Welche Zukunftsperspektive hat SEO noch? – Das sagen zwei der renommiertesten deutschen Online-Marketing-Experten dazu

kienzle_hauser_featured
Inhalt
  1. Florian Heinemann von Project-A und SEO-Berater Philipp Klöckner im exklusiven Interview

Florian Heinemann von Project-A und SEO-Berater Philipp Klöckner im exklusiven Interview

Leider gibt es von Florian Heinemann und Philipp Klöckner kein gemeinsames Foto – deswegen ein Symbolbild mit den TV-Ikonen Ulrich Kienzle und Bodo Hauser
Leider gibt es von Florian Heinemann und Philipp Klöckner kein gemeinsames Foto – deswegen ein Symbolbild mit den TV-Ikonen Ulrich Kienzle und Bodo Hauser
Lange Jahre waren die unbezahlten Suchergebnisse von Google fĂŒr viele Website- und Online-Shop-Betreiber eine Ă€ußerst gĂŒnstige Quelle fĂŒr Traffic und Neukunden – so attraktiv, dass sich rund um die Suchmaschinenoptimierung eine riesige Dienstleisterbranche entwickelt hat. Doch Algorithmus-Updates und der schwindende Platz fĂŒr organische Ergebnisse haben dazu gefĂŒhrt, dass ĂŒber die Relevanz von SEO zuletzt kontrovers diskutiert wurde. Wir haben mit Florian Heinemann, GeschĂ€ftsfĂŒhrer von Project-A, und Online-Marketing-Berater Philipp Klöckner, ĂŒber die Perspektiven von SEO, die neue AttraktivitĂ€t von Bestandskunden, Linkkauf und VergĂŒtungsmodelle bei Agenturen gesprochen.

Florian, von Dir war zuletzt hĂ€ufiger die Aussage zu hören: Customer Relationship Marketing ist das neue SEO. Du warst lange fĂŒr Rocket Internet im Marketing tĂ€tig und hast in dieser Zeit unter anderem Zalando mit aufgebaut. Google als grĂ¶ĂŸter Traffic-Lieferant und Suchmaschinenoptimierung dĂŒrften dabei ja ein entscheidender Hebel gewesen sein. Heißt Deine These, dass SEO heute aus Deiner Sicht deutlich an Relevanz verloren hat?
Florian Heinemann
Florian Heinemann
Florian: „Was ich mit dieser Aussage eigentlich meinte, war: Um gegenĂŒber Konkurrenten einen Wettbewerbsvorteil zu erarbeiten, braucht man einen Marketingkosten senkenden Effekt. FrĂŒher reichte SEO dafĂŒr aus, da konnte man alleine damit profitabel werden. Das geht mittlerweile nicht mehr. Man muss im SEO-Bereich heute sehr viel nachhaltiger und langfristiger agieren. Deswegen ist der Marketingkosten senkende Effekt von CRM wichtiger geworden. Aber auch generell hat die komparative Relevanz von SEO sicherlich abgenommen – einfach weil im Online Marketing viele andere KanĂ€le dazu gekommen sind, so wie der Social-Bereich. Der natĂŒrliche Anteil von SEO in einem gut diversifiziertem Marketingmix ist heute wahrscheinlich bei einer durchschnittlichen E-Commerce- oder Travel-Plattform geringer als vor fĂŒnf bis acht Jahren. Dazu haben auch andere Entwicklungen beigetragen: Google rĂ€umt den unbezahlten Suchergebnissen immer weniger Platz ein. Und durch Algorithmus-Updates können einem erreichte Erfolge ĂŒber Nacht auf einmal wieder abhanden kommen. Wer seine Marketingstrategie singulĂ€r auf SEO aufgebaut hat, steht dann dumm da.“
Philipp, Du verdienst Dein Geld als SEO-Berater unter anderem fĂŒr Idealo und Ladenzeile. Was sagst Du zu Florians EinschĂ€tzung?
Philipp Klöckner (Foto: Karl Kratz)
Philipp Klöckner (Foto: Karl Kratz)
Philipp: „Woran ich mich ein wenig stoße, ist die Aussage ĂŒber Erfolge, die ĂŒber Nacht abhanden kommen können. FĂŒr mich ist ein neues Google-Update per se erst einmal nichts Schlechtes, weil damit hĂ€ufig ein betrĂ€chtlicher Anteil von Spam und minderwertigen Inhalten aus dem Index gespĂŒlt wird. Gerade die Penguin- und Panda-Updates haben teilweise durchaus fĂŒr ĂŒberfĂ€llige Bereinigungen gesorgt. Ich stimme aber Florian darin zu, dass man im SEO heute weitaus nachhaltiger arbeiten muss und kaum noch kurzfristige Erfolge möglich sind. Weiterhin ist wichtig zu verstehen, dass SEO kein ‚kostenloser Traffic-Kanal’ ist und es eigentlich auch nie war. Trotzdem ist SEO glaube ich immer noch ein sehr attraktiver Investment-Case mit ĂŒberproportionalem Return-On-Invest – auch wenn das Volumen an Traffic, das Google ĂŒber die organischen Suchergebnisse vermittelt, sukzessive abnimmt. Die Goldreserven der Welt sind auch begrenzt. Niemand wĂŒrde deswegen sagen ‚Gold ist tot’ – Im Gegenteil, der Wert des verbleibenden Angebots steigt bei konstanter Nachfrage.“
Eine Aussage wie ‚In SEO können mir Erfolge ĂŒber Nacht wieder abhanden kommen’ zeugt also Deiner Meinung nach von einem falschen SEO-VerstĂ€ndnis?
Philipp: „Ja, absolut. Das ist immer ein wenig die Argumentation der ‚gebrannten Kinder‘. Es gibt viele Marktteilnehmer, die zeigen, dass mit nachhaltigem SEO immer noch viele Kundenakquisitionen generierbar sind. FĂŒr Zalando, HomeAway oder Amazon ist SEO sicherlich nach wie vor ein Wachstums- und ProfitabilitĂ€tstreiber.“
Florian: „Das stimmt sicherlich. Trotzdem muss man bei SEO ĂŒber eine sehr gute Referenzmatrix verfĂŒgen, um dort keine Fehler zu machen. Denn die Regeln, die dort herrschen, werden von jemandem gemacht, der nur wenig transparent macht, was da eigentlich geschieht. Das Risk-Return-VerhĂ€ltnis von SEO-Maßnahmen ist deswegen schwer einschĂ€tzbar. Weil man nicht zuverlĂ€ssig sagen kann ‚Wenn ich an diesem Rad drehe, passiert das’, ist die Gefahr einer Fehlallokation recht hoch. Das macht den Bereich gerade fĂŒr unerfahrene Advertiser nicht ganz unproblematisch. Hinzu kommt dann noch, dass es viele unseriöse Berater gibt – ob die nicht können oder nicht wollen, sei mal dahin gestellt.“
Philipp: „Ich glaube, Intransparenz war sicherlich schon immer das Kernproblem der Branche und wird es leider vermutlich auch bleiben. Damit verbunden ist die Frage, wie Kunden nachhaltig arbeitende Dienstleister erkennen können. Ein Ausweg aus dieser Situation könnte es beispielsweise sein, wenn der Bundesverband Digitale Wirtschaft es zur Bedingung fĂŒr seine SEO-Siegel machen wĂŒrde, dass die Dienstleister bei den Referenzkunden die jeweilige Betreuungsdauer angeben mĂŒssen. Außerdem glaube ich, dass auch im SEO-Bereich die Hinzunahme von Pitch-Beratern, so wie es in der klassischen Werbung relativ gĂ€ngig ist, extrem sinnvoll wĂ€re. Wenn jemand Budgets in Millionenhöhe vergibt, sollte er sich vielleicht einmal einen kleinen Beirat oder erfahrenen Advisor gönnen.“
Einerseits sagt ihr beide, dass man fĂŒr SEO viel Erfahrung haben bzw. einen hochspezialisierten Dienstleister einbinden muss – andererseits reden die SEO-Agenturen mittlerweile alle ĂŒber Content Marketing als Allheilmittel. Content Marketing machen aber auch ganz viele andere: PR-, Corporate- -Publishing- und Kreativagenturen etwa. Wie passt das zusammen?
Philipp: „Ich glaube, wenn SEO-Agenturen Content Marketing betreiben, geht es immer noch primĂ€r darum, das Suchmaschinen-Ranking positiv zu beeinflussen – und deswegen wird am Ende dort doch immer noch geschaut, wie viele Links eine Maßnahme generiert hat. Das unterscheidet sich nicht allzu sehr von der herkömmlichen Arbeitsweise von SEO-Agenturen.“
Aber Red Bull beispielsweise wird doch die Erfolge von Content-Marketing-Maßnahmen nicht nur in der Zahl der generierten Backlinks messen.
Philipp: „Ich sage nicht, dass ich solch ein Vorgehen richtig finde. Ich glaube ebenfalls, dass gutes Content Marketing auch positive Effekte außerhalb von SEO hat. Aber aus Sicht der SEO-Agenturen ist und bleibt Linkbuilding das spannendste GeschĂ€ftsmodell, weil dort hohe Margen erzielbar sind. Man kann ja beispielsweise einen Link fĂŒr 80 Euro einkaufen und fĂŒr 200 Euro verkaufen. Noch lukrativer wird es, wenn man Links aus einer Quelle mehrfach verkauft. Die reine SEO-Beratung ist demgegenĂŒber kaum skalierbar. Ob dieses Vorgehen gut fĂŒr die Kunden ist und am Ende den gewĂŒnschten Effekt hat, bezweifle ich stark. Links werden natĂŒrlich immer wichtig sein; sie sind glaube ich immer noch der Haupt-Ranking-Faktor bei Google. Aber dass ausgerechnet jene Links, die frei auf dem Markt verfĂŒgbar sind, den Unterschied machen, glaube ich nicht. Ich schĂ€tze, dass 80 Prozent des gehandelten Inventars tatsĂ€chlich eine geringe bis vielleicht sogar negative Wirkung hat.“
Florian, wie siehst Du als potenzieller Auftraggeber diese Situation?
Florian: „FĂŒr eine SEO-Agentur ist es natĂŒrlich schön, wenn sie ĂŒber eine Quelle, die sie mit zwei Tagen Arbeit akquiriert hat, 100 Links Ă  80 Euro verkaufen können. Das ist ein bisschen der Versuch, Beratung in ein skalierbares Business zu verwandeln. Da stellt sich natĂŒrlich die Frage, ob das mittelfristig so gut ist, weil man Beratung eigentlich nur ĂŒber die Anzahl von Beratungstagen skalieren kann. Vielleicht sollten die SEO-Agenturen das anerkennen. Ich glaube, dass es in diesem Zusammenhang sinnvoll ist, sich im SEO-Bereich ĂŒber VergĂŒtungsmodelle Gedanken zu machen. Derzeit werden Agenturen dort auf Basis des Inputs bezahlt, sprich: nach der Zahl der Links, die sie generieren, oder Texte, die sie schreiben. Das ist aber eigentlich Unsinn, denn Input-Indikatoren haben nur eine bedingte Aussagekraft darĂŒber, was ich als Kunde eigentlich bekomme. Da werden derzeit Fehlanreize gesetzt, und das muss man ja nicht sehenden Auges tun. Deswegen wĂŒrde ich im SEO-Bereich dafĂŒr plĂ€dieren, stĂ€rker nach Aufwand zu zahlen, also auf Stunden- oder Tagessatzbasis, wie in anderen Beratungsfeldern auch – optional mit einem erfolgsabhĂ€ngigem Kicker on top.“
Kommen wir zurĂŒck zu der These, dass CRM das neue SEO ist. Mich wundert das ein wenig, weil Kundenbindung doch seit Jahren im Marketing ein großes Thema ist. Woher kommt im Online Marketing die plötzliche CRM-Faszination?
Philipp: „Ich glaube, der Hauptgrund dafĂŒr ist, dass es wegen des Gesamtwachstums ĂŒber viele Jahre hinweg sehr einfach war Neukunden zu akquirieren, und zumindest in Europa deswegen viele GeschĂ€ftsmodelle ihre Bestandskunden nur stiefmĂŒtterlich behandelt haben. Dadurch, dass KanĂ€le wie SEO und SEA nun immer kompetitiver und dadurch auch teurer werden, Ă€ndert sich das gerade und die Branche fĂ€ngt langsam an, sich damit zu beschĂ€ftigen, wie man aus einem bestehenden Kundenstamm mehr herausholen kann. CRM hat zudem zwei elementare Vorteile: Zum einen kann es die Effizienz aller anderen KanĂ€le verbessern, weil es die Customer-Lifetime-Value-Metriken selbst ex-post noch positiv beeinflussen kann. So kann zum Beispiel ein zunĂ€chst auf Deckungsbeitragbasis defizitĂ€r akquirierter Kunde im Nachhinein durch CRM noch lukrativ werden. Zum anderen ist es im Vergleich mit SEO in einem anderen Reifestadium: Weil noch nicht alle Marktteilnehmer im CRM wirklich professionell unterwegs sind, kann man sich hier noch vergleichsweise einfach Wettbewerbsvorteile verschaffen. Die EinstiegshĂŒrde ist allerdings höher: WĂ€hrend das Minimal-Setup im SEO-Bereich vergleichsweise klein ist, werden sich ein gutes CRM-System mit Integration aller KanĂ€le vermutlich auch noch in zwei oder drei Jahren nur die oberen zehn Prozent leisten können.“
Florian: „Der große Vorteil an CRM ist aber, dass, wenn man die Daten vom Kunden richtig mitspeichert und sie richtig interpretiert, man etwas ĂŒber den Kunden weiß, was kein anderer weiß. Dieses Wissen erlaubt es einem aus einer FlĂ€che, ĂŒber die man den Kunden anspricht, potenziell mehr Response herausholen. Somit kann es sich auch weiterhin lohnen, diese FlĂ€che zu nutzen, auch wenn diese vielleicht immer teurer wird. Was sicherlich auch zu der steigenden AttraktivitĂ€t von CRM beitrĂ€gt, sind die zunehmenden Möglichkeiten. Eine ganze Zeit lang bestand CRM nur aus E-Mail-Marketing und irgendwelchen Postkarten. Heute gibt es mit Facebooks Custom Audiences, den Browser Notifications, Mobile Apps und Push Notifications im CRM viele Möglichkeiten, um Bestandskunden anzusprechen und zu reaktivieren.“
Florian, Du hast gesagt, die Relevanz von SEO sei gesunken, weil andere KanĂ€le hinzu gekommen seien. Gibt es im Online Marketing Möglichkeiten zur Neukundenakquisition, die SEO vielleicht sogar ĂŒberholt haben?
Florian: „Was in den vergangenen Jahren natĂŒrlich neu dazu gekommen ist, ist der ganze Social-Bereich. Die Feed-basierte Traffic-Verteilung hat dadurch deutlich zugenommen. Es ist auch irre zu sehen, wie sich der Share of Attention der User in den zurĂŒckliegenden vier, fĂŒnf Jahren in Richtung Video verschoben hat. Da entstehen natĂŒrlich auch ĂŒberall neue Advertising-Umfelder. Ich glaube, das sich diese Entwicklung in den nĂ€chsten Jahren mit dem Shift hin zu Mobile noch weiter verstĂ€rken wird – einfach weil auf Mobile weniger gesucht, sondern mehr ĂŒber Feeds zum User gepusht wird.“
Philipp: „Das sehe ich Ă€hnlich. Ich glaube ein zweiter großer Trend ist, dass durch den Trend hin zu einer auf Customer Lifetime Value basierenden Betrachtung fĂŒr viele Online Ventures auf einmal die klassischen KanĂ€le interessant werden. Wenn beispielsweise ein Dienst wie Airbnb an der ersten Buchung zwar nur 50 US-Dollar verdient, die Betreiber aber wissen, dass der User ĂŒber seinen gesamten Kundenlebenszyklus 200 US-Dollar ausgibt, wird auf einmal TV spannend. Man kann derzeit auch sehr gut beobachten, wie Online-Angebote beispielsweise klassische Out-of-Home-Media wie Billboards erobern.“
Wie seht ihr vor dem Hintergrund dieser Entwicklung die derzeitige Perspektive von SEO?
Florian: „Wenn man es realistisch kalkuliert, glaube ich schon, dass SEO-Budgets immer noch deutlich wachsen. Man muss seine Marketingkosten als Block sehen und da bei SEO sowohl Content-Produktion als auch Linkbuilding-Budgets mit einrechnen.“
Philipp: „Das sehe ich genauso. Ich glaube, da wird auch in den kommenden Jahren noch Luft nach oben sein, weil die großen Dax-Konzerne sicherlich noch nicht alle so viel Geld in SEO investieren, wie sie vielleicht sollten, um das volle Potenzial auszuschöpfen. Ich wĂŒrde schĂ€tzen, dass die Budgets auf globaler Ebene weiterhin im zweistelligen Prozentbereich wachsen. Nachfrage nach ‚kostenlosem’ Google-Traffic wird immer bestehen.“
Wir danken Euch beiden fĂŒr das GesprĂ€ch!

SEO
Roland Eisenbrand
Autor*In
Roland Eisenbrand

Roland ist seit mehr als zehn Jahren als Journalist in der Digitalbranche aktiv. Seit 2014 verantwortet er als Head of Content (und zweiter Mitarbeiter) alle inhaltlichen Komponenten von OMR, darunter vor allem den OMR Blog und redaktionelle Arbeit rund um das OMR Festival.

Alle Artikel von Roland Eisenbrand

Ähnliche Artikel

Kostenlose Online-Seminare

Aissu Diallo

5 GrĂŒnde, warum deine Marke eine Social-First-Strategie braucht

10.6.2026 10:00 - 11:00
Patrick Schnitzler

5 Tipps, wie du ohne Budget auf Social Media sichtbar wirst

17.6.2026 11:00 - 12:00
Aktuelle Stories und die wichtigsten News fĂŒr Marketeers direkt in dein Postfach!