Fragwürdiges SEO: Ein DSGVO-Tool hat Tausende Backlinks für einen Laptop-Händler generiert

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Datenschutzerklärungs-Generator sorgt in der Szene für Stirnrunzeln

Abhilfe in der Not – die erhoffen sich Website-Betreiber aktuell von Online-Tools, mit denen sie eine neue Datenschutzerklärung zusammenklicken können, die die Vorgaben der neuen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) erfüllen sollen. Eines der Tools, angeboten von einem Münchner Datenschutzdienstleister und einer Kölner Rechtsanwaltskanzlei, hat über Monate hinweg den Nutzern (häufig vermutlich ohne deren Wissen) einen Backlink zu einem Notebook-Händler aufgezwungen. Der Grund: Suchmaschinenoptimierung.

Am 25. Mai tritt die neue DSGVO in Kraft. Aber schon seit Wochen setzt sie die Online-Marketing-Branche unter Zugzwang, weil jeder Website- und Service-Betreiber sein Angebot an die neuen Vorschriften anpassen muss. Viele Seitenbetreiber wenden sich in dieser Situation offenbar hilfesuchend an Google. Ein Blick in Google Trends zeigt, wie sprunghaft das Suchvolumen zum Begriff „datenschutzerklärung“ seit dem 25. März zugenommen hat.

Kanzlei WBS sammelt ratsuchende Nutzer über Google ein

Wer „datenschutzerklärung“, „datenschutzerklärung erstellen“ oder „datenschutzerklärung generator“ bei Google eingibt, stößt in der Regel unter den ersten zehn Suchergebnissen auf die Kölner Kanzlei Wilde Beuger Solmecke (WBS). Die bietet auf ihrer Website einen Generator an, der eine „DS-GVO-konforme Datenschutzerklärung einfach per Klick“ verspricht – kostenlos. Der Generator sei gemeinsam mit dem Münchner Dienstleister „Deutsche Gesellschaft für Datenschutz“ (DGD) entwickelt worden, heißt es auf der WBS-Seite. Auch auf der DGD-Website ist der Generator eingebunden. Über Google stößt man vor allem auf die Variante von WBS, die DGD-Version ist demgegenüber vom IT-Fachportal Heise verlinkt worden.

Die Kanzlei WBS taucht zu Suchanfragen wie „datenschutzerklärung generator“ bei Google weit oben auf (bearbeiteter Screenshot)

Wer mit dem Generator eine neue Datenschutzerklärung für sich erstellen will, muss dafür in einem mehrteiligen, anklickbaren Formular Angaben zu seiner Website und der dort verwendeten Analytics- und Werbe-Software machen. Am Ende erhält der Nutzer eine nach seinen Angaben automatisiert generierte Datenschutzerklärung, die er kopieren und auf seiner Website einbinden kann. Auf diese Weise erstellte Texte enthalten auch jeweils einen Link zu WBS und DGD. Aber nicht nur das: Bis vor Kurzem enthielten so generierte Datenschutzerklärungen auch einen mit dem Ankertext „gebrauchte Notebooks“ versehenen Link zur Website der RC GmbH. Das Unternehmen aus Ismaning in der Nähe von München kauft gebrauchte Hardware auf.

Ausschnitt aus einer mit dem WBS-Generator erstellten Datenschutzerklärung – markiert der Teil inklusive dem Link zur RC GmbH (Screenshot vom 8. Mai). Mittlerweile ist der Link zur RC GmbH aus dem Tool entfernt worden.

Das DSGVO-Tool als Backlink-Generator

Backlinks (also Rückverweise auf die eigene Seite) sind in der Suchmaschinenoptimierung immer noch eine äußerst wichtige Währung. Verweisen auf eine Seite viele Links, steigt in der Regel die Chance, dass Google diese auf den Ergebnisseiten der Suchmaschine weiter oben platziert – und die Seitenbetreiber so kostenlos Traffic erhalten. Die Einbindung des Links zur RC GmbH in den Generator der WBS und DGD ist also offenbar ein Versuch, die Google-Sichtbarkeit des Unternehmens zu dessen Vorteil zu manipulieren.

Unter „Nutzungsbedingungen und Haftungsauschluss“ heißt es zwar auf der Startseite des Generators: „Die über unseren Generator erstellte Datenschutzerklärung kann jeder Unternehmer im Sinne des Gesetzes unter der Voraussetzung kostenlos nutzen, dass die eingefügten Links zu unseren Internetseiten und den Partnerseiten mit übernommen werden.“ Doch selbst den meisten Nutzern, die diesen Hinweis gelesen haben, dürfte vermutlich nicht klar gewesen sein, dass mit Partnerseiten auch Websites gemeint sein könnten, die inhaltlich mit den Themen Recht oder Datenschutz gar nichts zu tun haben.

Tausende von Seitenbetreibern haben die Links übernommen

Wie viele Nutzer den Generator von WBS und DGD genutzt haben und die Datenschutzerklärung mit entsprechenden Links auf ihrer Seite eingebunden haben, zeigt sich, wenn man den entsprechenden Teil des Textes als zusammenhängende Phrase bei Google sucht: Mehr als 30.000 Ergebnisse weist Google auf eine solche Suchanfrage aus. Unter den betroffen Seiten finden sich auch PC-Service-Anbieter, denen es wohl lieber sein dürfte, wenn ihre Website-Besucher ihren Rechner nicht verkaufen, sondern diesen von ihnen in Ordnung bringen lassen.

Wer nach dem entsprechenden Passus bei Google sucht, stößt auf Tausende Seiten, die in ihrer Datenschutzerklärung auf die RC GmbH verweisen (bearbeiteter Screenshot)

Eine größere Aufmerksamkeit erhielt die Einbindung der Links zur RC GmbH innerhalb der vergangenen Tage zum ersten Mal durch einen Tweet, mit dem sich der Homburger SEO-Berater Christopher Fischbach an den WBS-Mitinhaber Christian Solmecke wendete. Durch dieses Vorgehen gehe „eine Menge Respekt für WBS flöten“, so Fischbach. SEO-Papst Jens Fauldrath griff Fischbachs Tweet auf Facebook auf – schnell machte das Thema in der Szene die Runde. Christian Solmecke reagierte umgehend auf beide Posts. Er habe sich um die Links nicht persönlich gekümmert, schreibt er an Fischbach, und verspricht: „Wird sofort gestoppt.“ Und auf Facebook: „[I]ch habe der DGD gesagt , dass wir die Texte nicht mehr zur Verfügung stellen, wenn noch unsinnige Backlinks zu völlig themenfremden Webseiten gesetzt werden.“

Kostenlose Backlinks für die Schwestergesellschaft

In einem Telefonat mit OMR erklärt Solmecke, für die Einfügung des Backlinks zur RC GmbH sei der Münchner Kooperationspartner verantwortlich: „Die DGD ist Mitte letzten Jahres auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob wir die Texte für einen Datenschutzerklärungs-Generator verfassen können. Wir haben gesagt, wir machen das kostenlos und lassen uns durch einen Backlink bezahlen.“

Heiko Maniero, Prokurist der DGD, bestätigt gegenüber OMR, dass das Münchner Unternehmen die Link-Einbindung zur RC GmbH veranlasst hat. Der Notebook-Händler sei eine Schwestergesellschaft der DGD. Die DGD bietet Konzernen die sichere Datenlöschung nach internationalen Standards an – die RC GmbH kauft Alt-IT auf.

„Das Ding ist gut und kostenlos“

„Die RC GmbH hat die Entwicklung des Datenschutzerklärungs-Generators mit bezahlt“, so Maniero. Kritik an diesem Vorgehen tritt der Datenschutzdienstleister mit Leidenschaft entgegen: Er habe mit dem Generator den Machenschaften von Abmahn-Anwälten entgegenwirken wollen, so Maniero. Er selbst habe in das  Tool zwei Monate Arbeit gesteckt und dabei unter anderem 88 Seiten Text verfasst. „Das Ding ist gut.“ Andere Anbieter würden solche Services kostenpflichtig anbieten. „Wenn sich jetzt jemand darüber aufregt, dass wir damit Werbung bekommen haben, dann tut es mir leid. Wir haben aber auch in den Bedingungen darüber informiert – die muss jeder ankreuzen.“ Nach der Kritik im Netz habe er jedoch noch nachts im DGD-Generator den Link zur RC GmbH entfernt.

Die Entwicklung der Sichtbarkeit der Website der RC GmbH laut Sistrix

Kurzfristig haben sich die neuen Backlinks auf Sichtbarkeit der RC GmbH bei Google offenbar positiv ausgewirkt. Laut dem SEO-Tool Sistrix hat sich der Sichtbarkeitsindex der Seite innerhalb der vergangenen Woche vervierfacht. Mit 0.0099 liegt er aber trotzdem noch im homöopathischen Bereich. Zum Vergleich: Die Sichtbarkeit des Mitbewerbers und Branchen-Dickschiffs Rebuy liegt aktuell bei 27.251.

Nicht nur PR-Fehlzündung, sondern auch SEO-Eigentor?

Möglicherweise wird die Vorgehensweise der DGD ihrer Schwestergesellschaft RC GmbH langfristig auch eher schaden – weil Google solche Methoden nach Einschätzungen von SEO-Experten mittlerweile erkennt und eher bestraft als belohnt. „Eigentlich will Google ja, dass Nutzer mit einem Link eine bewusste Empfehlung aussprechen“, so SEO-Experte Andre Alpar gegenüber OMR. Wenn eine Seite in dem immer selben Content mit immer gleichen Ankertext verlinkt sei, liege demgegenüber aber der Verdacht einer Automatisierung nahe. „Deswegen hat Google solche Methoden schon mit einem der ersten Penguin-Updates abgestraft.“

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