Wie ein Hamburger Werbestar mit Domain-Marketing Aids bekämpfen will – und Bono als Verbündeten gewonnen hat

Michael Trautmann nutzt in Cannes die Gunst der Stunde

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Es seien wohl „die vielleicht wichtigsten 90 Sekunden im Berufsleben von Michael Trautmann gewesen“, postete die von Trautmann mit gegründete Werbeagentur thjnk am vergangenen Samstag auf Facebook: Als bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Werbefestivals in Cannes der Rockstar Bono die anwesenden Kreativen befragte, welche Ideen sie haben, um den Kampf des U2-Sängers gegen Aids zu unterstützen, meldete sich Trautmann aus dem Publikum und stellte seine Initiative dotHIV vor – eine Kombination aus Online-Marketing und Fundraising.

Die Grundidee: Der von dem Hamburger Werber mit initiierte gemeinnützige Verein dotHIV hat sich die Top-Level-Domain .hiv gesichert und ermöglicht künftig die Registrierung neuer Website-Adressen mit dieser Endung. Große Unternehmen könnten sich damit online quasi eine „rote Schleife“ umbinden und mit URLs wie zum Beispiel google.hiv, facebook.hiv oder lufthansa.hiv ihre Unterstützung des Kampfes gegen Aids demonstrieren. Mit den aus der Registrierung der Domains erzielten Einnahmen sollen Hilfsorganisationen und Forschungsprojekte unterstützt werden.

Am 15. Juli sollen die ersten .hiv-Adressen vergeben werden – Trautmann bot Bono in Cannes an, dessen Aids Charity-Aktion (Red) die Domain Red.hiv gratis zu zur Verfügung zu stellen – „für die nächsten 100 Jahre“. (Red) überzeugt Unternehmen, eines ihrer Produkte in einer Sonderauflage herzustellen, zu verkaufen und 50 Prozent der Einnahmen an die Initiative zu spenden – Apple hat dies unter anderem mit dem iPod nano getan.

Bono reagiert begeistert

Als Bono in Cannes nach einer Podiumsdiskussion mit Vice-Chef Steve Smith und Apple-Designer Jony Ive das Publikum nach weiteren Ideen fragte, meldete Trautmann sich. Diesmal griff der Hamburger Werber nicht zum Mikro, um (wie bei unserer diesjährigen Konferenz) zu singen, sondern um Bono die dotHIV vorzustellen und eine Kooperation anzubieten. „Ich war nicht der einzige, der einen Vorschlag hatte. Zum Glück hat Jony Ive mich gesehen und ist noch zu mir gekommen. Ich war dann der letzte, der etwas sagen durfte; das war ein wirklicher Glücksfall“, berichtet Michael Trautmann im Gespräch mit Online Marketing Rockstars. Der Vorschlag habe für frenetischen Applaus aus dem Publikum gesorgt. „Bono hat sehr begeistert auf die Idee reagiert“, so Trautmann. Auch die US-Fachzeitschrift Adweek berichtet und erwähnt Trautmann namentlich. „Ich gehe davon aus, dass (Red) in dieser Woche noch einmal Kontakt mit uns aufnehmen wird.“

Eine Zusammenarbeit mit dem irischen Rockstar würde die Aufmerksamkeit für dotHIV vermutlich noch einmal deutlich erhöhen und könnte für die Iniative den vorläufigen Höhepunkt einer bereits viereinhalb dauernden Geschichte bilden. Im Dezember 2009 hatte Martin Poggenclaas, damals Junior Art bei Kemper Trautmann (heute thjnk), seinem Chef Michael Trautmann sein Konzept der karitativen Top-Level-Domain vorgestellt. Doch bis zur endgültigen Realisierung der Idee sollten noch viele Jahre ins Land gehen.

ICANN als Hürde

Welche Hindernisse die Initiative auf diesem Weg zu beseitigen hatte, hat Jacob Vicari im September vergangenen Jahres in einem lesenwerten Text in Brand Eins zusammengefasst. So musste zunächst einmal das für die Registrierung einer Top-Level-Domain nötige Geld gesammelt werden. Dann musste die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN), die über die Vergabe der neuen Website-Endungen entscheidet, von dem Vorhaben überzeugt werden. Offenbar kein leichtes Unterfangen: „Die Domain-Leute fanden uns sehr seltsam“, sagt Carolin Silbernagl, die als Koordinatorin zu dem Projekt dazu geholt wurde, gegenüber Brand Eins.

Die Initiative fand diverse Freunde und unterstützende Unternehmen, die zum Teil die technische Infrastruktur kostenlos zur Verfügung stellen. Nach mehreren Finanzspritzen – unter anderem in sechsstelliger Höhe vom Handelsunternehmen Tengelmann – ist mittlerweile offenbar auch die Finanzierung gesichert. Noch viel wichtiger aber: Im März wurde der Vertrag mit der ICANN über die neue Top-Level-Domain unterzeichnet.

Bis zum September vergangenen Jahres gab es bereits 3650 Vorregistrierungen. Die Kosten für eine .hiv-Domain werden laut Brand Eins etwa 120 Euro im Jahr betragen. 30 Prozent der Einnahmen soll in das Sozialunternehmen hinter dotHIV fließen, der Rest an Hilfsorganisationen. Schon mit 15.000 Registrierungen im ersten Jahr würde das Konzept aufgehen. „Wenn dieses Ding in zehn Jahren eine Million Kunden hat, könnten wir über 100 Millionen Euro pro Jahr spenden“, so Michael Trautmann. Vielleicht können wir ihn dann von einer erneuten musikalischen Einlage bei den Online Marketing Rockstars überzeugen – im Duett mit Bono.

Wir von den Online Marketing Rockstars haben ebenfalls eine hiv-Domain bei der Initiative vorregistriert. Wir halten Euch auf dem Laufenden!

UPDATE: Michael Trautmann hat mit uns telefoniert; wir haben den Artikel durch seine Zitate ergänzt. Außerdem bekommen wir in den nächsten Tagen die Unterlagen für unsere .hiv-Domain!

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