Ein uraltes Schulhofspiel als viraler Hit der Neuzeit

Wer dieses Kinderspiel clever in der Kommunikation nutzt, landet unter Umständen einen viralen Erfolg im Internet

In Japan sorgen "Schere Stein Papier"-Events mitunter für große Emotionen.
In Japan sorgen "Schere Stein Papier"-Events mitunter für große Emotionen.

Ihr kennt es nun wirklich alle, wahlweise unter dem Namen Rock Paper Scissors, Schere Stein Papier oder auch Schnick Schnack Schnuck. Und jede Wette: Ihr habt es auch schon selbst gespielt. Aber wusstet ihr auch, dass das Schulhofspiel ein Reichweiten-Garant auf Social Media sein kann, im Profisport regelmäßig für virale Begeisterungsstürme sorgt und es sogar eine offizielle Weltmeisterschaft gibt? OMR hat den Recherche-Stein ins Rollen gebracht, die wichtigsten Infos zu diesem kuriosen Internet-Phänomen zusammengeschnitten und sie anlässlich des World Rock Paper Scissors Day am 27.8. zu (digitalem) Papier gebracht.

1,2 Milliarden Views bei Tiktok

Damit ihr jetzt nicht denkt, dieser Text sei reine Spielerei, starten wir direkt mit ein paar Fakten: Videos mit dem Hashtag #RockPaperScissors kommen bei Tiktok auf über 1,2 Milliarden Aufrufe. Die meistgesehenen zählen dabei über 45 Millionen Views, manche sogar über 100 Millionen.

Okay, insbesondere bei Letzterem ist das kein Zufall. Denn es stammt von keinem Geringeren als dem US-amerikanischen Social-Media-Star James Donaldson, besser bekannt als „MrBeast“, der bei Tiktok 86,4 Millionen Follower*innen hat. In dem Video macht er nichts Außergewöhnlicheres als eine Runde Schere Stein Papier zu spielen. Verliert sein Gegner, zahlt dieser 100.000 US-Dollar an eine wohltätige Einrichtung. Der Clou: MrBeasts Kontrahent ist der aktuell vielleicht größte Filmstar der USA – und sein Name bei dem Schulhofspiel mitunter Programm: Dwayne Johnson alias The Rock.

Kurze Auflösung: Nach jeweils Papier und Schere auf beiden Seiten in den ersten beiden Runden verliert The Rock im dritten Anlauf ausgerechnet mit eben diesem, da MrBeast ihn mit seinem Papier einwickelt. Die beste Nachricht für die Kinderhilfsorganisation Make-A-Wish: Am Ende wollen unabhängig vom Spielausgang beide je 100.000 US-Dollar spenden.

MrBeast startet eigenes Turnier 

MrBeast wäre nicht MrBeast, wenn er das Duell mit The Rock nicht im Vorfeld auf seinen Social Media Accounts entsprechend angeteasert hätte. So kommt er auf Tiktok mit seinen Vorbereitungsvideos im Vorfeld des großen Showdowns und dem dazu gehörigen Hashtag #mrbeastvstherock auf fast 500 Millionen Views.

Was MrBeast schnell erkennt: Das ansonsten Offline-Kinderspiel Rock Paper Scissors entfaltet im Netz eine ungeahnte virale Durchschlagskraft. Nur wenige Wochen nach dem Triumph über The Rock setzt er im Dezember 2022 ein eigenes Turnierformat um, das er bei Youtube streamt. Der Sieger kassiert leicht verdiente 50.000 US-Dollar und MrBeast mit seinem 50-minütigen Video über sechs Millionen Aufrufe.

Schere Stein Papier wird zum Wettbewerbssport

Im weltweiten Vergleich trifft Schere Stein Papier offenbar vor allem in Japan den Nerv der Menschen. Im Land der aufgehenden Sonne ist das Spiel, das dort den Namen „Janken“ trägt, sogar ein beliebter Wettbewerbssport. Einige der in Japan ausgetragenen Duelle arten dabei in ein Feuerwerk der Emotionen aus. Zum Beispiel dann, wenn die äußerst beliebte weibliche Popgruppe AKB48 das Spiel alljährlich nutzt, um zu bestimmen, wer ihrer über 100 Mitglieder im Line-Up für die nächste Single sein wird.

Aber auch im Westen wird Schere Stein Papier in professioneller Turnierform gespielt. Seit 2009 treten Spieler*innen aus der ganzen Welt bei der World Rock Paper Scissors Championship gegeneinander an. Beim Turnier 2023 im kanadischen Toronto duellieren sich beispielsweise rund 1500 Teilnehmende um die 7000 US-Dollar Preisgeld für den Sieger.

Schon Anfang der 2000er finden in den USA auch nationale Wettbewerbe statt. Tech-Giganten wie Microsoft und Yahoo! engagieren sich seinerzeit als Sponsoren, ESPN und Fox Sports bringen Schere Stein Papier ins Fernsehen. Ehrlicherweise sei an dieser Stelle gesagt, dass sich Rock Paper Scissors als TV-„Sport“ alles andere als durchgesetzt hat. Das verwundert auch nicht, denn stundenlange TV-Übertragungen von Turnieren verkommen allzu schnell zu monotonen Dauerschleifen, die sich niemand ernsthaft länger als ein paar Minuten antun will.

Handball-Club: 5.000.000 statt 50.000 Views

Rock Paper Scissors funktioniert eben am besten bei auf bestimmte Situationen zugespitzten Entscheidungsduellen. Dieses Prinzip machen sich regelmäßig auch Profisportler*innen zunutze und sorgen damit für virale Schlagzeilen. Beispiele dafür gibt es genügend. So steht schon nach kurzer Recherche-Zeit die These fest: Immer wenn Profis aus den unterschiedlichsten Sportarten das Spiel Schere Stein Papier aus dem Ärmel schütteln, entsteht im Nachgang ein medialer Hype darum.

Drei Beispiele:

  • Der Jubel der beiden Ex-Bundesliga-Profis Christian Pulisic und Weston McKennie im Trikot der US-amerikanischen Fußballnationalmannschaft im Juni 2023. Allein auf X (früher: Twitter) wird die Szene in Summe über diverse Kanäle in siebenstelliger Anzahl ausgespielt. Ganz abgesehen von der klassischen Berichterstattung, die das Spielchen der beiden nach sich zieht.
  • Bei der Slowenien-Tour im Radsport lassen Tadej Pogačar and Rafał Majka vom Team UAE Team Emirates eine Runde Rock Paper Scissors über einen Etappensieg entscheiden. Das Video geht unter anderem auf Instagram und auf X viral, wo es allein über den Account „Historic Vids“ über 15 Millionen Mal ausgespielt wird. Das Video bekommt fast 250.000 Likes und 25.000 Reposts, was den beteiligten Radprofi Pogačar zu einem amüsanten Tweet animiert.
  • Den für ihre Verhältnisse größten Reichweite-Coup erzielen mit Schere Stein Papier aber die Rhein-Neckar Löwen. Der Top-Club aus der Liqui Moly Handball-Bundesliga streut das Spiel 2020 bei einer Trainingseinheit ein und hält das Ganze auf Tiktok fest. Das Resultat: 5,5 Millionen Views – für den Verein ein großer Erfolg. Denn die Videos der Löwen mit ihren knapp 200.000 Follower*innen bei Tiktok generieren ansonsten in der Regel fünfstellige, wenn es gut läuft sechsstellige Aufrufe.

Englischer Schiri überreizt es

Aber Achtung: Mit Schere Stein Papier kann man sich im Profisport auch ganz schön verzocken. Das ist im März dieses Jahres zum Beispiel den ungarischen Fußballprofis Dominik Szoboszlai und Roland Sallai auf die Füße gefallen. Im Länderspiel gegen Estland wollten die beiden bestimmen, wer einen fälligen Elfmeter schießt. Sallai gewann – verschoss aber den Elfmeter. Viral gingen die dazugehörigen Videos via Social Media trotzdem, aber eben nicht ohne die entsprechende Häme in den Kommentaren.

Auch Schiedsrichter sollten sehr genau überlegen, ob Schere Stein Papier in ihrem Job die richtige Grundlage für Entscheidungen sein kann. Das bekam 2018 David McNamara nach einem Spiel der englischen Women’s Super League zu spüren. Der Referee hatte seine Münze für die Platzwahl vergessen und ließ die beiden Kapitäninnen per Rock Paper Scissors entscheiden. Pragmatisch gelöst sagen die einen, drei Wochen Sperre sagte der englische Fußballverband FA.

So gewinnt ihr jedes Spiel

Nun wollen wir euch zum Ende aber nicht ganz ohne praktischen Tipp entlassen. 2014 haben chinesische Wissenschaftler in einer Studie analysiert, wie jede*r von uns ein Spiel Schere Stein Papier für sich entscheiden kann. Stark verkürzt müsst ihr dafür eigentlich einfach nur zwei Regeln beachten, die Wissenschaftler nennen es die „win-stay, lose-shift“-Strategie:

  • Gewinner*innen bleiben in der Regel bei ihrer siegreichen Strategie und nutzen in der Folgerunde dasselbe erfolgreiche Symbol noch einmal.
  • Verlierer*innen nutzen in den meisten Fällen beim nächsten Mal ein anderes Symbol.

Und damit einen erfolgreichen World Rock Paper Scissors Day!

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Henning Eberhardt
Autor*In
Henning Eberhardt

Henning ist bei OMR seit Anfang 2023 für Sport- und Gaming-Inhalte zuständig. Von 2010 bis 2019 pendelte er für den Sportbusiness-Verlag SPONSORs als Redakteur zwischen Fußballstadion und Formel-1-Rennstrecke. Anschließend wechselte der waschechte Insulaner zum Marketing-Medium absatzwirtschaft in die Handelsblatt-Gruppe.

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