Mit Lego, Disney und einem Big Bang: Kann Fortnite das Metaverse-Versprechen einlösen?

Martin Gardt4.3.2024

Das Metaverse war mal Marketing-Trend-Thema. Entfacht das beliebte Videospiel den Hype neu?

Fortnite-Metaverse
Macht Fortnite das Metaverse-Versprechen wahr?

Das Metaverse war mal der größte Hype im digitalen Business. Mark Zuckerberg benannte 2021 kurzerhand sein Billionen-Unternehmen danach. Doch wahr geworden ist das Versprechen von digitalen Welten, die wir wie eine weitere Realität durchstreifen, nicht. Eine digitale Welt gibt es da aber doch, die das Metaverse-Potenzial verwirklichen könnte: Fortnite.

Was eigentlich als gar nicht so außergewöhnliches Shooter-Game gestartet war, bildet heute ein ganzes Ökosystem aus verschiedenen Spielen, Konzerten, Shopping, Popkultur. In der Fortnite-Welt treffen sich jeden Tag Millionen Menschen. Superstars wie Eminem, Ariana Grande und Travis Scott haben hier schon Konzerte gespielt. Und jetzt steigen auch noch riesige Brands wie Lego und Disney ein. Erleben wir hier das erste wirklich erfolgreiche Metaverse?

Vom Hype ist nicht viel geblieben

Bislang konnte sich keine Idee wirklich durchsetzen, obwohl bereits Milliarden-Summen in verschiedene Metaverse-Projekte geflossen sind (allein Meta hat in dem Bereich Milliarden US-Dollar verbrannt). Dabei hatte Mark Zuckerberg kurz nach der Umbenennung Facebooks in Meta das Metaverse noch als Nachfolger des mobilen Internets beschrieben. Das Thema werde so groß, dass viele Unternehmen gemeinsam daran arbeiten müssten. "Wir wollen so vielen Menschen wie möglich das Erlebnis Virtual Reality bieten, damit sie in das Metaverse eintauchen und dort soziale Erlebnisse haben können," sagte Zuckerberg 2021 gegenüber CNET.

Die Realität sieht drei Jahre später ganz anders aus. Nicht mal Meta-Mitarbeitende nutzen die Metaverse-App "Horizon Worlds". Laut jüngster Zahlen tummeln sich hier insgesamt gerade einmal 200.000 monatlich aktive Nutzende. Dabei sollte "Horizon Worlds" das zentrale Element von Metas Metaverse-Strategie werden. Menschen sollten sich begegnen, interagieren, gemeinsam Shows ansehen, tanzen, shoppen, Filme schauen – was man im echten Leben eben so macht. Stattdessen scheint die digitale Meta-Welt ziemlich einsam zu sein – bis auf viele Kinder, die sich einen Spaß daraus machen, die wenigen Erwachsenen zu nerven.

Erst Nutzende, dann das Metaverse

Ähnlich leer sieht es auch in anderen Metaverse-Projekten aus, die während der Corona-Pandemie noch virtuelle Grundstücke für viel Geld an Privatpersonen und große Brands verkauft hatten. Weiteres prominentes Beispiel ist "The Sandbox". In der Metaverse-Welt kauft zum Beispiel Adidas 2021 ein Grundstück für einen geplanten Shop. 1,66 Millionen US-Dollar verdienen die Macher 2022 mit dem Verkauf virtueller Ländereien insgesamt. The Sandbox verzeichnet selbst zu seinen Hochzeiten aber gerade mal 4,500 Nutzende zur gleichen Zeit. Ein anderes hoch gehandeltes Metaverse, Decentraland, besuchen maximal 675 User gleichzeitig.

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Oft einsam: Ein Screenshot aus der leeren Welt von Decentraland (Quelle: Medium / Samin Gurung)

Diese Probleme hat Fortnite nicht. Laut aktueller Zahlen verzeichnet das Spiel 15 Millionen täglich aktive Nutzende und über 235 Millionen monatlich aktive User. Fortnite-Entwickler Epic Games hat einen anderen Weg gewählt als Meta, Sandbox, Decentraland & Co. Statt eine (leere) Welt hinzustellen, um diese dann zu bevölkern, hat Fortnite mit seinem Battle-Royale-Spielmodus zuerst Nutzende angelockt und baut auf der Basis jetzt erst das Metaverse mit neuen Erlebnissen oben drauf.

Die neue Fortnite-Welt

Der ganz große Push Richtung Fortnite-Metaverse beginnt am 2. Dezember 2023 mit dem großen Live-Event "Big Bang". Spieler*innen können dabei ein Geschehen in der Spielwelt beobachten, teilweise spielerisch eingreifen, aber das Ergebnis nicht wirklich beeinflussen. Nach einer Abfolge filmartiger Szenen, in denen Zeitmaschinen und Raketen durcheinander gemischt werden, explodiert die alte Fortnite-Welt, die sich vor allem um den Battle-Royale-Shooter gedreht hatte. Fortnite wird neu geboren und das mit ganz neuen Spielmodi. Mit dabei sind eine Lego-Version von Fortnite, ein Rennspiel und Fortnite Festival: eine Art Guitar-Hero-Rhythmus-Game, bei dem Spieler*innen im Takt die richtige Taste treffen müssen. Eine erste Vorschau auf Letzteres gibt's direkt bei einem Konzert von Rap-Superstar Eminem. In der Folge wird erst The Weeknd mit seinen Songs Pate für die Spielvariante. Seit ein paar Tagen ist Lady Gaga mit ihren Liedern die Hauptkünstlerin von Fortnite Festival.

Die neue Fortnite-Ära beinhaltet im ersten Schritt also neue Spielideen – eine davon direkt vom neuen Partner Lego. Der Investment-Arm der Gründerfamilie aus Dänemark investiert schon im April 2022 gemeinsam mit Sony zwei Milliarden US-Dollar in Epic Games – mit dem expliziten Ziel, ein Metaverse zu bauen, in dem Lego eine gewichtige Rolle spielt. Diesen Deal kopiert jetzt der nächste große Player. Disney verkündet im Februar 2024 ein Investment von 1,5 Milliarden US-Dollar in Epic. Charaktere und Inhalte aus dem Disney-Universum sollen entsprechend in Fortnite auftauchen – dazu zählen Marvel, Star Wars, Avatar, Pixar & Co.

Nicht mehr nur ein Game

Figuren wie Iron Man oder Darth Vader sollen aber nicht nur in Fortnite spielbar sein. Disney spricht schon in der Ankündigung von "spielen, anschauen, shoppen" und will verschiedene Disney-Themenwelten mit unterschiedlichem Fokus auf Gaming und anderen Content erschaffen. Wie das laufen kann, zeigt Lego mit seiner aktuellen Strategie. Nach Lego Fortnite veröffentlicht das Unternehmen mit Lego Raft Survival und Lego Obby Fun erst vor wenigen Tagen zwei weitere Games in der Fortnite-Welt. In allen drei Lego-Fortnite-Spielen dreht sich alles um den Bau mit den (digitalen) Klemmbausteinen. Das Ziel ist klar: Fortnite-Spieler*innen sollen so den Spaß am Lego-Bau entdecken und dann auch in der echten Welt zu den Produkten greifen.

So soll es auch bei Disney laufen. "Wir können es nicht abwarten, dass Fans die Disney-Geschichten und -Welten, die sie lieben, auf ganz neue Art und Weise erleben", sagt Disney-CEO Bob Iger. "Wir arbeiten an etwas komplett Neuem, um ein dauerhaftes, offenes, miteinander verbundenes Ökosystem zu schaffen, dass Disney- und Fortnite-Communitys verbindet", fügt Epic-Chef Tim Sweeny hinzu.

Fortnite hakt damit ziemlich viele Metaverse-Prinzipien bereits ab: das Schlüpfen in bekannte Charaktere, Gaming, Konzerte, Events wie Comedy-Shows in einem eigenen Club, Kunstaustellungen, bald wahrscheinlich weitere Videoinhalte und Streams, mit "V-Bucks" eine eigene Währung für das Einkaufen von digitaler Kleidung & Co. So entsteht gerade Stück für Stück ein Metaverse, in der Menschen ihr zweites Ich erstellen (einen Avatar) und so Dinge erleben, die in der realen Welt manchmal erreichbar und machmal eben unerreichbar sind: Vom Besuch im Comedy-Club bis hin zum Eintauchen in eine Lego-Welt.

Unendliche Fortnite-Welten

Es gibt auch bereits erste Hinweise darauf, wie sich das Fortnite-Metaverse abseits von Deals mit Milliardenunternehmen entwickeln könnte. Mit dem "Unreal Editor für Fortnite" hat Epic gerade erst ein Entwickler-Tool veröffentlicht, dass es Dritten ermöglicht, Fortnite-Spielwelten nicht nur im bunten Comic-Stil des Spiels, sondern auch in einem realistischen Look zu erschaffen – ganz ohne Beteiligung von Epic Games. Schon seit 2018 können Creator für den "Fortnite Creative Mode" Spielwelten in Zusammenarbeit mit dem Fortnite-Entwickler erschaffen. So wächst das Fortnite-Metaverse derzeit nochmal exponentiell. "Etwa die Hälfte ihrer Zeit in Fortnite verbringen die Nutzenden in Content, der von anderen gebaut wurde", sagt Epic-CEO Tim Sweeney.

Die Fortnite-Creative-Welten finden Nutzende auf dem Fortnite-Startbildschirm recht prominent. Trotzdem tobt auch hier schon ein Kampf um Aufmerksamkeit und aktive Spieler*innen. Die Strategie erinnert an den derzeit wohl größten Metaverse-Konkurrenten Roblox. Die Gaming-Plattform verzeichnet 70 Millionen aktive Nutzende pro Tag und zahlt laut CEO David Baszucki an seine zehn erfolgreichsten Creator im Durchschnitt 27 Millionen US-Dollar für das Jahr 2023 aus. Insgesamt zahlte das Unternehmen 2023 740 Millionen US-Dollar an Hunderte Creator. OMR-Kollegin Tanja hatte im November 2023 genau aufgeschrieben, wie sich das Roblox-Ökosystem entwickelt und wie junge Entwickler*innen mit digitalem Schmuck, Klamotten oder eigenen Spielwelten hier viel Geld verdienen. Roblox setzt derzeit noch viel stärker als Fortnite auf externe Entwickler*innen und hatte sich schon vom Start weg als Plattform positioniert.

Das Fortnite-Ökosystem mit Chancen für Brands

Weil die Fortnite-Welt durch Fortnite Creative auch offen für virtuelle Mode und Spielvarianten von Dritten ist, entsteht hier gerade ein riesiges Ökosystem. Epic Games als Verwalter des Spiels, dazu die großen Partner und dann unzählige Solo-Entwickler*innen oder spezialisierte Entwickler-Studios. Und die helfen bereits Brands dabei, ein Teil des Fortnite-Metaverse zu werden. Wie das aussehen kann, zeigt beispielhaft das US-Studio "Beyond Creative". Dessen Gründer-Team hatte 2022 für die Luxusmarke Balenciaga eine vielbeachtete Aktivierung gebaut: Einen Balenciaga-Store in der Fortnite-Welt – natürlich inklusive Anprobe und Kauf von digitalen Balenciaga-Klamotten.

Mittlerweile hat Beyond Creative Spielerlebnisse in Fortnite für Marken wie Honda, die NFL, Ralph Lauren, Armani Code und die Tonight Show mit Jimmy Fallon umgesetzt. Ein derzeit viel beachtetes Projekt des Entwickler-Studios ist die "Airphoria"-Spielwelt für Nike, wo Spieler*innen auf einer Art Schatzsuche Nike-Schuhe einsammeln müssen. Der Sportartikel-Riese zeigt mit der Aktion, wie Brands das Fortnite-Metaverse nutzen können: Entwicklung eines Spiels beauftragen, die neue Kollektion im Spiel kaufbar machen, eine limitierte Auflage der Kollektion in der echten Welt in den Handel bringen.

Honda kündigt auf diese Weise neue Autos an, Timberland zeigt neue Boots und die Supermarktkette Carrefour präsentiert gesunde Lebensmittel. Für Brands stehen – wie schon angedeutet – unzählige spezialisierte Entwickler-Studios bereit. Und die will Epic jetzt auch stärker dazu ermutigen, auch ohne Brand-Auftrag Content für Fortnite zu bauen. Seit März 2023 bekommen Creator 40 Prozent der Einnahmen aus dem gesamten Fortnite-Shop – gewichtet nach Beliebtheit ihrer Spielwelt. Das könnte ein kräftiger Treiber sein, dass eine riesige Welt voller Spiele, Shops, Konzerte, Ausstellungen, Shows, usw. in Fortnite entsteht. Mal ein gut gefülltes Metaverse, denn die Millionen Nutzenden sind ja schon da.

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Martin Gardt
Autor*In
Martin Gardt

Martin kümmert sich vor allem um neue Artikel für OMR.com und den Social-Media-Auftritt. Nach dem Studium der Kommunikations- und Medienwissenschaft ging er zur Axel Springer Akademie, der Journalistenschule des Axel Springer Verlags. Danach arbeitete er bei der COMPUTER BILD mit Fokus auf News aus der digitalen Welt und Start-ups. Am Wochenende findet Ihr ihn auf der Gegengerade im Millerntor.

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