Kamera aus, und jetzt? Warum Creator*innen und Sportprofis zum CEO der eigenen Relevanz werden sollten
Henning Eberhardt & Martin Gardt5.3.2026
Warum viele Athlet*innen und Creator*innen zwei Mal sterben, wie sie es verhindern können – und was Marken davon lernen können.
Was machen Creator*innen, wenn der Hype vorbei ist? Wir haben uns in der Branche umgehört (Grafik: OMR)
Inhalt
- Bruch oder Befreiungsschlag? Warum viele zwei Mal sterben
- Die drei Fallen für Sportprofis und Creator-Stars
- Die "Architektur der Unabhängigkeit"
- Drei Wege aus der Reichweiten-Falle
- Der Blueprint: Was in der Praxis wirklich zählt
- Netzwerk und Mentoring: die unterschätzte Währung
- Oğuz Yılmaz: "Was bleibt und was ist vergänglich?"
Auf den ersten Blick haben Sportler*innen und Creator*innen gar nicht so viel gemeinsam: Auf der einen Seite viel Training für höchste Performance auf der anderen Seite vor allem viel und oft schnell gemachter Content, um die Community bei Laune zu halten. Auf den zweiten Blick gibt es dann doch eine große Parallele: Die Karriere beginnt oft in jungen Jahren und kann auch sehr früh zu Ende sein. Was ist, wenn das Flutlicht also irgendwann nicht mehr angeht? Wenn das nächste Video auf Tiktok das letzte ist? OMR hat mit einem Fußball-Weltmeister, einem früheren Youtube-Champion und mit Expert*innen aus der Creator-Szene gesprochen und sich auf die Suche nach dem “Blueprint” für die Karriere nach der Karriere gemacht.
Anfang der 2010er ist Oğuz Yılmaz auf dem Zenit seines Creator-Daseins. In einer Zeit, in der Youtube hierzulande in der breiten Masse noch ein Fremdwort ist, spielt der heute 34-Jährige in Videos mit, von denen einige über 20 Millionen, manche sogar über 30 Millionen Aufrufe erzielt haben. Damals ist Yılmaz Teil von Y-Titty. Erst- und Zweitkanal zusammengerechnet kommt Y-Titty auf rund 3,8 Millionen Abonnent*innen, über 1.000 Videos und fast eine Milliarde Views. Hinzu kommen Top10-Chart-Hits wie "Halt dein Maul" sowie Preise wie der "Goldene Bravo Otto" und ein "Echo". Trotzdem zieht Y-Titty am 11. Dezember 2015 nach damals sechs Jahren im Rampenlicht einen Schlussstrich unter den Kanal.
Oğuz Yılmaz
(Foto: Niluh Barendt)
(Foto: Niluh Barendt)
Plot Twist. Ganz so war es nach dem Ende von Y-Titty dann doch nicht. Denn für Oğuz Yılmaz war das Ende von Y-Titty eher wie ein Befreiungsschlag. Der Titel des letzten Videos spricht Bände: "#endlich". Etwas mehr als zehn Jahre später blickt Yılmaz im Gespräch mit OMR auf die damalige Zeit zurück. "Ich wollte einfach nicht mehr davon abhängig sein, mein ganzes Leben danach auszurichten, wie schön oder lustig mich andere Menschen gerade finden", sagt Yılmaz.
2025 erzielt Youtube über 60 Milliarden US-Dollar Umsatz. Erfolgreiche Creator*innen wie MrBeast verdienen angeblich über Werbung und In-Video-Sponsorships mehrere Hundert Millionen US-Dollar pro Jahr. Ob er es angesichts des enormen Aufschwungs der Plattform bereut, nicht mehr als Creator auf Youtube dabei zu sein? Bei dieser Frage kann Yılmaz nur müde lächeln: "Ich glaube, das irritiert die meisten Menschen bis heute, aber: Ich bereue absolut gar nichts. Im Gegenteil: Ich wollte für mein Leben mittel- und langfristig ganz bewusst ein in Anführungszeichen langweiligeres, normales Berufsleben hinter den Kulissen."
Bruch oder Befreiungsschlag? Warum viele zwei Mal sterben
Wie einst Yılmaz geht es heute vielen Creator*innen. Auch Leistungssportler*innen stehen nach ihrer aktiven Laufbahn nicht selten vor einem kompletten Neuanfang ihres Berufslebens. So weit, so nachvollziehbar. Doch die Sache hat einen Haken: Denn längst nicht für jeden gleicht das Ende der ersten Karriere einem Befreiungsschlag.
Jürgen Alker, der Unternehmer*innen und Profisportler*innen strategisch berät, kennt das Phänomen aus etlichen Gesprächen mit Athletinnen und Athleten. Er sagt: "Die allermeisten Profisportler sterben zwei Mal." Was der 51-Jährige damit meint: Noch vor dem natürlichen Ableben klopft der im übertragenen Sinne "erste Tod" an der Tür: das Karriereende. "Es markiert nicht nur das Ende von Spielen und Siegen in vollen Stadien, sondern in aller Regel auch den Verlust von Aufmerksamkeit, Struktur und Sinn", sagt Alker. Selbst wer sich ein bisschen auf eine zweite Karriere vorbereitet habe, spüre diesen Bruch. Alker legt den Finger in die Wunde: "Die Realität ist: 99 Prozent aller Athleten sind nicht auf ihr neues Leben nach der ersten Karriere vorbereitet." Gleiches gelte analog für die Creator-Szene.
Ann-Katrin Schmitz
Dass ebenfalls hier die Vorbereitung auf die Karriere nach der Karriere oft fehlt, liegt auch an der rasanten Professionalisierung der Branche. Ann-Katrin Schmitz, Expertin für Influencer-Marketing und Gesicht hinter "Baby Got Business", begleitete diesen Wandel von Anfang an. "Der entscheidende Wandel vollzog sich mit der massiven Budgetverschiebung aus klassischen Medien hin zu Social Media”, erklärt Schmitz gegenüber OMR. “Die erste Generation Influencer ist eher zufällig in ein Geschäftsmodell hineingewachsen. Sie haben aus einem Hobby heraus gepostet und erst später verstanden, welches wirtschaftliche Potenzial Reichweite haben kann. Die neue Generation geht strategischer vor. Sie weiß von Beginn an, dass Reichweite ein Asset ist. Content wird mit Intention und Datengrundlage produziert, die Community wird bewusst aufgebaut und Monetarisierung von Anfang an mitgedacht.”
Florian Laue
Florian Laue, Creator-Experte und Gründer der Influencer-Agentur All in (unter anderem Rezo unter Vertrag) ist da etwas skeptischer: "Die meisten Influencer sind keine Unternehmer, sie generieren Reichweite und sind Darsteller. Sie wissen oft schlicht nicht, wie man wirklich etwas nachhaltig aufbaut, wie ein Unternehmen und eigene Produkte", erklärt er. "Man muss sich ehrlich eingestehen: Die meisten Creator*innen werden mit 50 oder 60 Jahren nicht mehr relevant sein. Deshalb ist es entscheidend, das verdiente Handgeld frühzeitig und sinnvoll zu investieren."
Die drei Fallen für Sportprofis und Creator-Stars
Aus Gesprächen mit diesen Marktexpert*innen wird schnell deutlich, dass es mehr oder weniger drei gängige Fallen gibt, in die Sportprofis und Creator-Größen tappen können, wenn es um ihr Leben nach der Karriere geht:
- Die Narrativ-Falle: Der Irrglaube von fortwährender Beliebtheit und ewiger Schaffenskraft wird oft fälschlicherweise als Freifahrtschein für eine erfolgreiche Zukunft gesehen. Gleiches lässt sich auf Unternehmen münzen: "Unsere Marke ist aufgrund ihrer Historie stark genug für die Zukunft”, heißt es hier. "Wir geben doch viel Geld aus und penetrieren den Markt. Der Return on Ad Spend kommt auf jeden Fall”, heißt es dort. Mit solchen Glaubenssätzen ist das Scheitern vorprogrammiert.
- Die Abhängigkeits-Falle: Im Sport sind es wahlweise Berater mit Fokus auf kurzfristigen Profit, anstatt auf langfristigen Entwicklungsperspektiven oder auch der eigene (streikende) Körper, von dem Profis abhängig sind. In der Creator-Welt und im Digitalmarketing sind es unkontrollierbare und wechselhafte Algorithmen oder kontinuierlich neu aus dem Boden sprießende Social-Plattformen.
- Die Scheuklappen-Falle: Das Karriereende wird emotional verdrängt und die Identität stets an den Status gebunden. Sportler*innen und Creator*innen sind es gewohnt, dass Leistung sofort monetarisiert wird, frei nach dem Motto "ein Tor, ein Clip, ein Deal". Ein langfristiges Projekt, das sich erst in Jahren rechnet, passt nicht in dieses Denkmuster.
Die "Architektur der Unabhängigkeit"
Aus Sicht von Jürgen Alker muss für die zweite Karriere zwingend ein "Blueprint" her. "Es geht nicht nur darum, um aus viel Geld noch mehr Geld zu machen. Es geht um einen klaren Plan, der über die Karriere hinaus reicht und gleichermaßen Sicherheit, Sinn und Identität stiftet", sagt er und ergänzt: "Wer als Leistungssportler*in oder Creator*in auch nach der aktiven Laufbahn noch relevant sein will, sollte nicht erst diversifizieren, wenn "Tag X" gekommen ist, sondern idealerweise schon am Höhepunkt der Karriere." Der Moment der größten Aufmerksamkeit und Relevanz sei "genau der Moment, um Netzwerke zu knüpfen und die Grundlage für das Leben danach zu legen", sagt Alker.
Drei Wege aus der Reichweiten-Falle
Von LeBron James bis Mario Götze: die Investors
Es gibt im Spitzensport unzählige lebende Beispiele, die zeigen, wie Profis schon während ihrer aktiven Laufbahn an die Zeit danach denken. Oft genannte Vorbilder sind an dieser Stelle NBA-Stars wie LeBron James und Kevin Durant oder Tennis-Legende Serena Williams. Sie haben sich als Athlete Investors schon frühzeitig eine solche Architektur der Unabhängigkeit für die Zeit nach dem Karriereende erschaffen, indem sie ganze Medienunternehmen oder 100 Millionen US-Dollar schwere Funds aufgelegt haben.
Der deutsche Eintracht-Frankfurt-Profi Mario Götze hat seine persönliche Leidenschaft im Angel-Investment gefunden und sticht hier mit seiner Herangehensweise aus der Masse hervor. "Die Strategie ist schon, ein komplementäres Portfolio aufzubauen", sagt Götze im OMR Podcast. Das bedeute auch, dass es darum geht, alle Stufen bei der Finanzierung abzubilden – von Angel- über Later-Stage-Investments bis hin zu Investitionen im Private-Equity-Bereich.
GÖTZE OMR PODCAST EINBETTEN
In der Creator-Welt taucht beim Thema Investition schnell das Stichwort “Media for Equity” auf. Creator-Experte Florian Laue ist allerdings kein großer Fan davon: "Ein reiner Media-for-Equity-Deal motiviert oft nicht stark genug. Ein Share allein macht einen Creator noch lange nicht zum strategischen Partner – das passiert erst, wenn sie ihr eigenes Ding wirklich durchziehen wollen", sagt er. "Der Unterschied zwischen einem ‚bezahlten Gesicht‘ und einem echten Mitinhaber liegt in der Motivation, das Produkt auch dann zu pushen, wenn die Kamera gerade aus ist", sagt Laue.
Fazit: Der "Investor" sichert sich durch frühzeitige Beteiligungen und eigene Fonds eine Exit-Strategie abseits des Platzes. Entscheidend ist die Wandlung vom “bezahlten Werbegesicht” zum echten strategischen Mitinhaber.
2) Von Toni Kroos bis Knossi: die IP-Bauer
Einer der beeindruckendsten, aber tendenziell auch zeit- und kostenintensivsten Wege ist es, eine eigene IP aufzubauen. Ex-Fußballprofis wie Toni Kroos (The Icon League) und Gerard Piqué (Kings League) zählen derzeit mit ihren konkurrierenden Kleinfeldfußballformaten zu den bekanntesten Beispielen. Und es gibt weitere von Tiger Woods mit seiner technologieorientierten Indoor-Golfliga TGL bis zur Snow League des dreimaligen Snowboard-Olympiasiegers Shaun White.
Toni Kross und Elias Nerlich basteln an der Kleinfeldliga "Icon League" (Foto: Icon League)
Einer der erfolgreichsten deutschen Cases aus der Sportwelt ist Hyrox. Christian Toetzke als erfahrener Sportevent-Veranstalter und Moritz Fürste, Olympiasieger und einst der beste Hockeyspieler der Welt, haben mit ihrem Fitness-Competition-Format das Gym-Game umgekrempelt. Statt alleine vor sich hin zu pumpen, um fitter zu werden, abzunehmen oder Muskeln aufzubauen, haben Fitness-Fans durch Hyrox die Möglichkeit, in den Wettkampf zu gehen, sich mit anderen oder ihrer eigenen Bestzeit zu messen. Wie Fürste und Toetzke Ende November im OMR-Podcast erzählen, rechnen die Beiden 2026 mit rund 1,8 Millionen Teilnehmenden weltweit bei 133 Events, die jeweils über mehrere Tage gehen werden.
Hyrox-Athletin Megan Jacoby bei einem Wettkampf (Foto: Hyrox)
Der Weg vom Werbegesicht zum Unternehmer ist laut Branchen-Experte Florian Laue aber kein Selbstläufer. Für ihn ist die Architektur der Unabhängigkeit eng an ein radikales Umdenken geknüpft. "Wie schafft man es, die persönliche Strahlkraft eines Künstlers in eine Intellectual Property zu übersetzen, die einen eigenen Marktwert hat? Was muss passieren, damit ein Unternehmen auch dann noch funktioniert, wenn der Creator mal drei Monate keine Kamera anfasst?" Nur wer seine persönliche Strahlkraft in eine IP übersetze, die einen eigenen Marktwert besitzt, entkomme dem Plattform-Risiko und dem drohenden Overnight Collapse durch Algorithmus-Änderungen.
Wie man diese IP-Übersetzung in die Praxis umsetzt, zeigen Elias Nerlich (EliasN97) und Jens “Knossi” Knossalla. Während Nerlich mit der Gründung der Icon League (zusammen mit Toni Kroos) und seinem Fußballverein Delay Sports Berlin eine Sport-IP geschaffen hat, die eine eigene wirtschaftliche Kraft besitzt, hat Knossi das Genre der Live-Events zu geschützten Franchises weiterentwickelt. Formate wie seine Camps (Angelcamp, Weihnachtscamp, etc.) sind längst keine bloßen Streams mehr, sondern durchproduzierte Marken mit festen Sponsoring-Strukturen.
Eines der beeindruckendsten Beispiele für physische Unabhängigkeit ist aktuell außerdem Sally Özcan. Mit ihrem "Sallycon Valley" hat sie eine Infrastruktur aus eigenen Produktionsstudios, Logistik und einer breiten Produktwelt geschaffen, die den “Drei-Monate-Test” auf jeden Fall besteht. Und auch das Brand-Imperium von Pamela Reif, bestehend aus ihrer Food-Marke Naturally Pam und ihrer Fitness-App, ist ein Creator-Pendant zum “Beckham-Modell“. “Am Ende zählt das Produkt, das funktionieren muss”, sagt Florian Laue. “Es ist häufig einfach, in den Markt einzutreten, weil Reichweite da ist. Dann sagen die Händler, dass sie das listen. Danach muss die Marke außerhalb des Künstlers überleben – das ist die Crux.”
Wie schwer es ist, langfristig erfolgreiche Marken aufzubauen, die auch unabhängig funktionieren, zeigen verschiedene Food- und Getränke-Startups von Creator*innen. Bestes Beispiel ist wohl der BraTee von Rapper Capital Bra. Das frühere Erfolgsprodukt wurde bisher zwar zwischen 50 und 80 Millionen Mal verkauft, ist aber 2025 im Einzelhandel offenbar kein Faktor mehr. Leaks hatten zuletzt unter 300.000 verkaufte Einheiten pro Jahr gezeigt – nach über 30 Millionen Verkäufen im Hype-Jahr 2021. Und das liegt eben nicht nur am Produkt, sondern auch an der sinkenden Popularität von Capital Bra. Andere Influencer-Produkte wie Eistee von Shirin David, Softdrinks und Riegel von Pamela Reif oder Pizza von Knossi und Trymacs verkaufen sich derzeit gut, weil die dahinterstehenden Creator*innen extrem erfolgreich sind und die Produkte immer wieder selbst pushen. Echter unabhängiger Erfolg ist aber der eigentlich entscheidende Schritt, den bisher kaum Creator-Produkte geschafft haben.
Capital Bra war mit seinen Eistees schonmal erfolgreicher
Fazit: Der “IP-Bauer“ entkommt der Reichweiten-Falle durch den Aufbau eigener Produkte. Wer seine Strahlkraft in geschützte Franchises oder physische Infrastrukturen übersetzt, schafft einen bleibenden Marktwert jenseits des Algorithmus.
3) Von Ann-Katrin Schmitz bis MKBHD: die Service-Unternehmer
Nicht jede*r muss ein Konsumprodukt entwickeln. Parallel zum D2C-Boom wächst ein anderes Modell: Service, Medien, Weiterbildung – bezahlt von einer Community, die direkte Beziehungen und Substanz sucht. Ann-Katrin Schmitz hat diesen Weg selbst gewählt. Ihr Ziel sei nicht gewesen, unabhängig von Künstler*innen zu werden, indem sie selbst ins Rampenlicht tritt. “Der strategische Schritt war vielmehr der Aufbau eigener Strukturen: eine Agentur, ein Podcast, Weiterbildungsangebote mit Baby Got Business.” Die Personal Brand sei eher ein Mittel zum Zweck gewesen.
Sie beobachtet zudem einen fundamentalen Marktshift: “Wir leben inzwischen in einer Phase des Internets, in der Menschen bereit sind, für kuratiertes Wissen, Weiterbildung und Netzwerk zu zahlen. Das war vor einigen Jahren noch anders, weil scheinbar alles frei verfügbar war.” Gleichzeitig wachse das Bedürfnis nach Substanz. “Genau hier liegt der Wert eines Service- und Medienmodells: kuratierte Perspektiven aus einer Branche, die sich traditionell ungern in die Karten schauen lässt.” Und sie relativiert den Produkt-Hype: “Nein. Dein Marktwert sinkt online nur, wenn deine Relevanz sinkt. Das hängt nicht zwangsläufig mit eigenen Produkten zusammen.”
International ist dieses Modell längst weiter professionalisiert. Creator wie Emma Chamberlain zeigen, wie sich aus einer klassischen Influencer-Karriere ein Medien-Ökosystem entwickeln lässt, das weit über Instagram-Posts hinausgeht – etwa über ein eigenes Podcast-Format mit klarer redaktioneller Handschrift und langfristiger Positionierung. Tech-Creator Marques Brownlee (MKBHD) wiederum hat aus seiner Reichweite eine hochprofessionelle Produktionsinfrastruktur aufgebaut: eigene Studios, Podcast-Netzwerke, ein festes Team und eine redaktionelle Autorität, die Marken strategisch beeinflusst. In beiden Fällen steht nicht ein physisches Produkt im Zentrum, sondern Vertrauen, Medienkompetenz und Infrastruktur.
Fazit: Die Service-Unternehmer bauen keine Konsumgüter, sondern Strukturen, Wissen und Netzwerke auf. Ihr Asset ist Expertise statt Produkt – und ihre Unabhängigkeit entsteht durch direkte Community-Beziehungen und eigene Infrastruktur.
4) Von Christoph Kramer bis Markus Deibler: die interessierten Ausprobierer
Nicht jede zweite Karriere folgt einem Masterplan. Manche entsteht aus Neugier und Bewegung. Christoph Kramer ist so ein Fall. Seit 2018 arbeitet er als TV-Experte, 2025 veröffentlichte er seinen ersten Roman "Das Leben fing im Sommer an" und gründete mit "kitts" einen digitalen Marktplatz für Retro-Trikots mit.
Christoph Kramer (Foto: Markus Tedeskino)
Im Gespräch mit OMR blickt Kramer mit einer Mischung aus gesunder Distanz und brutaler Ehrlichkeit auf sein zurückliegendes Leben als Profifußballer. Für ihn war das Karriereende, das der jahrelange Profi von Borussia Mönchengladbach de facto bis heute nicht offiziell verkündet hat, weniger ein plötzlicher Schock, als mehr ein schleichender und vor allem auch bewusster Prozess. Er betont die Wichtigkeit, emotionalen Abstand zum Profigeschäft zu gewinnen. "Ich wollte eine Draufsicht auf das Geschäft haben, weil ich es ungesund finde, wenn man nie mal über den Tellerrand schaut", sagt Kramer. "Ich habe mir meinen Terminkalender im ersten Jahr nach dem Aus in Gladbach so vollgehauen, dass es fast schon ungesund war. Aber es war gleichzeitig gut für mich: Denn so konnte ich nicht ansatzweise in ein Loch fallen, weil ich die ganze Zeit etwas um die Ohren hatte."
Auch Markus Deibler entschied sich früh für einen radikalen Schnitt. Der frühere Schwimmweltmeister hat nach seiner aktiven Karriere die Eismanufaktur Luicella’s aufgebaut und ist als “CEO der eigenen Relevanz” damit im doppelten Sinne ins kalte Wasser gesprungen. Ein Statement im “Hamburger Abendblatt” trifft den Nagel auf den Kopf: “Ich habe auf dem Höhepunkt meiner Karriere aufgehört. Ich bin mit 24 Weltmeister geworden und habe eine Woche später gesagt, dass ich mit dem Schwimmen Schluss mache. Finanziell gesehen war das natürlich total dämlich, weil ich mit dem Titel endlich hätte Geld verdienen können.”
Aber darum ging es ihm nicht. “Ich wollte etwas komplett Neues anfangen, mir war immer klar, dass ich mich früh um eine Karriere nach der Schwimmkarriere kümmern muss. Und ich war sehr froh, dass ich nach dem Ende des Sports sofort ein Projekt hatte, in das ich mich voll stürzen konnte”, sagt Deibler. Einziges Manko aus seiner Sicht: “Wer relativ schnell relativ viel Geld verdienen will, sollte auf keinen Fall eine Eisdiele aufmachen. Denn man müsse “schon viel Eis verkaufen, um Miete, Personal, Strom, die Maschinen usw., bezahlen zu können”.
Fazit: Die interessierten Ausprobierer sichern ihre Zukunft nicht primär über Kapital oder IP, sondern über Bewegung. Sie vermeiden das Vakuum nach Karriereende, indem sie bewusst neue Rollen testen – und so schrittweise eine zweite Identität aufbauen.
Der Blueprint: Was in der Praxis wirklich zählt
Alle genannten Beispiele sind jedoch eher die Ausnahme als die Regel. "Es ist schon erstaunlich, wie viele Profis nicht einmal ein gutes Legal-Setup haben. Die wenigsten beschäftigen sich professionell mit der Frage, wie sie ihre Marke auf und abseits des Platzes aufbauen. Viel zu oft geht es nur um kurzfristigen Brand-Deals. Egal ob die Marke passt oder nicht. Aber zu viele in dieser Welt sind auf kurzfristige Monetarisierung incentiviert", sagt Jürgen Alker. Auch das Thema Vermögensverwaltung komme häufig viel zu kurz. Und damit wären wir wieder bei der Idee eines "Blueprints" für eine Architektur der Unabhängigkeit, die aus Sicht von Alker "idealerweise eine Mischung aus sauberem Setup (Finanzen, IT-Sicherheit, Steuerberatung), klarer Markenstrategie und der Fähigkeit, Netzwerke zu nutzen" ist.
Ann-Katrin Schmitz setzt für 2026 zudem eine klare Leitplanke: "Ich würde nicht jedem Creator zu einer eigenen Brand raten, insbesondere nicht unterhalb der 150.000 Follower-Grenze. Häufig fehlen Startkapital und unternehmerisches Know-how. Stattdessen ist es besser, mit exklusivem Wissen hinter einer Paywall zu experimentieren, etwa über Substack."
Netzwerk und Mentoring: die unterschätzte Währung
Gerade beim Thema Expertenwissen und Insights dürfte es bei vielen Potenzial geben. "Bekannte Creator*innen und Athlet*innen haben während ihrer aktiven Zeit Zugang zu den krassesten Netzwerken, warum nutzen sie das nicht besser?", fragt sich Jürgen Alker.
Kurzfristige Deals seien das eine. Doch nach seiner Einschätzung lassen die meisten hier eine Menge liegen, wenn es um den Aufbau langfristiger Beziehungen geht – oftmals aus der aus Alkers Sicht "falschen Angst heraus, sich nur ihrem engsten Kreis von zwei bis drei Menschen anzuvertrauen." Unterm Strich kann er dem Bild des "Sportlers und Creators als Unternehmer" sehr viel abgewinnen – allerdings weniger im klassischen Sinne. "Das heißt nicht, dass "jede*r gleich Entrepreneur werden oder die nächste Eistee-Marke launchen sollte", sagt er mit einem Seitenhieb auf die aus dem Boden sprießenden Brands aus der Creator-Szene. Unternehmer*in zu sein könne "ja auch einfach nur bedeuten, überhaupt mal etwas zu unternehmen".
Oğuz Yılmaz: "Was bleibt und was ist vergänglich?"
Und Oğuz Yılmaz? Der hat den Weg vom Creator zum Unternehmer bereits erfolgreich vollzogen – unter anderem mit dem Ziel, "Unabhängigkeit von öffentlicher Bewertung und Algorithmen zu erlangen", wie er sagt. Als Co-Founder des Talent-Managements YilmazHummel agiert er nun in einer anderen Funktion und versucht, seinen reichhaltigen Erfahrungsschatz aus der Y-Titty-Zeit an die heutige Creator-Generation weiterzugeben.
Ein Thema, das Yılmaz dabei beschäftigt, sind die "vielen Creator*innen, die an Follower- und Abo-Zahlen hängen". "Ich versuche denen immer wieder zu erklären, dass das alles egal ist. Viel wichtiger ist, was man auf dem Weg lernt. Denn das kann einem keiner mehr nehmen", sagt Yılmaz. Wenn aber eine Plattform plötzlich wegbreche, "dann sind all die tollen Zahlen auch weg". Sein eindringlicher Appell an alle Creator*innen lautet daher: "Stellt euch die Frage: Was bleibt wirklich langfristig? Und was ist vergänglich?"
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Grundsätzlich ist Yılmaz aber aus ganz praktischen Gründen sehr positiv gestimmt, wenn es um die zweite Karriere von Creator*innen geht. "Wenn man als Creator*in nicht nur blauäugig oder abgehoben ist, stehen einem nach der ersten Karriere viele Türen offen", sagt er und begründet das wie folgt: "Viele Creator*innen sind autodidaktische Multitalente, die sich selbst beigebracht haben, wie man filmt, schneidet, Social-Media-Kanäle managed oder die Analytics der Plattformen auswertet." Das seien alles Skills für die Zukunft. "Und diese Skills werden einem nicht genommen, wenn man den Youtube-Kanal beendet", sagt Yılmaz.
Apropos Youtube-Kanal beenden. Für ihn und seine damaligen Y-Titty-Mitstreiter Phil Laude und Matthias Roll habe sich das Aus zum damaligen Zeitpunkt "tatsächlich so angefühlt, als würden wir unseren ersten digitalen Tod sterben", blickt Yılmaz zurück. Eine positive Facette habe er diesem ersten Tod immerhin abgewinnen können: "Zumindest habe ich das Gefühl, dass ich dadurch endlich den in Anführungszeichen vernünftigen Job machen konnte, den auch meine Eltern sich immer für mich gewünscht haben."
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