Der Deutsche hinter Public.com, der Trading-App der zweiten Generation

Public.com-Gründer Leif Abraham über Hollywood-Investoren, Anlage-Hypes und emotionale Portfolios

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Public.com-Gründer Leif Abraham bei der OMR Podcast-Aufnahme mit Philipp Westermeyer und Finance-Forward-Redakteur Caspar Tobias Schlenk (v.r.)

Leif Abraham ist einer der wenigen deutschen Fintech-CEOs in den USA. Vor fünf Jahren gründete er Public.com, eine Mischung aus Trade Republic und einer Investment-Community. Das Milliarden-Startup konnte namhafte Investoren wie Accel, Tiger Global und Scott Galloway gewinnen, nun schielt es auf den europäischen Markt. Im OMR Podcast spricht Abraham über seinen Weg von der Werbeagentur Jung von Matt bis hin zu seinen Gründungen in New York.

Vor rund fünf Jahren saß er in einem New Yorker Hotel, ihm gegenüber: Oliver Samwer. Es musste schnell gehen, Samwer hatte wohl wenig Zeit oder Geduld – oder beides nicht. „Das war einer meiner kürzesten Pitches jemals“, erzählt Leif Abraham heute über das Treffen. Nach etwa neun Minuten hatte er den Deal sicher und mit Samwer einen prominenten Investor gewonnen. Damals ging es um Abrahams Freelancer-Plattform And.co.

Schon zu diesem Zeitpunkt war er kein unbeschriebenes Blatt mehr: Der gebürtige Hamburger hatte seine Karriere bei der renommierten Werbeagentur Jung von Matt begonnen und wechselte 2008 in die USA. Er schrieb ein Buch über Digital-Marketing, baute nur als Nebenprojekt die Twitter-App „Pay with a Tweet“, die unter anderem durch Nutzer*innen wie Präsidentschaftskandidat Mitt Romney schnell viral ging. Nach einer Station bei West – dem Marketing-Team des Twitter-Gründers Jack Dorsey – folgte dann die Gründung von And.co. Neben Samwer investierte damals auch Joshua Kushner, Bruder des Trump-Schwiegersohns Jared. Wenig später wurde der Verkauf des Unternehmens zu Abrahams erstem großen Millionen-Exit.

Ein Gegenmodell zu „Glücksspiel-Apps“?

Seine nächste Gründung sollte ein Fintech werden. Mit der Anlage-App Public.com möchte Abraham zusammen mit seinem Mitgründer Jannick Malling Platzhirsche wie Etoro oder Robinhood angreifen. „Die erste Generation der Trading-Apps war eher für das Glücksspiel gemacht“, sagt er. Mit Hebelprodukten und Trading-Krediten hätten diese ihre Kundschaft eher zum Zocken angeregt. Einerseits sei das für Anbieter sehr profitabel, allerdings verliere man seine Kund*innen auch schnell. „Wenn man richtig viel Glück hat, hat man damit eine Customer Lifetime von zwei Jahren“, sagt er.

Public.com will es anders machen. Auf der Plattform findet man ein breites Angebot an handelbaren Titeln, darunter neben klassischen Aktien und Anleihen auch Krypto oder sogenannte Collectables wie Kunst oder begehrte Kleidungsstücke. Auch Investitionen in Musikrechte, Immobilien und Startup-Anteile sollen bald möglich sein. Anleger*innen können daraus aktiv ihr Portfolio zusammenstellen und eine „emotionale Verbindung zu ihrem Portfolio aufbauen“, sagt Abraham. Von Emotionen spricht er gerne. Denn Abraham versucht in seiner Trading-App einen sozialen Kontext herzustellen: Nutzer*innen können ihr Portfolio öffentlich machen und verfolgen, was etwa Meinungsführer*innen oder ihre Freunde handeln. Außerdem gibt es in der App einiges an Informations-Content, beispielsweise Live-Shows, Risikowarnungen oder Erklärungen zu Aktienschwankungen. „Context is king“, lautet Abraham’s Leitspruch dahinter.

Verzicht auf lukratives „Payment for order flow“

Sein Ziel ist es, nicht bloß Kund*innen, sondern eine Fanbase für die Marke Public.com aufzubauen. „Kunden sollen nicht nur gerne unsere Features nutzen, sondern wirklich hinter unserer Firma stehen“, sagt er. Die Erfahrungen aus seiner Agentur-Zeit als Werber helfen ihm dabei. Die meisten Fintechs seien zu Feature-fokussiert. Die Kundenakquise werde dann beispielsweise über simple Kaufanreize wie Gratisaktien versucht. „Die Standard-BWL-Denke“ nennt er das. Dabei gehe es vielmehr darum, die eigenen Firmenwerte zu kennen und durch eigenes Handeln zu belegen.

Ein Beispiel hierfür ist das Thema „Payment for order flow“ (kurz: PFOF), ein Modell, mit dem manche Neobroker einen Großteil ihres Umsatzes generieren. Konkret funktioniert das Modell so, dass Broker ihre Trades über sogenannte Market-Maker abwickeln und dafür Zahlungen erhalten. Unter Experten ist es umstritten. Auch auf EU-Ebene waren sich die Mitgliedsstaaten bezüglich eines möglichen PFOF-Verbots zuletzt uneinig.

Optionales Trinkgeld für jeden Trade

Abraham ist sich allerdings sicher, dass PFOF falsche Anreize für Broker setze, die den Interessen ihrer Kund*innen entgegenstünden. Deshalb entschied sich das Public.com-Gründerteam 2021 dazu, auf PFOF zu verzichten. „Es steht nicht im Einklang mit unserer Mission, dem Produkt, das wir entwickeln, der Gemeinschaft, der wir dienen“, hieß es damals – ein großer Schritt, um den eigenen Werten gerecht zu werden. Um den Umsatzverlust abzufedern, führten sie damals das „Tipping“ ein. Nutzer können sich aussuchen, ob und wie viel sie für einen Trade bezahlen – eine Art Trinkgeld für Public.com.

Mittlerweile zählt Public.com nach eigenen Angaben mehr als drei Millionen Kund*innen und wird mit mehr als einer Milliarde US-Dollar bewertet. Profitabel ist das Geschäftsmodell aber noch nicht, im November 2021 war der Cashburn noch auf Rekord-Hoch. Abraham wird heute noch mulmig, wenn er sich daran erinnert. „Das war unser Wendepunkt“, erzählt er. „Seitdem haben wir unsere Kosten extrem herunter gedrosselt. Die Ansage an das Management damals lautete: Wenn ihr Geld braucht, müsst ihr den Umsatz steigern.“ Und das, obwohl Public.com damals sehr liquide gewesen sei. „Als wir die Serie-D geraised hatten, hatten wir das Geld von der Series-B noch nicht mal angerührt“, sagt er.

Wann kommt der Sprung nach Europa?

Nun steht die Expansion nach Europa auf dem Plan. Details möchte Abraham noch nicht verraten. Nur so viel: Das europäische Trading-Geschäft soll nach wie vor über Public.coms US-Modell laufen. Hiesige Kund*innen würden dann US-Trading-Konten eröffnen und in US-Dollar handeln. Ob das operativ so einfach wird, muss sich zeigen. Dabei spielt natürlich auch die Bereitschaft der lokalen Zielgruppe, in einer fremden Währung zu handeln, eine große Rolle.

Zur Popularität von Public.com in den USA hat auch der Captable des Startups beigetragen. Unter anderem sind Will Smith, Tony Hawk, Casey Neistat und Sophia Amorosu mit fünf- bis siebenstelligen Summen investiert. Er und sein Mitgründer hätten sehr viel Zeit in die Akquise dieser Geldgeber*innen gesteckt, erzählt Abraham im Podcast. Das Kalkül dahinter: Trading per App sei bislang geprägt von Spekulation und Bro-Kultur. Dem wolle Public.com mit einem „Konsumprodukt“ begegnen, das sich also an eine viel breitere Zielgruppe richtet. Prominente Investor*innen würden helfen, dieses Image zu schärfen, so Abraham.

Im Podcast mit Philipp Westermeyer und Caspar Schlenk von Finance Forward erzählt Leif Abraham über seinen außergewöhnlichen Werdegang, wie sein Marketing-Background beim Aufbau von Public.com hilft und welche Wachstumsstrategie das Startup verfolgt.

Die Themen des Podcasts mit Public.com-Gründer Leif Abraham:

  • (00:03:00) von Jung von Matt in die USA
  • (00:04:19) „Pay with a Tweet“-Backstory und Exit an Hanse Ventures
  • (00:06:47) Station bei Jack Dorseys Marketing-Unit West
  • (00:09:44) sein Startup And.co und Multimillionen-Exit an Fiverr
  • (00:12:31) die Gründung seines Fintechs Public.com
  • (00:19:33) Stock Picking und Krypto als Einstieg ins Trading
  • (00:22:53) Kontext und User-Education bei Public.com
  • (00:25:40) die niedrige User-Churnrate der App
  • (00:27:40) Differenzierung zu Mitbewerbern
  • (00:32:57) wie Public.com Geld verdient
  • (00:36:18) Finanzierung, VCs und Promi-Investoren
  • (00:42:57) Warum Marktzyklen ein Multi-Asset-Ansatz erfordern
  • (00:44:48) Börsengang und aktuelle Lage im Finanzsektor
  • (00:46:22) Summe des bei Public angelegten Vermögens
  • (00:46:48) Zinsangebote in den USA und Deutschland
  • (00:49:30) größte Wettbewerber und User-Gewinnung
  • (00:54:00) Expansion nach Europa
  • (00:56:49) sein „kürzester Pitch ever“ vor Oliver Samwer
  • (00:58:10) Zukunftsperspektive für Public
  • (00:59:57) die Kosten für die Domain public.com
  • (01:01:04) Wie sein Werber-Hintergrund ihm bei Public nutzt
  • (01:06:29) Deutsche als relevante Player in der US-Startup-Szene

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Autor*In
Charlotte Rick
Alle Artikel von Charlotte Rick

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