht haben die meisten Kanzleien kein KI-Problem. Sie haben ein Organisationsproblem. Wer nicht weiß, welche Aufgaben künftig von Menschen übernommen werden sollen, kann auch nicht entscheiden, welche Aufgaben eine KI übernehmen sollte.
Die eigentliche Frage lautet: Wer macht künftig was?
Aus meiner Sicht wird die entscheidende Diskussion der kommenden Jahre nicht um Software geführt werden, sondern um Rollen.
Viele Steuerkanzleien arbeiten bis heute nach einem Generalistenmodell. Einzelne Mitarbeitende übernehmen unterschiedlichste Aufgaben – von der laufenden Buchführung über Rückfragen bis hin zu vorbereitenden Tätigkeiten im Jahresabschluss. Dieses Modell funktioniert jedoch immer schlechter, je stärker sich Routineaufgaben automatisieren lassen.
Wenn eine KI-Buchhaltungssoftware Belege verarbeitet, Geschäftsvorfälle vorbereitet und Auffälligkeiten erkennt, verändert sich automatisch die Aufgabe der Person, die bisher genau diese Tätigkeiten ausgeführt hat. Die Frage lautet dann nicht mehr: Wie erfasse ich Daten? Sondern: Wie kontrolliere, interpretiere und nutze ich diese Daten sinnvoll? Genau deshalb wird die Rollenverteilung innerhalb von Kanzleien immer wichtiger.
Aus meiner Sicht führt die Entwicklung dazu, dass sich Kanzleien vom Generalistenmodell verabschieden müssen. Ich beschreibe dieses Zielbild gerne als Ensemble-Kanzlei. Ähnlich wie in einem Orchester übernimmt nicht jede Person dieselbe Aufgabe. Stattdessen arbeiten spezialisierte Rollen zusammen und werden durch passende Werkzeuge unterstützt.
Warum jede Rolle eine andere KI benötigt
Eine Beobachtung aus meiner Arbeit überrascht viele Kanzleiinhaber*innen: Die Suche nach der einen perfekten KI-Lösung führt meist nicht zum Ziel. Der Grund ist einfach. Unterschiedliche Aufgaben erfordern unterschiedliche Werkzeuge.
Eine Fachkraft in der laufenden Buchführung hat andere Anforderungen als jemand, der sich mit steuerlicher Gestaltungsberatung beschäftigt. Gleiches gilt für Mitarbeitende in der Mandantenbetreuung oder in der Qualitätssicherung.
Genau deshalb halte ich das Konzept der Ensemble-Kanzlei für hilfreich. Sind Rollen klar definiert, lässt sich wesentlich einfacher entscheiden, welche Aufgaben von Menschen übernommen werden und an welchen Stellen künstliche Intelligenz unterstützen kann.
Übertragen auf die Steuerberatung bedeutet das: Nicht jede Person muss alles können. Viel wichtiger ist, dass jede Rolle genau weiß, welche Aufgaben sie übernimmt und welche Werkzeuge sie dabei unterstützen. Erst wenn diese Klarheit besteht, lässt sich sinnvoll entscheiden, welche Form von Steuerberatungs-KI oder welcher Automatisierungsgrad tatsächlich Mehrwert schafft.
Was Steuerberater*innen gewinnen, wenn die Datenpflege wegfällt
Viele Diskussionen über künstliche Intelligenz konzentrieren sich auf mögliche Risiken. Aus meiner Sicht wird dabei häufig übersehen, welches Potenzial darin steckt. Wenn automatisierte Buchhaltung und KI-Buchführung Routinearbeiten übernehmen, entsteht Zeit. Die entscheidende Frage lautet dann, wie diese Zeit genutzt wird.
Mandant*innen verbinden heute deutlich mehr als korrekt verbuchte Belege und fristgerecht eingereichte Steuererklärungen. Sie suchen Orientierung bei Investitionen, Unternehmensentwicklungen, Finanzierungen oder steuerlichen Gestaltungen.
Genau hier liegt die Chance für den Berufsstand. Ich bin überzeugt, dass Steuerberater*innen künftig weniger als Datenverarbeiterinnen und stärker als strategische Partner*innen wahrgenommen werden. Die eigentliche Wertschöpfung entsteht nicht beim Erfassen von Informationen, sondern bei deren Interpretation. Während Software Daten analysiert, helfen Menschen dabei, daraus Entscheidungen abzuleiten.
In einer Kanzlei, die wir im Rahmen eines Transformationsprojekts begleitet haben, wurde die laufende Buchführung konsequent von der fachlichen Kontrolle getrennt. Während digitale Systeme die Vorbereitung der Buchungen übernahmen, konzentrierte sich das Team auf Qualitätssicherung und Mandantenkommunikation. Dadurch verschob sich der Schwerpunkt der Arbeit deutlich. Statt Daten zu erfassen, wurden Ergebnisse interpretiert und Handlungsempfehlungen abgeleitet.
Die meist unterschätzte Hürde: die Mandant*innen
In vielen Diskussionen über das KI-Rechnungswesen wird ein Faktor übersehen: die Zusammenarbeit mit Mandant*innen.
Selbst die leistungsfähigste Technologie kann nur mit den Informationen arbeiten, die ihr zur Verfügung gestellt werden. Fehlende Belege, verspätete Unterlagen oder unvollständige Angaben bleiben deshalb auch in einer digitalisierten Welt ein Problem.
Ich beobachte sogar, dass dieser Aspekt mit zunehmender Automatisierung wichtiger wird. Denn je effizienter interne Prozesse funktionieren, desto stärker fallen Störungen auf, die außerhalb der Kanzlei entstehen.
Deshalb wird die Qualität des Mandantenstamms künftig noch stärker über die Produktivität einer Kanzlei entscheiden. Unternehmen, die digitale Prozesse unterstützen und Unterlagen zuverlässig bereitstellen, ermöglichen eine deutlich effizientere Zusammenarbeit als Mandant*innen, die dauerhaft zusätzlichen Verwaltungsaufwand verursachen.
Der Markt für KI-Buchhaltung wächst derzeit rasant. Eine bekannte Lösung ist beispielsweise das Tool Tabula. Gleichzeitig integrieren immer mehr Anbieter Funktionen für automatisierte Buchhaltung, KI-Finanzbuchhaltung und intelligente Datenanalysen in ihre Systeme.
Auch allgemeine KI-Anwendungen finden zunehmend ihren Platz im Kanzleialltag. Dennoch rate ich dazu, die Tool-Auswahl nicht zum Ausgangspunkt der Digitalisierung zu machen. Die bessere Reihenfolge lautet aus meiner Sicht: Zuerst die Aufgaben definieren, dann die Rollen festlegen und erst anschließend die passende Technologie auswählen. Auf diese Weise wird Software zu einem Werkzeug, das bestehende Stärken unterstützt, statt neue Probleme zu schaffen.
Weitere hilfreiche Tools
Mein Fazit nach der Arbeit mit hunderten Kanzleien
Wenn ich auf die Entwicklung der vergangenen Jahre blicke, fällt mir vor allem eines auf: Die Diskussion über künstliche Intelligenz wird häufig zu technisch geführt.
Natürlich verändern neue Anwendungen die Arbeitsweise von Kanzleien. Doch die eigentliche Herausforderung besteht nicht darin, eine weitere Software einzuführen. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, die eigene Organisation auf eine Welt vorzubereiten, in der Datenerfassung immer weniger Zeit beansprucht.
Die erfolgreichsten Kanzleien werden deshalb nicht diejenigen sein, die möglichst viele KI-Tools einsetzen. Erfolgreich werden jene sein, die klar definieren, welche Aufgaben Menschen übernehmen sollen und welche Aufgaben Technologie besser erledigen kann.
Genau darin liegt für mich die Zukunft der Steuerberatung: nicht als Verwalter von Zahlen, sondern als Partner für unternehmerische Entscheidungen.
Die wichtigste Frage lautet deshalb nicht, welche KI Kanzleien einsetzen werden. Die wichtigsten Frage lautet, welche Aufgaben künftig noch Menschen übernehmen sollen. Wer darauf eine klare Antwort findet, wird künstliche Intelligenz als Chance nutzen können. Wer dagegen nur neue Software einführt, ohne die eigene Organisation weiterzuentwickeln, wird trotz moderner Technologie kaum produktiver werden. Die Zukunft gehört deshalb nicht den Kanzleien mit den meisten Tools, sondern den Kanzleien mit der klarsten Aufgabenverteilung.
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