Linkedin dreht die Video-Reichweite auf und seltsame „Business Influencer“ nutzen das aus

Das Business-Netzwerk verschenkt gerade massiv Reichweite

Sechs- oder siebenstellige Abrufzahlen pro Video, und das nicht auf Youtube oder Facebook, sondern auf der Business-Plattform Linkedin: Seit einigen Monaten dreht das Netzwerk die Reichweite für Videos in den Newsfeeds der Nutzer enorm auf. Eine neue Art von „Business Influencern“ nutzt diese Entwicklung aus: Sie laden einfach Videos, die schon auf anderen Plattformen viral erfolgreich waren, bei Linkedin hoch. OMR zeigt Beispiele und erklärt die Hintergründe.

Kennt Ihr Phillip Nunn? Der Brite scheint auf jeden Fall eine schillernde Persönlichkeit zu sein: Auf seinem Linkedin-Profil bezeichnet er sich als „Entrepreneur, CEO, ICO Advisor, Cryptocurrency Advisor & Public Speaker“. Vermutlich sagt der Namen den wenigsten von Euch etwas. Aber falls Ihr bei Linkedin angemeldet seid und die Plattform mehr oder minder regelmäßig nutzt, ist zumindest die Wahrscheinlichkeit hoch, dass dort in den vergangenen Monaten Postings von Phillip Nunn in Euern Feed gespült wurden – weil einer Eurer Kontakte dieses gelikt oder kommentiert hat.

Das ist alles nur geklaut

In der Regel sind das Videos, über die Karriere von Elon Musk beispielsweise, oder eines, das den Zuschauern einen Einblick in ein New Yorker Penthouse im Wert von 65 Millionen US-Dollar gewährt. Die Kurzclips sind geklaut. Sie stammen von US-Publishern wie Mashable oder Nerdiest, oder sind zuvor bereits auf anderen Plattformen wie Reddit viral gegangen. Mit seiner beruflichen Tätigkeit haben die Videos wenig bis gar nichts zu tun. Nunn postet sie ohne Quellenangabe und massenhaft, teilweise im Abstand von nur zwei bis drei Minuten.

In der Desktop-Version von Linkedin wird angezeigt, wie häufig ein Video abgerufen worden ist

Der Brite erzielt mit diesem Vorgehen teilweise massive Reichweiten. Nicht selten verzeichnen seine Videos fünf- bis sechsstellige Abrufzahlen (laut Marketingland zählt Linkedin einen View nach drei Sekunden). Der von Nerdiest geklaute Clip über Elon Musk ist sogar schon mehr als eine Million Mal abgerufen worden. Auf diese Weise generiert er günstig Aufmerksamkeit für zwei Unternehmen im Finanz- und Investment-Bereich, die er laut seinem Linkedin-Profil führt.

Vom Werbespot bis zum Viralvideo – Hauptsache Reichweite

Phillip Nunn ist nicht der einzige, der aktuell die kostenlosen Video-Reichweiten von Linkedin ausnutzt– wenn auch nicht jeder ähnlich systematisch und kalkuliert wie er vorzugehen scheint. Amer Kayyal, ein in Saudi-Arabien tätiger „Project Manager“, hat mit einem vom Viral-Publisher „Newsner“ geklauten Video über die barmherzige Aktion einer Airline, gegenüber eine Mutter, deren Sohn im Koma liegt, ebenfalls über eine Million Views angesammelt. Steve Zammit Briffa (“Lawyer & Entrepreneur”) hat mit einem Clip, das Jack Ma im Jahr 1999 bei einer Rede vor 17 Angestellten zeigt, 258.000 Views angesammelt. Anthony J James, ein Berater aus Australien, verbucht mit einem Kia-Werbespot 222.000 Views. Ein junger Brite hat einen neuen Nike-Werbespot bei Linkedin hochgeladen – 199.000 Views. Der Betreiber einer Smart-Home- und Sicherheits-Firma hat – immerhin passend zu seinem Gewerbe – ein von einer augenscheinlich chinesischen Überwachungskamera aufgenommes Viralvideo bei Linkedin hochgeladen, das zeigt, wie zwei Einbrecher bei ihrem Vorhaben scheitern: 127.000 Views.

Joaquim Alvarez („Senior Innovation & Digital Manager / Keynote Speaker“) verbucht mit einer Datenvisualisierung der täglichen Aktivitäten von US-Amerikanern (immerhin mit Quellen-Angabe) 107.000 Views. Auch ein bekannter deutscher „Business Influencer“ mischt schon mit: Sascha Pallenberg, früher als Blogger und Gründer von „Mobile Geeks“ bekannt, heute in den Diensten von Daimler stehend, hat mit einem Video der Robotics-Company Boston Dynamics (mit Quellen-Angabe versehen) innerhalb von drei Tagen 36.000 Views eingesammelt.

Nutzer komm bald wieder, komm bald wieder zurüüück

Was ist der Hintergrund dieses Phänomens? Viele Jahre lang dürften die Linkedin-Nutzer die Website nur unregelmäßig aufgesucht haben – wenn sie eine neue Kontaktanfrage erhalten haben oder auf Job-Suche waren beispielsweise. Damit die Nutzer häufiger wiederkehren, versucht Linkedin schon seit Längerem, sich auch als Content-Plattform zu etablieren – und beispielsweise Publisher davon zu überzeugen, auch Content bei Linkedin anzuteasern oder sogar komplett zu hosten. Schlagendes Argument: 500 Millionen Monthly Active User (eigene Angabe von Linkedin aus dem vergangenen April). In den USA soll Linkedin für viele Publisher schon ein äußerst relevanter Traffic-Kanal sein („So ist Linkedin in den USA zum dritten Traffic-Kanal für Publisher aufgestiegen“).

In den vergangenen 24 Monaten hat Linkedin teilweise auch Posts, die von persönlichen Profilen abgesetzt wurden, enorme organische („virale“) Reichweite spendiert. Eine Zeit lang tauchten so immer wieder mathematische Rätsel oder Abstimmungen über verschiedene Design-Vorschläge (etwa Firmenlogos oder drei Buch-Cover-Varianten) in den Newsfeeds der Nutzer auf.

Zielgruppe: „Bored at work“

Im August 2017 hat Linkedin das Hochladen von Videos eingeführt – der neueste Schritt im Rahmen der Content-Offensive des Netzwerks. Weil es in der aktuellen „Landgrab“-Phase offenkundig sehr einfach ist, mit nativen Videos auf Linkedin Reichweite aufzubauen, versuchen seriöse und weniger seriöse Business Influencer, mit dieser Methode sich ihren Teil davon zu sichern. Indem sie auf Kommentare reagieren, diese noch einmal selbst kommentieren oder liken, generieren sie Engagement. Für Linkedin ist dies offenbar ein Signal dafür, den „Video Business Influencern“ weitere organische Reichweite zuzuschustern.

Dass Linkedin später einmal mit Videos Geld verdienen will – etwa durch Werbemonetarisierung – ist sehr gut denkbar. Aktuell liegt der Fokus der Plattform scheinbar aber noch auf dem Aufbau von Reichweite, dem Ansammeln von Content und darauf, die Aufenthaltsdauer der Nutzer hochzuschrauben. Dass sich auf der Zielgruppe „Bored at work“ (Gelangweilt bei der Arbeit), wie Linkedin sie auch im Auge haben dürfte, sogar der Grundstock für ein gesamtes Medienunternehmen errichten lässt, hat Jonah Peretti von Buzzfeed bereits einmal bewiesen.

History repeating

Linkedin könnte in Sachen Video eine ähnliche Entwicklung durchlaufen wie Facebook: Die Plattform von Mark Zuckerberg hatte 2014 damit begonnen, bei Facebook hochgeladene Videos gegenüber denen von anderen Video-Plattformen zu bevorzugen. In der Folge entstanden auf der Plattform nicht nur spezielle Video-Publisher – auch der Begriff des „Freebooting“ wurde überhaupt erst durch die Entwicklung auf Facebook geprägt. Er bezeichnet die Methode vieler Viral-Publisher, Videos anderer Urheber von Plattformen wie Youtube zu klauen und diese auf ihren eigenen Facebook-Seiten hochzuladen.

Auf Linkedin soll es bisher laut offizieller Verlautbarung der Plattform nur persönlichen Profilen möglich sein, Videos hochzuladen. Offenbar führen aber einige Firmen und Publisher schon erste Tests mit Videos auf Unternehmensseiten durch. Die Modemarke Diesel beispielsweise hat mit einem Kampagnenvideo 12.000 Views erzielt. Auch der Tech-Blog Recode kann offenkundig schon Videos bei Linkedin hochladen.

„Die Höhle der Löwen“ künftig bei Linkedin?

Im vergangenen Oktober erklärte Linkedin-CEO Jeff Weiner auf einem Event von The Information, dass er sich vorstellen könne, dass Linkedin Bewegtbildinhalte aufkauft oder sogar eigene Shows produziert: Eine Sendung wie „Shark Tank“ (die US-Version der Startup-Show „Die Höhle der Löwen“) käme sicher auch bei den Linkedin-Nutzern gut an.

Ihr wollt selbstproduzierten und gut gemachten Video-Content auf Linkedin konsumieren? Folgt dem OMR-Gründer Philipp Westermeyer auf Linkedin und diskutiert dort mit ihm über unsere OMR Briefings!

Update, Montag 19. Januar, 10 Uhr: Wir haben den Artikel um einen Video-Link und einige Detailinformationen ergänzt.

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Diskussion auf OMR
  • Christian Spanik

    Es ist tatsächlich so, dass LinkedIn native Videos offenbar unterstützt. Ich habe vor einigen Monaten angefangen ein regelmäßiges Magazin namens 09:59 – das Digitalmagazin speziell auf der Plattform zu produzieren. Das Magazin läuft praktisch immer weit höher als meine im Grunde eigentlich kleine Followerschaft. Ich habe erst einige Monate vor dem Start dieses Video-Magazins angefangen LinkedIn zu nutzen.
    Im Vergleich zu Facebook-Live ist das Ergebnis auf Basis Follower zu Abrufen dramatisch besser. Die Resonanz auf die Sendungen ist allerdings nicht die „Bored at work“-Abteilung, sondern richtig gute Kommentare oder Rückfragen. Insofern scheinen mir das die beiden Seiten derselben Medaille. Das was ihr beschreibt und das was ich da erlebe.
    Schade ist allerdings, dass man die Videos lange nicht so genau auswerten kann wie man das bei anderen Plattformen kann und keine interaktiven Formate mit Zuschauerbeteiligung möglich sind. Und die Längenbegrenzung ist derzeit 10 Minuten pro Video (daher auch mein Programm-Name 09:59 – aus der Not ne Tugend gemacht. 😉 ) Ich möchte LI Video auf jeden Fall nicht mehr als eine (!) mögliche Videoplattform missen.

  • Sascha Pallenberg

    Es gibt einen entscheidenden Unterschied…. Nunn ist ein klassischer Spammer, der moeglichst viele Follower auf seinen Accounts sehen will. Auf Twitter sind die auch zu sehen. 100k Follower, folgen aber selber dann min. ebenso vielen und nennen sich dann Top 10 Marketing Influencer.
    Videos muessen bei mir einen Bezug zu meiner Taetigkeit und meinen Interessen haben und werden immer noch recht spaerlich eingesetzt.
    Im Vergleich zu Nunn ist naemlich auf meinen anderen Postings ordentlich Engagement. Und genau das liegt mir am Herzen 😎

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