Auch fĂŒr LinkedIn gibt es nun âEngagement Podsâ: âLikest Du meinen Post, like ich Deinenâ
Roland Eisenbrand7.11.2019
Wiederholen sich auf LinkedIn alle von Instagram bekannten Tricksereien?
Inhalt
- âWer nicht liket, fliegtâ
- Seichte SinnsprĂŒche aus der Business-Welt
- Manche Engagement Pods haben bis zu vierstellige Mitgliederzahlen
- âLass uns automatisiert fĂŒr Dich likenâ
- Ex-Uber-Mitarbeiter dienen als Testimonials
- Mit Viral-Videos wachsen, die schon auf anderen Plattformen funktioniert haben
- LinkedIn-Bots sind nur eine Google-Suche entfernt
- Bis zu 50.000 Follower auf einen Schlag
âReichweite und Engagement, ganz egal wie, und sei es mit dem Holzhammerâ â nach dieser Devise scheinen offenbar einige Mitglieder der Business-Plattform LinkedIn vorzugehen. Sie vernetzen sich in so genannten Engagement Pods, um gegenseitig Posts zu liken und zu kommentieren, in der Hoffnung, auf diese Weise eine höhere organische Reichweite zu generieren. Bisher war die Methode vor allem von Instagram bekannt. Nun schwappt sie offenbar zu LinkedIn hinĂŒber. OMR hat sich fĂŒr Euch in die Vorhölle der aufstrebenden LinkedIn-Influencer begeben und gewĂ€hrt Euch exklusive Einblicke hinter die Kulissen.
âWĂ€re sehr dankbar fĂŒr Euren Support, Leuteâ, schreibt AJ M**** (Name anonymisiert), und verlinkt darunter seinen neuesten Post auf dem Business-Netzwerk LinkedIn. Der Inhalt: eine mehr oder eher minder tiefschĂŒrfende Anekdote darĂŒber, dass ein LinkedIn-Profil die Person dahinter nie wirklich komplett abbildet. Laut seinem eigenen LinkedIn-Profil ist M**** MitgrĂŒnder und Marketingchef einer Digitalagentur in Kuala Lumpur, auĂerdem angeblich zweimaliger TED-Speaker und âBest LinkedIn Influencerâ.
âWer nicht liket, fliegtâ
Seine Bitte um UnterstĂŒtzung schickte der junge malayische GeschĂ€ftsmann in eine Telegram-Gruppe, der 125 Mitglieder angehören, alle offenbar LinkedIn-Nutzer. Ihr Ziel: Gegenseitig das Engagement auf die eigenen LinkedIn-Posts steigern. M****âs Post sammelt innerhalb von anderthalb Tagen 301 Likes und 158 Kommentare an. Mehr also, als die Telegram-Gruppe Mitglieder hat. Möglicherweise hat er ihn auch an anderer Stelle gepostet.
In der Telegram-Gruppe werden Neuankömmlinge in einem fixierten Post mit den Gruppenregeln bekannt gemacht. Wohl die wichtigste darunter: Alle Mitglieder sollen innerhalb von 24 Stunden auf die geposteten Links zu LinkedIn-Posts klicken und diese liken oder anders mit ihnen interagieren. Wer nur selbst Links postet, aber nicht liket, wird angeblich aus der Gruppe entfernt.
Die Gruppenregeln der Telegram-Gruppe, in der sich die Mitglieder gegenseitig Likes und Kommentare auf LinkedIn zuschustern (bearbeiteter Screenshot)
Seichte SinnsprĂŒche aus der Business-Welt
Gruppen wie diese, Engagement Pods oder Like-Gruppen genannt, sind kein ganz neues PhĂ€nomen. Erstmals machten diese vor etwa zwei Jahren vor allen Dingen im Zusammenhang mit Instagram von sich reden, nachdem die Betreiber der Plattform auf einen algorithmisch gefilterten Feed umgestellt hatten. (âInstagram Pods: So tricksen Influencer den Algorithmus aus und erhöhen ihre Reichweiteâ). Einen solchen gibt es auch auf LinkedIn, und nun adaptieren bauernschlaue Nutzer Engagement Pods fĂŒr die Business-Plattform. Die Idee dahinter bleibt dieselbe: Durch das ertrickste initiale Engagement misst der Algorithmus der Plattform dem Post eine höhere Relevanz bei und beschert ihm eine höhere organische Reichweite im LinkedIn Marketing.
Die Mitglieder der Telegram-Gruppe, der ich mich angeschlossen habe, sind bunt durchmischt: Unter ihnen befinden sich zwei âExecutive Coachesâ aus den USA, ein âSocial Media Marketer & Snail Farming Consultantâ aus Nigeria, ein IT-Entwickler und âBlockchain Enthusiastâ aus Indien und ein Hamburger Designer und Digitalberater, der auf LinkedIn merkwĂŒrdige Spotify-Playlists promotet. Betreiber der Telegram-Gruppe ist ein Norweger, der ĂŒber einen Online-Shopping Uhren verkauft, vermutlich per Dropshipping aus China. Die in der Gruppe promoteten Posts: HĂ€ufig seichte SinnsprĂŒche, Anekdoten oder Motivationsvideos aus der Business-Welt.
Manche Engagement Pods haben bis zu vierstellige Mitgliederzahlen
LinkedIn Engagement Pods finden sich nicht nur auf Telegram. Auch auf LinkedIn selbst lassen sich durch ein wenig Herumspielen mit Suchbegriffen relativ schnell entsprechende Gruppen finden. Viele von ihnen haben nur Mitglieder im einstelligen Bereich; manche von ihnen im niedrigen dreistelligen Bereich. Auf Facebook gibt es gar LinkedIn-Gruppen mit vierstelliger Mitgliederzahl.
Ein Einblick in eine Engagement-Pod-Gruppe fĂŒr LinkedIn, auf LinkedIn, mit fast 200 Mitgliedern (bearbeiteter Screenshot)
Die Gruppe âLinkedIn Growth Hackersâ, mit aktuell rund 1.700 Mitgliedern wohl einer der gröĂten auf Facebook zum Thema LinkedIn, wird von Ilya Azovtsev betrieben, einem ukrainischen Entwickler und laut seinem LinkedIn-Profil âHead of Growthâ des offenbar in Paris ansĂ€ssigen Unternehmens Lempod, das erst seit August dieses Jahres existiert. Lempod will laut Website den Kunden helfen, ihr LinkedIn-Engagement zu steigern â die Facebook-Gruppe dient wohl mit als Marketing-Tool, um das Angebot zu bewerben.
âLass uns automatisiert fĂŒr Dich likenâ
Bei einem genaueren Blick zeigt sich: Die Macher von Lempod haben eine besonders findige Idee fĂŒr LinkedIn Engagement Pods entwickelt. Denn die Kunden des Unternehmens können sich einfach mittels einer Browser-Erweiterung Engagement-Gruppen anschlieĂen. Wer mutig genug ist, sich in der Erweiterung mit seinem LinkedIn-Konto anzumelden (und damit die Lempod-Betreiber im eigenen LinkedIn-Account schalten und walten zu lassen) â der liket fortan die Posts der anderen Gruppen-Mitglieder mittels Software automatisiert. Und bekommt natĂŒrlich selbst automatisiert Likes auf die eigenen Posts.
So sieht die Nutzung von Lempod in der Praxis aus: Die Nutzer können Pods fĂŒr ihre Interessensgebiete und aus ihrer NĂ€he suchen (Quelle: Lempod.com)
Anders als die Engagement Pods auf Telegram, Facebook und LinkedIn selbst ist Lempod jedoch nicht kostenlos. Die Eintrittsbarriere liegt fĂŒr Einzelnutzer bei fĂŒnf US-Dollar im Monat (fĂŒr die Mitgliedschaft in einem Pod), fĂŒr Unternehmen bei 50 US-Dollar. Laut dem Lempod-Profil im Google-Chrome-Store ist die Erweiterung bislang fast 5.000 Mal installiert worden. Wie viele Nutzer davon bezahlt haben, ist von auĂen nicht nachvollziehbar.
Ex-Uber-Mitarbeiter dienen als Testimonials
Auf der Lempod-Website zitieren die Unternehmensmacher mehrere Kundenstimmen, u.a. von Vaibhav Sisinty, laut seinem LinkedIn-Profil ehemaliger Marketing Manager beim Taxi-Dienst Uber, der jetzt in Mumbai als freier âGrowth Consultantâ tĂ€tig ist. Die Ergebnisse mit Lempod seien fantastisch, so Sisinty. Er habe mit dem Tool das Engagement auf seine Linkedin-Posts vervier- bis versechsfachen können. Auf LinkedIn erklĂ€rt Sisinty in einem Artikel aus dem Juni, wie er innerhalb von sechs Monaten acht Millionen Views auf LinkedIn generiert hat. Engagement Pods erwĂ€hnt der Berater an dieser Stelle mit keinem Wort.
Angesichts der immer stetig steigenden Mitgliederzahl und Reichweite von LinkedIn ist es nicht weiter erstaunlich, dass die Plattform bei einigen Nutzern Begehrlichkeiten weckt. Aktuell beziffert das mittlerweile zu Microsoft gehörende Unternehmen die Zahl seiner Mitglieder mit 645 Millionen. Das Statistik-Tool SimilarWeb schÀtzt die Reichweite der Plattform auf rund 220 Millionen Unique User und 910 Millionen Visits im Monat.
Mit Viral-Videos wachsen, die schon auf anderen Plattformen funktioniert haben
Wenig verwunderlich, dass die Plattform mit ihrer Reichweite zuletzt namhafte Manager aus der Wirtschaft (u.a. die UnternehmensfĂŒhrer von Daimler, Vodafone und SAP) als Content-Lieferanten fĂŒr sich gewinnen konnte. Gleichzeitig versuchen bisher eher unbekannte LinkedIn-Nutzer von den viralen Mechanismen der Plattform zu profitieren, sich ĂŒber diese einen Namen zu machen und eine Eigenreichweite und ein GeschĂ€ftsmodell aufzubauen (âVom CEO zum âBusiness Influencerâ: Das sind die LinkedIn-Nutzer mit den meisten Followernâ).
Ein Hebel war dabei bislang die Nutzung von Viral-Videos, die schon auf anderen Plattformen gut funktioniert haben (âLinkedIn dreht die Video-Reichweite auf und seltsame âBusiness Influencerâ nutzen das ausâ). Scheinbar versuchen die aufstrebenden Business Influencer nun auch Reichweiten-Tricks, die auf anderen Plattformen gut funktioniert haben, auf LinkedIn zu ĂŒbertragen (âDas sind die Tricks der Instagram Influencer: Powerlikes, Engagement Pods, Shoutouts & Co.â).
LinkedIn-Bots sind nur eine Google-Suche entfernt
Eine auf Instagram zumindest eine Zeit lang viel genutzte Methode (bis die Plattformbetreiber angefangen haben, relativ rigoros dagegen vorzugehen) sind Bots, mit denen Instagrammer anderen Accounts massenhaft folgen und entfolgen oder die Inhalte andere kommentieren konnten (âNice Post!â). Wer ĂŒber Google nach entsprechenden Dependants fĂŒr LinkdIn sucht, wird schnell fĂŒndig.
Mit dem âLinkedhelperâ können die Nutzer beispielsweise aumatisiert Kontakte des zweiten und dritten Grades (also Bekannte ihrer eigenen Kontakte und deren Bekannte) einladen, automatisiert Nachrichten an ihre Kontakte oder an LinkedIn-Gruppe versenden und andere Profile besuchen (in der Hoffnung, dass diese sich revanchieren). Das Tool âSocinatorâ erlaubt es nach eigener Darstellung, auf LinkedIn automatisiert Likes und Comments zu setzen.
Bis zu 50.000 Follower auf einen Schlag
Zuguterletzt ist es offenbar auch kein Problem, âFollowerâ auf LinkedIn zu kaufen. Eine kurze Google-Recherche zeigt: Die Angebote starten bei gut fĂŒnf US-Dollar fĂŒr 50 Follower und reichen bis zu 2.200 US-Dollar fĂŒr 50.000 Follower aus den USA.  Seriöse Social-Media-Experten raten von solchen Methoden aber unabhĂ€ngig von der jeweiligen Plattform explizit ab.
Bei LinkedIn dĂŒrfte es potenziellen Follower-KĂ€ufern wohl eher um einen Image-Gewinn als um vermarktbare Reichweite gehen. Berater oder Unternehmen können mit einer (gefakten) hohen Reichweite gegenĂŒber potenziellen Kunde Relevanz signalisieren. Wenn die Kunden aber erkennen, dass die Reichweite nur vorgetĂ€uscht ist, kann sich der Effekt schnell ins Negative verkehren, wenn die Kunden einen genaueren Blick auf die Reichweite werfen, und erkennen, dass diese nur vorgetĂ€uscht ist. Und zuguterletzt bleibt immer die Gefahr der Account-Sperrung durch die Betreiber der Plattform.
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