Sie besucht Drehorte auf der ganzen Welt – und hat daraus ein Digital-Business gebaut

Florian Heide25.11.2022

800.000 Follower hat der Account "Filmtourismus" von Andrea David auf Instagram

Andrea David fotografiert ein Foto.
Quelle: Andrea David/Filmtourist

Andrea David aus Hamburg bereist seit 18 Jahren Drehorte von Filmen auf der ganzen Welt und teilt die Fotos auf Instagram. Ihr Markenzeichen: Das Foto einer Filmszene vor dessen Original-Kulisse. Selbst Will Smith ist Fan. OMR hat mit David darüber gesprochen, wie sie aus einem Hobby ein Business gemacht hat, wie sie zu über 800.000 Instagram-Followern kam und wie gut sie davon leben kann.

Manchmal wird Andrea David wegen ihres Jobs scherzhaft als Setjetterin bezeichnet, als würde sie in einem Privatflugzeug von Filmset zu Filmset fliegen. Das ist natürlich übertrieben. David reist natürlich nicht privat und sie sieht auch keine Filmsets, nur die Landschaften, wo Filme gedreht wurden. „Ich besuche die Orte von Filmproduktionen teilweise Jahrzehnte später“, sagt sie im Gespräch mit OMR.

Andrea David ist Filmtouristin. Sie betreibt den Instagram-Account „filmtourismus“, über 800.000 Menschen folgen ihr auf Instagram. Dazu kommt der Filmtourismus-Blog, die wichtigste deutschsprachige Anlaufstelle im Internet für Informationen rund um Filme und deren Drehorte. Gerade hat sie ihr erstes Buch veröffentlicht. Für all das hat David in den vergangenen 18 Jahren über 1.000 Drehorte besucht, wie viele genau kann sie nicht sagen. Sicher ist: David ist die erfolgreichste Drehort-Bloggerin Deutschlands und eine von wenigen ihrer Art auf der Welt.

„Wer nach Drehorten gesucht hat, ist auf meiner Seite gelandet“

Wie viele Leute aufgrund von Filmen zu Drehorten reisen, dazu gibt es keine verlässlichen Quellen. Fakt ist: Länder und Städte profitieren immens von internationalen Produktionen in ihrer Heimat. Allein die 40.000-Einwohner-Stadt Dubrovnik in Kroatien, wo Teile des Fantasy-Epos Game of Thrones gedreht wurden, verzeichnet laut kroatischer Touristenbehörde im Jahr 2019 über 1,4 Millionen Touristen, fast doppelt so viel wie 2013.  Fast zwölf Milliarden US-Dollar hat das Land mit Tourismus im selben Jahr eingenommen, mehr als jemals zuvor.

David hat den Filmtourismus-Blog 2007 gegründet, viele Jahre bevor der Game of Thrones Drehort zur Pilgerstätte für Fantasy-Fans aus aller Welt wurde. Zu der Zeit arbeitet sie für das Land Bayern im Tourismusmarketing. Sie liebt zwei Dinge: Reisen und Filme. Mit dem Blog will sie eine erste Datenbank erschaffen. Wer sich für einen Film interessiert, soll dort alle Orte aufgelistet finden, an denen dieser produziert wurde. Drehorte sind ein Thema, für das sich Mitte der Zehnerjahre noch viel weniger Leute interessieren als heute – und noch weniger Webseiten betreiben. Zum Vorteil von David. „Dadurch, dass es kaum Content dazu gab, war ich schnell gut auf Google gelistet. Wer nach Drehorten gesucht hat, ist auf meiner Seite gelandet“, sagt sie.

Sieben Jahre später verzeichnet ihr Blog rund 20.000 Zugriffe im Monat. Sie kündigt ihren Job als Online-Marketing-Leiterin für das Land Bayern und macht sich selbstständig. Ihr erster Kunde: Die Touristenzentrale Neuseelands will ein Werbebanner auf ihrem Blog buchen, um die Drehorte von Herr der Ringe zu bewerben. Es folgt die erste Pressereise nach North Carolina, wo sie unter anderem die Drehorte der Fantasy-Reihe Tribute von Panem besucht und auf ihrem Blog darüber berichtet. Und sie startet mit Instagram. Was sie da noch nicht weiß: Die Social-Media-Plattform wird ihr Sprungbrett. Medien aus aller Welt berichten über sie. Und selbst prominente Schauspieler wie Will Smith und Michael J. Fox werden Fans.

Szene für Szene um die Welt

Heute erreicht sie mit ihrem Content Millionen von Menschen. Neben dem Instagram-Account mit 800.000 Followern betreibt sie auch eine Facebook-Gruppe mit fast 25.000 Fans. Ihr Blog verzeichnet monatlich bis zu 150.000 Besucher*innen. Wer sich auf den Social-Media-Kanälen umsieht, der findet überall Davids’ Markenzeichen: Wenn sie einen Drehort besucht, hält sie ein Foto der Filmszene in die Landschaft. So gekonnt, dass die Konturen meist ineinander verschwimmen. „Mich fasziniert die Nostalgie solcher Orte“, sagt David. Viele Orte, die sie besucht, stammen aus Filmen, die sie in ihrer Jugend gesehen hat, in den 80ern und 90ern. Sie will wissen: Wie sieht die Gegend heute aus? Gibt es das Haus noch, die Straße?

Die Idee, ein Foto einer Filmszene zu drucken und auf Reisen mitzunehmen, entspringt einem Zufall, sagt sie. „Ich war in Thailand und wollte den „Fack Ju Göhte“ Drehort finden. Mich hat keiner verstanden, also habe ich das Foto gezeigt. Die Leute haben den Ort sofort erkannt und mir den Weg gezeigt“, sagt David. Heute ist es ihr Wiedererkennungsmerkmal. Sie hält es in die Luft auf Ko Phi Phi, wo Leonardo DiCaprio in „The Beach“ mit einem Speer auf Fischfang geht. In Tirol, wo Daniel Craig als James Bond in „Specter“ vor Alpenpanorama durch den Schnee stapft, bewaffnet natürlich. Oder in dem düsteren Hotelflur in den Rocky Mountains, der als Kulisse für die Verfilmung von Stephen Kings „The Shining“ diente.

Will Smith gefällt das

Die Idee ist einzigartig und instagrammable. So sehr, dass Film- und Serien-Fanseiten beginnen, ihre Beiträge zu teilen. Die haben teilweise selbst Millionen von Follower, wie etwa das Instagram-Profil „gameofthronesnotofficial„. Aber auch Special Interest Communities wie das Architektur-Magazin „Architecture and Design“ mit 31 Millionen Facebook-Fans teilen Fotos, etwa von Harry Potter am berühmten Gleis Neundreiviertel. Selbst Reddit-User sprechen in Threads über die Fotos. Dazu kommen Medienanfragen:. Radiosender aus Chicago, Tageszeitungen aus Dänemark, sogar CNN baten sie bereits zum Gespräch. Die Folge: Bis heute käme es regelmäßig zu „Reichweitenschüben“, weil Menschen ihren Content teilen.

Einen der größten Reichweitenschübe liefert ein absoluter Hollywood-Star, der einen ihrer Posts teilt. Zu sehen ist ein unscheinbarer Basketballplatz in Philadelphia, USA. Auf dem wurde das Intro zur 90er-Jahre US-Kultserie „Prince of Bel Air“ aufgenommen. Und Will Smith, der die Hauptrolle in der US-Sitcom spielt, teilt das Foto mit seinen damals rund 40 Millionen Instagram-Followern. Allein dadurch sei ihr Account um rund 50.000 Follower gewachsen. Auch Zurück-in-die-Zukunft-Schauspieler Michael J. Fox hat bereits eines ihrer Fotos geteilt.

Die Filmfluencerin

Während ihrem Instagram-Account vor allem internationale Fans im Alter von 30 bis 40 Jahren folgen, klicken sich auf ihrem Blog fast ausschließlich deutschsprachige Menschen durch die Datenbanken, suchen nach Filmen, Drehorten, lesen Berichte und Reportagen von Davids’ Reisen oder suchen Inspiration. Rund 600 Beiträge verzeichnet der Blog, ungefähr 100 davon seien Werbung, also Beiträge, für die sie bezahlt wurde, wie etwa ein Beitrag über Malta als Drehort von „Game of Thrones“ oder „Der Mitternachtsexpress“. Auftraggeber sind in der Regel die jeweiligen Tourismuszentren.

Ihre Reichweite monetarisiert David wie jede Influencerin: Gesponserte Artikel auf ihrem Blog, auf Instagram bietet sie Stories und Beiträge an – natürlich immer mit inhaltlichem Bezug zu den Drehorten. Neben Tourismuszentren zählen Produktionsfirmen, Filmvertriebe und vermehrt auch Streamingdienstanbieter wie Disney+ zu ihren Kunden. Sie wollen mithilfe von David meist neue Filme oder Serien bewerben. Manchmal verfallen aber auch sie der Nostalgie, dann wollen sie Klassiker neu bewerben, wie etwa die US-Kultserie „Dallas“ zum 40. Jubiläum. Mit ihren Fotos, sagt David, hält sie solche Filme und Serien am Leben.

Reich wird sie mit alldem nicht. Laut eigener Aussage verdient sie eine mittlere fünfstellige Summe im Jahr. Trotzdem, einen Bürojob anzunehmen, das käme für sie nicht mehr in Frage. David liebt die Filme und das Reisen. Fünf bis acht Mal ist sie im Jahr unterwegs, manchmal besuche sie gleich mehrere Drehorte, wie diesen Sommer in Chicago. Da hat sie ihre Fotos vor die Kulissen von „Ferris macht blau“, „Kevin – Allein zu Haus“ und „The Dark Knight“ gehalten. Um die Richtigen zu finden, laufe sie manchmal stundenlang durch die virtuellen Straßen von Google Street View, gleicht was sie sieht, mit den Filmszenen ab, die über ihren Fernseher flackern. Denn Filmtouristin zu sein, bedeutet manchmal auch Detektivin zu sein.

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Florian Heide
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Florian Heide

Florian arbeitet seit fast zehn Jahren als Print-Journalist. Angefangen beim Lokalblatt, später als Praktikant und Freelancer für DIE ZEIT und GEO. Seit 2020 ist er Redakteur bei OMR, wo er über Startups, Viraltrends, den Wandel von Social Media Plattformen und neue Technologien berichtet. Er hat nie Bargeld dabei und verbringt die Wochenenden am liebsten weit weg von Technologie in der Natur.

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