Gadgets, Gimmicks, Gags: Diese Produkte verkaufen sich zehntausendfach auf Tiktok Shop

Ein Sweater mit Essiggurken hat auf der Plattform mehr als eine Million US-Dollar Umsatz generiert

Ein Plastikdorn zum Dosenstechen, ein Sweatshirt mit aufgedruckten Einmachgläsern und ein Türverstärkungsschloss: Diese drei Produkte sind jeweils mehr als 10.000 Mal über Tiktok verkauft worden
Ein Plastikdorn zum Dosenstechen, ein Sweatshirt mit aufgedruckten Einmachgläsern und ein Türverstärkungsschloss: Diese drei Produkte sind jeweils mehr als 10.000 Mal über Tiktok verkauft worden

Noch ist „Tiktok Shop“ in Deutschland nicht eingeführt worden. In den USA, Großbritannien und mehreren asiatischen Ländern gibt es aber schon jetzt die Möglichkeit, direkt auf der Videoplattform zu verkaufen. OMR erklärt die Grundfunktionsweise von Tiktok Shop und zeigt acht Produkte, die sich über den Service zu Verkaufsschlagern entwickelt haben.

„Turning discovery into purchase“, schreibt Tiktok auf der Subdomain für das eigene Shopping-Angebot. Anders als in herkömmlichen Online-Shops, bei deren Besuch die Kund*innen meist bereits wissen, was sie kaufen möchten, sollen die Nutzer*innen auf Tiktok Neues entdecken und kaufen können. Händler*innen sollen auf diese Weise Produkte verkaufen können, von denen die Kund*innen noch gar nicht wussten, dass sie sie haben wollen – also Bedarf wecken und diesen gleich befriedigen.

Tiktok Shop ist für Seller günstiger als Amazon

Die Nutzer*innen können auf Tiktok über drei Oberflächen auf kaufbare Produkte stoßen. Die ersten beiden befinden sich direkt innerhalb von Bewegtbildinhalten: in Livestreams sowie in Videos, in denen Produkte markiert werden und (erkennbar an einem gelben Einkaufskorb) anklickbar sein können. Offenbar testet Tiktok auch gerade, solche Produkt-Videos in einem eigenen Shopping-Feed zu bündeln. Die dritte Oberfläche ist ein Shopping-Reiter auf der Seite des jeweiligen Accounts, der einen Überblick über das gesamte „Sortiment“ des jeweiligen Accounts bietet.

Die drei Oberflächen von Tiktok Shop: (von links) Livestreams, Videos und ein Shopping-Reiter auf dem jeweiligen Account

Die drei Oberflächen von Tiktok Shop: (von links) Livestreams, Videos und ein Shopping-Reiter auf dem jeweiligen Account (Quelle: Tiktok)

Tiktok behält einen Prozentsatz der mit Tiktok Shop generierten Umsätze ein. Die Provisionshöhe bewegt sich Medienberichten zufolge in der Anfangsphase (den ersten 90 Tagen) häufig im niedrig einstelligen Prozentbereich; danach steigt sie auf fünf Prozent an. Das ist weniger als bei Amazon, wo die genaue Höhe des Prozentsatzes von der jeweiligen Produktkategorie abhängt; in den meisten Kategorien liegt sie zwischen 8 und 15 Prozent. Hinzu kommt, dass viele Händler*innen auf Amazon kostenpflichtige Werbung schalten müssen, um mit ihren Produkten überhaupt sichtbar zu sein.

Eigene Warenlager in UK – und bald auch in den USA?

Auf Tiktok können die Seller natürlich ebenfalls Werbung schalten. Um in Sachen Sichtbarkeit nachzuhelfen, können sie darüber hinaus auch direkt auf der Plattform mit reichweitenstarken Creator*innen zusammenarbeiten. Wenn letztere einen gesonderten Registrierungsprozess durchlaufen haben, können sie Produkte der auf Tiktok Shop aktiven Seller in ihren Videos markieren. Um entsprechende Anreize zu setzen, besteht für Seller die Möglichkeit, über Tiktok ein Affiliate-Programm aufzusetzen. Kommt aus dem Livestream oder Video eines/einer Creator*in ein Kauf zustande, erhalten diese eine Umsatzbeteiligung.

Aktuell ist Tiktok Shop in sechs asiatischen Ländern (Indonesien, Malaysia, Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam) sowie in Großbritannien und den USA verfügbar. Im Vereinigten Königreich hat Tiktok vor wenigen Wochen außerdem mit „Fulfilled by Tiktok“ (FBT) einen eigenen Versand- und Lagerservice gestartet (vergleichbar mit „Fulfillment by Amazon“). Wegen entsprechender Stellenausschreibungen kursieren seit dem Herbst 2022 Gerüchte, dass Tiktok auch in den USA einen ähnlichen Schritt plant.

127 Milliarden Views mit Shopping-Videos?

Wann Tiktok Shop in weiteren Märkten verfügbar sein wird, ist aktuell nicht öffentlich bekannt. Im Sommer 2022 hatte Tiktok einen geplanten Rollout der Shopping-Funktion in mehreren europäischen Ländern, darunter Deutschland, laut Financial Times zunächst auf Eis gelegt, nachdem interne Ziele nicht erreicht worden sein sollen und Influencer*innen sich aus dem Projekt zurückgezogen hätten.

Es gibt Indizien dafür, dass die Shopping-Funktion in den bereits ausgerollten Märkten erfolgreich ist. So weist Tiktok beispielsweise für alle Videos, die mit dem Hashtag #tiktokshop versehen sind, 127,6 Milliarden (!) Views aus. Das ist fast doppelt so viel wie für #tiktokmademebuyit, dem Hashtag, mit dem Videos zu viralen Produkten bislang auf Tiktok versehen wurden (wir berichteten). Der Hashtag #tiktokshopfinds kommt immerhin noch auf 1,4 Milliarden Views. Darüber, ob Tiktok Videos mit Tiktok-Shop-Anbindung gezielt mit dem eigenen Algorithmus pusht, lässt sich nur spekulieren. Nutzer*innen aus Großbritannien und den USA berichten zumindest von einer Flut von Shopping-Videos in ihrem Feed.

Offenbar gibt es auch eine größere Zahl erfolgreicher Seller auf Tiktok Shop: „Die Nutzung von Tiktok Shop ist in den letzten Monaten absolut durch die Decke gegangen“, schreibt Jimmy Farley vor knapp zwei Wochen auf Twitter. Der junge E-Commerce- und Tiktok-Coach listet im folgenden acht von ihm auf der Plattform aufgestöberte Produkte auf, die mehr als 4.000 Verkäufe aufweisen. Das ist deswegen möglich, weil Tiktok auf den Produkt-Detailseiten die Zahl der Verkäufe angibt. Aus Deutschland heraus lässt sich zwar noch nicht auf Tiktok Shop zugreifen. OMR-Mitgründer Christian Byza, der in den USA lebt, hat uns jedoch Screenshots mit den aktuellen Verkaufszahlen zukommen lassen.

23.200 Sales: Ein „Pickle Jars“-Sweatshirt für 44 US-Dollar

Es ist vielleicht das virale Produkt der Stunde auf Tiktok: ein simples graues Sweatshirt, auf das „Pickle Jars“ aufgedruckt sind, also Gläser mit sauren Gurken. Dahinter steht die „Bad Addiction Boutique“. Der Online-Shop verkauft Kleidung und Accessoires und wird vom Ehepaar Jess und Ryan Slone in Auburn, Indiana, aus ihrem Keller heraus betrieben. Schon seit 2019 lädt Jess Slone Videos auf dem Tiktok Account hoch, die über einen langen Zeitraum nur drei- bis vierstellige Abrufzahlen verzeichnen.

Die Produktdetailseite des „Pickle Jars“-Sweaters auf Tiktok

Die Produktdetailseite des „Pickle Jars“-Sweaters auf Tiktok

Anfang 2023 trägt sie erstmals den „Pickle Jars“-Sweater in einem Video, der in der Kommentarsektion Fragen von den Zuschauer*innen auslöst. Zwei weitere kurz darauf veröffentlichte Videos verzeichnen dann Abrufe im Millionenbereich – und der Sweater geht viral. Als Jimmy Farley über das Kleidungsstück tweetet, verzeichnet es noch 8.200 Sales; mittlerweile hat sich die Zahl der Verkäufe auf 23.200 fast verdreifacht. Mehr als eine Million US-Dollar Brutto-Umsatz hat das Ehepaar Slone also alleine mit diesem Produkt generiert.

Der Betreiber des Accounts 1-800-T-Shirts witterte angesichts der plötzlichen Popularität zunächst eine Verschwörung. Seine Recherche (und das daraus entstandene Video) zeigt jedoch, dass zum Glück der Slones offenbar nur mehrere Faktoren zufällig zusammengekommen sind: Tiktok will die Shop-Funktion pushen und verschafft den Shop-Videos Sichtbarkeit; gleichzeitig hat das Ehepaar offenbar sehr erfolgreich die Affiliate-Funktion von Tiktok genutzt, so dass viele Creator*innen eigene Clips zu dem Pulli gedreht haben, von denen einige ebenfalls beachtliche Abrufzahlen ansammeln konnten.

7.136 Sales: Elastische Schnürsenkel für 14 US-Dollar

Wie komme ich schneller und unkomplizierter in halbhohe Sneaker? An dieser Stelle setzen „Bread Laces“ ein: mit elastischen Schnürsenkeln, mit denen die Kund*innen ihre Schuhe nicht mehr so weit aufschnüren müssen. Genau dieser Vorteil steht auch im Mittelpunkt aller Tiktok Clips von Bread. Nike Blazers, hohe Air Jordans oder Vans: Sie alle sind mit Bread komfortabler anzuziehen. Mehr als 7.000 Mal ist das Produkt bereits auf Tiktok verkauft worden, zu einem Preis von rund 14 bzw. 15 US-Dollar.

Elastische Schnürsenkel von Bread bei Tiktok Shop

Elastische Schnürsenkel von Bread bei Tiktok Shop

37.400 Sales: Ein Plastikdorn zum Dosenstechen für 20 US-Dollar

„Shotgun“-Trinken (also Dosen anstechen und dann in einem Zug ausleeren) ist an den US-Unis auf „Frat“-Party ein großes Thema. Doch je weiter der Alkoholpegel steigt, desto gefährlicher kann die Verwendung von spitzen Gegenständen werden, um Dosen anzustechen. Das Verletzungsrisiko deutlich senken soll der „Krak’in“ von „Wild Man Drinking“: ein Plastikdorn, der an den Schlüsselbund gehängt werden kann.

Auf Tiktok presst Wild-Man-Drinking-Gründer Nick Pawlak unter dem Motto „Will it Krak’in?“ (in Anlehnung an den Viral-Klassiker „Will it blend?“) das selbst entwickelte Tool in immer neue Dosen und Behältnisse – auch in eine Pringles-Chips-Röhre. Fast 38.000 Mal ist der „Krak’in“ bislang alleine auf Tiktok verkauft worden, zu einem Preis zwischen 16 und 20 US-Dollar, je nach abgenommener Stückzahl.

Der Plastikdorn "Krak'in" bei Tiktok Shop

Der Plastikdorn „Krak’in“ bei Tiktok Shop

5.105 Sales: Ein Trinkgefäß im Spraydosen-Look für 24 US-Dollar

Ein Trinkbecher mit Deckel, der aussieht wie eine Spraydose, mit der man sich lästiger „Bitches“ entledigen kann: Das ist der Verkaufsrenner bei „Simply Magnolia Market“. Dahinter steht ebenfalls ein Ehepaar, das seine personalisierten Trinkbecher außer über Tiktok auch auf Etsy und Facebook verkauft. Für einen Push dürfte ein Video von Tiktok Creator Jacksen Luna (2,8 Millionen Follower*innen) gesorgt haben, das bislang 7,9 Millionen Views angesammelt hat. Mehr als 5.000 Verkäufe weist Tiktok aktuell für den „Bitch be gone“-Tumbler aus. Als Jimmy Farley darüber twittert, sind es noch mehr als 7.000. Vielleicht hat das Unternehmen in der Zwischenzeit die Produktdetailseite ändern müssen.

Die Produktdetailseite des "Bitch be gone"-Tumblers auf Tiktok

Die Produktdetailseite des „Bitch be gone“-Tumblers auf Tiktok

13.600 Sales: Ein Mixgetränk-Strohhalm für 20 US-Dollar

Ein dicker Strohhalm, der sich mit Alkohol füllen lässt, bevor man ihn in Saft oder einen Softdrink hält und damit Hochprozentiges angenehmer zum Trinken macht: Das ist die Idee hinter dem „Take“ von „Take Shots“. Aktuell ist die Einzelversion des Produktes ausverkauft und es sind nur noch Großpackungen erhältlich. Als Jimmy Farley vor wenigen Wochen über das Produkt tweetet, steht die Zahl der Verkäufe bei mehr als 13.000.

10.600 Sales: Ein Türverstärkungsschloss für 25 US-Dollar

EZ Home verkauft auch Basecaps für Handwerker*innen (mit Lasche für einen Bleistift), der Verkaufsschlager ist aber ein Türverstärkungsschloss aus Metall. Das soll für mehr Sicherheit sorgen: Ein zusätzliches, leicht anbring- und bedienbares Türschloss soll verhindern, dass jemand Unerwünschtes die eigene Wohnung betritt. Eines der Videos dazu verzeichnet mittlerweile 26 Millionen Views. Aber EZ Home setzt auch erfolgreich auf Affiliate Marketing, wie ein Video zeigt. Mehr als 10.000 Mal ist das Produkt bereits auf Tiktok gekauft worden.

Das Türverstärkungsschloss ist der Topseller bei EZ Home

Das Türverstärkungsschloss ist der Topseller bei EZ Home

6.309 Sales: Ein Motto-T-Shirt für 34 US-Dollar

T-Shirts, Tassen und andere leicht personalisierbare Artikel sind ein dankbares Online-Business, weil die Einstiegshürden so niedrig sind: Man braucht lediglich ein Design und kann Druck und Versand komplett auslagern. Unter dem Namen „Untamed Ego“ versucht Evelyn Aguilar sich mit dieser Strategie ein Business aufzubauen. Auf Tiktok ist sie gerade mit zwei Videos viral gegangen, in denen ihr Vater ihre Produkte modelt. Das Ergebnis: Eins der Shirts ist mehr als 6.000 Mal gekauft worden.

Ein bei Tiktok Shop gut laufendes T-Shirt von Untamed Ego

Ein bei Tiktok Shop gut laufendes T-Shirt von Untamed Ego

7.522 Sales: Ein Abfluss-Trichter für 15 US-Dollar

Nie mehr einen verstopften Abfluss: Das ist das Werbeversprechen von „Drain Funnel“. Erreicht werden soll dies nicht durch ein Sieb oder ein aggressives Reinigungsmittel, sondern einen Kunststofftrichter, der dafür sorgt, dass die Haare nicht im Abfluss hängen bleiben, sondern dort vorbeirutschen und in die Kanalisation gelangen. Aktuell ist das Produkt nicht mehr im Tiktok Shop von Drain Funnel verfügbar. Als Jimmy Farley vor wenigen Wochen darüber tweetet, hat das Produkt 7.500 Verkäufe angesammelt.

Fazit: Mehr Eintagsfliegen denn nachhaltiger Markenaufbau

Ist die Auswahl von Jimmy Farley repräsentativ für Tiktok Shop? Überprüfbar ist das nicht, denn schließlich ist Tiktok Shop von Deutschland aus (ohne britische oder US-Telefonnummer) nicht aufrufbar. Aber die Vermutung liegt nahe, dass sie vom „Mainstream“ der Plattform nicht weit entfernt ist. Die Zielgruppe ist jung und dürfte für Gag-Produkte fürs Feiern (wie den Dosenstech-Dorn und den Shot-Strohhalm) ebenso offen sein wie für Kleidungsstücke mit mehr oder minder humorvollen Motiven und/oder Sprüchen.

Bislang erinnern die erfolgreichen Produkte bei Tiktok Shop noch eher an eine jüngere Version der Produkte von Ralf Dümmels Kooperationen aus der „Höhle der Löwen“ (dessen erster Hit schließlich auch eine „Abfluss Fee“ war) oder von (nur noch ältere Generationen mögen sich erinnern) „Die moderne Hausfrau“ vom Versandhaus Walz: Gadgets und Gimmicks, die möglicherweise nach einmaliger Nutzung im Schrank verstauben und mit denen sich nur schwerlich langfristig eine Marke aufbauen lassen wird. Dass das auch gehen kann, beweisen andere Marken, die schon auf Tiktok groß geworden sind: Shein oder Crumbl Cookies beispielsweise.

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Roland Eisenbrand
Autor*In
Roland Eisenbrand

Roland ist seit mehr als zehn Jahren als Journalist in der Digitalbranche aktiv. Seit 2014 verantwortet er als Head of Content (und zweiter Mitarbeiter) alle inhaltlichen Komponenten von OMR, darunter vor allem den OMR Blog und redaktionelle Arbeit rund um das OMR Festival.

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