Katja Hofem: Sie ist die deutsche Content-Kaiserin von Netflix

Diese Frau entscheidet, welche deutschen Produktionen das Zeug zu globalen Netflix-Hits haben

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500 Millionen Euro – so viel Geld hat Netflix bereits in deutschsprachige Produktionen gesteckt. Diese beachtliche Summe verrät Katja Hofem in der neuen Folge des OMR Podcast. „Das wird weiter wachsen“, sagt die Frau, die als VP Content DACH entscheidet, in welche lokalen Formate der Streaming-Gigant investiert. In welche genau? Das lässt sich Hofem von Philipp Westermeyer nicht entlocken. Dafür aber jede Menge Insights in das Unternehmen, das die Kino-und TV-Branche zuletzt wohl mehr geprägt – und vor sich her getrieben hat – als jedes andere.

Hofem ist seit 20 Jahren im TV-Geschäft und gilt als Pionierin vieler Konzepte im, wie man früher gesagt hätte, Privatfernsehen. Nach ihrem Start bei Tele 5 Mitte der Neunzigerjahre wechselt sie zu RTL2 und entwickelt sie sich zu einer Spezialistin für innovative Formate. Bei einem Besuch bei der Produktionsfirma Endemol in den Niederlanden bekommt sie die Dreharbeiten zu einer neuen Show vorgeführt. „Und ich bin dann zurückgekommen und habe dem Geschäftsführer von RTL 2 gesagt: Das ist der Knaller, das müssen wir kaufen, das ist total irre.“ So kam die Reality-TV-Show Big Brother nach Deutschland.

Zwischen Grenzwert-TV und Spartensendern

Außer für neuartige Formaten wie Casting- und Kochshows oder „Frauentausch“ interessiert sich Hofem für innovative Spartensender. Nach ihrem Wechsel zu Discovery führt sie dort als Deutschlandchefin den „Männersender“ DMAX. Als im Anschluss ProSiebenSat1 fragt, ob sie mit Sixx quasi das weibliche Pendant aufbauen will, sagte sie zu. Nach mehreren Stationen innerhalb der Sendergruppe bedeutete ihr folgender Job dann einen gewissen Bruch. Denn nach fast zwei Jahrzehnten im linearen Fernsehen übernimmt Hofem die Co-Geschäftsführung der Streaming-Plattform Joyn.

Dort erfährt Hofem schnell, welche Freiheiten abseits des Free-TVs existieren – und wie man diese in große Reichweiten konvertieren kann. Die erste Joyn-Eigenproduktion „Jerks“ debütiert im Januar 2017 und wird zum Erfolg, der der ProSiebenSat1-Plattform den Status einen ernstzunehmenden Mitspielers der US-Plattformen einbrachte. Die Fremdscham-Comedy brachte es auf fünf Staffeln und 52 Episoden – bis heute das erfolgreichste deutschsprachige Streaming-Format.

„Netflix? Oh Gott, Corporate. Nee“

Anfang 2021 verlässt Hofem Joyn – ohne Ziel. Nach 25 Jahren Dauerlauf in einer Branche, die sich alle paar Monate neu erfindet, will sie eine Auszeit. Die jedoch nicht lange währt. „Dann kam doch relativ bald ein Anruf von von Netflix“, sagt Hofem. Nach anfänglichem Zögern – „Oh Gott, Corporate. Nee“ – habe es sie dann doch gereizt, bei dem US-Streaming-Anbieter als verantwortliche für deutschsprachige Serienproduktionen einzusteigen. „Und wenn ich ein Jahr überstehe, ist es doch super.“

Inzwischen sind daraus bald zwei Jahre geworden und Hofem trägt den Titel „VP Content DACH“. Sie entscheidet also, welche deutschsprachigen Produktionen Netflix aus dem mittlerweile über 100 Millionen Euro großen Content-Jahresbudget finanziert. In der jüngeren Vergangenheit sind bereits mehrere Erfolge zu verbuchen: die Sissi-Miniserie „Die Kaiserin“ und die deutsch-deutsche Agentinnen-Serie „Kleo“ etwa. Vor allem aber die mit Preisen überhäufte Neuverfilmung von „Im Westen nichts Neues“. Für die gab es vier Oscars, sieben Baftas, neun Lolas und diverse weitere Awards.

Konkurrenz ist auf Netflix immer global

Es sei toll, all diese Preise zu erhalten, so Hofem. Als „die größte Auszeichnung“ bezeichnet sie es jedoch, dass die deutschen Serien ein internationales Publikum gefunden hätten. „Im Westen nichts Neues“ habe 23 Wochen in den globalen Top Ten von Netflix gestanden und sei selbst in Ländern wie Mexiko geschaut worden.

Diese Messlatte des internationalen Erfolges unterscheidet Hofems aktuellen Job von allen vorherigen. „Alles was wir auf Netflix launchen, ist in Konkurrenz zu allem, was auf Netflix schon ist“, sagt sie. Eine deutsche Coming-of-Age-Serie konkurriere hinsichtlich der Qualität von Inhalt, aber auch der Produktion immer direkt mit US-Formaten wie dem Megaerfolg „Never have I ever“. Zugleich biete die Plattform aber auch einen immense Chance: mit lokalen Stoffen „auch mal die ganze Welt begeistern zu können“, so Hofem.

Doku über eine deutsche Sportgröße

Als nächsten Kandidaten dafür nennt Hofem Miniserie „Liebes Kind“. Die Adaption des gleichnamigen Romans startet im September. Und große Hoffnungen setzt sie auch auf kommende Non-Fiction-Produktionen. Die erachte man bei Netflix als immer wichtiger. Im kommenden Jahr würden dreimal so viele Dokus anlaufen wie 2023, berichtet Hofem. Darunter wohl auch eine über eine deutsche, international bekannte Sportgröße. Konkreter aber mag Hofem dazu nicht werden.

Wie sie den Übergang vom Zeitalter des linearen Fernsehens zum Streaming im Maschinenraum miterlebt hat, was Netflix abseits des Contents zu einem besonderen Unternehmen macht und welche Bedeutung das Thema Sportrechte für die Plattform hat, das sind nur einige der Themen, des sehr ausführlichen Gesprächs von Philipp Westermeyer mit einer der wichtigsten Entertainment-Managerinnen Deutschlands.

Die Themen des OMR-Podcasts mit Katja Hofem im Überblick:

  • (00:02:39) Was Netflix-Gründer Reed Hastings heute macht
  • (00:04:40) Über den Start Ihrer Karriere in der TV-Branche
  • (00:05:54) Wie sie ihrem Chef bei RTL2 „Big Brother“ gepitcht hat
  • (00:09:18) Stationen beim „Männer-“ und beim „Frauensender“
  • (00:11:19) Zuschauerzahlen und ihre Erfolgsformate
  • (00:12:49) Ihr Wechsel vom linearen TV ins Streaming
  • (00:15:02) Bedeutung von Technologie und Inhalten im Streaming
  • (00:17:56) Rückblick auf die Entwicklung von Joyn
  • (00:20:11) Content für Abo-Bestandspublikum und -Akquise
  • (00:22:26) Lokale vs. internationale Plattformen
  • (00:25:10) Die Bedeutung von Sportrechten im Streaming
  • (00:32:43) Ihre Beweggründe Joyn zu verlassen
  • (00:35:29) Recruiting und Firmenkultur von Netflix
  • (00:43:43) Wachstumsziele und die Bedeutung von Werbung
  • (00:48:59) Der Einfluss von Netflix Börsenkurs auf ihre Arbeit
  • (00:50:55) Wie sie neuen Content und innovative Formate findet
  • (00:53:11) Erfolgreiche Formate aus Deutschland
  • (00:57:40) Das Budget, das ihr zur Verfügung steht
  • (00:59:03) Die Reise-Doku eines Ex-OMR-Kollegen bei Netflix
  • (01:03:47) Netflix-Formate als Wachstumsheben für Brands
  • (01:06:39) Ihr Ziel, noch einmal ein Genre zu definieren

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Christian Cohrs
Autor*In
Christian Cohrs

Editor & Content Strategist bei OMR und Host des FUTURE MOVES-Podcasts. Zuvor war er Redaktionsleiter des Wirtschaftsmagazins Business Punk in Berlin, Co-Autor des Sachbuchs "Generation Selfie".

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