Staatshilfe trotz 233.000 US-Dollar Gehalt? Die bizarre Realität im Silicon Valley
Florian Rinke11.2.2026
Die Tech-Korrespondenten Marie-Astrid Langer (NZZ) und Philipp Alvares de Souza Soares (Handelsblatt) über das Leben im Silicon Valley, den KI-Boom und das Verhältnis der Tech-Bros zu Donald Trump.
Marie-Astrid Langer, Philipp Alvares de Souza Soares (2.v.r.) und Philipp Westermeyer trafen sich mit Christian Byza (1.v.l.) in dessen House of AI in San Francisco zur Aufnahme. Foto: Florian Rinke/OMR
Inhalt
Sie führen ein Leben in der Zukunft – zumindest aus deutscher Sicht: Philipp Alvares de Souza Soares und Marie-Astrid Langer berichten für Handelsblatt und Neue Zürcher Zeitung aus dem Epizentrum des Fortschritts. Sie testen KI-Modelle, die es in Europa nicht gibt, Fahrten im Robo-Taxi sind für sie Alltag. Im OMR Podcast verraten sie, wie oft man Tech-Promis wie Mark Zuckerberg beim Joggen trifft, wie viel Blase im KI-Boom steckt – und wie man das Leben in einer Stadt meistert, in der man mit 233.000 US-Dollar Haushaltseinkommen staatliche Hilfe bekommt.
Der große Star im Silicon Valley heißt momentan Claude. Er ist kein Franzose, kein Tech-Gründer aus Luxemburg oder Programmierer aus Belgien. Claude ist ein LLM, ein Large Language Model des Startups Anthropic. Wobei Startup fast schon niedlich klingt angesichts der Milliarden US-Dollar, die innerhalb kürzester Zeit in das Unternehmen geflossen sind. Aber so ist das gerade einfach im Silicon Valley: die einst geltenden Grenzen haben sich in den vergangenen Jahren rasant verschoben, je intensiver der Wettkampf um die Vorherrschaft im Bereich der KI wurde. Momentan scheint Claude der Favorit in der Bay Area zu sein, zumindest im Arbeitskontext. Und so taucht der Name auch häufiger auf im Gespräch von OMR-Gründer Philipp Westermeyer und OMR-Urgestein und KI-Unternehmer Christian Byza mit den Tech-Korrespondent*innen Marie-Astrid Langer (NZZ) und Philipp Alvares de Souza Soares (Handelsblatt). Außerdem geht es um...
... um Marie-Astrid Langers Einschätzung, wie viel Spekualtionsblase im aktuellen KI-Hype steckt: "Ich würde sagen, es ist sehr deutsch, zu sagen: ,Jetzt ist KI schon seit drei Jahren draußen und wir wissen immer noch nicht, womit man da jetzt Milliarden verdienen soll'. Auch in den ersten Jahren des Internets konnte man sich nicht vorstellen, dass es irgendwann mal so allgegenwärtig wäre, wie es heute ist. Ich glaube, man muss auch ein bisschen mehr Geduld haben. Und viele kleine Anwendungen haben schon enormen Einfluss. Also wenn ich zum Beispiel juristische Fragestellungen im Privatleben habe, kontaktiere ich keinen Anwalt mehr, sondern frage einfach die KI – und die ist verdammt gut. Gerade bei Fachwissen verändert sich enorm viel im Moment. Ich habe Freunde, die sind Juristen und optimieren gerade die Modelle von Gemini, Claude und Co. Früher haben Klickarbeiter*innen der KI beigebracht, wie man Katze schreibt, aber die KI ist nicht mehr in der Grundschule. Die KI ist jetzt an der Uni und promoviert gerade und wird dabei von Postdocs ausgebildet. Deswegen müssen wir noch ein bisschen warten, um zu sehen, was sich alles als nächstes verändert."
7-0 ist das neue 9-9-6
... die Frage, welchen Tech-Konzern Philipp Alvares de Souza Soares für die größte Bedrohung für OpenAI hält: "Ich würde Google herausheben mit diesem Full-Stack-Ansatz, jetzt auch Chips zu entwickeln. Die haben ja auch mal die Basistechnologie hinter diesem ganzen Hype entwickelt und haben eigentlich das führende KI-Labor der Welt in London in ihrem Netzwerk. Für OpenAI, die ja zunehmend Probleme haben, sich zu refinanzieren, wird es schwierig sein, dagegen anzukommen. Deswegen sind sie ja auch gerade so unter Druck, weil Gemini halt so gut geworden ist."
... Christian Byzas Beobachtung der Arbeitsmoral in der Tech-Branche: "Ich glaube nicht, dass die Leute sagen ,Ich muss'. Sie haben einfach so einen spannenden Job, dass sie richtig Bock haben, das zu machen was sie machen. Ich glaube, viele sagen sich, dass wir gerade in so einer wichtigen Phase sind, in der es so viele Sachen zu tun gibt, dass sie deswegen auch gerne am Sonntag ins Büro kommen. Früher gab es 9-9-6, also die Arbeit von neun Uhr bis neun Uhr an sechs Tagen die Woche. Jetzt gibt es etwas Neues – und das heißt 7-0. Das heißt sieben Tage die Woche arbeiten, kein Urlaub. Auch bei uns im House of AI gibt es relativ viele Gründer*innen, die hier sieben Tage die Woche im Office sitzen."
Eigenheim? Nur mit Börsengang finanzierbar
... die Angst vor der Einwanderungsbehörde ICE, die Marie-Astrid Langer so beschreibt: "Wir sind hier ja am Rande des Latino-Viertels der Stadt. Ich vermute, wenn ICE am Spielplatz dort aufschlägt, könnten sie wahrscheinlich 50 Prozent der Nannys und Kinder dort festnehmen. San Francisco ist eine stark durch Einwanderung geprägte Stadt. Ich habe gehört, dass es im Endeffekt Salesforce-Chef Mark Benioff, OpenAI-Chef Sam Altman und Co. waren, die den neuen Bürgermeister gedrängt haben, mit Trump zu sprechen. Dazu muss man wissen, dass es sich um einen weißen Mann und Erben aus dem Levi-Strauß-Imperium handelt, der recht viel in der Stadt verändert. Und offenbar hat Daniel Lurie es in dem Telefonat geschafft, Trump davon zu überzeugen, dass die ICE-Truppen hier doch nicht einrücken müssen. Und dann wurde der Einsatz innerhalb von wenigen Stunden abgeblasen. Ich fand es total interessant zu sehen, welche Macht die Tech-Konzerne über Washington haben, wenn es darum geht, dass die ICE-Truppen hier in ihrem eigenen Vorgarten aufrücken könnten."
... die teuren Lebenshaltungskosten in San Francisco, die laut Marie-Astrid Langer teilweise geradezu absurde Züge annehmen: "Man kann die Gesellschaft in verschiedene Gruppen teilen: Wer Anteile an einem Unternehmen hält oder von einem Börsengang profitiert hat, verdient auf diese Art das Geld, um sich ein Eigenheim zu leisten. Dann gibt es noch die mittlere Klasse, das sind Leute, die ganz normal bei einer der Tech-Firmen arbeiten. Die untere Klasse sind dann alle anderen. Dazu vielleicht ein krasses Beispiel: Der Bürgermeister hat eine Initiative angekündigt, um Familien in San Francisco zu unterstützen. Es gibt daher jetzt eine Einkommensgrenze, unterhalb der einem die Kita-Gebühren für Kinder unter fünf Jahren erlassen werden – die liegt bei 233.000 Dollar Haushaltseinkommen."
Was die Tech-Korrespondent*innen über Tech-Promi-Sichtungen, die Arbeit im Silicon Valley und zum Thema Robo-Taxi sagen, hörst du hier:
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