Vor dem Börsengang: Wo Rocket Internet Geld liegen lässt

Der Internet-Gigant ist eigentlich nicht dafür bekannt, Gelegenheiten ungenutzt zu lassen – aber auf dem Adtech-Auge ist er blind

Auf der eigenen Website wirbt Rocket Internet vor dem Börsengang für die eigenen, äußerst ambitionierten Pläne (Screenshot)

Auf der eigenen Website wirbt Rocket Internet vor dem Börsengang für die eigenen, äußerst ambitionierten Pläne (Screenshot)


1,6 Milliarden Euro – diese Summe könnte Rocket Internet möglicherweise mit einem Börsengang im Oktober einsammeln. Das Berliner Unternehmen will die größte Internet- und E-Commerce-Plattform abseits der USA und China bauen, inklusive der dafür notwendigen Infrastruktur. Doch im Bereich der Online-Werbetechnologie setzt Rocket nicht auf proprietäre Lösungen, sondern auf die Zusammenarbeit mit Partnern. Damit lässt das Unternehmen möglicherweise viel Geld liegen.

„Wir bauen unsere eigene Infrastruktur, um jeden Schritt des E-Commerce-Modells zu unterstützen“, heisst es aktuell auf der Website von Rocket Internet. Dazu gehören eigene Warenlager und Zusteller. „Wir tun was immer notwendig ist. Wenn es notwendig ist, in Pakistan eine eigene Post aufzubauen, machen wir das“, sagte Rocket-CEO Oliver Samwer im November 2013 bei einer Konferenz in London. Die Plattform des Unternehmens umfasst auch eine technologische „Plug-and-Play-Lösung“, mittels derer sich die Manager der jeweiligen Startups auf ihr Geschäft und den lokalen Markt konzentrieren können sollen. Doch eine eigene Online-Werbetechnologie ist nicht Teil dieser Plattform, obwohl Online Marketing doch gerade im E-Commerce ein erfolgskritischer Faktor ist.

Rocket agiert in diesem Bereich stattdessen mit Rahmenvereinbarungen mit Technologieanbietern, wie sich im Börsenprospekt des Unternehmens nachlesen lässt (Seite 33). Zu den Partnern gehören unter anderem Google, Facebook, Salesforce und Responsys. Weitere Infos dazu, mit welchen Adtech-Partnern das Unternehmen zusammenarbeitet, finden sich in einem im Mai dieses Jahres öffentlich gewordenen PDF zur Strategie des Unternehmens:
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Rocket hat geholfen, Criteo und Sociomantic groß zu machen

Dass Rocket im Adtech-Bereich auf Eigenentwicklungen und Beteiligungen verzichtet, ist aus mehreren Gründen erstaunlich. Der Inkubator könnte von Eigengewächsen im Adtech-Bereich finanziell durchaus profitieren: Da Rocket sowieso maßgeblich zum Erfolg und Wachstum der Online-Werbedienstleister beiträgt, lässt der Inkubator an dieser Stelle quasi Einkommenspotenziale ungenutzt. Unternehmen wie Criteo und Sociomantic sind durch Dienstleistungen für Rocket Internet stark gewachsen. Die ehemalige Rocket-Beteiligung Zalando dürfte gemeinsam mit Criteo das Thema Retargeting in Europa erst groß gemacht haben. Die Expansion des Realtime-Bidding-Dienstleisters Sociomantic folgte augenscheinlich den internationalen Aktivitäten von Rocket. Efficient Frontier (seit Anfang 2012 Teil von Adobe) dürfte einen beträchtlichen Anteil seines Geschäfts außerhalb der USA den Portfolio-Firmen von Rocket verdanken. Im Affiliate Marketing investiert Rocket relevante Budgets bei Zanox und Commission Junction.

Die bisherigen Exit-Volumina von Rocket-Partnern aus dem Adtech-Bereich zeigen, dass sich Beteiligungen in diesem Bereich hätten lohnen können: Adobe zahlte für Efficient Frontier 400 Millionen US-Dollar, Criteo sammelte im Rahmen des Börsengangs 251 Millionen US-Dollar ein und für die Übernahme von Sociomantic sollen bis zu 200 Millionen US-Dollar geflossen sein. Dass Rocket Internet solche Chancen bisher ungenutzt ließ, verwunderte Anfang des Jahres sogar die branchenfremde Tageszeitung „Berliner Morgenpost“

Auch wenn Rocket Internet als harter Verhandlungspartner im Markt bekannt ist und den Dienstleistern häufig den niedrigsten Preis abverlangt, dürften die Spendings bei den Adtech-Partnern immer noch signifikant sein. Die gleichen Summen könnte der Inkubator in eigene Adtech-Beteiligungen investieren und damit deren Wachstum befeuern. Das notwendige Know-how dafür wäre vorhanden: Group Managing Director Alexander Kudlich war mehrere Jahre in führender Position beim Affiliate-Marketing-Netzwerk Zanox tätig, zu COO Johannes Bruders vorherigen Stationen gehört Google.

Potenzielle Wertsteigernde Wirkung der Marke Rocket

Adtech-Ventures sind zudem entsprechend der Rocket-Logik normalerweise auch gut international skalierbar. Ein „Rocket-Branding“ würde der Vermarktung der Technologie der jeweiligen Firmen möglicherweise zusätzlichen Schub geben. Wie sehr Rocket Internet als Marke innerhalb der Online-Branche zieht, zeigt sich derzeit auf dem Arbeits- und Dienstleistermarkt: Vormalige Mitarbeiter (sei es auch nur als Praktikant) des Berliner Inkubators ködern mit angeblichem „Rocket-Know-how“ erfolgreich ihre nächsten Arbeit- oder Auftraggeber. Zumindest diese Blase dürfte eines Tages platzen.

Die nächsten Erfolgsgeschichten aus dem Online Marketing dürften Mobile Advertising Startups schreiben – auch für Rocket ein hochrelevantes Thema. Denn das Firmenkonglomerat will künftig weltweit 74 Prozent aller Mobile User erreichen. Entsprechende Dienstleistungen im Technologiebereich auf B-to-B-Seite dürften also bei dem Berliner Unternehmen stark gefragt sein. Die Zeit wird zeigen, ob Rocket versuchen wird, diesmal von der Marktentwicklung zu profitieren.

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