Chiara Ferragnis Pandoro-Skandal: Der tiefe Fall einer Influencer-Ikone

In Mailand steht die 38-Jährige wegen schweren Betrugs vor Gericht. Was der Absturz der Mega-Influencerin für die Creator Economy bedeutet.

Die Star-Influencerin Chiara Ferragni steht aktuell in Mailand vor Gericht. Ihr droht eine Haftstrafe. Collage: OMR
Inhalt
  1. Mahnung für eine ganze Branche
  2. Pandoro Pink Christmas – eine teure Illusion
  3. Über eine Million Strafe 
  4. “Sie war für viele der heilige Gral des Influencer-Marketings”
  5. Ein Imperium in Trümmern 
  6. 1,6 Millionen Follower*innen verloren
  7. “Marken sind viel sensibler als Nutzer”
  8. Wie gewinnt man das Vertrauen der Community zurück?
  9. Die Auswirkungen für die Creator Economy
Sie ist die Königin der Creator Economy, eine Pionierin des Influencer-Marketings, gefeiert von fast 30 Millionen Follower*innen, weit über Italiens Grenzen hinaus: Chiara Ferragni. Doch dann gerät ihr Imperium ins Wanken – spektakulär und öffentlich. Mit dem sogenannten „Pandoro-Gate“ entfacht Ferragni einen der größten Skandale der Branche. Fans wenden sich ab, Luxusmarken beenden millionenschwere Kooperationen, ihr Unternehmen stürzt in eine Krise. Heute, zwei Jahre nach dem Bekanntwerden des Skandals, ist die Geschichte brisanter denn je: Ferragni steht in Italien vor Gericht – der Vorwurf: schwerer Betrug. Das Urteil wird schon diese Woche erwartet. Wie konnte es so weit kommen? Und warum ist dieser Fall mehr als nur eine persönliche Tragödie – nämlich ein Warnsignal für die gesamte Creator Economy?
Das Blitzlichtgewitter ist ihr sicher, auch an diesem Novembertag 2025. Sie hat das auf roten Teppichen und Events schon so oft erlebt. Doch dieses Mal erzählen die Bilder, die entstehen, eine andere Geschichte. Kein Mailänder Promi-Leben in Designeroutfits, kein Dolce Vita an den schönsten Stränden Italiens, kein Platz in der Front Row der größten Fashion-Shows. Stattdessen einer auf der Anklagebank der Mailänder Justiz. Chiara Ferragni ist persönlich erschienen, um sich den Vorwürfen zu stellen. Es ist der vorläufige Tiefpunkt ihrer beispiellosen Karriere – und im schlechtesten Fall könnte er mit einem Jahr und acht Monaten Haft enden. 

Mahnung für eine ganze Branche

„Es liegt kein Vergehen vor, Chiara ist unschuldig”, sagt ihr Verteidiger vor der Presse am zweiten Verhandlungstag Ende Dezember. Doch nach Überzeugung der Mailänder Staatsanwaltschaft hat die Frau, die Medien einst die erfolgreichste Influencerin der Welt nannten, ihre Follower*innen und Konsument*innen in den Jahren 2021 und 2022 mit irreführender Werbung getäuscht – beim Verkauf eines festlichen Pandoro-Kuchens und auch bei einer Kampagne mit Schoko-Ostereiern. Chiara Ferragni ist zusammen mit zwei weiteren Personen des schweren Betrugs angeklagt. Sie soll sich bei den Kampagnen selbst bereichert haben, während Menschen, die ihre Produkte kauften, glaubten, sie würden krebskranken Kindern helfen. Ferragni plädiert auf nicht schuldig. 
Doch unabhängig vom Urteil hat der Fall bereits jetzt weitreichende Folgen. In erster Linie natürlich für Ferragni persönlich: Ihre Firmen machten seit Publikwerden des Skandals Millionenverluste, 1,6 Millionen Fans kehrten ihr auf Instagram den Rücken, ihre Kooperationen mit den größten Marken der Welt brachen fast vollständig ein. Aber auch für eine ganze Branche hat der Fall Strahlkraft: Das Pandoro-Gate gilt als Mahnung, wie vergänglich der Erfolg selbst scheinbar unantastbarer Ikonen sein kann und wie unbedachte Markenpartnerschaften ein ganzes Geschäftsmodell zu Fall bringen können. In Italien hat der Skandal zu einer Gesetzesreform geführt, die Influencer-Marketing der klassischen Werbung gleichstellt. Und auch jenseits der Alpen zeigt er Wirkung: Wohltätigkeitsaktionen, einst PR-Gold, leiden unter einem Glaubwürdigkeitsproblem – mit Folgen, die am Ende vor allem jene treffen, die wirklich auf Hilfe angewiesen sind.

Pandoro Pink Christmas – eine teure Illusion

Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen. Zur Weihnachtszeit 2022 brachte Ferragni gemeinsam mit dem Traditionsunternehmen Balocco eine limitierte Edition des italienischen Festtagsklassikers Pandoro auf den Markt: rosa Verpackung, goldene Schrift, Ferragni-Logo – und ein stolzer Preis. Ein Pandoro in dieser Größe kostet normalerweise 3,70 Euro. In der “Pink Christmas”-Version wurden plötzlich 9 Euro fällig.
Warum? Weil sie für den guten Zweck war. Zumindest suggerierten das die Kampagne von Balocco und die Social-Media-Posts von Ferragni, mit denen für den Kuchen geworben wurde. Auch auf einem kleinen Anhänger der Verpackung stand explizit: “Chiara Ferragni und Balocco unterstützen das Krankenhaus Regina Margherita in Turin und finanzieren den Kauf eines neuen Geräts für die therapeutische Behandlung von Kindern, die an Osteosarkom und Ewing-Sarkom leiden”. Also – je mehr Kuchen verkauft werden, desto mehr krebskranken Kindern kann geholfen werden. Oder?

Über eine Million Strafe 

Falsch. Denn als zuerst eine italienische Journalistin und dann die nationale Wettbewerbsbehörde AGCM (Autorità garante della concorrenza e del mercato) genauer hinschauten, kam heraus: Egal, wie viele Kuchen die Leute kauften – für die kranken Kinder gab es keinen Cent zusätzlich. Stattdessen hatte Balocco eine einmalige Spende von 50.000 Euro an das Krankenhaus gezahlt. Und zwar schon Monate, bevor der Kuchen überhaupt in den Regalen lag. Wie gut sich der Pandoro verkaufte, hatte also keinerlei Auswirkungen auf die Spendensumme, wohl aber auf den Gewinn von Chiara Ferragni. Und der fiel bei weitem höher aus: Mehr als eine Million Euro soll Chiara Ferragni mit ihren Firmen Fenice und TBS Crew laut AGCM an der Kuchen-Aktion verdient haben. 
Die Behörde verhängte für die „unlauteren Geschäftspraktiken“ eine Strafe von über einer Million Euro für Ferragnis Unternehmen, Balocco musste weitere 420.000 Euro zahlen. Und auch die Staatsanwaltschaft ist überzeugt: Erst durch Chiara Ferragnis „herausragende Rolle” in den Werbekampagnen konnte dieser Betrug mit so großer Reichweite vollzogen werden. Außerdem hätten ihre Unternehmen das “letzte Wort” bei den Verhandlungen mit den Kooperationspartnern gehabt.

“Sie war für viele der heilige Gral des Influencer-Marketings”

Natürlich ist Chiara Ferragni nicht die erste Influencerin, die mit fragwürdigen Werbeversprechen und scheinbar fehlender moralischer Verantwortung in die Kritik geraten ist. Auch für Fynn Kliemann etwa bedeutete die Maskenaffäre fast einen Genickbruch auf öffentlicher Bühne. Doch um zu verstehen, warum gerade ihr Fall international und nachhaltig so hohe Wellen geschlagen hat, lohnt sich ein Blick auf ihre außergewöhnliche Rolle als Pionierin der Branche. Denn für viele war sie nicht bloß irgendeine Influencerin, sondern ein  Vorbild dafür, wie man aus digitaler Reichweite ein globales Geschäft formt. Chiara Ferragni habe mindestens auf die Creator Economy in Europa einen „riesigen Impact“ gehabt, sagt Social-Media Expertin Ann-Katrin Schmitz, die seit Jahren selbst Content Creator managt. “Sie war für viele der heilige Gral des Influencer-Marketings.” Ferragni habe die Branche geprägt und Geschäftsmodelle etabliert. 
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Ann-Katrin Schmitz Foto: Baby Got Business
Den Fashion-Blog The Blonde Salad startet Chiara Ferragni 2009, parallel zu ihrem Studium. In einer Zeit, in der die meisten das Wort "Influencer" noch nie gehört hatten, gelingt es ihr, ihren Namen in eine globale Marke zu verwandeln: Sie nimmt mit ihrem Blog Millionen an Werbeeinnahmen ein, gründet ihre eigene Bekleidungs- und Lifestylemarke und ist 2015 die allererste Fashion-Bloggerin auf einem Cover der spanischen Vogue. Ferragni arbeitet mit Dior zusammen, mit Louis Vuitton, Gucci oder Chanel, um nur einige zu nennen, und eröffnet einen eigenen Flagship-Store der “Chiara Ferragni Collection” in Mailand. Auch wir schreiben 2015 das erste Mal über sie und nennen sie schon damals die “reichste Bloggerin der Welt”.
Was sich Ferragni über die Jahre aufgebaut hat, ist so außergewöhnlich, dass ihr Geschäftsmodell sogar an der Harvard Business School analysiert wurde. Auf Instagram, der Plattform, die sie früh für sich entdeckt hatte und in dichter Frequenz bespielt, folgten ihr auf dem absoluten Höhepunkt vor dem Skandal 29,7 Millionen Menschen. Zum Vergleich: Heidi Klum kommt auf knapp 13 Millionen, Pamela Reif auf neun Millionen, Caro Daur auf 4,5 Millionen. 
Und auch das Interesse an ihrem Privatleben war riesig: Der Streamingdienst Amazon Prime Video widmete ihr mit “The Ferragnez” eine eigene Dokuserie, zeigte das Leben der Star-Influencerin mit ihrem inzwischen Ex-Mann, dem Rapper Fedez und ihren beiden Kindern. Zusammen waren die beiden DAS Promi-Paar Italiens, das auch in Stories und Reels sein Familienleben mit der Welt teilte. 
Chiara Ferragni verkaufte also nicht nur Kleidung, sondern auch ihr scheinbar perfektes Leben. Die Selfmade-Multimillionärin stand für Erfolg, für Unternehmertum und Fashion, aber auch für Liebe und Familie – und das machte den Verdacht, dass ausgerechnet sie das Leid kranker Kinder dafür instrumentalisiert haben soll, um sich selbst zu bereichern, in den Augen der Öffentlichkeit noch abstoßender.

Ein Imperium in Trümmern 

Als der Skandal im Dezember 2023 aufgedeckt wird, fällt die über viele Jahre aufgebaute Karriere wie ein Kartenhaus zusammen. Internationale Medien berichten. Nicht nur die italienische Wettbewerbsbehörde verhängt eine Millionenstrafe, auch große Markenpartner wenden sich von ihr ab. Sie wollen nicht mehr mit der Person oder der Marke Ferragni in Verbindung gebracht werden. 
Chiara Ferragni versucht, die Wogen mit einem Entschuldigungsvideo zu glätten. Bis heute wurde es mehr als 53 Millionen Mal angesehen. Ferragni sieht darin mitgenommen aus, spricht auf Italienisch von einem Kommunikationsfehler und verspricht, eine Million Euro an das Kinderkrankenhaus zu spenden. Doch in der Kommentarspalte zeigt sich die Enttäuschung ihrer Community: “Ich folge seit über zehn Jahren und bin so enttäuscht, wie sie sich präsentiert hat und wie sie jetzt damit umgeht", schreibt eine Followerin. "Der dreifache Preis, nur damit du noch reicher werden kannst, nicht für das Krankenhaus, und du sagst nicht mal SORRY. Warum bist du so gierig? 😢", eine andere. Und nicht nur durch Kommentare und Entfolgen haben Privatpersonen ihre Enttäuschung zum Ausdruck gebracht: Mehrere Verbraucher*innen, die den Kuchen gekauft hatten, reichten zivile Klagen ein, weil sie sich getäuscht fühlen.
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53 Millionen Views für ein Entschuldigungsvideo. Foto: OMR
Bianca Lang-Bognár, Chefredakteurin der Stilbeilage S des Magazins Der Spiegel und Managing Partner des Boutique-Verlags brookmedia, berichtet seit mehr als 20 Jahren über die Mode- und Lifestyle-Szene. Sie hat Ferragnis Entschuldigung als nicht aufrichtig oder proaktiv empfunden, sondern als pflichtschuldig. "Das ist ein Riesenunterschied." Sie findet: “Die Content-Creator-Industrie ist so vielen so derart zu Kopf gestiegen, dass sie eben scheinbar völlig die Orientierung dafür verloren haben, was geht und was nicht geht”, sagt sie gegenüber OMR. Ein moralischer Kompass fehle Ferragni offenbar gänzlich. “Es gibt keine Entschuldigung dafür, aus dem Leid und Mitleid anderer Kapital zu schlagen. Das ist einfach niederträchtig.”
Und dann begannen die italienischen Behörden auch noch damit, andere Deals zu prüfen. Darunter eine Kooperation mit dem Süßwarenhersteller Dolci Preziosi aus dem Jahr 2021, bei der durch den Verkauf von Schoko-Ostereiern Kindern mit Autismus geholfen werden sollte. Auch sie ist Teil des aktuellen Verfahrens in Mailand. Oder die Vermarktung einer Chiara-Ferragni-Puppe mit dem Spielwarenhersteller Trudi, deren Erlöse an eine Anti-Mobbing-Organisation gehen sollten … Plötzlich stand der Verdacht im Raum: War das eine Masche? Hatte das System?
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Bianca Lang-Bognár Foto: Brookmedia
Ob Chiara Ferragni bewusst die Täuschung ihrer Community in Kauf genommen hat oder nicht, muss das Gericht jetzt entscheiden. Das sagt auch Ann-Katrin Schmitz. Aber die Influencer-Marketing-Expertin kann zumindest nachvollziehen, dass Deals zwischen Marken und Creator*innen manchmal undurchsichtig gestaltet sind. “Wir als Creator haben oft keinen Einblick in das Warenwirtschaftssystem einer Brand. Bleiben wir mal bei diesem Kuchenbeispiel: Wir sehen ja gar nicht, wie viele Kuchen da wirklich verkauft wurden. Wir kennen die Marge nicht, die die Marke auf den Kuchen hat. Das sind in der Regel auch Dinge, die nicht im Vorfeld offengelegt werden“, sagt sie. Man könne Creatorn an dieser Stelle auch eine gewisse Naivität unterstellen, “aber eigentlich ist die Motivation so einer Sache ja erst mal eine grundsätzlich gute.“

1,6 Millionen Follower*innen verloren

Ob bewusst oder unbewusst, Chiara Ferragni hat der Skandal nachhaltig enorm viel Vertrauen gekostet. Das zeigt sich auch beim Blick auf die Follower-Daten des Analyse-Tools Infludata. Seit diesem Zeitpunkt geht der Trend ihres jahrelangen Kanalwachstums erstmalig und scheinbar unaufhaltsam abwärts.
Rund 1,6 Millionen Follower*innen hat Ferragni auf Instagram bis Januar 2026 verloren. Ein signifikanter Verlust, der bis heute Stück für Stück fortschreitet. Aber im Verhältnis zum Ausmaß des Skandals hätte er erwartungsgemäß noch viel größer ausfallen können, sagt Timo-Alexander Wagner von Infludata gegenüber OMR. Zwei Gründe sprechen dafür, dass es anders gekommen ist: “Es klingt zwar banal, aber für viele ist dieser eine aktive Klick zum Entfolgen, dann doch zu viel Aufwand, um ihrem Protest Ausdruck zu verleihen. Und andere bleiben nach einem Skandal bewusst am Ball, weil sie gespannt sind, ob es weitere Entwicklungen oder Statements gibt.” 
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Bis Dezember 2023 stiegen die Follower-Zahlen kontinuierlich an. Seitdem geht es bergab.
Doch bei der Power einer Social-Media-Community kommt es nicht nur auf Masse an, sondern auch darauf, mit den richtigen Menschen und Accounts verbunden zu sein, die selbst Reichweite und Relevanz mitbringen. Die Berliner Agentur “Kemmler Kemmler” misst diese sogenannte Cultural Connectivity oder auch kulturelle Relevanz von Marken mit dem eigenen Analysetool KX Radar. “Beim Blick auf die Daten haben wir einen sehr steilen Abfall bei ihrer Cultural Connectivity festgestellt. Das bedeutet, dass die Zahl der einflussreichen Follower, die sie hatte, erheblich gesunken ist”, sagt Alexander Han-Gwilliam von Kemmler Kemmler. “Viele Menschen, mit denen sie aufgrund ihres hohen Stellenwerts verbunden war, haben ihr den Rücken gekehrt und wollen nicht mehr länger öffentlich mit ihr in Verbindung gebracht werden." 
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Alexander Han-Gwillian Foto: Kemmler Kemmler
Ihre kulturelle Strahlkraft hat sich dadurch deutlich verschoben. „Zuvor war sie sowohl im Mainstream als auch in Avantgarde-Kreisen fest verankert, doch inzwischen konzentriert sich ihre Vernetzung fast ausschließlich auf den Mainstream – und selbst dort mit deutlich geringerer Wirkung“, sagt Han-Gwillian. Damit verliere sie spürbar den Zugang zu anspruchsvolleren, kulturorientierten Zielgruppen, die einst den Kern ihrer Attraktivität für Premiummarken bildeten.

“Marken sind viel sensibler als Nutzer”

Das dürfte mit eine Erklärung dafür sein, weshalb sich die Auswirkungen bei den Brand-Collaborations viel extremer zeigen als bei den Follower-Zahlen. “Sie hatte im Jahr 2023 bis zu 50 Kooperationen mit verschiedenen Brands pro Monat, unter anderem mit Weltmarken wie Dior, Louis Vuitton, Douglas, Benetton, Nespresso, Gucci, Calzedonia", zählt Timo-Alexander Wagner von Infludata auf. Seit Publikwerden des Skandals sei die Zahl nur noch im einstelligen Bereich, "teilweise hatte sie sogar im Sommer 2024 gar keine Kooperationen mehr." Marken seien noch viel sensibler als Nutzer*innen, weil Kooperationen auch auf das eigene Image abfärben.
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Timo-Alexander Wagner Foto: Infludata
Und nicht nur die Zahl, sondern vor allem die Relevanz der Kooperationspartner ist eingebrochen: "All die großen Marken, die ich gerade genannt habe, sind gar nicht mehr vertreten", sagt Wagner. Er glaubt: "Diese Auswirkungen im Brand-Bereich tun ihr sicherlich sehr viel mehr weh als die verlorenen Follower. Ich würde schätzen, dass der Verlust, den sie bei den Brand-Collaborations erlitten hat, monetär ausgedrückt 80 bis 90 Prozent beträgt.” 
Und wo wir schon bei Zahlen sind: Auch bei ihrer eigenen Brand Fenice musste Chiara Ferragni herbe Verluste einstecken: Die Tochterfirma Fenice Retail wurde Mitte 2025 liquidiert, nachdem sie zwischen 2023 und 2024 1,2 Millionen verloren hatte, berichtet Forbes Italia. Die Muttergesellschaft Fenice soll im gleichen Zeitraum Verlust in zweistelliger Millionenhöhe gemacht haben, heißt es. Den Mailänder Flagship-Store und ein weiteres Geschäft in Rom hatte Ferragni im Zuge der Nachwehen des Pandoro-Gates bereits geschlossen. Zuletzt hat sie Anteile an ihrer Firma zurückgekauft, ihr gehören jetzt wieder 99,8 Prozent. Ob der Rettungsversuch auf eigene Faust aufgeht, wird sich mit der Zeit zeigen. 

Wie gewinnt man das Vertrauen der Community zurück?

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Ferragnis Instagram-Feed Screenshot: OMR
Wer heute durch ihren Instagram-Kanal scrollt, könnte hingegen den Eindruck bekommen, es sei nichts passiert. Ferragni posiert in verschiedenen Outfits, ist mittlerweile auch wieder auf einigen Veranstaltungen eingeladen. Und sie promotet gerade eine neue Duftkerze, die sie zur Weihnachtszeit auf den Markt gebracht hat. Nicht mehr zu sehen ist Rapper Fedez, denn die Ehe ist parallel zum Pandoro-Gate in die Brüche gegangen. Und so öffentlich, wie die beiden vorher ihr glückliches Familienleben inszeniert hatten, so öffentlich wurde dann auch ihre Trennung kommentiert. Mit dem Familien-Content fiel dadurch auch noch ein Teil weg, der Chiara Ferragni abseits von Mode und Glamour nahbar und authentisch gemacht hat. 
Hätte die 38-Jährige nach so viel Veränderung und so vielen negativen Schlagzeilen grundlegend ihre Strategie ändern müssen, um wieder Aufwind zu bekommen?  "Ich an ihrer Stelle hätte mir überlegt: Was stiftet denn Vertrauen? Und Vertrauen in der Community zurückzugewinnen oder auch neue Follower zu gewinnen, passiert im Zweifel nicht über ein 60-Sekunden-TikTok oder Reel", sagt Ann-Katrin Schmitz, die dafür eher Lang-Formate wie Vlogs auf Youtube oder einen Podcast für geeignet gehalten hätte. "Das wäre eine interessante Möglichkeit gewesen, sich selbst Raum zu geben, intensiver über Themen zu sprechen und sich zu erklären." 

Die Auswirkungen für die Creator Economy

Doch was lässt sich aus dem Fall lernen? In Italien hat die Regierung reagiert und hat 2024 ein Gesetz verabschiedet, das von den Medien schon "Legge Ferragni" – das Ferragni-Gesetz – genannt wird. Es verpflichtet Influencer*innen ab eine Million Follower*innen extrem transparent zu sein, wenn sie Charity-Aktionen bewerben. Es muss klar kommuniziert werden: Wohin geht das Geld? Zu wie viel Prozent? Wer bekommt was? Bei Verstößen drohen heftige Bußgelder. Influencer-Marketing wird also rechtlich langsam mit klassischer Werbung gleichgestellt.
Und auch bei uns hat der Fall eindeutig Konsequenzen gehabt, bestätigt Ann-Katrin Schmitz. "Das hat wirklich jede Brand auch in Deutschland mitbekommen. Wir hatten ähnliche Aktionen geplant, und das findet tatsächlich häufig so zum Ende des Jahres um Weihnachten herum statt. Viele Marken haben diese Kampagnen dann gestoppt und gesagt: ,Oh, das können wir jetzt gerade nicht mehr machen. Auch wenn bei uns alles sauber läuft.’" Der Skandal habe also nicht nur Chiara Ferragni einen nachhaltigen Schaden zugefügt, sagt Schmitz, "sondern eigentlich dieser kompletten Creator Economy, die Charity mit Marken gemeinsam als Kooperation umsetzt." Ann-Katrin Schmitz sieht das differenziert. Einerseits sei die Motivation eine gute, andererseits sei es schade, dass dadurch ehrliche Kampagnen, die mit großen Summen viel hätten bewirken können, abgesagt wurden oder gar nicht mehr stattgefunden haben. 
Mode- und Lifestyle-Expertin Bianca Lang-Bognár plädiert dafür, weiterhin Charity-Aktionen umzusetzen. "Aber Charity ist ein selbstloses Geschäft, dabei muss man ehrlich vorgehen und übertransparent sein." Misstrauen sei schnell in der Welt, dann wieder Vertrauen zu schaffen, dauere ein Vielfaches länger. "Das ist es, was man ihr übel nehmen kann als Gesellschaft, weil sie ein humanitär bedeutendes Business mit in den Abgrund gerissen hat. Zum Selbstzweck."
In Mailand soll unterdessen schon diese Woche ein Urteil gesprochen werden. Ferragnis Verteidiger fordert einen Freispruch, die Staatsanwaltschaft die Haftstrafe. Chiara Ferragni bestreitet bis heute jede Schuld. Doch selbst wenn das Gericht ihr am Ende recht gibt – ihr Mythos bleibt beschädigt. 
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Tanja Karrasch
Autor*In
Tanja Karrasch

Tanja Karrasch ist Redakteurin bei OMR. Sie hat bei der Tageszeitung Rheinische Post volontiert und anschließend als Redakteurin gearbeitet. Vor ihrem Wechsel zu OMR arbeitete sie für die TV-Produktionsfirma Bavaria Entertainment und war als Redaktionsleiterin für zwei ZDF-Shows zuständig.

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