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Wie Murmel-Wettrennen die Sport-Lücke füllen und auf Youtube durch die Decke gehen

Jelle Bakker von "Jelle's Marble Runs"

Jelle Bakker baut aufwändige Murmel-Strecken, auf denen dann die Rennen von „Jelle’s Marble Runs“ stattfinden

Der niederländische Youtube-Kanal "Jelle's Marble Runs" erreicht mit seiner "Marbula One" und anderen Rennserien Millionen Fans

Wegen der Corona-Krise steht die Sportwelt still. Dementsprechend groß scheint bei vielen die Sehnsucht nach Wettkämpfen zum Mitfiebern zu sein. Manege frei für Murmel-Wettrennen. Der Youtube-Kanal „Jelle’s Marble Runs“ verzeichnet seit der Absage großer Sportevents ein extremes Wachstum. Wir zeigen, wie genau so ein Murmel-Rennen funktioniert, woher Hunderttausende neue Abonnenten des Kanals kommen und wie die Formel-E ihre Rennen jetzt in Murmel-Form austrägt.

„Es saugt uns in eine andere Welt, eine andere Dimension ohne Krieg, Elend und Negativität“, sagt Dion Bakker etwas hochtrabend gegenüber der New York Times über seinen Youtube-Kanal „Jelle’s Marble Runs“. Schon 2006 startet er mit seinem Bruder Jelle einen Channel mit Videos von Murmeln, die einfach verschiedene Pisten runterrollen. Seitdem ist viel passiert: Die beiden bauen aus der fixen Idee ein echtes Business mit verschiedenen Murmel-Rennserien, einer Murmel-Olympiade, Sponsoren und Tausenden Fans einzelner Murmel-Teams. Der Youtube-Kanal der beiden Niederländer hat derzeit über 810.000 Abonnenten und verzeichnet auf die Murmel-Videos bisher über 64 Millionen Views – dabei gab es 2018 einen einschneidenden Zwischenfall.

Der Corona-Schub

Jelle und Dion Bakker – die Macher hinter "Jelle's Marble Runs"

Jelle (l.) und Dion Bakker – die Macher hinter „Jelle’s Marble Runs“

Obwohl die beiden Bakker-Brüder schon seit 2006 ihren Youtube-Kanal betreiben, ist der aktuelle „Jelle’s Marble Runs“ erst im November 2018 gestartet. Dion Bakker hatte zuvor aus Versehen den kompletten Kanal gelöscht, als er seinen Google+-Account löschen wollte. So ist das Wachstum des neuen Kanals umso beeindruckender. Dabei haben natürlich langjährige Fans der Murmel-Rennen geholfen. Innerhalb von 70 Tagen hatte der neue Kanal wieder 100.000 Abonnenten. Das ist aber nichts gegen das Wachstum seit Anfang März 2020. Während der Verschärfung der Corona-Krise hat „Jelle’s Marble Runs“ über 200.000 Youtube-Abonnenten zugelegt. Gleichzeitig sind die Views um über 339 Prozent gewachsen. Allein im März 2020 verzeichnete der Kanal über neun Millionen Views.

Der Wachstumsschub hängt auf der einen Seite sicherlich damit zusammen, dass vielen Menschen die Spannung von Live-Sport fehlt. Mit verantwortlich dürfte aber auch ein Viralvideo sein, das zuletzt auf Twitter seine Runde machte. Das unter anderem vom Fall Out Boy-Bassisten Pete Wentz oder dem englischen Fußball-Idol Gary Lineker geteilte Video eines alten Murmel-Wettrennens der Bakker-Brüder kommt mittlerweile auf über 36 Millionen Views bei Twitter. Durch die Aufmerksamkeit landeten Videos der Murmel-Rennen auch bei den US-Sendern ESPN und NBC Sports. „Die letzten Tage waren absolut unglaublich“, sagt Anton Weber, PR-Manager bei Jelle’s Marble Runs gegenüber Front Office Sports. „Wir wussten, dass durch die unglückliche Absage aller großen Sportveranstaltungen unsere Chance gekommen war.“ Auch auf Instagram und Twitter haben sich die Follower-Zahlen des Projekts (wenn auch auf deutlich niedrigerem Niveau) jeweils verdoppelt.

Formel E mit Murmeln

Durch den Reichweitenerfolg sind auch große Partner auf den Account aufmerksam geworden. Seit April 2020 besteht eine Partnerschaft zwischen dem Murmel-Kanal und dem Formel-E-Team „Envision Virgin Racing“. Weil die Formel-E-Saison bis auf Weiteres nicht stattfinden kann, soll sie jetzt einfach in Murmel-Form schonmal starten – der Name: „Marbula E“. Jedes Formel-E-Team bekommt eine farbige Kugel und nimmt so an einem Qualifying und einem Rennen teil. Das erste Rennen auf dem Kurs „Paris“ feierte am 18. April live auf Youtube seine Premiere. Insgesamt hat das Video des Rennens bereits über 420.000 Views. Jedes Wochenende sollen neue Marbula-E-Wettkämpfe stattfinden – jeweils kommentiert vom originalen Formel-E-Kommentator Jack Nicholls.

Bei dem Format können Dion und Jelle Bakker ihre langjährige Erfahrung nutzen. Die beiden zeigen schon seit Jahren verschiedene Arten von Murmel-Rennen auf ihrem Kanal. So zum Beispiel die „Marbula One“, angelehnt an die Formel 1 und sicher auch die Inspiration für die ähnlich angelegte Marbula E. Auch eine Ralley auf Sandstrecken veranstaltet das Team. Das eigentliche Sport-Highlight des Kanals ist die Marble League (früher als MarbleLympics bekannt). Einmal im Jahr steigt das Sportevent mit verschiedenen Disziplinen wie Hochsprung, 5-Meter-Rollen, Slalom und vielen weiteren. Die Marble League soll auch 2020 über zwei Wochen andauern.

An der Marble League sieht man die Liebe fürs Detail der Bakker-Brüder. Es gibt eine Eröffnungszeremonie. „Fans“ in den Farben der jeweils antretenden Teams (natürlich in Murmel-Form) sitzen auf den Tribünen. Jelle Bakker, das Hirn hinter der Dramaturgie der jeweiligen Events denkt sich immer wieder fast menschliche Momente aus: In einem Video rollte plötzlich eine Flitzer-Murmel über die Rennstrecke, die von Security-Murmeln vom Gelände begleitet werden musste. Ein anderes Mal gab es einen Kampf zwischen Murmel-Fans verschiedener Teams.

Jedes Team hat seine Fans

Mittlerweile haben die Events aber auch jede Menge menschliche Fans. Und die fiebern genauso mit den mittlerweile etablierten Murmel-Teams mit. Die tragen zum Teil Namen, die ihrer Farbe entlehnt sind wie „O’Rangers“ oder „Raspberry Racers“. Andere sollen einfach nur martialisch klingen: „Savage Speeders“ und „Ball of Chaos“ sind nur zwei weitere Beispiele. Murmel-Rennen sind einfach aufregender, wenn man für ein Team mitfiebern kann. „Murmel-Rennen an sich waren nichts Neues im Internet“, sagt Anton Weber. „Aber das so professionell zu machen, die Murmeln wie echte Athleten zu behandeln und einen Weltklasse-Kommentator ins Boot zu holen, war ungewöhnlich, als wir angefangen haben.“

Kommentator Greg Woods aus den USA ist seit 2014 dabei und von den Fans ebenso heiß geliebt (Formel-E-Kommentator Jack Nicholls hatte deshalb beim ersten Marbula-E-Rennen keinen leichten Stand). Woods‘ Arbeit trägt extrem zum sehr professionellen Eindruck bei – es steckt aber offenbar auch viel Arbeit dahinter: Jelle Bakker arbeitet acht Stunden pro Tag am Bau der Strecken und den Storyboards für die Videos. Jede Murmel bekommt eine Hintergrundgeschichte und eine Persönlichkeit (manche Murmeln sind einfach aggressiver als andere – klar).

Umsätze mit Merchandise und Sponsorings

Die so erzeugten Sympathien macht „Jelle’s Marble Runs“ zu Geld: Jedes Murmel-Team hat ein eigenes Logo und Fans können sich entsprechend bedruckte T-Shirts, Pullover, Mützen und Poster im Fanshop bestellen. Das zweite Umsatz-Standbein sind Sponsoring-Deals wie zuletzt mit dem Formel-E-Team oder klassischer etwa mit dem US-Ticket-Händler „Seat Geek“. Die wichtigste Einnahmequelle sei aber die Monetarisierung über Youtube-Werbung. Das dürfte durch den Reichweitensprung noch einmal lukrativer geworden sein. Die Analyse-Plattform Socialblade schätzt, dass „Jelle’s Marble Runs“ maximal 275.000 US-Dollar nur mit Youtube-Werbung einnehmen kann. Dazu kommen noch über 2.500 US-Dollar, die Fans jeden Monat per Patreon an die Bakker-Brüder überweisen.

Jelle's Marble Runs Fanshop

Merchandise von „Jelle’s Marble Runs“

Fans einzelner Teams, Merchandise, Sponsoren: Das klingt alles nach echtem Sport. Und wer das bisher noch nicht ganz glaubt, könnte durch weitere verrückte Fakten überzeugt werden: Mit „The Rollout“ bringen die Murmel-Rennen-Macher mittlerweile ein eigenes Digital-Magazin auf den Markt – in Form eines Newsletters. Hier werden Hintergrundgeschichten zu den Murmel-Teams erzählt. Gleichzeitig gibt es ein eigenes Wiki, wo Fans die Ergebnisse der Murmel-Turniere festhalten. Und wetten könnt Ihr auf die Events natürlich auch.

Am stärksten ist die Bindung zwischen den Bakker-Brüdern und Fans der Murmel-Rennen auf Reddit zu sehen. In einem eigenen Unterforum tauschen sich die 16.000 Mitglieder über aktuelle Wettkämpfe aus, erdenken neue Teams oder zeigen, dass sie an einem eigenen Fan-Computerspiel arbeiten. Auch über Corona hinaus dürften also viele weiter mitfiebern, wenn bunte Kugeln einen Parkour runterrollen.

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