Wie es Doodle vom privaten Terminfindungs-Tool zu 30 Millionen Nutzern gebracht hat

Doodle Ag Tamedia OMR

Themen: ,

So wurde das Schweizer Unternehmen mit einer simplen Idee zum Global Player

Einen Duden-Eintrag mit der Bedeutung, gemeinsame Termine zu finden, hat Doodle zwar noch nicht. Trotzdem ist der Name des Schweizer Unternehmens längst ein geflügeltes Wort genau dafür. Vor über zehn Jahren als kleines Tool für private Verabredungen gestartet, nutzen die Lösung heute 30 Millionen Menschen im Monat. OMR zeichnet die Wachstumsgeschichte der inzwischen zur Mediengruppe Tamedia gehörenden Firma nach und erklärt, wie sie vor allem im B2B-Bereich Geld verdient.

Während der Schulzeit wäre Michael „Myke“ Näf ein richtiger Nerd gewesen, gesteht er über 30 Jahre später. Er hätte sehr viel am Computer herumgespielt und mit dem Programmieren begonnen. Dass sich diese Leidenschaft für Informatik einmal so auszahlen und sein Leben verändern sollte, dürfte ihm wohl nicht ansatzweise bewusst gewesen sein.

2003 will Näf ein Treffen mit Freunden organisieren. Zahlreiche Terminvorschläge, Absagen und wieder neue Terminvorschläge gehen per Mail hin und her. Einen gemeinsamen Termin findet der Freundeskreis aber nicht, ein Treffen kommt nicht zustande, wie er sich im inzwischen eingestellten Tagesanzeiger-Podcast „Digitalk“ im Mai 2008 erinnert. Irgendwann hätte dann jemand eine Excel-Datei herumgeschickt. „Die Idee war super und logisch, das Handling aber natürlich immer noch extrem umständlich“, so Myke Näf. Dennoch: Die Idee für Doodle war geboren.

Vom privaten Tool zum Global Player

Aus einem persönlichen Bedürfnis und echten Mehrwert vor Augen programmiert Näf die erste Version einer Webapplikation zur Termin-Abstimmung. Zunächst allerdings ausschließlich für den privaten Gebrauch, der Name Doodle ist ebenfalls noch Zukunftsmusik. Das Grundprinzip hingegen ist schon damals klar: Eine Person erstellt eine Veranstaltung mit verschiedenen Terminvorschlägen. Nutzer, die eingeladen werden, tragen lediglich ihren Namen ein und wählen die Daten aus, die für sie in Frage kommen.

Doodle Terminplanung OMR

Ein typisches „Doodle“ mit vier Teilnehmern und sechs Termin-Optionen.

2004 stellt Myke Näf, damals Dozent an der ETH-Zürich, das noch namenlose Tool online und realisiert schnell, dass echter Bedarf besteht. Er erhält viel positives Feedback und Nachfragen, die Anwendung auch selber zu nutzen. Traffic und Aufwand steigen immer weiter, so dass Näf die Seite nicht mehr alleine betreuen kann. Als er seinem Kollegen Paul Sevinç von dem Projekt erzählt, ist dieser sofort Feuer und Flamme. Gemeinsam gründen sie im März 2007 die Inturico Engineering GmbH, registrieren eine Domain und bringen die erste marktreife Version von Doodle raus. Der Name entsteht dabei eher zufällig: Das englische Worte „to doodle“ (kritzeln) sei in seinem Wortschatz gewesen, habe einen guten Klang gehabt und eine entsprechende Domain wäre auch noch frei gewesen, berichtet Myke Näf.

Schnelles Wachstum dank viraler Effekte

Das erste Jahr nutzen die beiden Gründer für das Erstellen eines Businessplans, supportet durch ein Coaching der Schweizer Innovationsagentur. Sie generieren durch Banner aber auch bereits die ersten Werbeumsätze. Schon in dieser frühen Phase wachsen die Nutzerzahlen schnell. Die einfache Handhabung – bis heute müssen sich User dank sogenannter Capability-URLs nicht einloggen – und der hohe Nutzwert sorgen für virale Effekte: Wer das erste Mal an einer Doodle-Umfrage teilnimmt, nutzt das Tool mit hoher Wahrscheinlichkeit anschließend auch selber, wenn er oder sie einen Termin für eine eigene Veranstaltung finden muss. So beschreibt es auch der heutige Geschäftsführer Gabriele Ottino: „Dadurch, dass pro Umfrage im Schnitt sieben bis acht Leute teilnehmen, verbreitet sich Doodle seit Jahren schon von selbst.“

Das schnelle Wachstum macht auch potenzielle Investoren neugierig. Mehrere konkrete Interessenten wollen schon Anfang 2008 in das Startup investieren, laut Myke Näf haben die Gründer die Qual der Wahl. Im Februar 2008 entscheiden sie sich schließlich für die Innovationsstiftung der Schwyzer Kantonalbank sowie die Beteiligungsgesellschaft Creathor Ventures. Im Zuge der Kapitalaufnahme erfolgt die Umfirmierung zur Doodle AG, Myke Näf und Paul Sevinç behalten jeweils rund ein Drittel aller Anteile am Unternehmen.

Doodles Vermarktungsoffensive und Einstieg von Tamedia

Mit dem frischen Kapital setzt Doodle jetzt noch stärker auf Wachstum. Alle paar Wochen stellen die Gründer einen neuen Mitarbeiter ein, im Mai 2008 startet ein kleines Verkaufsteam mit der gezielten Vermarktung der Seite. 2009 folgt mit der Einführung von Premium Accounts ein weiterer Monetarisierungs-Hebel, alle Basis-Funktionen sind weiterhin gratis verfügbar. Bereits 2010, keine drei Jahre nach der Gründung, erreicht das Unternehmen eigenen Angaben zufolge den Break-Even.

Doodle Traffic Similar Web OMR

Die Traffic-Entwicklung von doodle.com laut Similarweb.

Kurz nachdem Doodle die Marke von zehn Millionen Nutzern im Monat knackt, steigt die Schweizer Mediengruppe Tamedia als Minderheitsgesellschafter bei der AG ein. Der Konzern hält zahlreiche Beteiligungen an Print-Medien sowie digitalen Portalen. 2014, die Nutzerzahl hat sich inzwischen auf 20 Millionen verdoppelt, übernimmt Tamedia die Doodle AG mehrheitlich und die Gründer verlassen das Unternehmen. Beide bereuen diesen Schritt bis heute nicht. Myke Näf hätte Lust gehabt, sich anderen Dingen zu widmen. Und Paul Sevinç hätte die Möglichkeit gesehen, so frischen Wind in die Firma zu bringen.

30 Millionen Nutzer und starke Brand

Vor wenigen Tagen verkündet Doodle mit 30 Millionen Nutzern den nächsten Meilenstein. Und ein Blick auf die Daten des Statistikdienstes Similarweb zeigt außerdem, wie stark die Brand Doodle inzwischen offenbar ist. Denn im Schnitt besuchen nicht nur rund 35 Millionen Besucher pro Monat die Seite, sondern über 71 Prozent davon steuern die Page auch noch direkt an – das spricht für eine extrem gute Markenbindung. Ein weiteres spannendes Detail: Similarweb zufolge stammen inzwischen rund 24 Prozent des Traffics aus den USA, gefolgt von Frankreich mit 17 Prozent, Deutschland mit 15 Prozent und der Schweiz mit fast acht Prozent.

Neben der Website bietet Doodle das Terminfindungs-Tool seit einigen Jahren zusätzlich auch als App an. Daten des App-Statistik-Dienstleister Priori Data zufolge wurde die Android-Version seit Juni 2015 9,9 Millionen Mal und die iOS-Version seit April 2015 3,2 Millionen Mal heruntergeladen. Außerdem übernahm Doodle 2016 das israelische Chatbot-Startup Meekan, um mit Hilfe von künstlicher Intelligenz optimierte Terminvorschläge machen zu können.

Monetarisierung und Doodles Wandel zum B2B-Tool

Trotz weiterhin großer Beliebtheit bei privaten Nutzern soll sich das Verhältnis immer mehr in Richtung B2B-Geschäft verschieben. Über 70 Prozent sollen Doodle heute schon für berufliche Zwecke nutzen, in den USA liege der Wert sogar bei über 85 Prozent. Den Bedarf von Unternehmen, den Prozess der Meeting-Planung durch die Nutzung eines Tools zu verkürzen und so Geld zu sparen, hat Doodle längst zum Geschäftsmodell gemacht. Neben kostenpflichtigen privaten Accounts, die werbefrei und um einige Features erweitert sind, bietet das Unternehmen auch verschiedene Business- und Enterpriselösungen. Hier führt Doodle einige namhafte Testimonials ins Feld: Apple, Amazon, Salesforce, Google und Intel.

Wie viel Umsatz die Doodle AG allerdings wirklich macht und wie viel Gewinn am Jahresende in den Büchern steht, ist öffentlich nicht einsehbar. Im Halbjahresabschluss des Mutterkonzern Tamedia heißt es dazu lediglich: „Die Kleinanzeigenplattform tutti.ch und die international bekannte Terminvereinbarungsplattform Doodle gewannen im ersten Halbjahr neue Nutzerinnen und Nutzer dazu.“ Das Geschäftsfeld Marktplätze und Beteiligungen, zu dem Doodle zählt, konnte den Ertrag um 5,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 124,9 Millionen Schweizer Franken (110,59 Millionen Euro, Stand: 10. Dezember 2018, 10:24 Uhr) steigern.

Einige Personalien aus dem Jahr 2018 zeigen auf jeden Fall, dass Tamedia mit Doodle weiter wachsen will – und das vor allem in den USA. Im Herbst trat beispielsweise Amit Shah dem Verwaltungsrat bei; er hatte zuvor unter anderem das Datenanalyse-Tool Jirafe gegründet, an SAP verkauft und gilt vor allem in den USA als bestens vernetzt. Kurz zuvor war schon Olivier Rihs, ehemaliger CEO von Scout24, dem Verwaltungsrat beigetreten.

Vorheriger Artikel: "Markenloser" Luxusmarktplatz Italic: Das spannendste Experiment im High-Fashion-Bereich?
previous article
 
Jetzt diese Artikel lesen