"Ihr seid zu schlecht für das iPhone": Wie Tim Höttges die Telekom wieder aufgebaut hat

Der Aktienkurs war im Keller, die Marke in den USA abgeschlagen. Dann folgte eine der spektakulärsten Wenden der Wirtschaftsgeschichte.

OMR-Gründer Philipp Westermeyer besuchte Telekom-Chef Tim Höttges in Bonn. Foto: OMR
OMR-Gründer Philipp Westermeyer besuchte Telekom-Chef Tim Höttges in Bonn. Foto: OMR
Inhalt
  1. "Und dann werde ich Vorstandsvorsitzender..."
  2. Erst gescheitert, dann das US-Comeback
CEO Tim Höttges hat aus der Telekom ein internationales Schwergewicht gemacht, das an der Börse mehr wert ist als alle großen europäischen Konkurrenten zusammen. Das Problem aus europäischer Sicht: Der Börsenwert leitet sich fast ausschließlich vom US-Geschäft ab. Im OMR Podcast warnt Tim Höttges deswegen, dass die europäische Regulierung schnelle Fortschritte bei der digitalen Infrastruktur verhindert. Außerdem verrät er, wieso er schon ins Abi-Jahrbuch „Vorstandschef“ als Berufswunsch geschrieben hat, wieso T-Mobile US am Anfang keine iPhones anbieten durfte – und welches Investment an der Börse sein vielleicht bester privater Deal war.
Die Europäische Union besteht aus 27 Mitgliedern, ganz Europa aus circa 20 Ländern mehr – und da verwundert es doch sehr, wenn Telekom-Chef Tim Höttges eine andere Zahl in den Raum wirft: "Die Deutsche Telekom hat in Europa 270 Regulierer." 270, das sind zehn Mal so viele Regulierer wie EU-Mitglieder und immer noch mehr als fünf Mal so viele Regulierer wie Länder in ganz Europa. Und es ist ein Wert, der für den Manager vieles erklärt von dem, was er in den vergangenen Jahren erlebt hat: Während der Geschäft in den USA boomte und ein riesiger Binnenmarkt Expansions- und Wachstumsträume reifen ließ, lief Europa dem Tempo hinterher. Hier Hypergrowth, dort Kupferkabel. Ist es wirklich so einfach?
Im OMR Podcast spricht Tim Höttges über diese Entwicklung, aber auch über seinen Werdegang. Dabei geht es unter anderem um...

"Und dann werde ich Vorstandsvorsitzender..."

... den Eintrag im Abi-Buch, in dem er geschrieben hat, dass er später Vorstandsvorsitzender werden will: "Ich habe sogar eingetragen, dass ich 100.000 DM verdienen möchte. Das war durchaus naiv. Aber ich wollte irgendwo Einfluss haben. Ich wollte irgendwo Power haben. Ich wollte etwas gestalten können. Das war mir wichtig, als ich aus der Schule rausgekommen bin. Und ich war damals fasziniert von den Marken, diesen großen amerikanischen Marken. Damals kamen die Wrangler Jeans nach Deutschland, und das fanden wir ganz cool. Auch der erste McDonald's wurde damals eröffnet in Solingen, meiner Heimatstadt. Und dann habe ich gesagt, ich möchte Werbepsychologie studieren – und dann werde ich Vorstandsvorsitzender."
...den Einstieg bei der Telekom, nachdem er zuvor in der Energiewirtschaft gearbeitet hatte: "René Obermann, damals Vorstandsvorsitzender für das Deutschlandgeschäft, hat mich damals eingestellt. Diese junge, dynamische Art hat mich fasziniert, das war nicht Corporate-Deutschland. Da war im Mobilfunkbereich bei der Deutschen Telekom ein unheimlicher Drive, da war so eine Aufbruchsstimmung – und da habe ich gesagt: Da will ich dabei sein."

Erst gescheitert, dann das US-Comeback

... um die anfangs extrem schwierige Lage im US-Markt: "Die Telekom hat sich damals verzettelt, um das mal klar zu sagen. Ich war damals Finanzvorstand, habe 20 Milliarden Euro abgeschrieben auf den Wert. Wir sind in einer Situation gewesen, wo wir einen Marathon hätten laufen müssen, uns aber nach dem Sprint schon die Luft ausging. Und das war nicht haltbar. Es gab zwei große Player im Markt, AT&T und Verizon. Die haben den Markt unter sich aufgeteilt und wir waren hoffnungslos abgeschlagen. Wir hatten kein vernünftiges 3G- oder 4G-Netz. Wir hatten noch nicht mal mehr das iPhone. Apple hat gesagt: Ihr seid so schlecht in dem Markt, ihr kriegt das iPhone nicht. Und wenn ein Mobilfunker das iPhone nicht anbieten kann, ist man eigentlich hoffungslos verloren."
...den geplatzten Verkauf des US-Geschäfts an Konkurrent AT&T, der eine Entschädigung von drei Milliarden Dollar in die Kassen gespült hat: "Wir haben zwei Stunden geschwiegen. Wir haben im Büro von René Obermann mit zwei oder drei anderen Leuten zusammengesessen wussten nicht, wie es mit der Telekom weitergehen soll, weil wir diese enorme Hypothek Amerika hatten. Wir hatten keine Perspektive, wie wir das Geschäft nach vorne bringen sollen und wir hatten auch keine finanziellen Ressourcen. Wir waren richtig, ich sag mal, frontal gegen die Wand gefahren. Aber dann haben wir uns gesagt: Ok, wir kriegen jetzt drei Milliarden Cash – mit diesen Mitteln starten wir in Amerika durch. Jetzt setzen wir alles auf eine Karte, ziehen durch und versuchen, Amerika erfolgreich zu machen."
... das vielleicht beste private Investment in seinem bisherigen Leben: "Ich mache immer diese Valley-Touren einmal im Jahr, um zu wissen, was in der Welt passiert. Und da lief mir vor einigen Jahren Nvidia über den Weg. Ehrlich gesagt, war ich einfach nur neugierig – und habe mich gefragt: Was soll das? Damals haben sie noch Grafik-Chips für Gamer-Konsolen gemacht. Was habe ich damit zu tun? Das Meeting war für eine halbe Stunde angesetzt. Nach zwei Stunden bin ich da raus und das erste, was ich gemacht habe, war bei meiner Bank anzurufen und zu sagen: Sofort Nvidia-Aktien kaufen."
Im OMR Podcast spricht Tim Höttges auch über seine Sicht auf Konkurrenten wie 1&1, Live-Sport als Wachstumshebel und seine besondere Freundschaft zu einem früheren Arbeitskollegen.
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Florian Rinke
Autor*In
Florian Rinke

Florian Rinke ist Host des Podcast "OMR Rabbit Hole" und verantwortet in der OMR-Redaktion den "OMR Podcast". Vor seinem Wechsel Anfang 2022 zu OMR berichtete er mehr als sieben Jahre lang für die Rheinische Post über Start-ups und Digitalpolitik und baute die Rubrik „RP-Gründerzeit“ auf. 2020 erschien sein Buch „Silicon Rheinland".

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