Castore vs. Nike & Co.: Wie zwei Brüder den Ausrüstermarkt aufmischen wollen

Hinter dem Ausrüster-Startup stecken zwei ambitionierte Brüder, die es mit den ganz Großen der Branche aufnehmen wollen

Der britische Profiboxer Adam Azim zählt zu den Markenbotschaftern von Castore. (Foto: Castore)
Der britische Profiboxer Adam Azim zählt zu den Markenbotschaftern von Castore. (Foto: Castore)

Ohne eigene Branchenerfahrung eine Sportartikelmarke aus dem Boden stampfen und es mit den Allergrößten der Branche aufnehmen? Thomas "Tom" und Philip "Phil" Beahon wurden für ihre vermeintlich aussichtslose Geschäftsidee schon von so manchem potenziellen Geldgeber oder Berater wahlweise für größenwahnsinnig oder verrückt erklärt. Dem Brüderpaar aus Bebington bei Liverpool war's stets egal, sie wollten ihren Traum von einer eigenen Sportartikelmarke zum Leben erwecken und gingen schließlich mit Mitte 20 aufs Ganze: Phil gab seinen Job bei der Unternehmensberatung Deloitte auf, während sein älterer Bruder Tom den Job bei der Lloyds Banking Group an den Nagel hängte, um 2016 das Unternehmen Castore zu gründen.

Die Beahon-Brüder haben trotz Corona-Krise aus ihrer Idee am Küchentisch in atemberaubendem Tempo eine Sportartikelmarke mit rund 250 Millionen US-Dollar Umsatz (rund 230 Millionen Euro), über 400 Mitarbeitenden und Headquarter in Manchester geformt. Bald schon soll die Marke von 500 Millionen US-Dollar Umsatz fallen. Anfang 2024, also knapp acht Jahre nach Gründung, sind auf der Webseite von Castore die folgenden Sätze zu lesen: "Die Sportbekleidungsindustrie wird seit jeher von einer kleinen Clique von Massenmarktmarken beherrscht. Die Vision von Castore ist es jedoch, eine Premium-Alternative zu seinen Konkurrenten zu sein. Unsere Mission ist es, die leichteste, haltbarste und leistungsstärkste Sportbekleidung auf dem Markt herzustellen."

Bayer 04 Leverkusen, Formel 1, Andy Murray

Um mehr Bekanntheit zu erreichen, schließt Castore seit einigen Jahren Ausrüsterverträge im gesamten europäischen Fußball ab. Zu den internationalen Mandaten zählen unter anderem Feyenoord Rotterdam und der FC Sevilla, in Deutschland gelang der Markteintritt zur Saison 2022/23 über die Partnerschaft mit Bayer 04 Leverkusen. Hinzu kommen langjährige Ausrüsterverträge mit Formel-1-Teams wie Oracle Red Bull Racing und McLaren Racing, dem Radsport-Team Ineos Grenadiers sowie mit dem Tennis-Olympiasieger Andy Murray und diversen Cricket- und Rugby-Clubs und -Verbänden.

Murray ist noch deutlich enger mit Castore verbunden. So entwarf der Tennisprofi gemeinsam mit der Marke seine eigene Sportartikellinie AMC, in deren Dress er auf der ATP-Tour aufschlägt. Murray gehört zudem sowohl zu den ersten als auch größten externen Anteilseignern von Castore. Zu den Investoren zählen eine Reihe an internationalen Geschäftsleuten wie zum Beispiel die britischen Selfmade-Milliardärsbrüder Mohsin und Zuber Issa.

Ende 2023 sammelte Castore in einer Investorenrunde rund 145 Millionen Britische Pfund ein (rund 169 Millionen Euro), um weiteres Geld in die Infrastruktur zu stecken. Dabei wurde Castore mit über einer Milliarde Euro bewertet - in der Startup-Welt hätte die Marke also schon jetzt den Status "Unicorn" inne.

Clubs kündigen wegen mangelnder Qualität

Bei aller Euphorie rund um die Wachstumsstory von Castore ist bei der aufstrebenden Sportartikelmarke aber auch nicht alles Gold, was glänzt. Es hagelt zum Teil harsche Kritik. Dem Vernehmen nach kommt es bei einigen Partner-Clubs beispielsweise immer wieder zu Verzögerungen bei der Lieferung von Trainingskleidung für die Spieler sowie bei Fanartikeln.

Vor allem im Castore-Heimatmarkt England beklagen sich die Clubs seit Monaten über Qualitätsprobleme des Trikotmaterials. Zerrissene Spielkleidung nach Zupfern in Zweikämpfen sorgten in der Premier League fortwährend für Schlagzeilen. Mit einem speziellen Problem hatten die Profispielerinnen und -spieler von Aston Villa zu kämpfen. Denn die Jerseys der "Villans" scheinen mitunter den Schweiß nicht richtig abzutransportieren, sodass sie bei zu viel Flüssigkeit klatschnass im "Wetlook" daherkommen. "Schon nach zehn Minuten sehen die Spieler so aus, als wären sie in einen Pool gesprungen", zitierte der "Telegraph" eine vereinsnahe Quelle.

In der Folge kassierte Castore nicht nur negative PR, sondern muss sogar Mandantsverluste hinnehmen: Sowohl Aston Villa als auch Newcastle United steigen im Sommer aus ihren bestehenden Verträgen mit dem Ausrüster aus. Und beide Clubs wechseln zur neuen Saison ausgerechnet zum etablierten Wettbewerber Adidas, in dessen Riege Castore vor allem auch mit der Begründung höherer Qualitätsansprüche vorstoßen wollte und will.

Der weite Weg zu Adidas, Nike und Puma

Angesichts solcher Qualitätsmängel scheint der Weg in die Weltspitze der Sportartikelbranche für Castore noch ein ziemlich weiter zu sein. Nike (47 Milliarden Euro), Adidas (21,1 Milliarden Euro) und Puma (8,47 Milliarden Euro) sind und bleiben gemessen am Umsatz vorerst die unangefochtenen großen Drei im globalen Wettbewerb der Sportartikelhersteller. Und das Trio wird seine Vormachtstellung bei den ganz großen Clubmandaten ganz sicher nicht kampflos einem ambitionierten Newcomer wie Castore überlassen. Ganz abgesehen davon, dass Castore mittelfristig nicht ansatzweise in der Lage sein wird, milliardenschwer in Ausrüsterpartnerschaften zu investieren wie es Adidas, Nike und Puma regelmäßig tun.

Das Castore-Gründerduo gibt sich trotzdem stets angriffslustig. "Ich will, dass Castore der Tesla des Sportartikelmarkts wird", sagt Tom Beahon im Video-Interview mit "Business of Sport", während er kürzlich auf seinem Profil im Business-Netzwerk LinkedIn schreibt: "Als wir Castore gründeten, war es unsere Vision, eine stolze britische Marke zu schaffen, die auf der globalen Bühne konkurriert. Und wir werden nicht aufhören, bis wir dieses Ziel erreicht haben."

Digitale End-to-End-Plattform für globale Sportteams

Insbesondere durch den Einsatz einer "technologiegestützten digitalen End-to-End-Plattform für globale Sportteams" glaubt Castore einen Vorteil gegenüber den Platzhirschen im Markt zu haben. Diese Plattform verwalte den gesamten Omnichannel-Einzelhandel (online, offline, veranstaltungsbasiert) für ausgewählte Partner und verfüge über einen gezielten "Ansatz zur Umsatzsteigerung durch Produktqualität, Lieferketteninnovation und Fanbindung".

Was genau hinter der Plattform steckt, bleibt unklar. Um weiteres Wachstum zu erzielen, muss Castore aber ohnehin zunächst das kleine Einmaleins beherrschen. Geplant sind dem Vernehmen nach Eröffnungen physischer Läden in Großbritannien und Übersee sowie der Aufbau internationaler Websites und Investitionen in Vertriebszentren in neuen Märkten.

Für weitere Aufmerksamkeit und Markensichtbarkeit wird Castore darüber hinaus ganz sicher auch in weitere Partnerschaften mit Clubs und Verbänden investieren – und hat dabei auch den deutschen Markt im Visier. Angeblich ist sich die Marke bereits mit dem Zweitligisten 1. FC Kaiserslautern einig und wird zur Saison 2024/25 Ausrüster der Pfälzer.

Name mit Bezug zur griechischen Mythologie

Bleibt abschließend noch die Frage nach dem Markennamen. Wofür steht eigentlich Castore? Die Antwort auf diese Frage führt in die griechische Mythologie zu Castor und Pollux. Diesem unzertrennlichen Brüderpaar werden unzählige heldenhafte Taten und eine intensive Wettbewerbsnatur nachgesagt – für Tom und Phil Beahon offenbar die optimale Analogie zu ihrem eigenen Bestreben.

Bei dem Artikel handelt es sich um eine Übernahme. Der Text erschien zuerst im neuen Sportbusiness-Channel des kicker.

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Henning Eberhardt
Autor*In
Henning Eberhardt

Henning ist bei OMR seit Anfang 2023 für Sport- und Gaming-Inhalte zuständig. Von 2010 bis 2019 pendelte er für den Sportbusiness-Verlag SPONSORs als Redakteur zwischen Fußballstadion und Formel-1-Rennstrecke. Anschließend wechselte der waschechte Insulaner zum Marketing-Medium absatzwirtschaft in die Handelsblatt-Gruppe.

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