Endlich Street Credibility?! Wie Tennis zur urbanen Lifestyle-Plattform werden könnte
Henning Eberhardt17.6.2026
Tennis in der Tiefgarage und Clubhäuser als Co-Working-Spaces - geht so die Zukunft des deutschen Tennis?
Alexander Zverevs historischer Grand-Slam-Triumph könnte dem deutschen Tennis einen Push geben. Gleichzeitig wollen Startups und Grassroots-Initiativen den Sport aus der elitären Bubble herausholen. (Montage: Virginia Miersch / OMR)
Inhalt
- Novak Djokovic: "Auf Vereinsebene ist Tennis vom Aussterben bedroht"
- DTB zählt erstmals seit 2012 wieder über 1,5 Millionen Mitglieder
- Tennisfreunde Berlin-Mitte: Co-Working im Clubhaus
- Beyond Berlin: Tennis in der Tiefgarage
- Wird Cardio-Tennis zum neuen Boutique-Fitness-Trend?
- Padel über den Dächern Berlins und Tischtennis-Vibes im Prenzlauer Berg
- Lacoste-Deutschlandchef: Tennis als "kulturelle Plattform"
- "Die Zauberwörter heißen Culture, Content und Community"
- DTB erkennt neuen Sweet Spot
- Tennis in Deutschland: Das Interesse ist da
Vom staubigen Vereinsheim auf die Straße: Macher*innen aus Sport, Wirtschaft und Community versuchen gerade, Tennis ein neues Image zu geben. Während das traditionelle System mit verkrusteten Strukturen kämpft, wollen Community-Plattformen und Underground-Bewegungen den Sport als urbanen Lifestyle positionieren. Es geht um mehr als das Spiel. Es geht um Fashion, Street Credibility und inklusive Konzepte. Hat Tennis schon den Kipppunkt zur Coolness erreicht? Und was würde ein solcher Zeitenwechsel für Marken bedeuten?
Auf globaler Ebene scheint die Tennis-Welt weitestgehend in Ordnung zu sein: Seit Jahren mischt eine neue Generation um globale Stars wie Carlos Alcaraz und Jannik Sinner oder auch Social-Media-Lieblingen wie Ben Shelton das Establishment auf. Auch die großen Verbände haben offenbar verstanden, dass sie sich verjüngen müssen: Die ATP schließt 2025 weitreichende Content-Kooperation mit Plattformen wie Spotify, TikTok und Overtime, um sich für die Generation Z und Millennials in Stellung zu bringen.
Angestammte Grand-Slam-Highlights wie die Australian Open und Wimbledon setzen derweil auf technologische Innovationen, während disruptive Formate wie "Ultimate Tennis Showdown", "1 Point Slam" und "Inntense" oder auch der mit saudi-arabischem Geld finanzierte "Six Kings Slam" aus dem Boden sprießen und neue Formen der Inszenierung testen.
Kurzum: Es tut sich was in der Tennis-Welt. Und das lockt Marken an: Seit 2026 ist Mercedes-Benz weltweiter Partner der Frauen-Tennis-Organisation WTA. Der Autobauer investiert laut Medienberichten im Rahmen eines Zehnjahresvertrags in Summe eine halbe Milliarde US-Dollar. Die Fashion-Szene mit globalen Marken von Louis Vuitton bis Lacoste als Speerspitzen sucht wie kaum eine andere Branche die Nähe zum Tennis. Unvergessen ist auch Jannik Sinners legendärer Wimbledon-Auftritt im Jahr 2023 mit Gucci-Tasche. Und auf die Modetrends "Tenniscore" beziehungsweise Tennis-Ästhetik, die durch Hollywood-Produktionen wie dem 2024er Tennis-Film "Challengers" mit US-Schauspielerin Zendaya (174 Millionen Follower*innen bei Instagram) noch verstärkt werden, sind längst auch kleinere Marken wie Zara aufgesprungen.
Alles eitel Sonnenschein also? Nun ja, nicht ganz.
Novak Djokovic: "Auf Vereinsebene ist Tennis vom Aussterben bedroht"
Denn Tennis ist nicht erst seit gestern trotz – oder gerade wegen derlei zum Teil "bold moves" – gleichzeitig irgendwie ganz nah und doch so fern. Auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene fehlen bisweilen oft die Anschlussfähigkeit sowie der Zugang zur Community. Mit Novak Djokovic hat einer der größten Stars des Sports höchst persönlich längst den Finger in die Wunde gelegt. Insbesondere aufgrund von aufstrebenden Trendsportarten wie Padel und Pickleball schlug der Serbe bei einer Pressekonferenz in Wimbledon bereits 2024 Alarm. Das Hauptproblem aus Djokovics Sicht: "Auf Vereinsebene ist Tennis vom Aussterben bedroht. Wenn wir nicht etwas dagegen tun, (…) werden sie alle Tennisclubs in Padel und Pickleball umwandeln, weil es einfach wirtschaftlicher ist", sagte der 24-malige Grand-Slam-Sieger.
Während es vor 20 Jahren noch über 10.000 Tennisclubs gab, sind es heute 8.500, Tendenz weiter sinkend. Hört man Amateurspieler*innen und Marktteilnehmer*innen aus dem Tennis-Business zu, ist eine der Ursachen verstaubte Strukturen. Ole Tillmann nennt das Kind beim Namen: "Gerade viele junge Menschen verbringen nicht so gerne längere Zeit in Tennisclubs, weil diese häufig eher wie eine Tennisanlage mit einer angeschlossenen Kneipe daherkommen. Und da sitzen dann häufig die älteren Damen und Herren an der Theke und bringen damit einen speziellen Vibe in den Club", sagt der Startup-Berater, der viele Jahre für große Accelerator-Programme gearbeitet hat, gegenüber OMR. Und dieser "spezielle Vibe" wirkt auf Menschen wie Tillmann "elitär und gewissermaßen uncool", was gerade "junge Menschen in urbanen Räumen abschrecken und ausgrenzen" würde.
Eine exklusiv für OMR bei der Sportbusiness-Datenbank von ONE8Y in Auftrag gegebene Umfrage belegt Tillmanns Wahrnehmung. Demnach empfinden 75 Prozent der befragten deutschen Sportfans (Tennis-Interessierte) Tennisclubs als exklusiv und schwer zugänglich (n = 618). Bei den unter 30-Jährigen sind es sogar 80 Prozent.
Ähnlich beschreiben es Ieva Luskeviciute und Mihalina Georgieva im Gespräch mit OMR. In traditionellen Tennisvereinen seien sie häufig auf "ungeschriebene Gesetze und starre Strukturen gestoßen, die komplett outdated" seien. Die beiden Gründerinnen berichten von einem Club in Berlin "mit zwölf regelmäßig leeren Sandplätzen, der aber trotzdem keine neuen Mitglieder aufnimmt": "Uns wurde gesagt, dass da Menschen mit langjährigen Mitgliedschaften spielen und lieber unter sich bleiben wollen, anstatt neue Leute aufzunehmen." Ihre schonungslose Diagnose: "Tennis ist eine großartige Sportart, die in Deutschland in einem unnötig komplizierten System gefangen ist. Zu exklusiv, zu teuer, zu festgefahren." Alteingesessene Tennisclubs könnten neue, an der Sportart interessierte Menschen "schlichtweg nicht konvertieren": "Das ist eine wahnsinnige Wachstumsbremse für Tennis in Deutschland."
DTB zählt erstmals seit 2012 wieder über 1,5 Millionen Mitglieder
Doch es gibt Hoffnung. Erstens gilt so eine Pauschalkritik natürlich nicht für jeden Tennisclub da draußen. Zweitens steigen die Mitgliederzahlen des Deutschen Tennis Bunds (DTB) seit fünf Jahren wieder an. Mit aktuell erstmals seit 2012 wieder über 1,5 Millionen Mitgliedern ist der DTB aktuell immerhin der fünftgrößte deutsche Sportverband.
Noch spannender ist aber eine dritte Beobachtung: Es formieren sich derzeit nämlich immer mehr "Bottom-up-Initiativen", die Tennis nahbarer positionieren und weniger exklusiv erlebbar machen wollen. Ihr unabgesprochenes gemeinsames Ziel ist es, Tennis mit neuen (Marketing-)Konzepten aus der elitären Ecke herauszuholen – im festen Glauben daran, dass der traditionsreiche Sport gerade jetzt in Deutschlands urbanen Räumen durch die Decke gehen und eine Renaissance als Lifestyle-Community-Plattform feiern kann. Und dadurch entstehen wiederum neue Resonanzräume für Marken.
Tennisfreunde Berlin-Mitte: Co-Working im Clubhaus
Ole Tillmann ist nicht nur irgendein Startup-Berater, sondern auch Gründer der Tennisfreunde Berlin-Mitte. Deren Vereinsgelände mit fünf Courts liegt mitten in Berlin, gut einen Kilometer Luftlinie entfernt vom Bundeskanzleramt. Rund acht Jahre nach ihrer Gründung zählt der Verein 400 Mitglieder, davon 130 Kinder – und ist komplett ausgelastet. Tillmann bezeichnet das Konzept als "exklusiv inklusiv": "Wir sind räumlich begrenzt, versuchen aber innerhalb unserer infrastrukturellen Grenzen jeden zu integrieren", sagt der Innovationsexperte.
Der 45-jährige Ex-Schauspieler will beweisen, dass sich ein Tennisverein wie ein Tech-Startup führen lässt. Sein Ansatz im Gründungsjahr 2018 als damaliger Newbie in der Sportart: "Ein Minimum Viable Product, ein starkes Logo und eine radikale Nutzerzentrierung mithilfe von Methoden wie Design Thinking, also menschenzentriertem Design, um Innovationen voranzutreiben." Wie er aus seinem Kern-Business gewohnt war, denkt Tillmann auch bei den Tennisfreunden in Customer Journeys. Er hat sich zum Beispiel gefragt: "Wenn jetzt bei uns jemand morgens von acht bis neun Uhr Tennis spielt, was will diese Person vielleicht danach im Clubhaus machen?". Seine Antwort darauf ist ein inzwischen völlig neu gedachtes Clubhaus, das etwa zum Co-Working einlädt und wo man auch noch einen guten Kaffee bekommt". Allein das habe für einen "völlig neuen Flow" gesorgt, der beispielsweise die Berliner Startup-Szene anspreche. Genauso legen die Tennisfreunde aber auch einen Fokus auf Kinder und Jugendliche, denen sie bei allem Leistungsdenken "Tennis als Teamsport" vorleben wollen. Und der 85-jährige Platzwart Norbert darf auch nicht fehlen – "ein absolutes Vorbild, zu dem jeder von uns aufschaut".
Zusammengenommen formuliert Tillmann seinen Anspruch wie folgt: "Wir wollen eine Community schaffen und ein durch und durch sozialer Verein sein, der auf die Bedürfnisse der neuen Generation eingeht, ohne die Tradition zu vergessen." Das Motto der Stunde benennt er auf Englisch: "Creating Social Opportunities." Will sagen: "Bei uns lernen sich die Mitglieder wirklich kennen. Daraus entstehen bestenfalls sogar Freundschaften oder gar neue Geschäftsideen, Wir als Verein übernehmen dabei eine Art Moderationsfunktion und schaffen einen Rahmen, um Menschen zusammenzubringen."
Die physischen Begegnungen schließen dabei nicht aus, dass weite Teile der Club-Kommunikation digital ablaufen. Es gibt ein Online-Buchungssystem für die Plätze, eine digitale Mitgliederverwaltung und zudem laufe "quasi der gesamte Verein via WhatsApp", wie Tillmann berichtet. Es gibt sowohl eine Vorstandsgruppe für schnelle Entscheidungswege als auch eine Gruppe, in der alle Mitglieder senden und empfangen können – und in der selbst formelle Umfragen zu vereinsbezogenen Themen ganz einfach über die dafür vorhandene Funktion von WhatsApp stattfinden.
Beyond Berlin: Tennis in der Tiefgarage
Während Tillmann einen einzelnen physischen Standort transformiert, will "The Beyond Berlin Club" Tennis radikal öffnen und die Stärke des Sports im wahrsten Sinne des Wortes "auf die Straße bringen". "Tennis steht an einem enormen kulturellen Kipppunkt", ist das bulgarisch-litauische Gründerinnen-Duo um Mihalina Georgieva und Ieva Luskeviciute überzeugt.
Inspiriert von ähnlichen Bewegungen im Running oder Basketball will Beyond Berlin vorhandene urbane Flächen umnutzen, um darauf neue Räume für Tennis zu schaffen, bei denen eine gewisse "Street Credibility" mitschwingt. Prunkstück ist aktuell eine umgebaute Basketballanlage am Tempelhofer Feld. Darüber hinaus setzt das Startup auf eine modulare und mobile Multi-Court-Anlage, die sich in wenigen Stunden aufbauen für Marken individuell bespielen lässt. Einsatzort war bereits unter anderem der Innenhof des Berliner Hotels "The Social Hub" am Alexanderplatz. Es geht auch noch unkonventioneller, nämlich als Beyond Berlin vor einigen Monaten Tennis gepaart mit japanischer House-Musik in eine Tiefgarage geholt hat. Mehr Underground im wahrsten Sinne des Wortes geht wohl nicht. Unterm Strich geht es darum, junge und neue Zielgruppen im Zentrum Berlins mit Tennis in Berührung zu bringen. Denn nach Georgievas und Luskeviciutes Angaben befinden sich 80 Prozent der Tennis-Clubs in zentrumsfernen Vororten der Hauptstadt, gleichzeitig gebe es fünf Millionen Freizeit-Tennisspieler*innen in Deutschland, die sich größtenteils außerhalb der mitgliedergeführten Club-Strukturen bewegen.
Beyond Berlin hat es genau auf dieses schlummernde Potenzial abgesehen. Es gibt keine verpflichtenden festen Mitgliedschaftsgebühren. Vielmehr können Nutzer*innen Kurse oder Plätze buchen wie eine Yoga-Stunde. Das Konzept scheint zu fruchten: Die Community ist bereits auf über 5.000 Mitglieder angewachsen. Die Altersgruppe reicht von 18 bis über 60 Jahre, wobei der Großteil zwischen 24 und 34 Jahren alt ist. Auch Marken scheint der unkonventionelle Angang von Beyond Berlin anzusprechen. Die Community-Plattform kooperiert unter anderem mit namhaften Brands wie AG1, Nike, On und Zalando. Um den Nutzer*innen den Einstieg zu erleichtern, stellt das Startup über eine Partnerschaft mit Head das gesamte Equipment zur Verfügung. "Wir können Marken authentisches Storytelling und die Möglichkeit bieten, sich in einer inklusiven, modernen Grassroots-Kultur zu positionieren", sagen die beiden Gründerinnen.
Wird Cardio-Tennis zum neuen Boutique-Fitness-Trend?
Für die Zukunft haben Georgieva und Luskeviciute große Pläne. Zum einen schwebt den Beiden die Idee vor, in zentraler Lage Berlins perspektivisch einen neuen "urbanen Bewegungsraum für Tennis, Kultur und Community" zu errichten. Sie denken dabei an einen Ort, an dem es nicht nur wiederkehrende Tennis Sessions gibt, sondern beispielsweise am Wochenende auch Programme für Familien und kulturelle Events wie "Social Play Nights" stattfinden. Über (lokale) Collabs könnten wiederum umliegende Stores, Cafés sowie Marken für Cross-Aktivierungen in das Konzept integriert werden. "Die Gemeinschaft ist das eigentliche Ziel – Tennis ist nur der Anlass, vorbeizukommen", sagen die Beiden.
Darüber hinaus haben Georgieva und Luskeviciute die Vision der Errichtung mehrerer sogenannter "Off Court Studios". Dabei planen sie Indoor-Locations mit Ballmaschinen und Gamification-Elementen, auch um das Platzproblem in Innenstädten zu umgehen. Ihre zentrale Idee ist es, ein 45-minütiges, vom Tennis inspiriertes Cardio-Gruppen-Workout zu entwickeln, das vergleichbar mit Boutique-Fitness-Trends wie Rocycle oder Fitboxing ist. "Wir wollen Tennis vom reinen Spiel zum effizienten Lifestyle-Training weiterentwickeln", sagen die Beiden. Nach dem Proof of Concept in Berlin wollen sie ihr Konzept zunächst in weiteren deutschen Großstädten wie Hamburg und München ausrollen, ehe es in internationale Metropolen wie London, Paris und Kopenhagen gehen soll. Über allem stehe aber nach wie vor die originäre Mission, "mehr Menschen zum Tennis zu bringen und darüber eine neue Kultur für die Sportart mitzugestalten".
Padel über den Dächern Berlins und Tischtennis-Vibes im Prenzlauer Berg
Die Tennisfreunde Berlin-Mitte und Beyond Berlin sind nur zwei von mehreren aktuellen Bewegungen, die versuchen, Tennis in Deutschland neu zu kodieren – und damit internationalen Beispielen wie dem Menteng Tennis Club in Jakarta und dem Padel Social Club in London folgen.
Events wie "Glam Slam Charity" in München etwa zeigen, dass Tennis zum "Place to be" werden kann, wenn der Sport mit Party, Mode und einen guten Zweck verknüpft wird. Das Frankfurter Startup Fifteen Love will derweil mit einem Festival-Konzept Orte schaffen, an denen "Sport, Musik und Community eins werden". Die Lifestyle-orientierte Eventreihe ist damit längst zur Spielwiese für Marken wie Iqos, Jägermeister und Red Bull geworden und hat mit "Padel Parranda" auch ein Pendant aus dem aufstrebenden Racket-Sport im Portfolio. In dessen Umfeld tummeln sich bereits renommierte Marken wie Boss, Douglas und Dunlop.
Ein weiteres Beispiel aus dem Padel ist das Startup Tio Tio Social Sports, das mehrere Padel-Courts einfach mal auf die Dächer über Berlin gebaut hat – Underground andersherum mit angeschlossener Mode-Kollektion und Werbepartnern wie Cupra. Um den Kreis der aus dem Boden sprießenden Community-Hubs im Rückschlagsport noch weiter zu schließen: Mit dem Berliner Ding Dong Ping Pong Club mitten im Prenzlauer Berg hat auch Tischtennis seine urbane und unkonventionelle Alternative zum klassischen Sportverein. Dahinterstehen als Co-Founder die von Einhorn-Kondome beziehungsweise Zweihorn Energy bekannten Unternehmer Kian Pariwar und Waldemar Zeiler. Spektakuläre Side-Story: Mit der Vertaggung Timothée Chalamets in einem Instagram-Beitrag gelang den Beiden Ende 2025 ein viraler Coup, als der Hollywood-Superstar mit seinen zu dem Zeitpunkt über 19 Millionen Follower*innen auf der Plattform doch tatsächlich den Repost-Button drückte.
Doch zurück zum Tennis. Und zurück zur Gretchenfrage: Was heißt all das nun für Marken?
Lacoste-Deutschlandchef: Tennis als "kulturelle Plattform"
Eine Brand, die es zwangsläufig wissen muss, ist Lacoste. Denn die französische Modemarke mit Milliardenumsatz ist so eng wie kaum ein anderes Unternehmen seit Jahrzehnten mit der Sportart verwoben. Lacoste "bearbeitet" den Tennismarkt auf verschiedenen Ebenen parallel. Da wäre neben weiteren Stars zum einen der bereits zitierte Novak Djokovic, der als prominentester Markenbotschafter vorneweg geht. Seit einigen Monaten steht auch die social-media-affinste deutsche Spielerin Eva Lys unter Vertrag. Hinzu kommen diverse millionenschwere Turniersponsorings wie die über 50-jährige Partnerschaft mit den French Open sowie verschiedene "Live Experiences" wie ein schwimmender Tennisplatz in Melbourne während der Australian Open, ein Pop-up-Court am Strand von Miami während der Miami Open, das Lacoste-Café in Monte Carlo oder auch der urbane Community-Spot "Le Club Lacoste" in Manila.
"Lacoste ist Tennis und Tennis ist Lacoste", sagt Christoph Weller, CEO DACH & Scandinavia bei der Marke mit dem Krokodil, im Gespräch mit OMR. Abseits der kostspieligen Profisport-Investments versucht Lacoste, eine gewisse Beidhändigkeit an den Tag zu legen, sprich: In Deutschland unterstützt die Marke nicht nur klassische Tennisclubs wie "Grün-Weiss Luitpoldpark" in München, sondern hat in den vergangenen Jahren auch mit innovativen Konzepten wie Ole Tillmanns Tennisfreunden Berlin-Mitte kooperiert. Und hier kommt der Begriff Community ins Spiel – die letzte wichtige Säule im Tennis-Playbook von Lacoste.
Über die sogenannte "Lacoste Tennis Community" baut die Marke seit 2021 lokale Netzwerke auf, die aus Persönlichkeiten wie Schauspieler*innen, Künstler*innen oder auch Medienschaffenden bestehen. "Kuratiert von Lacoste, nicht aber bezahlt, treffen sich die Mitglieder regelmäßig zum Training, weil sie echte Lust auf den Sport und unsere Marke haben", sagt Weller, der daher explizit nicht den Begriff Influencer*innen verwenden möchte. Dieser organische Ansatz erzeuge "authentischen Content, der in der lauten Medienwelt nicht als Werbung, sondern als Lebensgefühl wahrgenommen" werde. Mittlerweile gibt es derartige Lacoste Tennis Communities in Berlin, München und Zürich mit in Summe um die 100 Persönlichkeiten.
Das ganzheitliche Engagement scheint sich auszuzahlen: Laut ONE8Y-Umfrage für OMR zählt Lacoste mit 86 Prozent nach Adidas (93 Prozent) und Nike (90 Prozent) zu den drei bekanntesten Tennismarken unter den deutschen Tennis-Interessierten. Obendrein wird Lacoste von mehr als einem Drittel als bevorzugte Marke beim Kauf genannt, was ebenfalls Platz drei hinter Adidas und Nike bedeutet. Dabei zeigt sich, dass Qualität und Langlebigkeit für 90 Prozent der Befragten das wichtigste Kaufkriterium sind, was die Premium-Positionierung etablierter Tennismarken strukturell begünstigt.
Auch Weller nimmt Tennis zunehmend als "kulturelle Plattform" wahr. Den vermeintlichen aktuellen Hype hierzulande ordnet er gleichwohl etwas nüchterner ein. "Auf einer Coolness-Skala von eins bis zehn steht das deutsche Tennis erst bei einer vier bis fünf", sagt er und macht aber gleichzeitig auch etwas Hoffnung. Erstens stehe die Sportart in Deutschland vor einer signifikanten Entwicklung, "die nicht mehr zwingend von einzelnen Superstars wie Boris Becker oder Steffi Graf" abhänge. Zudem "profitieren durch die heutige Transparenz und Vernetzung vor allem die lokalen Märkte von globalen Entwicklungen". Für Lacoste verschiebe sich dadurch auch das Gewicht der Tennis-Budgets: "Während Profisportsponsoring weiterhin die Basis für Sichtbarkeit bleibt, wird der prozentuale Anteil des Budgets für stetig Community-Maßnahmen steigen", sagt Weller. Ziel sei es, "Tennis durch unkonventionelle Zugänge wieder mehr in den Alltag der Menschen zu bringen".
"Die Zauberwörter heißen Culture, Content und Community"
Fabian Ziemer schlägt in die gleiche Kerbe wie Lacoste-Manager Weller. Der 45-Jährige ist Head of Tennis beim global tätigen Sportvermarkter Sportfive, der unter anderem seit längerer Zeit mit dem "Team Zverev" zusammenarbeitet, das sich jüngst über den ersten Grand-Slam-Erfolg von Alexander Zverev freuen durfte. In einem gerade erst neu geschaffenen Tennis Hub bündelt Sportfive zudem die Themen Sponsorship/Athlete Sales, Athlet*innen-Management sowie Markenaktivierung ganzheitlich.
Ziemers Hype-Check: "Tennis steht in Deutschland bei einer acht von zehn und hat in den vergangenen Jahren einen Riesenschritt nach vorne gemacht. Zverevs historischer Grand-Slam-Triumph bei den French Open wird sicher einen weiteren Push auslösen, den der gesamte Sport aber auch erstmal in nachhaltiges Wachstum überführen muss." Der entscheidende Hebel dafür sei die bereits zitierte "Accessibility". "Wenn der Zugang zu Tennis nicht an vielen Stellen erleichtert wird, wird die Hype-Welle genauso schnell abebben wie sie gekommen ist und sich nicht in einen dauerhaften Trend verstetigen", sagt Ziemer und mahnt: "Der Hype wird erst zur Bewegung, wenn wir ihn mit Inhalt füllen – die Zauberwörter dafür heißen Culture, Content und Community".
Denn auch wenn der Roland-Garros-Finale Eurosport mit durchschnittlich 2,1 Millionen Zuschauer*innen die besten Einschaltquoten der Sendergeschichte beschert hat, weiß Ziemer aus seiner täglichen Vermarktungserfahrung, dass es "Tennis in Deutschland im Vergleich zu anderen Sportarten wie Fußball und Handball oft noch an Reichweite fehlt". Aus Sicht des Sportfive-Managers mangelt es derzeit einerseits "oft noch an skalierbaren Geschäftsmodellen". Andererseits würde er sich mehr "Public Courts“ wie in New York oder Paris wünschen. Darüber hinaus macht sich der Sportmarketingexperte für agilere Mitgliedschaftsmodelle stark, "die ein unabhängiges Spielen auf allen Courts in Deutschland ermöglichen" – ähnlich wie es der Deutsche Golf Verband mit seinen Fernmitgliedschaften seit Jahren erfolgreich praktiziert.
DTB erkennt neuen Sweet Spot
Und natürlich liegt der Ball trotz bereits steigenden Mitgliederzahlen auch beim Deutschen Tennis-Bund. Benjamin Reister weiß um die schwere der Aufgabe, sieht aber dennoch einen "Sweet Spot zwischen elitärer Tradition und neuer Street Credibility": "Tennis ist mittlerweile kulturell anschlussfähig durch Mode, Filme und prominente Fürsprecher*innen, die den Sport öffentlich feiern", sagt der Kommunikationschef des Verbands und verweist in diesem Zusammenhang etwa auf die erste Influencer-Kampagne des DTB überhaupt. Dabei hatte der Verband mit dem deutschen Tennis-Influencer Ole Sudmann zusammengearbeitet, der bei TikTok eine halbe Millionen Follower*innen zählt. "Mit den insgesamt sechs Videos auf Instagram und TikTok konnten wir durchschnittlich knapp 100.000 Views, 2.500 Likes und 40 Kommentare generieren und damit eine Engagement Rate von 3,76 Prozent erzielen", berichtet Reister.
Spannend sind in diesem Zusammenhang auch einige Details beim Mitgliederwachstum. Tennis scheint nämlich einerseits auf einer Art Verjüngungskur zu sein: So ist von 2024 auf 2025 einzig bei den sieben- bis vierzehnjährigen Spieler*innen ein überproportionales Wachstum festzustellen (+7.000), während die Ü60-Mitgliederzahlen sogar leicht rückläufig sind (-373). "Das zeigt, dass es uns zunehmend gelingt uns als moderner und offener Sport zu positionieren und gleichzeitig unsere Vereinsstrukturen Antworten auf die Bedürfnisse der nächsten Generationen finden", sagt DTB-Mann Reister. Gleichzeitig wird Tennis immer weiblicher: Von 2024 auf 2025 sind mit rund 14.300 über die Hälfte der in Summe 25.700 neuen Mitglieder Frauen und Mädchen. Das Geschlechterverhältnis aller DTB-Mitglieder liegt aktuell bei 59 Prozent (Männer) zu 41 Prozent (Frauen).
Tennis in Deutschland: Das Interesse ist da
Bis 2032 strebt der DTB an, dass zwei Prozent der deutschen Bevölkerung aktiv in seinen Sportarten eingebunden sind, was circa 1,68 Millionen Mitgliedern entspräche. Ob der Verband irgendwann auch wieder den historischen Höchststand aus dem Jahr 1994 von 2,3 Millionen Mitgliedern angreifen kann, bleibt abzuwarten. Gleichzeitig könnten sich aufstrebende Angebote in urbanen Räumen wie Beyond Berlin und neu gedachte Vereine wie die Tennisfreunde Berlin-Mitte zur Blaupause für die Befriedigung der Sehnsüchte der deutschen Tennis-Community entwickeln.
An einer zu geringen Attraktivität scheint es Tennis hierzulande jedenfalls nicht zu hapern, wie die Umfrage von ONE8Y für OMR zeigt. Demnach berichtet beinahe jede*r Zweite von einem gestiegenen Interesse in den vergangenen zwei Jahren (47 Prozent). Darüber hinaus würden 75 Prozent der Befragten bei flexiblem Zugang zu Tennisplätzen häufiger spielen gehen, während 81 Prozent der unter 30-Jährigen sogar einem Verein beitreten würden, wenn es flexible Mitgliedschaftsmodelle gäbe.
Einen weiteren Wachstumsimpuls versprechen sich die Befragten der ONE8Y-Umfrage von Alexander Zverev: 64 Prozent der Tennis-Interessierten geben an, durch seine Leistungen positiv in ihrem Interesse an der Sportart beeinflusst zu werden. Und 85 Prozent halten einen Grand-Slam-Sieg durch eine*n deutsche*n Profi für einen wichtigen Katalysator für die Popularität des Sports in Deutschland. "Die Daten zeigen ein klares Paradox: Tennis hat in Deutschland an Anziehungskraft gewonnen, scheitert aber noch zu oft an strukturellen Zugangshürden. Das Interesse ist da, die Bereitschaft zu spielen ist da, und auch die Kaufkraft stimmt. Was fehlt, sind flexible Formate jenseits der klassischen Jahresmitgliedschaft. Wer das löst, erschließt sich ein deutlich breiteres Publikum als bisher", sagt Michael Zengel, Managing Partner von ONE8Y. Um es abschließend im Sprech der Sportart auszudrücken: Advantage – Tennis in Deutschland.
Einen weiteren Wachstumsimpuls versprechen sich die Befragten der ONE8Y-Umfrage von Alexander Zverev: 64 Prozent der Tennis-Interessierten geben an, durch seine Leistungen positiv in ihrem Interesse an der Sportart beeinflusst zu werden. Und 85 Prozent halten einen Grand-Slam-Sieg durch eine*n deutsche*n Profi für einen wichtigen Katalysator für die Popularität des Sports in Deutschland. "Die Daten zeigen ein klares Paradox: Tennis hat in Deutschland an Anziehungskraft gewonnen, scheitert aber noch zu oft an strukturellen Zugangshürden. Das Interesse ist da, die Bereitschaft zu spielen ist da, und auch die Kaufkraft stimmt. Was fehlt, sind flexible Formate jenseits der klassischen Jahresmitgliedschaft. Wer das löst, erschließt sich ein deutlich breiteres Publikum als bisher", sagt Michael Zengel, Managing Partner von ONE8Y. Um es abschließend im Sprech der Sportart auszudrücken: Advantage – Tennis in Deutschland.
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