Platform Lunar: Die ĂŒberraschende Story hinter dem Esome-Exit an ProSiebenSat.1

Torben Lux18.12.2017

Entsteht hier das Rocket Internet fĂŒr Adtech?

Platform Lunar Esome ProSieben
Wird "Platform Lunar" zum Rocket Internet der Adtech-Branche?
Inhalt
  1. Group M-Beteiligung und schnelles Wachstum
  2. Wie groß war der Deal?
  3. Welchen Anteil hat „Platform Lunar“?
  4. Starke Wette: ProSiebenSat.1 baut sich ein „Full Ad Stack“
Vor wenigen Tagen verkĂŒndete ProSiebenSat.1 die mehrheitliche Übernahme des Hamburger Adtech-Startups Esome. Analysen blieben beinahe aus; nur wenige Branchenmedien vermeldeten die Akquise als kurze News. Dabei erzĂ€hlt der Deal mehrere Geschichten: Wie hat es das erst 2015 gegrĂŒndete Adtech-Startup in so kurzer Zeit auf einen mutmaßlich knapp dreistelligen Millionen-Umsatz gebracht? Welche Rolle spielt dabei „Platform Lunar“, ein Adtech-Company-Builder, der von den frĂŒheren Performance Media-Machern Christoph SchĂ€fer und Nico Shenawai gegrĂŒndet wurde? Und welche PlĂ€ne verfolgt P7S1 mit dem Kauf der Social Advertising-Plattform? OMR blickt hinter die Kulissen.
„ProSiebenSat.1 erwirbt Mehrheit an Social-Advertising-Unternehmen Esome“, heißt es in der am 5. Dezember im Pressebereich des Medienkonzerns veröffentlichten Meldung. Die Technologie des Hamburger Startups solle in Zukunft zur KPI-basierten Optimierung von Display, Video und spĂ€ter auch fĂŒr Addressable TV genutzt werden. Verantwortliche beider Unternehmen sprechen von der StĂ€rkung des Adtech-Bereichs auf der einen, und von umfangreichen Werbelösungen bald auch außerhalb sozialer Netzwerke auf der anderen Seite.
Etwas ĂŒberraschend kommt der Deal zu diesem Zeitpunkt schon, schließlich ging Esome erst Anfang 2015 an den Start. Als AusgrĂŒndung der Online-Mediaagentur Performance Media sollten Kunden ĂŒber das Social-Advertising-Tool Facebook-Kampagnen buchen und optimieren können, weil externe Lösungen den AnsprĂŒchen nicht mehr genĂŒgt hĂ€tten.

Group M-Beteiligung und schnelles Wachstum

Damit hat das Unternehmen offenbar den Nerv der Zeit getroffen. Group M, die grĂ¶ĂŸte Mediaagenturgruppe der Welt, war von Beginn an als Minderheitsgesellschafter an Bord. Neben dem Kundenstamm von Performance Media konnte Esome vermutlich also auch direkt Kampagnen von Group M-Kunden betreuen und optimieren. Der Zugang zu den grĂ¶ĂŸten Adspendern ĂŒberhaupt dĂŒrfte Gold wert gewesen sein. Das Resultat: Eigenen Angaben zufolge setzen „200 nationale und internationale, darunter rund die HĂ€lfte der DAX-Unternehmen, auf die Expertise von Esome“.
Gewinn- und Verlustrechnung von Esome fĂŒr das Jahr 2016 (Quelle: Bundesanzeiger).
Im Bundesanzeiger veröffentlichte JahresabschlĂŒsse bestĂ€tigen eine offenbar von Anfang an sehr gute Auftragslage fĂŒr Esome. So setzte das Hamburger Startup bereits ab dem 1. MĂ€rz 2015, im ersten Jahr der GeschĂ€ftstĂ€tigkeit, 36,7 Millionen Euro um. Ein Großteil dieser Summe wanderte logischerweise direkt in Social Media Kampagnen. Das Rohergebnis lag in den ersten zehn Monaten nach Start des operativen GeschĂ€ftsbetriebs bei rund 3,3 Millionen Euro –  wovon dann noch GehĂ€lter, Mieten und weitere Fixkosten abgehen. 2016 wuchs der Umsatz um 78 Prozent auf 65,3 Millionen Euro und das Rohergebnis auf knapp 7,2 Millionen Euro – bei einem Jahresfehlbetrag von rund einer Million Euro.
Wenn Esome das im Jahresabschluss 2016 prognostizierte Wachstum fĂŒr dieses Jahr von 25 bis 35 Prozent einhalten kann, wird das Unternehmen zwischen 81,6 und 88,2 Millionen Euro umsetzen. Ob das Startup damit auch die ProfitabilitĂ€t erreicht, dĂŒrfte vor allem davon abhĂ€ngen, ob die Marge weiter erhöht werden konnte. Aus Hamburger Branchenkreisen heißt es, dass Esome bereits in diesem Jahr den Break-Even mit einem EBITDA im mittleren einstelligen Millionen-Bereich erreicht hat.

Wie groß war der Deal?

Die zuletzt im August 2015 aktualisierte Gesellschafterliste weist darauf hin, wer jetzt vor allem vom Verkauf an P7S1 profitieren dĂŒrfte. Christoph SchĂ€fer, ehemaliger Performance-Media-GeschĂ€ftsfĂŒhrer, hĂ€lt laut Handelsregister ĂŒber seine eigene Beteiligungsgesellschaft CHS mit 33,12 Prozent die meisten Anteile. Es folgen die Mutter-Holding von Performance Media, die Performance Interactive Alliance (PIA), mit 21,52 Prozent, Labora Capital UG von den GeschĂ€ftsfĂŒhrern Hansjörg Blase sowie Christoph Brust mit zwölf Prozent, die Group M mit zehn Prozent und Nico Shenawai, ebenfalls ehemaliger Performance-Media-GeschĂ€ftsfĂŒhrer, mit 5,78 Prozent. Die restlichen Anteile verteilen sich unter anderem auf die anderen beiden Esome-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Falk Bielisch und Manuel König, sowie auf GeschĂ€ftsfĂŒhrer weiterer Companys der PIA-Holding.
Auf Nachfrage von OMR zu Kaufpreis, Beteiligungshöhe und weiteren Details wollten sich sowohl Esome, als auch P7S1 nicht weiter Ă€ußern. Die Übernahme stehe unter Vorbehalt der Genehmigung durch die zustĂ€ndigen Kartellbehörden; die Pressemitteilungen beinhalten alles, was man aktuell sagen könne. Laut Milbank, der M&A-Kanzlei von ProSiebenSat.1, geht es bei dem Deal um 90 Prozent der Anteile an Esome. Damit dĂŒrfte sehr wahrscheinlich sein, dass es sich bei den restlichen zehn Prozent um den weiterhin bestehenden Anteil der Group M handelt.
Wie viel P7S1 am Ende wirklich fĂŒr Esome bezahlt, lĂ€sst sich von außen zwar noch nicht konkret feststellen (der Jahresbericht von P7S1 kommt erst in einigen Monaten). Auf Basis von marktĂŒblichen Multiples – also Multiplikatoren bei der Unternehmensbewertung – und EinschĂ€tzungen aus der Branche lĂ€sst sich aber zumindest ein NĂ€herungswert ermitteln. Als grobe Faustregel lĂ€sst sich sagen: Multipliziert man das EBITDA, also das Ergebnis vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen auf Sachanlagen und Abschreibungen auf immaterielle VermögensgegenstĂ€nde, mit Faktor zehn bis zwölf, erhĂ€lt man einen recht soliden NĂ€herungswert fĂŒr den Verkaufspreis.
Im Fall von Esome und einem kolportierten EBITDA im mittleren einstelligen Millionen-Bereich lĂ€ge der Verkaufspreis demnach irgendwo zwischen 40 (4 Millionen Euro mal zehn) und 72 (6 Millionen Euro mal zwölf) Millionen Euro. Ob der Deal eine Earn-Out-Klausel, also eine spĂ€ter eventuell fĂ€llige, erfolgsabhĂ€ngige Zahlung, enthĂ€lt, bleibt ebenfalls Spekulation. Die vergleichsweise kurze GeschĂ€ftstĂ€tigkeit von Esome und die zumindest bis 2016 nicht erreichte ProfitabilitĂ€t wĂŒrden allerdings dafĂŒr sprechen.

Welchen Anteil hat „Platform Lunar“?

Christoph SchĂ€fer, bis zur Abwicklung des Verkaufs an P7S1 grĂ¶ĂŸter Gesellschafter von Esome, will zur Transaktion von Esome zwar auch keine Stellung beziehen. Allerdings erklĂ€rt er erstmals gegenĂŒber OMR, an was er gemeinsam mit seinem langjĂ€hrigen GeschĂ€ftspartner Nico Shenawai in den letzten anderthalb Jahren gearbeitet hat. Ende 2015 hatten beide die GeschĂ€ftsfĂŒhrung von Performance Media verlassen, um sich neuen Projekten im Adtech-Umfeld zu widmen.
Platform Lunar Esome ProSieben
Die Website von „Platform Lunar“ verrĂ€t noch nicht viel ĂŒber den Company-Builder.
Was das im Klartext heißt, kann man schon lĂ€nger auf dem Linkedin-Profil von Nico Shenawai erahnen; seine aktuelle Jobbezeichnung lautet dort seit 2016 „Founder Platform Lunar“. In der entsprechenden Company-Beschreibung heißt es: „We build online marketing companies – Platform Lunar is an independent company builder focusing on Marketing Technology.“ Insgesamt 45 Mitarbeiter arbeiten laut Christoph SchĂ€fer aktuell in Vilnius, der Hauptstadt Litauens, und Hamburg fĂŒr das Unternehmen.
„Platform Lunar ist ein vertikaler Company-Builder fĂŒr den Adtech-Bereich. Die Infrastruktur haben wir in den letzten 18 Monaten erfolgreich komplett fĂŒr Esome eingesetzt“, so SchĂ€fer. „Das war sozusagen der Praxis-Test, ob alles so funktioniert, wie wir uns das vorstellen.“ Nach dieser Phase wollen SchĂ€fer und Shenawai mit Platform Lunar jetzt das Tempo erhöhen – und pro Jahr mindestens ein bis zwei neue Companys im Adtech-Bereich grĂŒnden. „Der nĂ€chste Launch ist fĂŒr Anfang bis Mitte 2018 geplant. Das neue Projekt wird ‚Dynamic Audience‘ heißen und ein sehr Publisher-orientiertes Modell sein: sehr technologisch, im Prinzip ein Ad-Network der nĂ€chsten Generation.“ SchĂ€fer sagt zu seinem gesamten Vorhaben: „Wir gehen mit Adtech und Company-Building bewusst antizyklisch Themen an. Keines der beiden Themen ist gerade gehyped.“ Das Vorhaben klingt entsprechend abwegig, wenn nicht Christoph SchĂ€fer dahinter stĂŒnde, der bislang durch extrem smartes Vorgehen und zahlreiche erfolgreiche Exits (darunter der „100-Millionen-plus-Superseller Performance Media“) aufgefallen ist. Generell muss man SchĂ€fer (und Shenawai) damit neben Thomas Falk (eValue) oder Mark Grether (Sizmek) wohl im sehr kleinen Kreis der deutschen Player in der globalen Adtech-Champions-League sehen.

Starke Wette: ProSiebenSat.1 baut sich ein „Full Ad Stack“

Was P7S1 im Detail mit Esome vorhat, lĂ€sst sich aus den Infos der Pressemitteilungen nur erahnen. Dass aber ein grĂ¶ĂŸerer, langfristiger Plan dahinter steckt, deuten zumindest die hĂ€ufigen ErwĂ€hnungen von „Addressable-TV“ an. Schon lĂ€nger finden sich im Portfolio vom Vermarkter Sevenone Media mehrere Formate der – einfach gesagt – Fernsehwerbung mit Targeting. Vorausgesetzt, der Fernseher verfĂŒgt ĂŒber einen Internetzugang (Smart TV), lassen sich so klassische TV-Spots mit Mehrwerten des digitalen Marketings kombinieren. Targeting nach Orten, Wetter oder Uhrzeiten sind so schon jetzt kein Problem.
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Addressable-TV-Kampagne von Sevenone Media mit Geotargeting.
P7S1 investierte zuletzt sehr konsequent in den Aufbau eines eigenen „Full Ad Stacks“, will also die gesamte Wertschöpfungskette im digitalen Marketing abdecken – und nimmt damit als einzige deutsche Company bewusst den Wettbewerb mit Google und Facebook an. Mitte 2015 ĂŒbernahm der Medienkonzern zu diesem Zweck die Mehrheit an der Freiburger Technologie-Holding Virtual Minds. Zu der Unternehmensgruppe zĂ€hlen Adtech-Companys wie Adition (Adserver), Yieldlab (SSP), Active Agent (DSP) sowie Adex (DMP & Adverification). Nur wenige Wochen spĂ€ter folgte die mehrheitliche Übernahme der Programmatic-Video-Plattform Smartstream.tv.
Es sind aber nicht nur Akquisitionen wie diese, die die Ambitionen aus Unterföhring verdeutlichen. Auch personell und strukturell wird das digitale GeschĂ€ft des Konzerns verstĂ€rkt. Vor wenigen Monaten kam Bernd Hoffmann als neuer GeschĂ€ftsfĂŒhrer fĂŒr den Bereich Advertising Platform Solutions. Hoffmann war zuvor Chief Client Officer bei der Group M. Ab Januar 2018 wird im Zuge eines Konzernumbaus außerdem das gesamte GeschĂ€ft in drei Bereiche aufgeteilt. Unter „Entertainment“ werden in Zukunft so beispielsweise unter anderem TV, Advertising Platform Solutions und der Investmentarm Seven Ventures gebĂŒndelt. ZusĂ€tzlich wird ab Januar Jana Eisenstein als Executive Vice President neben CEO Jens Mittnacht die Geschicke von Advertising Platform Solutions leiten.
Mit dem Fokus und entsprechenden Investitionen im Adtech- und Addressable-TV-Bereich peilt P7S1 einen Milliarden-Markt an. Branchenbeobachter rechnen damit, dass der europĂ€ische Adressable TV-Markt schon in fĂŒnf Jahren bis zu zehn Milliarden Euro schwer sein wird. FĂŒr P7S1 gibt es im Prinzip nur zwei Szenarien: Entweder es gelingt, eine funktionierende Vertriebsplattform fĂŒr Addressable TV zu bauen und zu etablieren – oder Google und Facebook sammeln mit der Zeit auch diese Budgets ein. Eine riskante, mutige und auf jeden Fall spannende Wette.

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Torben Lux
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Torben Lux

Torben ist Redakteur & Lead Festival Programming und seit Mitte 2014 bei OMR. Er schreibt Artikel sowie Newsletter und plant vor allem das BĂŒhnenprogramm des OMR Festivals.

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