Bei diesem Kölner Startup brauchen Creator keine eigene Reichweite, um erfolgreich zu sein

Florian Rinke18.9.2023

Speekly vermittelt über seine Plattform User Generated Content an Marken und Agenturen

Werbevideos mit authentischem Touch
Über die Plattform von Speekly haben Marken wie Asam Beauty, Hellofresh oder Taxfix Werbung bei Creatorn gebucht. Fotos: Screenshots/Speekly

In sozialen Netzwerken wie Tiktok spielt Authentizität eine immer größere Rolle. Darauf reagieren auch Marken – und setzen stärker auf User Generated Content. Plattformen wie Speekly übernehmen dabei inzwischen die Vermittlung. Investoren wittern ein lukratives Geschäft, doch eine technologische Revolution könnte alles verändern.

Abenteuer-Videos drehen wie Fritz Meineke, in Luxus-Hotels übernachten wie Pamela Reif oder sich gleich ein Luxus-Haus gönnen wie Jens "Knossi" Knossala – für viele junge Menschen wirkt das offenbar verführerisch. Als kürzlich eine Hochschule Abiturient*innen nach ihrem Berufswunsch fragte, war ein Job ziemlich populär: Creator. Knapp 40 Prozent der Befragten konnte sich vorstellen, ihr Geld auf diesem Wege zu verdienen. Die Studie ist nicht repräsentativ, doch dass Social-Media-Star inzwischen ein gängiger Berufswunsch ist, haben auch Befragungen in den USA in der Vergangenheit gezeigt. Millionen Follower gleich Millionen-Vermögen, diese Formel haben viele inzwischen verinnerlicht und arbeiten daher hart für den Aufbau der eigenen Reichweite.

Nanosch Adams sucht hingegen im Prinzip gezielt nach Nobodys. Mit seinem Startup Speekly baut der Kölner eine, wenn nicht gar die größte deutsche Creator-Plattform auf. Doch bei ihm zählen weniger bekannte Namen und Gesichter als vielmehr das Talent, sich vor der Kamera zu präsentieren und diese Momente technisch sauber festzuhalten. "Bei User Generated Content geht es nicht darum, Thomas Gottschalk vor die Kamera zu stellen, sondern jemanden zu finden, mit dem sich die Zielgruppe identifiziert", sagt Nanosch Adams.

Speekly setzt auf UGC als Plattform-Business

User Generated Content (UGC) wird im Marketing immer wichtiger. Denn speziell bei Tiktok geht es weniger um Hochglanz-Content, sondern um (vermeintliche) Authentizität, aber auch auf den Meta-Plattformen wird das Thema immer wichtiger. Viele Marken haben daher bereits damit begonnen, mit Videos zu experimentieren, die nicht in aufwändigen Werbedrehs, sondern von Content-Creatorn entwickelt wurden (über die Reichweiten-Chancen dank User Generated Content haben wir auch im Rahmen unserer Keynote "State of the German Internet" unter dem Motto "Spray&Pray" gesprochen).

Und bei Speekly ist man davon überzeugt, dass der Bedarf nach dieser Form von Marketing noch steigen wird – und es dafür eine Plattform braucht. Über Speekly können Unternehmen, vom Kleinunternehmen über den Großkonzern bis zur Werbeagentur, UGC-Videos bei Creatorn bestellen. Diese verfügen häufig auf ihren Kanälen über keine große Eigenreichweite, sollen aber so natürliche Videos produzieren, dass Betrachter*innen das Gefühl bekommen, hier würde ihnen gerade von einem bzw. einer "normalen" Nutzer*in ein Produkt empfohlen. 79 bis 119 Euro kostet das pro Video.

Konkurrenz aus Finnland und Österreich

Inzwischen hat das Startup, das im Februar 2022 gegründet wurde, nach eigenen Angaben etwa 2000 bis 5000 aktive Creator, wobei die Zahl der Registrierungen bereits deutlich höher liegt. Allein im August wurden laut Speekly rund 1500 Videos und Szenen über die Plattform bestellt und ein sechsstelliger Umsatz (Gross Merchandising Volume) erzielt. Zu den Kunden gehören Startups wie Airup, Taxfix, Snocks oder Naughty Nuts.* Allein das Wasser-Startup Airup hat über Speekly bereits 24 Creator Videos produzieren lassen, in denen diese das Produkt – eine Wasserflasche, die durch Duft einen Geschmack suggeriert – erklären und bewerben.

Speekly ist längst nicht der einzige Anbieter am Markt. Es gibt Anbieter wie das finnische Unternehmen Boksi, mit dem unter anderem bereits Airup-Konkurrent Waterdrop zusammengearbeitet hat. Boksi ist bereits seit 2018 am Markt, der Umsatz lag im vergangenen Jahr bei rund drei Millionen Euro. In Österreich wiederum wurde 2020 das Startup Nano gegründet. Das Startup vermittelt Marken wie Speekly an Creator, setzte anfangs aber auf Nano-Influencer, bei denen mit Marken Performance-orientiert abgerechnet wurde. "Mit der Zeit bemerkten wir jedoch, dass der generierte Content für Unternehmen wichtiger wurde als die generierte Reichweite", sagt Daniel Keinrath, Co-Gründer von Nano. Also entschied man sich für den Strategie-Wechsel und bietet nun wie Speekly ein Modell, bei dem pro Video abgerechnet wird. Etwa 300 bis 500 Videos kommen so monatlich laut Firmenangaben für die rund 1200 Kunden zustande.

Wird User Generated Content durch KI überflüssig?

Neu ist das Thema User Generated Content nicht, der Brillenhändler Fielmann hat jahrelang in der Werbung auf echte Kund*innen gesetzt, die ihr Lob über den Optiker in die Kamera sprechen – gegen Bezahlung. Die Frage ist wohl eher, wie lange es noch Menschen braucht, um solche Inhalte zu produzieren. Mithilfe künstlicher Intelligenz lassen sich bereits heute Bilder von Menschen erfinden, selbst Stimmen lassen sich künstlich erzeugen und bis KI-generierte Videos in täuschend echter Qualität Standard werden, wird es vermutlich nicht mehr so lange dauern. Warum investiert ein Wagniskapitalgeber also in ein Modell für User-Generated-Content, wenn dieser zumindest theoretisch in Zukunft künstlich erzeugt werden kann?

„Unsere Hypothese ist, dass es auch in einer Welt des AI-Contents Firmen wie Speekly geben wird, weil Agenturen und Marken froh sind, wenn sie ihren Bedarf über eine zentrale Plattform abwickeln können", sagt BJ Park, Managing Partner beim Kölner Venture-Capital-Geber Neoteq, der sich zuletzt als Lead-Investor in einer rund 1,25 Millionen Euro schweren Seed-Runde an Speekly beteiligt hat. Das Startup wird damit inzwischen mit mehr als zwölf Millionen Euro bewertet.

Der Markt könnte sich in den kommenden Monaten allerdings noch konsolidieren. "Wir haben seit Anfang des Jahres mehrere Kauf- und Investmentangebote erhalten", sagt Nano-Gründer Daniel Keinrath: "Aktuell befinden wir uns in einigen Gesprächen". Parallel investiert das Team allerdings auch selbst in KI-Lösungen, auch wenn Daniel Keinrath weiterhin an Menschen als Creator glaubt: "Werbung lebt von innovativen und personalisierten Ansätzen. Hier sehen wir sehr viel Potential."

Immer mehr Anfragen nach UGC-Content aus China

Bis die KI übernimmt, wird es aber noch dauern. BJ Park glaubt daher, dass auch neue Jobs in diesem Umfeld entstehen werden: "Wir glauben sehr stark daran, dass eine Generation heranwachsen wird, die als Gig-Worker arbeiten wird. Und es wird viele Arbeitskräfte geben, die von ihrer Arbeit auf Plattformen wie Speekly leben können wird.“ Der Unterschied zu Creatorn mit großer Reichweite: Während diese den Großteil ihrer Zeit in organischen Content investieren und daher Kooperationen deutlich höher bepreisen, würden diese UGC-Creator den Hauptfokus auf bezahlten Content legen – ein Modell, an dem es auch Kritik gibt, weil es die Frage aufwirft, wie "echt" solche Inhalte dann überhaupt noch sind, zumal Unternehmen sie auf ihren Kanälen auch nicht als Werbung kennzeichnen müssen.

Speekly setzt beim Wachstum jedenfalls auch weiterhin auf echte Menschen, bei denen die Marken oder Agenturen im Zweifel auch mehr als ein reines Video für Social-Media-Video bestellen können, zum Beispiel Fotos oder auch Erklärvideos für Produktseiten von Unternehmen. Gründer Nanosch Adams spürt dabei schon jetzt, dass das Intereresse am Speekly-Angebot nicht nur auf das Inland beschränkt ist: "Etwa 20 Prozent unserer Kunden machen aktuell Dropshipping. Aber wir merken schon, dass immer mehr Anfragen aus China kommen, die mit uns gerne kooperieren würden."

* Anmerkung der Redaktion: Auch OMR hat in der Vergangenheit bereits Videos über Speekly bestellt. Diese sind allerdings noch nicht veröffentlicht worden. Dieser Text ist unabhängig davon entstanden.

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Florian Rinke
Autor*In
Florian Rinke

Florian Rinke ist Host des Podcast "OMR Rabbit Hole" und verantwortet in der OMR-Redaktion den "OMR Podcast". Vor seinem Wechsel Anfang 2022 zu OMR berichtete er mehr als sieben Jahre lang für die Rheinische Post über Start-ups und Digitalpolitik und baute die Rubrik „RP-Gründerzeit“ auf. 2020 erschien sein Buch „Silicon Rheinland".

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