OMR Takeaway: Milliarden-Gesichter, autonome KI-Bots und das SEO-Beben
Martin Gardt30.1.2026
Neue Folge OMR Takeaway: Von Khaby Lames dubiosen Deals über die neue Ära der Agentic AI bis zum Überlebenskampf beim Google-Traffic
Inhalt
- Das Milliardengesicht: Der rätselhafte Khaby-Lame-Deal
- Agentic AI: Wenn der Claude-Bot für dich das Web übernimmt
- Das SEO-Beben: Publisher im Kampf um Search-Traffic
In der schnelllebigen Medienwelt des Jahres 2026 gleicht kein Tag dem anderen. In unserem Podcast OMR Takeaway mit Plattform-Expertin Julia Guembel und OMR-Chefredakteur Roland Eisenbrand beleuchten wir wöchentlich die Strategien hinter den Schlagzeilen. Dieses Mal führt uns die Spur zu einem bizarren Milliardendeal um das Gesicht von Khaby Lame, der mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet. Parallel dazu zeichnet sich mit dem Aufstieg autonomer KI-Agenten eine Revolution ab, die das Verhältnis zwischen Marke und Konsument radikal entkoppeln könnte. Den Abschluss bildet ein Blick in den Abgrund der Suchmaschinen-Statistiken: Neue Studien belegen ein massives SEO-Beben, das vor allem mittelgroße Publisher in die Existenzangst treibt.
Das Milliardengesicht: Der rätselhafte Khaby-Lame-Deal
In den letzten Tagen kursierten Schlagzeilen über Khaby Lame, den reichweitenstärksten Tiktoker der Welt, der angeblich sein "Gesicht für eine Milliarde Dollar" verkauft habe. Roland Eisenbrand stellt klar: "Die Geschichte ist wild. Aber so, wie sie dargestellt wird, ist sie nicht ganz." Tatsächlich handele es sich um einen komplexen "Reverse Merger". Lames Firma "Step Distinctive", an der das chinesische Brüderpaar der "Three Sheep Group" die Mehrheit hält, fusionierte mit dem börsennotierten Finanzdienstleister Anpac. Khaby Lame erhielt dafür Aktien, doch Roland bleibt skeptisch bezüglich der direkten Auszahlung: "Der hat auf keinen Fall diese Kohle direkt auf dem Konto."
Der Plan hinter dem Deal ist ebenso ambitioniert wie riskant: Die chinesischen Partner wollen Lame als KI-Klon im Westen für Live-Shopping etablieren, ein Markt, den sie in China bereits dominieren. Doch Roland sieht eine große Hürde in der Glaubwürdigkeit des Creators: "Der Typ ist mit Videos groß geworden, in denen er sich über Lifehack-Videos lustig gemacht hat. Das ist einfach Entertainment. Die Leute folgen ihm ja wegen Unterhaltung, nicht weil er irgendwie Meinungsführer ist." Ob das Gesicht allein reicht, um viele Verkäufe zu generieren, bleibt fraglich, zumal das chinesische Partnerunternehmen bereits durch irreführende Werbung in der Kritik stand.
Das sind deine Takeaways:
- Börsengang durch die Hintertür: Der Khaby-Lame-Deal ist eher ein strategischer Aktientausch als ein Cash-Verkauf, um den globalen Live-Shopping-Markt zu erobern.
- KI-Klone als Asset: Die Vermarktung der Identität erfolgt künftig über digitale Zwillinge, was eine Skalierung ohne die physische Anwesenheit des Stars ermöglicht.
- Glaubwürdigkeit vs. Reichweite: Reichweite allein garantiert keinen Erfolg im E-Commerce; der Fit zwischen Content-Stil (Entertainment) und Verkaufsziel (Shopping) bleibt das größte Risiko.
Agentic AI: Wenn der Claude-Bot für dich das Web übernimmt
Im KI-Bereich ist „Agentic AI" aktuell das Schlagwort der Stunde. Ein virales Beispiel ist derzeit der Moltbot (früher Clawdbot), ein autonomer Assistent, der auf einem eigenen Server betrieben wird und eigenständig Aufgaben auf Social Media oder im E-Mail-Postfach erledigt. "Das Besondere: Du kannst darüber zum Beispiel den Messenger deiner Wahl steuern. Kannst also in Slack schreiben: Hier, erstell mal 30 Videos aus dem neuesten OMR Takeaway Longform-Video und poste die mal auf Instagram."
Trotz der Begeisterung in der Tech-Szene warnt Roland vor den enormen Sicherheitsrisiken durch "Prompt Injections". Wenn man einem Bot vollen Zugriff auf Passwörter und Accounts gibt, wird er zur Zielscheibe für Hacker. Zudem könnte die weitreichende Automatisierung das Marketing, wie wir es kennen, entwerten: "Wenn dann aber der Bot losläuft und der hat harte Kriterien, dann funktioniert vielleicht ein großer Teil des Marketings nicht mehr." Branding und emotionale Botschaften verlieren an Wirkung, wenn nur noch Maschinen Daten nach harten Fakten wie Preis und Verfügbarkeit abgleichen. Roland bleibt skeptisch: "Mich erinnert dieser ganze Hype an diesen Hype um NFTs".
Das sind deine Takeaways:
- Automatisierung am Limit: Autonome Agenten können künftig komplexe Workflows wie Content-Erstellung und Posting ohne menschliche Intervention steuern.
- Risiko der Markenentwertung: Wenn KI-Agenten Kaufentscheidungen treffen, verlieren emotionale Branding-Elemente gegenüber harten Daten massiv an Bedeutung.
- Sicherheitsrisiko Prompt Injection: Der Zugriff von KI-Bots auf private Accounts eröffnet gefährliche Einfallstore für Manipulationen und Datendiebstahl.
Das SEO-Beben: Publisher im Kampf um Search-Traffic
Die Sichtbarkeit in Suchmaschinen steht aktuell unter enormem Druck. Roland präsentiert passenderweise zwei aktuelle Studien, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirken. Während das Reuters Institute für Nachrichten-Publisher einen massiven Traffic-Einbruch von 33 Prozent im letzten Jahr konstatiert, meldet die Agentur Graphite einen allgemeinen Rückgang von nur 2,5 Prozent. Roland klärt auf: "Offensichtlich dünnt die Mitte aus und die großen Seiten können sich da noch ganz gut behaupten." Das bedeutet, dass Plattform-Giganten wie Reddit, Wikipedia oder Amazon stabil bleiben, während mittelgroße Medienhäuser durch KI-Lösungen wie etwa Googles AI Overviews massiv an Klicks verlieren.
Angesichts dieser Entwicklung rät Roland zu einem radikalen Umdenken im digitalen Marketing. "Vielleicht müssen sich die Medienhäuser so langsam von Google lossagen." Wenn Google die Inhalte nur noch absaugt, um sie direkt in der Suche zu beantworten, entfällt die Geschäftsgrundlage für Publisher. Der Fokus muss daher zwingend auf dem Aufbau eigener, unabhängiger Kanäle liegen. Roland betont: "Es ist einfach sinnvoll, eigene Kanäle aufzubauen. E-Mail-Marketing, Newsletter oder Push-Nachrichten zum Beispiel."
Das sind deine Takeaways:
- Konsolidierung des Traffics: Die "Mitte" des Webs stirbt SEO-technisch aus; nur sehr große Marken oder spezialisierte Nischen können sich gegen KI-Antworten behaupten.
- Abkehr vom Google-Diktat: Publisher müssen hinterfragen, ob die Bereitstellung strukturierter Daten für Google noch im Verhältnis zum schwindenden Traffic steht.
- Priorität für Owned Channels: Unabhängigkeit von Plattform-Algorithmen durch Newsletter, eigene Apps und Community-Building ist die einzige langfristige Überlebensstrategie.
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