80. Geburtstag der Zeit: Die Erfolgsstrategie der Wochenzeitung mit Podcasts und Politik

Tanja Rabe21.2.2026

Chefredakteur und "Alles gesagt"-Host Jochen Wegner spricht im OMR Podcast über die Chancen von KI, ein Social-Media-Verbot für Kinder und den gefährdeten Ruf der Demokratie.

OMR-Gründer Philipp Westermeyer mit Zeit-Chefredakteur Jochen Wegner. Foto: OMR
Wachsende Reichweite, neue Umsatzrekorde – während viele Medienhäuser mit sinkenden Zahlen kämpfen, ist Die Zeit heute erfolgreicher denn je. Zum 80. Geburtstag der Wochenzeitung erklärt Chefredakteur und „Alles gesagt“-Host Jochen Wegner, wie Podcasts, Hochkant-Formate und KI zum Wachstum beitragen und warum das Berufsfeld Journalismus spannender ist als je zuvor. Ein Gespräch über die Gefahren von Social Media, die Epstein-Files, Meinungsvielfalt und ihre Grenzen und Wegners ungewöhnlichen Start als Hacker.
Jahrzehnte, bevor KI zum Buzzword wurde, hat Jochen Wegner als junger Nerd schon von Computern geträumt, die ihn verstehen. Dass das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz endlich da ist, euphorisiert den 56-Jährigen daher ganz besonders. Auf der Bahnfahrt zur Podcastaufnahme hat er sich mit drei Chatbots unterhalten, Themen recherchiert und sich von Claude von einem Immobilienkauf abraten lassen. "Ich bin komplett im Glück", sagt er. "Das, was jetzt passiert, ist das Tollste. Das hätte ich mir nicht vorstellen können." Im OMR Podcast spricht er außerdem über...
... die Erfolgsfaktoren für das Wachstum der Zeit in Zeiten, in denen andere Medienhäuser mit sinkenden Auflagen und Umsätzen kämpfen: "Zunächst mal hat Die Zeit wahnsinnig Glück gehabt, an einer bestimmten strategischen Stelle zu sein, in einer Zeit, in der niemand dachte, dass das ein Vorteil ist. Eine Wochenzeitung zu haben, während die digitale Revolution losgeht, das ist kontraintuitiv, dass es ein Zukunftsmodell ist. (...) Jede Tageszeitung träumt, glaube ich, davon, nicht mehr unter der Woche zu drucken, sondern einmal so richtig toll, weil das ist einfach sinnvoll. Am Wochenende will ich eine Print-Ausgabe haben und Die Zeit ist da schon. Das war, glaube ich, ein großer strategischer Vorteil. Und der zweite war: Es gab keine 24/7-Redaktion in den frühen Tagen natürlich, sondern es gab eine Wochenzeitungsredaktion. Klingt erst mal wie ein Nachteil, hatte aber den Vorteil, dass vor meiner Zeit man langsam eine Online-Redaktion quasi als kompletten Parallelbetrieb aufgebaut hat. (...) Und wir haben dann eine Sache geschafft, die vielleicht ein bisschen ungewöhnlich ist: Das digitale Abo hat bei uns bis heute das ganz leichte Sinken der Printauflage, was wir auch haben, die meiste Zeit sogar überkompensiert oder kompensiert. Das heißt, wir haben de facto die ganze Zeit eine Wachstum gesehen."
... wie die Zeit sich auf Tiktok eine neue Zielgruppe erschlossen hat: "Wir haben vor zwei Jahren ein Hochkant-Team gegründet. Das sind inzwischen etwas mehr als ein Dutzend Kollegen. (...) Die hatten jetzt letzten Monat 100 Millionen Views. Das ist ordentlich. Für ein Medienhaus in Deutschland am oberen Ende dessen, was man so erreichen kann, würde ich sagen. Und das hätte ich nicht gedacht, dass wir in zwei Jahren so wahnsinnig viele Leute über einen völlig neuen Kanal erreichen. Tiktok hat angefangen, uns zu ermöglichen, zurück zu verlinken. Das sind vermeintliche Kleinigkeiten. Das heißt aber, dass wir plötzlich auch Traffic von Tiktok bekommen, was bisher schier unmöglich war."
... über die Frage, warum so viele Nationen mit den demokratischen Strukturen ringen: "Es gibt in Deutschland, aber auch in vielen anderen Ländern, eine Art Verlustangst der Mitte. Also Menschen, denen es eigentlich noch gut geht, die aber Sorge haben, dass die Entwicklung nicht in ihre Richtung läuft. Und das ist eine relativ neue Entwicklung der letzten 10, 15 Jahre. Es ist gar nicht sozusagen die Arbeiterklasse, die jetzt aufsteht, sondern es sind eher Menschen, denen es noch gut geht, die aber große Sorge haben, dass das nicht so bleibt. Das ist zum Beispiel ein wichtiger Motor, glaube ich, wenn man das betrachtet. Dann sind es so Dinge, die sind schwer zu belegen, aber wie eine gewisse Dysfunktionalität, die Demokratien immer schon ausgestrahlt haben, die jetzt natürlich durch Social Media und durch alle möglichen anderen Kommunikationswege stärker zutage treten. Demokratien wirken so langsam, die wirken manchmal so behäbig, die haben größte Probleme, ihre Infrastruktur aufrechtzuhalten."
... über seine gespaltene Meinung zu Elon Musk: "Elon Musk ist, – jetzt komm ich in die Hölle –  aber eine der faszinierenden Personen in der Technologiewelt. Das ist ja trivial. Offensichtlich ist er der Einstein in verschiedenen Gebieten auf eine Weise, die wirklich faszinerend ist. Deswegen ist der Fall von Elon Musk ja auch so Theaterstoff. Und das muss man auch immer dazu sagen. Und das ist natürlich völlig verrückt. Aber trotzdem der Respekt vor seiner Lebensleistung, den habe ich erst mal. Du kannst sozusagen viele Schimpfwörter für ihn finden. Die meisten haben ein Fundament. Und was er da angerichtet hat in den letzten ein, zwei Jahren, ist halt wirklich besorgniserregend. Viele seiner Äußerungen sind höchst besorgniserregend. Man sieht, was es aus Menschen machen kann, die so viel Erfolg hatten, dass sie auf eine gewisse Weise unangreifbar geworden sind und womöglich nicht wissen, was sie so noch anfangen sollen. Außer zum Mars fliegen, ja, dann revolutionieren wir halt mal die Regierung. Aber diese Grundverfassung und zu beobachten, wie er bestimmte Branchen im Grunde erfunden hat, das finde ich schon auch ein Teil der Geschichte, der halt trotzdem da ist."
... die Zukunftsaussichten der großen deutschen Medienhäuser in fünf bis zehn Jahren: "Ich habe mir das hart abtrainiert, da irgendeine These zu haben. Ich habe wirklich viele Jahre damit zugebracht, auf irgendwelchen Konferenzen Thesen zu haben, wie das jetzt weitergeht. Und irgendwann kam mal ein Blogger und hat geguckt, wer hat eigentlich die meisten Thesen zur Zukunft der Medien publiziert? Und das war damals ich. Und dann habe ich mir das so angeguckt. Vielleicht ein Drittel davon ist eingetreten, ja, maximal. Und man lernt schon über die Zeit eine gewisse Demut. Ich glaube, der Trick dabei ist trivial. Man guckt halt, wie es nächste Woche läuft. Man hat vielleicht eine These, wie die nächsten sechs Monate oder das nächste Jahr laufen. Es ist ganz gefährlich zu glauben, man wüsste, was in fünf Jahren ist. Das, was wir gerade mit KI erleben, wie alt ist das jetzt? Zwei, drei Jahre? Es ändert alles. Weiß ich, was nächste Woche für ein Modell gedroppt wird? Das kann unseren Beruf komplett verändern, verändert es jetzt schon. Solche Entwicklungen gab es ja immer wieder und das Interessante ist, wir werden 80 Jahre jetzt dieses Jahr. Die Zeit und viele andere auch haben es immer geschafft, neue Ansätze zu finden, um weiter zu existieren. Ich glaube, das Geschäftsmodell von heute hat nur noch relativ wenig oder in Ansätzen mit dem zu tun, wie das mal begonnen hat. Und trotzdem ist es uns gelungen. Da muss etwas sein. Und das glauben wir natürlich auch. Da ist etwas, was größer ist, als das aktuelle Mediengeschehen. Wir werden schon einen Weg finden, wie wir auch in zehn Jahren Die Zeit publizieren."
... die Wichtigkeit von Meinungsvielfalt, um eine breite Bevölkerungsschichte mit Medieninhalten zu erreichen: "Es hat geholfen, dass wir als Medium von unserer Tradition her ein relativ breites Spektrum von Standpunkten umarmt haben. Also Die Zeit war schon in ihren Frühtagen ein Ort, wo auf der Titelseite immer der Leitartikel A gefordert hat und der danebenstehende Leitartikel Minus A. Also die haben sich sozusagen diametral widersprochen. Das ist immer schon Teil der Kultur gewesen. Der vornehme Streit ist Teil der DNA der Zeit. Und das führt dazu, glaube ich, dass sich sehr viele Menschen damit identifizieren können, uns zu lesen und wahrzunehmen, wir sind eher so höfliche Gastgeber, was politische Standpunkte betrifft, in weiten Teilen. Es gibt Grenzen, aber wir bemühen uns wirklich sehr, viele Standpunkten abzubilden."
Wie Jochen Wegner über ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche denkt, was ihn an den Epstein-Files am meisten schockiert hat und mit welchem Startup er mal Großes vorhatte, hörst du hier:
OMR Podcast
Tanja Rabe
Autor*In
Tanja Rabe

Tanja Rabe ist Redakteurin bei OMR. Sie hat bei der Tageszeitung Rheinische Post volontiert und anschließend als Redakteurin gearbeitet. Vor ihrem Wechsel zu OMR arbeitete sie für die TV-Produktionsfirma Bavaria Entertainment und war als Redaktionsleiterin für zwei ZDF-Shows zuständig.

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