Sven Schmidt: „Wer Adidas für systemkritisch hält, hat einen zu großen Sneaker-Schrank“

Sven Schmidt OMR Podcast

Sven Schmidt

Klar liegt der Schatten der Corona-Krise auch über dieser Folge mit unserem Stammgast. Erhellende Einsichten gibt es dennoch

Viele Leute haben eine Meinung. Wenige sind analytisch stark. Und noch weniger Menschen verbinden die beiden Eigenschaften. Genau darum sind wir bei OMR froh, den Ex-Venture Partner von Accel Partner und Geschäftsführer von maschinensucher.de, Sven Schmidt als Stammgast im OMR Podcast zu haben. Und, was soll man sagen, auch diesmal liefert Schmidt: legaler Bankraub aus der Startup-Szene, asoziales Verhalten von Adidas, falsche Berater für die SPD und maschinensucher.de als Namensgeber eines Fußballstadions. Wie immer teilt Philipp Westermeyer nicht jede Einschätzung seines Gastes, aber genau darum holt er ihn ja gerne vors Mikro.


Kleiner Spoiler: Wer Schmidt „on fire“ hören will, der muss sich etwas gedulden. Denn zunächst einmal sprechen Philipp und Schmidt sehr konzentriert und sachlich über den aktuellen Stand der Corona-bedingten Verwerfungen in der Welt der Wirtschaft.

Überraschend stabile Event-Branche

Zum Einstieg bringt Philipp seinen Gast auf ein Thema, das ihn als Ausrichter des gecancelten OMR Festivals natürlich selbst sehr interessiert. Es geht um eine eigentlich paradoxe Beobachtung: Das Business vieler Event-Unternehmen ruht Corona-bedingt gerade komplett. Trotzdem haben die Aktienkurse vieler Player wie etwa CTS Eventim nur moderate Abwertungen erfahren.

Schmidt kann sich das nur erklären, indem er vermutet, das Unternehmen sei entweder vor der Krise unterbewertet gewesen oder heute überbewertet. Zwar habe ein vertikal integrierter Anbieter wie CTS Eventim, der von Veranstaltungsproduktion bis Ticketing alles liefert, gute Chancen, auch nach der Krise gut dazustehen. Doch die entscheidende Frage für Event-Firmen sei doch noch immer ungeklärt, so Schmidt: „Wann kommt die Impfung?“

Parfüm hilft nicht gegen die Werbekrise

Dann muss Philipp seinem Gast Schmidt einen Glückwunsch aussprechen: Dessen Skepsis an der E-Commerce-Strategie von ProSiebenSat.1 scheinen sich zu bestätigen. Nach dem Management-Wechsel steht dort wohl die Abstoßung der entsprechenden Bereiche bevor. „Ich kann ja die Herausforderung in meinem Kerngeschäft nicht heilen, indem ich auf einmal anfange, Parfüm zu verkaufen. Das war ja immer meine Kritik“, sagt Schmidt. Das sehen die Gesellschafter des Medienunternehmens inzwischen offensichtlich ähnlich.

In der Folge erläutert VC-Experte Schmidt noch einmal ausführlich seine Sicht und benennt die in seinen Augen entscheidenden Fehler, die bei ProSiebenSat.1 gemacht wurden. Man habe bei den Investments zu wenig das eigene Kerngeschäft im Blick gehabt und bei den getroffenen Maßnahmen zu zurückhaltend agiert. Auch dem spät gestarteten Streaming-Portal Joyn räumt Schmidt keine großen Chancen gegen die internationalen Anbieter Netflix und Disney ein.

Als nächstes nehmen sich die beiden die vier deutschen Unicorns N26, Getyourguide, Flixbus und Auto1 vor. Schmidt räumt der Challenger-Bank N26 aufgrund in der Corona-Krise veränderten Zahlungs- und Banking-Gewohnheiten eine gute Position ein. Denn anders als die alten Player hätten die Berliner „keine Legacy-Strukturen“, wie etwa Filialen, die nach dem Digitalisierungs-Push während des Lockdowns vielen Kunden, vor allem aber den Entscheidern als noch obsoleter erscheinen dürften.

Wo bleibt der Bus der Geimpften

Ambivalent ist Schmidts Einschätzung der Buchungsplattform GetYourGuide. Ob dem Vermittler von Aktivitäten und Eintrittskarten für Touristen ein schneller Rebound gelingt, hänge wiederum von der Frage ab, wann es die Covid-19-Impfung kommt. Denn: „Ab wann will man sich wieder in so einen vollen Hop-on-hop-off-Bus setzen?“ Auf der anderen Seite könnte eine nachhaltig gesunkene Bereitschaft von Touristen, sich für Tickets in Schlangen einzureihen, das Geschäft post Corona auch stärken, so Schmidt. Auch Flixbus müsse – wie jedes „Auslastungsgeschäft“ – im Zeitalter des Social Distancing auf die Impfung hoffen.

Bei Auto1 wiederum könnte das Gegenteil zutreffen. Aktuell erscheint das Auto als sicherste Variante von A nach B zu kommen, was zu einer höheren Nachfrage führen könnte, so Schmidt. Anderseits stelle sich die Frage, wie sich individueller Fahrzeugbesitz auf lange Sicht entwickelt. Auch ein meinungsfreudiger Analyst wie Sven Schmidt bleibt angesichts der Corona-Krise, die schon so viele Gewissheiten zerschlagen hat, ausnahmsweise einmal unentschieden: „Man weiß es nicht.“

AirBnBs und die Wucherzinsen

Und auch auf den nächsten Case wirft die Pandemie ihren Schatten: AirBnB. Nicht nur der geplante Börsengang des Unternehmens in 2020 sei nun extrem unwahrscheinlich geworden. Schmidt weist auch auf einen seiner Meinung hierzulande zu wenig beachteten Deal hin. Dass sich der Zimmervermittler nämlich von der Beteiligungsgesellschaft Silver Lake eine Milliarde US-Dollar geliehen hat – zu satten zehn Prozent Zinsen. „Das ist ja schonmal in Zeiten von Negativzinsen ein Wort. Aber vor allem kann Silver Lake sich entscheiden, das in Anteile von AirBnB zu wandeln – bei einer Bewertung von 17 Milliarden.“

Dann geht es zurück auf diese Seite des Atlantiks und zu einem Thema, zu dem Schmidt eine gewohnt deutliche Meinung hat. „In Deutschland scheint es mir aktuell so zu sein, dass jede Lobbygruppe asozial, unmoralisch den Staat auffordert, ihren Mitgliedern Geld zu geben, ob es gerechtfertigt ist oder nicht“, so Schmidt.

Konkret verwehrt er sich gegen die von der Startup-Lobby formulierte Forderungen, Steuergeld in Startups zu investieren. Darin sieht Schmidt einen wenig verschleierten Versuch, das Geld von Wagnisinvestoren zulasten der Steuerzahler zu retten – und somit die in den vergangenen Jahren gewachsene ungleiche Verteilung von Kapital weiter zu verschärfen.

Was erlauben Adidas?

Kein Verständnis hat Schmidt auch dafür, wenn ein börsennotierter Konzern wie Adidas nach dem Staat ruft, um Kosten für Kredite zu senken. Und da ist dann auch die klare Haltung: „Der Staat hat die Aufgabe, die Arbeitsplätze zu schützen. Der Staat hat nicht die Aufgabe, die Gesellschafter zu schützen“, so Schmidt. Und weiter: „Wer glaubt, Adidas sei systemkritisch, der hat einen zu großen Sneaker-Schrank.“

Zum Schluss überrascht Schmidt Philipp noch mit einer aktuell ziemlich antizyklisch gedacht wirkenden Investment-Idee. Mit seinem Unternehmen maschinensucher.de will er Namenssponsor des Stadions des MSV Duisburg werden und hat dem Drittligisten und Aufstiegskandidaten einen Zehnjahres-Deal angeboten.

Wenn Ihr erfahren wollt, welche Überlegung hinter dem Sponsoring-Pitch steckt, was Sven Schmidt von einem Investor als Chef der Startup-Lobby hält, und wozu er Hörern des OMR Podcast mit SPD-Parteibuch rät, hört auf jeden Fall rein in die aktuelle Folge.

Unsere Podcast-Partner im Überblick:

An dieser Stelle möchten wir mal wieder auf den hervorragenden Podcast „Digitale Vorreiter“ mit Christoph Burseg unseres Partners Vodafone hinweisen. In der aktuellen Folge spricht er mit Dr. Anke Diehl, Digital Change Managerin am Uni-Klinikum Essen. Eine spannende Frau mit einem nicht nur in der Corona-Krise überaus spannenden Job. Abonnieren lohnt sich – dann verpasst ihr auch nicht die weiteren ausschließlich weiblichen Gäste, die Burseg in diesem Monat eingeladen hat.

Wenn Euer Business aktuell in den eigenen vier Wänden stattfindet, hat Vodafone ein Angebot für Euch: das Homeoffice Paket für Geschäftskunden, das unter anderem sechs Testmonate lang kostenlos Microsoft Office 365 beinhaltet. Oder den Gigacube Flex, die Plug-and-Surf-Lösung, die schnelles Internet dorthin bringt, wo es bislang nicht verfügbar war und nun dringend benötigt wird. Mehr Infos bekommt ihr hier.

Die Realtime-Marketresearch-Experten von Appinio sind auch mal wieder dabei. Die Kollegen machen Kundenbefragungen und Marktstudien quasi in Echtzeit. User beantworten Eure Fragen innerhalb der Appinio-App – und liefern so repräsentatives Feedback nach nur wenigen von Minuten. Zu den Unternehmen, die davon bereits profitieren, gehören unter anderem Red Bull, VW, About You und viele mehr. Wenn Ihr den Dienst auch mal ausprobieren wollt: Schreibt einfach eine Mail an omr@appinio.com und erhaltet 20 Prozent Rabatt auf das erste Projekt.

Außerdem wollen wir Euch noch unseren neuen Podcast OMR Education – zu hören unter anderem bei Apple oder bei Spotify – ans Herz legen. Hier fassen wir alle Weiter- und Fortbildungsangebote von OMR im Podcast-Format zusammen. Wobei es im Grunde vier Podcasts sind: Ask Andre mit SEO-Legende und Digitalunternehmer Andre Alpar. Think with Tarek mit dem „About You“-Gründer Tarek Müller. OMR Report, wo im Anschluss an unsere Reports weitergehende Fragen beantwortet werden. Und schließlich noch OMR Deep Dive, die Podcast-Version unserer Fortbildungsreihe. Mehr Weiterbildung geht nicht – und dann auch noch for free.

Alle Themen des Podcasts mit Sven Schmidt im Überblick:

  • Wie er die extreme Entwicklung des Dax und der großen Online-Retailer seit der letzten gemeinsamen Podcast-Folge interpretiert (5:55)
  • Welche Effekte hinter der aktuellen Performance von Amazon, Zalando & Co. stecken (ab 07:35)
  • Wie er zum Boom des von ihm sehr skeptisch betrachteten Kochbox-Anbieters Hello Fresh steht und warum er seine Prognose nur in Teilen zurücknimmt (ab 22:05)
  • Wie gut oder schlecht er die deutschen Unicorns N26, Flixbus, GetYourGuide und Auto1 aktuell aufgestellt sieht (ab 24:00)
  • Warum er bei staatlichen Rettungsschirmen gleiche Regeln für alle Firmen fordert und dagegen ist, Gesellschafter zu retten (ab 40:20)
  • Welche staatlichen Maßnahmen Schmidt in der aktuellen Krise für sinnvoll erachtet (ab 50:55)
  • Was er davon hält, dass sich die SPD von Investoren beraten lässt (ab 53:58)
  • Welche Ideen zur Organisation staatlicher Interventionen er Akteuren aus der Politik mit auf den Weg gegeben hat (ab 1:02:03)
  • Was es bedeuten würde, wenn die Dmexco subventioniert wird, OMR aber nicht (ab 1:03:20)
  • Warum Schmidt sich lieber nicht bei Schalke als Sponsor probieren will (ab 73:20)

Jetzt diese Artikel lesen