„Es war den Leuten egal, ob ich Miele oder Müller heiße“

Christian Miele ist VC und Präsident des Bundesverbands Deutsche Startups. Im OMR Podcast spricht er seine Karriere, Netzwerke und die 50-Millionen-Series A beim Krypto-Fußball-Game Sorare

Bei manchen Gästen des OMR Podcasts fragt man sich, warum sie eigentlich nicht schon viel früher dort aufgetaucht sind. Christian Miele ist so einer. Seit Jahren in der Berliner Startup-Szene unterwegs, Partner bei einem der wichtigsten deutschen Frühphasen-Investoren und seit Ende 2019 als Präsident des Bundesverbands Deutsche Startups e.V. quasi Kopf und oberster Lobbyist der hiesigen Gründerszene. Nun also ist er zu Gast bei Philipp Westermeyer und liefert interessante Einblicke in das Verhältnis von Politik und Startups, erklärt seine Investment-Strategie und verrät, welche ausgeschlagenen Deals er bereut – und was hinter dem Gaming-Startup Sorare steckt, das gerade eine 50 Millionen Dollar schwere Series A mit jeder Menge Promi-Investoren vermeldet hat.

Wer einen so berühmten Familiennamen wie Christian Miele trägt, der erwartet es, nach seinen Verbandlungen mit der legendären Unternehmerdynastie, der er entstammt, gefragt zu werden. Damit das also gleich geklärt ist: „Ich habe keine Milliarden geerbt“, sagt Miele im OMR Podcast. Abgesehen von gelegentlichen Telefonaten mit seinem Onkel Markus Miele, der den Konzern führt, habe er nichts mit dem Unternehmen zu tun, sagt der 33-Jährige.

Reingestolpert in die Startupwelt

Im Gegenteil: „Meine Eltern haben immer wahnsinnig großen Wert darauf gelegt, dass ich bodenständig groß werde“, so Miele. Und dafür sei er ihnen dankbar, weil er so von vornherein den Ansporn hatte, seinen eignen Weg zu gehen. Der führte ihn vor rund zehn Jahren zu Rocket Internet, wo er nach dem Studium in zwei Projekte „reingestolpert“ sei, wie er selbst sagt. Zunächst in München beim Möbelversender Westwing, später beim mittlerweile von Sumup übernommenen Zahlungsdienstleiser Payleven in Berlin. Auf einmal habe er mit Anfang 20 in der Startup-Szene gearbeitet.

Und dort zählte – zumal in der damaligen Startup-Kopierfabrik Rocket Internet – nicht die Herkunft, sondern die Leistung. Zudem habe er zusammen mit einigen Leute gearbeitet, die er noch aus der Schule oder seiner Unizeit kannte. „Es war völlig egal, welchen Nachnamen man hatte. Am Ende haben wir alle gearbeitet, uns angestrengt, Lösungen für Probleme zu erarbeiten, die uns im Weg lagen“, sagt Miele. Und für diese Leute habe es keine Rolle gespielt, „ob ich Miele oder Müller heiße“.

Erfahrung in allen Gewerken

Das Berliner Ökosystem war damals klein und geradezu familiär. Man kannte sich und jeder hätte mit jedem schon einmal irgendwie zu tun gehabt. Als der damals noch in Hamburg ansässige Frühphasen-Investor e.ventures im Jahr 2015 jemanden suchte, der die Szene kannte und zudem operative Erfahrung mitbrachte, fiel die Wahl auf Miele. Er stieg als Vice President bei e.ventures ein, fünfeinhalb Jahre später wurde er Partner des VCS, der unter anderem den Aufbau von Groupon und Sonos mitfinanziert hat und bereits an mehreren milliardenschweren Exits und IPOs beteiligt war.

Seit Ende 2019 ist er zudem ehrenamtlicher Präsident des gemeinnützigen Bundesverbands Deutsche Stratups. Abermals irgendwie reingestolpert: „Die hatten die Meinung, dass es gut zu mir passen würde“, sagt Miele. Wobei es gute Gründe für diese Einschätzung gibt: „Ich habe sowohl als Business Angel wie auch als Gründer als auch als VC gearbeitet und kann relativ breit (über das Thema Startups, d.Red.) nachdenken und meine Erfahrungen aus den unterschiedlichen Bereichen weitergeben“, sagt Miele.

Themen, die das Ökosystem weiterbringen

Er habe die Aufgabe „wahnsinnig unterschätzt“, so Miele, und die von ihm kalkulierten fünf Stunden Aufwand pro Woche reichten bei Weitem nicht aus. Doch neben dem Durchsetzen von Zielen für den Verband – angefangen bei gelebter Diversity – nutzt er die Position, um für Themen zu lobbyieren, die das Ökosystem weiterbringen könnten: eine Regelung für Mitarbeiterbeteiligungen sowie einen zehn Milliarden Euro schweren Zukunftsfonds. Startup-spezifische Themen, „wo wir auch gewinnen und etwas erreichen können“, so Miele

Womit er beim Antritt natürlich nicht rechnen konnte, war die Corona-Krise. Die rückte ihn unvermittelt in die Öffentlichkeit. Denn Miele sprach und spricht sich für staatliche Hilfen für Gründer aus – wofür er kritisiert wurde, unter anderem auch (im OMR Podcast), wo sich Stammgast Sven Schmidt dagegen aussprach Startups mit Steuergeld zu retten.

Miele verteidigt das Vorgehen: „Als wir angefangen haben, diese Corona Matching Facility zu verhandeln, wusste ja noch niemand, was passieren wird.“ Wie in anderen Branchen auch, hätten viele Gründer um ihre Existenz gefürchtet. In so einer Ausnahmesituation, wo die Politik die Wirtschaft angehalten hätte, müsste man gemeinsam Lösung erarbeiten, sagt Miele.

Rettungsschirm für Startups

So entstand die Idee, einen staatlichen Rettungsschirm zu bilden, der Gelder an Startups ausschüttet, so diese von den Investoren gemacht werden. Worin er eine gute Lösung sieht. Denn in einem gibt er Sven Schmidt Recht: „Es darf auf keinen Fall dazu führen, dass Steuergelder in tote Pferde investiert werden.“ Das Matching sieht er da als gute Lösung, da der Investor eben auch sein Geld investieren und anzeigen muss, an welches Unternehmen er glaubt.

Trotzdem stand er für diesen Vorschlag in der Kritik: Die Kombination aus seinem berühmten Namen und der verlockende Erzählung vom schlauen Investor, der einen Weg gefunden hatte, sein Geld mit staatlicher Unterstützung durch die Pandemie zu retten, war für einige Medien zu verlockend. Ihm habe in dieser Situation ein (fälschlicherweise) Angela Merkel zugeschriebenes Zitat geholfen: „Wenn Aufregung helfen würde, würde ich mich aufregen.“

Kein Steuergeld für Portfoliofirmen

Tatsächlich hätte kein Unternehmen, an dem e.ventures beteiligt ist, Geld aus dem Programm beantragt. Wie er sich auch schon vor der Annahme des Postens als Verbandspräsident mit seinen e.ventures-Partnern darauf verständigt hätte, dass es zu keinen Interessenkonflikten kommen dürfe.

Aber natürlich hat Miele im Blick gehabt, welche unvermeidlichen Effekte seine öffentliche Tätigkeit mit sich bringen würde – auch für sein Profil als Investor: „Ich habe überlegt: Wie kann ich mich gegen alle anderen Kolleginnen und Kollegen differenzieren?“ Die beliebte Option eines Blogs sei ausgeschieden. „Ich kann nicht besonders gut schreiben und habe sich nicht die Geduld – und das kann auch jeder machen“, sagt Miele.

Sichtbarkeit im Ökosystem

Der Posten an der Spitze des Verbands kam in diesem Sinn zum richtigen Zeitpunkt: „Damit wurde meine Sichtbarkeit im Ökosystem gesteigert“, sagt Miele. Er glaube auch, dass dies einen positiven Effekt für die Marke e.ventures habe, und dass seine erhöhte Sichtbarkeit „vermutlich auch für meine eigene Brand und damit vielleicht für unseren Dealflow cool ist“. Denn natürlich bringe der Lobbyjob neue Kontakte mit sich und ermögliche es ihm Intros zu machen.

Wenn Ende des Jahres seine zweijährige Amtszeit ausläuft, werden ihm neben der Erfahrung, wie stark politische Interessen eine einfache Idee wie den Zukunftsfonds vom Konzept bis zur Umsetzung in ihrem Sinne verformen können, auf jeden Fall eine Menge Kontakte bleiben. Im Netzwerk sieht Miele auch das gewichtigste Asset eines Investors. Gründer hätten im Rückblick bestätigt, das Kontakte zu Folgeinvestoren, strategischen Partnern oder potenziellen Mitarbeitern durch ihre Kapitalgeber wichtiger gewesen seien als sein Geld und seine Ratschläge.

Hype um das Blockchain-Game Sorare

Natürlich wird auch über die derzeit spannendsten Unternehmen aus dem Portfolio von e.ventures gesprochen. Zu denen gehören der vor allem in den USA aktive und extrem erfolgreiche Quick-Delivery-Dienst GoPuff, der rasant wachsende Sachbuch-Komprimierer Blinkist und vor allem Sorare, ein auf Blockchain-Technologie basierendes Fantasy-Football-Spiel (OMR hat bereits darüber geschrieben), in das Miele schon in der Seedphase investiert hatte.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit gebe es die Möglichkeit, digitale Güter zu verknappen, schwärmt Miele. Denn Sorare dreht ich um Sammelkarten von realen Sportlern. Die können in einem Fantasy-Football-Modus eingesetzt werden, sind zugleich aber Trading Cards mit unterschiedlicher Seltenheit, die mit Blick auf eine mögliche Wertsteigerung gesammelt und gehandelt werden können.

50 Millionen schwere Series A

Und das Thema Krypto-Gaming nimmt derzeit tüchtig Fahrt auf. Nachdem e.ventures im Frühjahr 2020 als Seed-Investor bei den Franzosen eingestiegen war, vermelden die nun – kein Jahr später – nicht nur jede Woche neue Lizenzdeals mit internationalen Spitzenclubs und -Ligen, sondern eine 50-Millionen-Dollar-Series-A. Damit bekommt das Startup nicht nur jede Menge frisches Kapital, sondern auch einige spannende Investoren. Zu den Geldgebern gehören unter anderem die Top-VC-Firmen Benchmark und Accel, der Marketing-Über-Influencer Gary Vaynerchuk, Reddit-Gründer Alexis Ohanian sowie die Ex-Fußballprofis Oliver Bierhoff, Antoine Griezmann und Rio Ferdinand.

Sorare arbeite bereits seit dem Moment, in dem e.ventures damals eingestiegen sei, profitabel, so Miele. Mit Blick auf die Expansion sagt er darum: „Wir müssen jetzt langsam mal unprofitabel werden.“ Das Team aus aktuell 13 Leuten werde erweitert, Deals mit weiteren Ligen sollen abgeschlossen und vor allem kräftig ins Marketing investiert werden.

Christian Mieles „Anti-Portfolio“

Und nicht nur die getätigten Investments kommen zur Sprache, sondern auch die verpassten wie Instagram, Snapchat, Palantir und WhatsApp. Mieles ehemaliger e.ventures-Kollege Sebastian Pollock, der daran einigen Anteil hatte, legte bereits vor einiger Zeit im OMR Podcast sein „Negativportfolio“ offen. Nun ist Christian Miele an der Reihe.

Der sagt zwar: „Mein persönliches Anti-Portfolio ist noch relativ mau“, denn er sei zu kurz dabei, um zu sehen, welche ausgeschlagenen Deals zu verpassten Gelegenheiten werden, die man wirklich bereut. Doch ein paar Investment-Fails lässt er sich dann doch entlocken: Er ärgere sich schon, bei Sennder nicht eingestiegen zu sein, ebenso bei Cargo One und Choke. „Das sind schon wirklich richtig coole Companies“, sagt Miele, „Da hätten wir bestimmt die Möglichkeit gehabt, was zu bauen.“

Wenn Ihr außerdem wissen wollt, wie viel Geld e.ventures im Schnitt in Startups investiert, warum Miele am liebsten in Firmen investiert, bei denen man sich die Hände schmutzig machen muss und weshalb er nicht in das aktuell über alle Maße gehypte Berliner Quick-Delivery-Startup Gorillas (Gründer Kagan Sümer hier im OMR Podcast) investiert hat, dann hört euch unbedingt diese Folge des OMR Podcasts an.

Unsere Podcast-Partner im Überblick:

Ihr kennt den Streamingdienst Disney+, aber kennt ihr ihn wirklich? Denn neben den bestehenden Marken wie Marvel oder Pixar kommt nun Star dazu. Das bedeutet Tausende weitere Stunden Filme und Serien wie „How I Met Your Mother“, darunter zahlreiche Originals und Blockbuster wie „Moulin Rouge“ oder „Speed“. Und über das Feature „Group Watch“ könnt ihr auch zusammen mit Freunden oder der Familie schauen, auch wenn ihr räumlich getrennt seid. Die gesamte Welt von Disney+ inklusive Star gibt es jetzt für 8,99 Euro im Monat oder 89,90 im Jahr – alle Infos auf disneyplus.com.

Die Kollegen von Vodafone haben sich was Neues ausgedacht. Und zwar GigaKombi Business. Das bedeutet, Ihr könnt nun auch Mobil- und Festnetztarife miteinander kombinieren. Ein Beispiel: Wenn Ihr den Mobilfunktarif „Red Business Prime“ mit dem Festnetztarif „Red Business Internet & Phone Cable 1000“ kombiniert, zahlt ihr nicht nur 29 statt 39 Euro im Monat für den Mobilfunktarif. Ihr bekommt außerdem die ersten sechs Monate des Festnetztarifs für 0 Euro statt 49 Euro im Monat. Dazu kommen noch ein unlimitiertes Datenvolumen und weitere Vorteile. GigaKombi Business gibt es für Neu- und Bestandskunden. Alle Infos zu der Kombinationsidee findet Ihr unter vodafone.de/giga-business.

Seit einiger Zeit wird ja viel von Purpose geredet. Beim Unternehmen Dr. Pfleger – seit kurzem OMR Family Member – wird die Idee des sinnstiftenden Unternehmertums seit bald 50 Jahren gelebt. Alle Überschüsse, die das mittelständische Pharmaunternehmen erwirtschaftet, kommen entweder Schulen oder Kindergärten zugute, oder aber sie fließen in die medizinische Grundlagenforschung. Bekanntestes Produkt der Bamberger sind die Halspastillen der Marke Ipalat. Sie sind ein inzwischen auch von Podcastern geschätzter Helfer bei allen Arten von Stimmproblemen. Ob Halskratzen, Husten, Heiserkeit, Ipalat hilft mit der Wicklung der Primelwurzel, Anis und Fenchel.

House of Yas ist eine Agentur mit 35 Mitarbeitenden, die Content-Welten für Marken entwickelt, on-page und Social Media. Zu den Kunden gehören unter anderem Immoscout24, Funke Medien und Fraport. Die Kölner suchen aktuell neue Kolleg*innen. Wenn Ihr in den Bereichen Account Management, Consulting oder Performance Marketing zuhause seid und Lust auf einen spannenden Job in einem pragmatischen Team habt, schaut Euch das auf jeden Fall an. Alle Infos auf houseofyas.de.

Zum Schluss noch ein Hinweis in eigener Sache: Wir haben den OMR Podcast International gerelauncht. Ab sofort interviewt dort neben dem Chef Philip Westermeyer auch unser Kollege Scott spannende Unternehmer und Kreative. Den Auftakt macht – passend zu dieser Folge – ein Gespräch mit Nicolas Julia, dem Mitgründer des Fantasy-Football-Startups Sorare. Wer also richtig tief in das Thema Blockchain-Games und digitale Verknappung einsteigen will, ist hier absolut richtig.

Alle Themen des Podcasts mit Christian Miele im Überblick:

  • Über seine Verbindung zum Unternehmen Miele und dessen Chef, seinem Onkel Markus Miele
  • Wie er zu e.ventures kam und später Partner bei dem Seed- und Early-Stage-Investor wurde
  • In welche Startups e.ventures investiert hat
  • Wie er zum Präsidenten des Bundesverbands Deutsche Startups wurde
  • Warum Miele glaubt, dass das wichtigste Asset eines Investors inzwischen sein Netzwerk ist
  • Welche Argumente für Miele dafür sprechen, Startups in der Corona-Krise finanziell zu stützen
  • Wie er mit der öffentlichen und medialen Kritik gegenüber seiner Person umgeht
  • Warum der Verband unter Miele die Themen Mitarbeiterbeteiligung und einen Zukunftsfonds in den Fokus nimmt
  • Wieso Miele glaubt, dass das europäische Ökosystem – noch – staatliche Mittel braucht
  • Warum Miele große Erwartungen an das e.ventures-Investment und Fantasy-Football-Spiel Sorare hat
  • Wieso der GoPuff-Investor nicht in das gehypte Berliner Quick-Delivery-Startup Gorillas eingestiegen ist
  • Ob Blinkist tatsächlich bald Unicorn-Status erreichen könnte
  • Warum e.ventures nicht in den Life-Science-Bereich und Biotech investiert
  • Über seinen eigenen Podcast „Tech Briefing“ für Media Pioneer
  • Das Negativportfolio von Christian Miele bei e.ventures
  • Welche Themen und Ideen ihn besonders interessieren
  • In wie viele Startups e.ventures im Jahr investiert und wie groß die Tickets sind
  • Update zum Series-A-Funding bei Sorare und Miele Blick auf das Potenzial der digitalen Verknappung durch die Blockchain-Technologie NFT
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