Fußball-Legende Jürgen Klinsmann: "Ich erkenne ein Talent nach zehn Minuten"
Tanja Rabe15.2.2026
Im Interview für den OMR Podcast in seiner Wahlheimat Kalifornien spricht Klinsi über Karriere-Meilensteine und warum Intuition bei der Talentsuche wichtiger ist als Big Data.
Philipp Westermeyer und Jürgen Klinsmann haben sich zum Interview in Newport Beach in Kalifornien getroffen, wo Klinsmann seit vielen Jahren lebt. Foto: OMR
Er hat als Spieler in den größten Stadien der Welt triumphiert, Deutschland als Nationaltrainer mit dem Sommermärchen verzaubert und so Legendenstatus erreicht. Beim Interview in seiner Wahlheimat Kalifornien spricht „Klinsi“ über seine Karriere, die ihn von der Backstube seines Vaters bis an die Fußball-Weltspitze führte, über die Transformation des Sports, finanzielle Unabhängigkeit und einen cleveren Trikot-Deal mit Uli Hoeneß.
Während im Fußball-Business heute mehr und mehr auf der Basis von Daten entschieden wird, vertraut Jürgen Klinsmann auf seine Intuition. Ein echtes Talent erkenne er innerhalb von zehn, 15 Minuten, sagt er. Im OMR Podcast spricht der ehemalige Nationaltrainer unter anderem über...
... das Auge für Ausnahme-Talente: "Du siehst Bewegungsabläufe, die Charaktereigenschaften, die ein Spieler mitbringt. Du siehst das Talent, das er hat. Du siehst, woran er zu arbeiten hat, wo er besser werden müsste, könnte. Und du siehst dann relativ schnell: Okay, das kann einer werden, das kann wirklich einer werden. Zum Beispiel haben Jogi Löw und ich 2006 im Januar nach zwanzig Minuten beim ersten Bundesligaspiel von Borussia Dortmund den David Odonkor gesehen. Nach ner Viertelstunde haben wir uns angeschaut und haben gesagt: Wow, schau dir das mal an. Speed, Überraschungsmomente, Intuition. Der kann ja jede Abwehr verrückt machen. Da war er aber erst 19 oder 20 Jahre alt und war vorgesehen für die U21-Europameisterschaft. Dann haben wir gesagt: Den lassen wir jetzt ganz in Ruhe weiterspielen. Sagen keinen Ton zu irgendjemanden. Aber der war bei uns praktisch schon im WM-Kader drin. Der wusste halt nur nichts davon."
... seinen Trikot-Provisionsdeal mit Uli Hoeneß: "Das war die Erfahrung von einem Jahr Tottenham zuvor, wo in der Premier League zum ersten Mal eingeführt wurde, (...) dass der Spieler die gleiche Nummer das ganze Jahr durch hat, um den Trikotverkauf ein bisschen anzutreiben bei den Fans. Und als ich zu Tottenham bin vom AS Monaco, haben sie mich gefragt: Welche Nummer hättest du denn gerne? Und dann hab ich gesagt: Wenn die 18 frei ist, (...) dann nehme ich die, weil das halt meine Turnier-Nummer mit der Nationalmannschaft war. Da wusste ich aber auch nicht, was das jetzt bedeutet. Und dann haben die innerhalb von zehn Tagen meine Ablösesumme reingeholt für zwei Millionen, die sie AS Monaco gegeben haben, nur mit meinen Trikots. Und dann ist mir da auch eine kleine Lampe aufgegangen als alter Schwabe. (....) Und dann hat die Bundesliga das eingeführt in dem Jahr danach. Und dann habe ich zum Uli Hoeneß gesagt: Uli, aber ich habe die Erfahrung bei Tottenham gemacht, die haben Trikots ohne Ende verkauft mit der 18 von mir. Jetzt hätte ich dann schon auch gerne eine kleine Provision dabei, wenn es okay ist. Und dann hat er gesagt: Ja, das hast du richtig gelernt und wir schreiben eine Provision dann rein in den Vertrag."
... über seinen legendären Tonnentritt 1997 beim FC Bayern München: "Wo Emotionen sind, die können sich halt in beide Richtungen laden: positiv wie negativ. Und wenn die sich negativ entladen, wie beim Tonnen-Tritt, wo ich mir das gesamte Sprunggelenk aufgeschlitzt hab, das hat richtig wehgetan, aber vor allem natürlich emotional weh getan, weil so bin ich eigentlich nicht. Aber da hast du halt so eine Kurzreaktion gehabt. Und schon im Moment hat dir das leid getan, als du in die Kabine gelaufen bist. Aber das ist vor allem dann natürlich auch persönlich bezogen einem Trainer gegenüber, dem ich unglaublich viel zu verdanken hab, Giovanni Trapattoni, da saß ich in der Kabine fix und fertig und hab geheult und sagte: Wie kannst du so was einem Menschen gegenüber machen, den du unglaublich wertschätzt? Und dann konnte ich es kaum erwarten, bis er in die Kabine kam, bin sofort heulend auf ihn zu und habe gesagt: Trainer, es tut mir wahnsinnig leid. Ich weiß nicht, was da in mich gefahren ist. Und er sagte nur: Bub, hab ich schon vergessen. Und natürlich kommen solche Momente hoch, wo du sagst, hätte ich doch was anders machen können. Aber ich glaube, dass das jedem Menschen passiert, dass du Fehler machst und natürlich auch was anders hättest machen sollen, können. Aber du kannst es ja nicht mehr korrigieren."
...seinen Rücktritt als Cheftrainer von Hertha BSC: Lars [Windhorst, Anm. d. Red.] und die Führung von Hertha Berlin haben mich damals in dieser Nacht- und Nebelaktion gebeten, das als Trainer vorläufig zu übernehmen. Ja, dann hast du dich halt überreden lassen, da war es nachts um drei, dann hast Du angefangen zu arbeiten und hast dem Club geholfen und innerhalb ein paar weniger Wochen hast Du den Club von einem Abstiegsplatz hochgezogen (...) und es lief eigentlich in die richtige Richtung. Und dann hast du einfach Dinge bemerkt, die die Gründe waren, warum sie da gestanden sind, als du die vor ein paar Wochen übernommen hast. Danach habe ich versucht, das zu kommunizieren. Und habe aber gemerkt: Ich stoße da auf taube Ohren. Und dann ist das Ganze halt zwischenmenschlich komplett in die falsche Richtung gelaufen. Und ich hab das dann Lars mal erklärt und er sagte: Jetzt mach einfach mal weiter. Ich hatte nie einen schriftlichen Vertrag mit Hertha Berlin. Das war einfach nur ein Handschlag. Und dann hab ich gemerkt: Du passt da jetzt nicht hin. Das ist auch nicht dein Ding. Und das läuft in die verkehrte Richtung. Und dann bin ich halt ein Typ, wenn das mal anfängt, sich im Kopf hochzuspielen, dann kann ich auch relativ schnell rigoros Entscheidungen treffen, ob die jetzt richtig oder falsch sind oder ob die Art und Weise dann jetzt richtig und falsch ist, das interessiert mich in dem Moment eigentlich gar nicht mehr. Das war dann praktisch zu dem besagten Datum, glaube ich Anfang Februar, nach zehn Wochen in dieser Arbeit, wo ich gemerkt habe: Alles, was du sagst, stößt auf taube Ohren. Sie wollen es nicht ändern, sie wollen das nicht wahrhaben. Du bist jetzt eigentlich nur das ausführende Glied und auch der Kopf dafür, dass es auch alles gut geht. Und dann habe ich meine Frau angerufen, hier in den USA, und gesagt: Ich sitze morgen im Flieger."
... seine Leidenschaft fürs Fliegen: "Vor über 15 Jahren bin ich hier in eine Hubschrauber-Schule rein und habe gefragt: Wie funktioniert es denn, Hubschrauberpilot zu werden? Und die haben gesagt, learning by doing. Dann fing ich an, meine Scheine zu machen und dachte, das Theorie-Material, das kapiere ich ja nie. Das ist alles in Englisch. Aber das hat sich dann so entwickelt. Es hat halt zwei Jahre gebraucht, bis ich meinen Privatschein hatte als Hubschrauberpiloten, nochmal zwei Jahre bis zum kommerziellen Hubschrauberpiloten und dann nochmal zwei Jahren zum Instrumentenschein und jetzt habe ich alle. Und jetzt fliege ich jede Woche, ja. Als Spaß heraus und aus Feintuning heraus, dass ich da in der Materie drinbleibe. Mein Traum als kleiner Bub war eigentlich, als ich als kleiner Bub gefragt wurde, was möchte ich mal werden, bevor sich das mit dem Fußball irgendwie mal entwickelt hat, war ganz klar: Ich werde Pilot. Dass es es Hubschrauberpilot war, das war einfach aus Neugier heraus. Aber wenn mich ein Lufthansa-Pilot ins Cockpit holt, einfach um beim Abflug und Anflug mit dabei zu sitzen, dann bin ich wie ein kleiner Bub. Das ist für mich total faszinierend. Flugzeuge haben mich immer faszineriert."
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