Conny Boersch: Wie der „Super Angel“ seine Millionen investiert

Angel-Investore Conny Boersch

Im Dotcom-Boom machte der Unternehmer seine erste Million, heute ist er ein global vernetzter Investor. Im OMR Podcast erklärt Boersch, was Deutschland zum Startup-Land fehlt

Seit 30 Jahren ist Conny Boersch in der deutschen Tech-Szene aktiv und investiert weltweit in Tech-Startups. Im OMR Podcast spricht er über seine besten Deals, eigene Fehler und sein aktuelles Buch – ein Appell an Wirtschaft und Politik, endlich mutiger zu sein, wenn es darum geht, aus guten Ideen funktionierendes Business zu machen.

Die Unternehmerkarriere des Mannes, der länger als die meisten anderen in der deutschen Startup-Szene mitmischt, begann mit einem ziemlich analogen Produkt: eine „Notfallkarte“. Die war eine Erfindung von Boerschs Onkel aus den USA. Eine Plastikkarte, die im Portemonnaie getragen wurde, darauf Informationen zu benötigter Medikation sowie im Notfall zu benachrichtigende Ärzten. Über mehrere Iterationen entwickelte sich diese Karte später zu der Chipkarte, die heute alle Krankenkassenmitglieder bekommen.

Exit zwei Tage vor dem großen Crash

Boerschs Firma ACG vertrieb aber nicht nur die Chipkarten, sondern entwickelte auch die Software dazu. Mitte der 90er-Jahre war das Unternehmen in über 20 Ländern aktiv, 1999 folgte der Börsengang von ACG am Neuen Markt. Im März des Folgejahres verkaufte der Gründer sein Unternehmen – zum bestmöglichen Zeitpunkt, „das war genau zwei Tage vor dem Crash“, erzählt Boersch.

1,5 Milliarden Euro brachte der Verkauf der Firma ein. Auch wenn inzwischen einige Investoren beteiligt waren, sei sein Anteil „zu dem damaligen Zeitpunkt okay“ gewesen, so Boersch. Konkreter wird er nicht, aber es sei um „ein bisschen mehr“ als 150 Millionen Euro gegangen, mindestens.

Begegnung mit Guido Westerwelle

In der anschließenden Auszeit auf Mallorca hielt er es dann nur ein paar Wochen aus. Bald darauf steig Boersch mit einigen seiner Patente als Mitgift bei Smartrac ein. Das damals im Aufbau befindliche Unternehmen befasste sich als eines der ersten mit Anwendungen für die RFID-Technologie. „Heute werden über 90 Prozent der Reisepässe weltweit durch die Smartrac erstellt“, sagt Boersch.

Nachdem er bei Smartrac ausgestiegen war, verschlug es den Unternehmer in die Politik. Er habe Guido Westerwelle in einer Talkshow kennengelernt, daraus hätte sich schnell eine Freundschaft entwickelt und eine Tätigkeit als Berater und Organisator der Wahlkämpfe des FDP-Politikers. „Mein größer Erfolg war, 2009 den ersten digitalen Wahlkampf in Europa zu machen“, so Boersch.

Politik, Startups und langer Atem

Er blickt allerdings auch mit Enttäuschung auf sein Engagement im politischen Berlin zurück. Trotz Regierungsbeteiligung der FDP und seiner Kontakte in die Berliner Gründerszene, die aus seiner Zeit als Investor des Ebay-Klons Alando rührten, sei es ihm nicht gelungen, die Bedingungen für Startup-Gründer in Deutschland zu verbessern.

Dafür steckte er seitdem reichlich eigenes Geld ins Ökosystem. Und räumt aus eigener Erfahrung mit dem Mythos vom schnellen Gewinn für wagemutige Risikokapitalgeldgeber auf: „Investieren in Startups ist keine einfache Sache. Ich komme mir eher vor wie ein Firmensammler“, sagt Boersch. Manche Unternehmen habe er schon seit zehn, 15 Jahren in seinem Portfolio. Gerade erst sei eines an die Börse gegangen, bei dem er seit 18 Jahren beteiligt ist. „Aber das sind die Zeiträume, die ein Startup-Investor aushalten muss“, so Boersch.

Seine typische Ticket-Größe liege zwischen 250.000 und einer Million Euro, verrät Boersch. Wobei es oft nicht bei den Summen bleibe, eine Lektion, die ihm sein frühes Investment bei Delivery Hero gelehrt hat. Er habe das Startup anschließend mehrmals vor der Insolvenz gerettet, sagst Boersch. „Das Dilemma eines Business Angels ist es, dass du bei all den Finanzierungsrunden mitmachen musst.“ Irgendwann würden die dann sehr groß, zumal im B2C-Delivery-Game, wo allein für das Marketing dreistellige Millionenbeträge im Jahr benötigt würden.

Vom Klon-Gegner zum Copycat-Liebhaber

Einer seiner erfolgreichen Exits war ein mexikanischer Auto1-Klon – obwohl er ursprünglich immer ein Gegner von Copycats gewesen sei. „Ich habe immer gesagt, ein Unternehmer muss doch was eigenes gründen. Was die Samwers machen, ist doch schrecklich.“ Allerdings minimiere eine Klon-Strategie das Risiko extrem. Und gerade im Bereich der Schwellenländer, wo Boersch vor allem investiert, würden Copycats nach wie vor gut funktionieren.

Einige der womöglich lukrativsten Investments seiner Karriere hat Boersch allerdings verpasst, muss er eingestehen. Er habe sich weder bei Uber beteilig, noch Anfang der 2000er-Jahre bei Tencent, der Firma hinter der inzwischen in China allgegenwärtigen App WeChat. „Mensch, eine chinesische Webseite, 60 Millionen Bewertung, das werden die niemals hinbekommen“, habe er sich damals gedacht. „Heute sind sie 600 Milliarden wert.“

Cover „Zukunft verpasst? Warum Deutschland die Digitalisierung verschlafen hat. Und wie uns die Krise hilft, den Anschluss doch noch zu schaffen.“

Cornelius Boersch, Thomas Middelhoff: „Zukunft verpasst? Warum Deutschland die Digitalisierung verschlafen hat. Und wie uns die Krise hilft, den Anschluss doch noch zu schaffen.“, Adeo Verlag, 336 Seiten, 24 Euro

Boersch ist auch Autor. Sein jüngstes Buch „Zukunft verpasst?“ hat er zusammen mit Thomas Middelhoff (hier geht es zum OMR Original über den einst gefeierten, dann tief gefallenen Manager) geschrieben. Die beiden kennen sich seit 25 Jahren, so Boersch. Zu einer geschäftlichen Zusammenarbeit sei es nie gekommen – „Ich fand ihn damals ziemlich arrogant und er mich vermutlich auch“, sagt Boersch – inzwischen sei man jedoch gut befreundet.

Im Buch geht es um das Versagen bei der Herausforderung, Deutschland zum führenden Digitalstandort zu machen. Auch das eigene. Denn als einstiger Player am fatal gecrashten Neuen Markt hätte er gewissen Anteil, dass sich anschließend zehn Jahre lang niemand getraut habe, in Startups zu investieren, so Boersch. Vor allem prangern Boersch und Middelhoff das Versagen der deutschen Konzerne an. Von deren einstiger Bedeutung als global führende Unternehmen sei kaum mehr etwas übrig.

Das Versagen der Deutschland AG

Als großes Problem für die deutsche Digitalszene sehen die beiden zudem, dass die Zurückhaltung der Geldgeber im Early-Stage-Bereich noch immer zu groß sei. Und auch wenn größere Startups inzwischen gut an Kapital von US-Investoren kommen würden, sieht Boersch diese Situation nicht als unproblematisch an. „Es kann ja nicht sein, dass wir unsere Technologiefirmen alle an Amerikaner und Chinesen verkaufen“, sagt Boersch. „Wir müssen uns als Gesellschaft überlegen, womit wir in der Zukunft Geld verdienen wollen. Und wenn wir immer alles verkaufen – was ich ja auch tue – dann ist das nicht in Ordnung.“

Den Gründern in Deutschland mache er wiederum den „kleinen Vorwurf“, ihre Unternehmen zu früh zu verkaufen. Er selbst habe sich gewundert, warum Mark Zuckerberg seine Firma nicht für eine Milliarde verkauft habe, sehe inzwischen aber, dass sie sonst heute nicht ein Vielfaches dessen wert wäre. Außerdem herrsche unter den hiesigen Investoren eine Neigung, Gewinne mitnehmen zum wollen. Ein Problem, das ihm aus eigener Erfahrung vertraut ist. Als er bei Lieferando ausgestiegen ist und 10 Millionen Euro erhielt, habe er sich ein „ein Loch in den Bauch“ gefreut. Inzwischen wäre sein Anteil mindestens das Zehnfache wert.

Wenn Ihr außerdem erfahren möchtet, warum Conny Boersch glaubt, dass ein deutscher Elon Musk durch die Erziehung verhindert wird, warum er Thomas Middelhoff für einen „saulieben Menschen“ hält und weshalb er selbst nicht als der „Reichste auf dem Friedhof“ enden will, dann hört Euch die aktuelle Folge des OMR Podcasts an.

Finance Corner zum Jahresabschluss

Zum Ende des Jahres 2020 ist mal wieder Erik Podzuweit, Gründer von Scalable Capital zu Gast. Er blickt gemeinsam mit Philipp auf das Börsenjahr, das sicherlich als eines der verrücktesten in die Geschichte eingehen wird. Die beiden klären, warum es trotz Pandemie so viele Tech-Börsengänge in den USA gab, wieso Airbnb so viel wert ist und weshalb Software langfristig die Welt dominieren wird. Besonders spannend: Erik Podzuweit geht derzeit nicht von einer Blase aus und setzt weiter auf ein Wachstum an den Aktienmärkten.

(Risikohinweis: Die Inhalte der neuen Rubrik „Finance Corner“ dienen ausschließlich der persönlichen Information, sind zum einen ohne Gewähr und zum anderen keine Empfehlungen zum Kauf oder Verkauf bestimmter Finanzinstrumente. Es handelt sich hier nicht um Anlageberatung. Entscheidet selber, was Ihr macht.)

Unsere Podcast-Partner im Überblick:

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Alle Themen des OMR Podcasts mit Conny Boersch im Überblick:

  • Über die Anfänge seiner Karriere als Unternehmer und wie er zum Entwickler der Gesundheitskarte wurde (ab 4:00)
  • Wie er sein Unternehmen kurz vor dem Dotcom-Crash verkaufen konnte und was ihm der Exit eingebracht hat (ab 7:01)
  • Über seinen Einstieg bei Smartrac und die globale Bedeutung der Firma heute (ab 8:16)
  • Warum es zur Zusammenarbeit und Freundschaft mit dem mittlerweile verstorbenen FDP-Politiker Guido Westerwelle kam (ab 9:06)
  • Weshalb er gerade eine gute Zeit sieht, um eine neue Partei zu gründen (ab 11:36)
  • Wie aus seinem private Family Office der Investor Mountain Partners wurde, der an rund 120 Firmen beteiligt ist (ab 13:15)
  • Wieso er ein „Super Angel“-Investor ist und was das bedeutet (ab 15:03)
  • Über seine Herangehensweise als Investor und welche Startups er gerade im Blick hat (ab 16:52)
  • An welchen Exits er als Investor beteiligt gewesen ist und warum er vom Kritiker zu Fan von Copycats wurde (ab 18:30)
  • Welche Strategie hinter seinem jüngsten Investment-Vehikel Conny & Co. steckt (ab 20:54)
  • Was er von der Liste der reichsten Deutschen des „Manager Magazins“ hält (ab 23:22)
  • Wie es zu einer Freundschaft mit Thomas Middelhoff kam, wie dessen Kontakte Boersch helfen und was es mit ihrem Buch „Zukunft verpasst“ auf sich hat (ab 26:24)
  • Warum die deutsche Startup-Szene international nicht wirklich mithalten kann (ab 35:53)
  • Wieso Boersch von deutschen Investoren einen „Mentalitätswechsel“ fordert (ab 36:57)
  • Weshalb er nicht glaubt, dass es einen deutschen Elon Musk geben kann (ab 42:36)
  • Wieso Tesla derzeit so hoch bewertet ist (ab 44:06)
  • Über das Szenario, dass Google und Tesla gemeinsam Daimler übernehmen (ab 45:38)
  • Was ihm trotz allem Hoffnung macht (ab 47:45)
  • Kleine Rechtfertigung, warum er in der Schweiz lebt (ab 50:01)
  • Finance Corner mit Erik Podzuweit von Scalable Capital (ab 52:01)
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