Sven Schmidt: „Prosieben ist eine Zitrone, die man auspressen muss“

Florian Rinke4.12.2022

Im Colosseum in Essen traf Philipp Westermeyer den OMR-Stammgast zum Live-Podcast

geschäftsführender Gesellschafter der Machineseeker Group, und OMR-Gründer Philipp Westermeyer im Colosseum in Essen. Foto: Anne Orthen
geschäftsführender Gesellschafter der Machineseeker Group, und OMR-Gründer Philipp Westermeyer im Colosseum in Essen. Foto: Anne Orthen
Inhalt
  1. Sven Schmidt: Bei Linkedin gibt es eine Wokeness-Blase
  2. Fußball-Clubs sind die neuen Yachten
  3. Die Themen des OMR Live-Podcasts mit Sven Schmidt im Überblick:

Wie baut man eine Marke auf? Gibt es eine Wokeness-Blase bei Linkedin? Und warum wollen Investoren ausgerechnet die extrem populären Premier-League-Clubs FC Liverpool und Manchester United verkaufen? Beim OMR-Live-Podcast in Essen diskutierte OMR-Gründer Philipp Westermeyer diese Themen gewohnt kontrovers mit Stammgast Sven Schmidt. Und der verriet dann auch noch, warum er bei ProsiebenSat.1 lieber das Geld rausziehen als weiter stark ins Programm investieren würde.

Früher wurden im Colosseum in Essen Musicals aufgeführt. Nun wird dort über den Aufbau von Marken diskutiert. Tanz und Gesang fehlen, doch der Aufbau einer Illusion ist zumindest thematisch geblieben. „Ich persönlich denke mir immer: Ein weißes T-Shirt ist ein weißes T-Shirt“, sagt OMR-Stammgast Sven Schmidt. Dass es dennoch zahlreichen Modemarken gelingt, ein Vielfaches der Herstellungskosten für ein solches Produkt aufzurufen, ist demnach ein Beleg für die Kraft der jeweiligen Marken und ihre Profitabilität speziell im Luxus-Segment. Aus Sicht von Sven Schmidt ist es daher kein Wunder, dass der Gründer des Luxuskonzerns LVMH, Bernard Arnault, zum reichsten Mann Europas aufgestiegen ist. „Wenn man wie etwa Louis Vuitton alle Kanäle kontrolliert, hat man auch eine 100-prozentige Preiskontrolle“, sagt Sven Schmidt.

Auf Einladung des Marketingclubs Ruhr waren Sven Schmidt, geschäftsführender Gesellschafter der Machineseeker Group, und OMR-Gründer Philipp Westermeyer im Colosseum in Essen zu Gast. Eine knappe Stunde diskutierten die beiden über Entwicklungen in der Startup-Szene und die Frage, wie Marken aufgebaut werden und Wert schaffen können. Und anschließend diskutierten sie nochmal mindestens genauso lange mit den mehr als 150 Besucherinnen und Besuchern (weitere waren digital zugeschaltet) darüber, mit welchen Personalstrategien sie ihre Unternehmen aufbauen und wie sie die Entwicklung in Essen sehen.

Sven Schmidt: Bei Linkedin gibt es eine Wokeness-Blase

Und natürlich gab es dabei auch wieder Kontroversen. Sven Schmidt sieht aktuell beispielsweise einen Teil der Kommunikation bei Linkedin extrem kritisch. Dort habe sich eine „Wokeness-Blase“ gebildet. Seine Kritik: Im Karriere-Netzwerk würden viele Nutzer*innen Beiträge veröffentlichen, in denen sie alternative Arbeitsmodelle propagieren – von Vier-Tage-Woche bis Workation im Ausland. „Da frage ich mich: Wo soll die Wertschöpfung in Zukunft herkommen?“, sagt Sven Schmidt. Die Produktivität sei in Deutschland in den vergangenen Jahren nicht so stark gestiegen, wie man das hätte erwarten können. Für ein Land, das praktisch keine natürlichen Rohstoffe hat oder diese – etwa durch Fracking oder den Kohlebergbau – nicht heben will, sei dies eine fatale Entwicklung. Der OMR-Stammgast vergleicht die Situation in Deutschland mit dem Unglück der Titanic: „Da ist der Eisberg und wir machen uns Gedanken, ob das Kissen bequem genug ist.“ 

Philipp Westermeyer (links) und Sven Schmidt beim Live-Podcast im Colosseum in Essen. Foto: Philipp Behrendt

Philipp Westermeyer (links) und Sven Schmidt beim Live-Podcast im Colosseum in Essen. Foto: Philipp Behrendt

 

Eine Art näher kommenden Eisberg sieht er auch in der Medienwelt. Streamingdienste wie Netflix haben dort in den vergangenen Jahren die Sehgewohnheiten von vielen Menschen stark verändert. Lineares Fernsehen ist für viele dadurch unwichtiger geworden. Das stellt natürlich auch die Privatsender wie ProsiebenSat.1 oder RTL vor Herausforderungen. Beide Unternehmen versuchen aktuell, eigene Streaming-Angebote am Markt zu etablieren und mit Investitionen in das Programm die Zuschauenden zu halten. Aus Sicht von Sven Schmidt ist dieser Kampf für die Sender jedoch langfristig nicht zu gewinnen. Dass ProsiebenSat.1 bei seinem Streaming-Dienst Joyn auf ein werbefinanziertes Modell setzt, ist aus Schmidts Sicht zwar clever. Doch generell müsse das Unternehmen anders agieren: „Ich glaube, dass ProsiebenSat.1 über das Bestandsgeschäft nachdenken muss. Das ist eine Zitrone, die ausgepresst werden muss.“ (Wieso Ex-ProsiebenSat.1-Chef Rainer Beaujean weiter an das Unternehmen glaubt, hat er kürzlich im OMR Podcast erzählt)

Fußball-Clubs sind die neuen Yachten

Kämpfe, die man nicht gewinnen kann, sollte man gar nicht führen, soll das heißen. Diese Botschaft lässt sich auch auf den Fußball übertragen, eines der Lieblingsthemen der beiden Podcaster. Schon früh hat Sven Schmidt die Zukunft der Bundesliga eher düster gesehen, weil die englische Premier League als Plattform attraktiver sei. Dass dort nun dennoch Investoren Clubs wie den FC Liverpool oder Manchester United offenbar verkaufen möchten, ist aus seiner Sicht dennoch kein Widerspruch. Als Erklärung bemüht er einen Vergleich aus der klassischen Wirtschaft: Vor einigen Jahren kauften die Menschen noch teure Navigationsgeräte des Herstellers TomTom. Doch als Google seine Maps-Funktion kostenlos auf den Markt brachte, erodierte das Geschäft des niederländischen Anbieters.

Google monetarisiert sein Karten-Angebot über Werbung statt über den Verkauf von Geräten. Dieses Prinzip lässt sich laut Schmidt auch auf Fußball-Clubs übertragen. Denn dort sind zuletzt immer häufiger Clubs von staatlichen oder halbstaatlichen Investoren übernommen worden, etwa aus dem Mittleren Osten. Katar würde Paris St. Germain anders monetisieren als ein klassischer Investor, sagt Sven Schmidt. Es gehe nicht um den Cashflow, sondern um eine Investition in die Marke des eigenen Landes und ein politisches Netzwerk. Für viele der Super-Reichen seien Fußball-Clubs inzwischen die neuen Yachten, so Schmidt. Für klassische Sport-Investoren, die mit Clubs Geld verdienen wollen, sei das ein Problem – und ein Verkauf daher oft die rational richtige Lösung.

Im OMR Podcast sprechen Philipp Westermeyer und Sven Schmidt außerdem noch über den Crash bei den Krypto-Währungen, über ihre unterschiedlichen Strategien beim Recruiting neuer Mitarbeitenden – und Sven verrät, warum die hohen Summen, die Venture-Capital-Fonds zuletzt eingesammelt haben, über die tatsächliche Lage hinwegtäuschen.

Die Themen des OMR Live-Podcasts mit Sven Schmidt im Überblick:

  • Warum die Größe der Fonds aktuell trügerisch ist (00:04:00)
  • Sven Schmidt über die Super League und ein Stadion-Sponsoring von Rot-Weiß Essen (00:10:30)
  • Warum der OMR Stammgast Pro Sieben auspressen würde wie eine Zitrone (00:22:00)
  • Was braucht es, damit man eine starke Marke aufzubauen? (00:28:00)
  • Warum Sven Schmidt bei Linkedin eine Wokeness-Blase sieht (00:41:30)
  • Das Platzen der Krypto-Blase und warum Fußball-Clubs die neuen Yachten sind (00:46:20)
  • Sven Schmidt und Philipp Westermeyer erklären ihre unterschiedlichen Hiring-Modelle (01:02:00)

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Florian Rinke
Autor*In
Florian Rinke

Florian Rinke ist Host des Podcast "OMR Rabbit Hole" und verantwortet in der OMR-Redaktion den "OMR Podcast". Vor seinem Wechsel Anfang 2022 zu OMR berichtete er mehr als sieben Jahre lang für die Rheinische Post über Start-ups und Digitalpolitik und baute die Rubrik „RP-Gründerzeit“ auf. 2020 erschien sein Buch „Silicon Rheinland".

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