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Bis zu 200.000 neue Nutzer pro Tag – Wie Onlyfans von der Corona-Krise profitiert

Sie gehören zu den prominenteren Creatorn auf Onlyfans (von links): Bachelor-in-Paradise-Teilnehmerin Janina Celine (Quelle: Instagram), US-Youtuber Nikocado Avocado (Quelle: Twitter) und Model und TV-Sternchen Blac Chyna (Quelle: Instagram) | Montage: OMR

Die Paid-Content-Plattform wird nicht nur für Influencer und C-Promis zur Einkommensquelle, sondern auch für Opfer der Krise

Einen Lauf haben – so könnte man wohl das nennen, was Onlyfans in den letzten Wochen und Monaten widerfahren ist. Zuletzt hat Über-Popstar Beyoncé die Paid-Content-Plattform namentlich in einem Song genannt, davor ist Onlyfans quasi zum Meme und damit Teil der Netzkultur geworden, u.a. nachdem kontroverse Youtuber und Influencer angefangen haben, über Onlyfans freizügige Fotos und Videos zahlenden Abonnenten zur Verfügung zu stellen. Vor allem profitiert die Plattform aber von der Corona-Krise. OMR hat die Entwicklung analysiert und zeigt das Ausmaß des Wachstums.

„Hips tick tock when I dance (dance) / On that demon time she might start a Only Fans“, rappt Beyoncé in einem neuen Remix des Tracks „Savage“ von Kollegin Megan Thee Stallion. Äußerst clever spielt „Queen Bee“ mit diesen Zeilen auf aktuelle (digital-)popkulturelle Referenzen an: die rasant wachsende Verbreitung der Social-Video-App Tiktok, die auf Instagram Live u.a. von P. Diddys Sohn gestartete Stripshow Demon Time – und die „Bezahl für meine Nacktfotos“-Plattform Onlyfans, die zuletzt im Netz quasi zum Meme geworden ist.

700 Millionen US-Dollar für Creator

„Savage Remix“ ist am 29. April herausgekommen und verzeichnet auf Youtube bislang 18,2 Millionen Views – sicherlich nicht der erfolgreichste Hip-Hop-Track auf Youtube in dieser Zeit. Trotzdem hat sich das Namedropping durch Beyoncé für Onlyfans gelohnt: Nach der Veröffentlichung des Tracks sollen täglich 200.000 Nutzer sowie zwischen 7.000 und 8.000 Creator auf der Plattform hinzugekommen und der Traffic um 15 Prozent gestiegen sein, wie ein Unternehmenssprecher gegenüber US-Journalisten erklärte.

Die Entwicklung der Zahl der Visits auf Onlyfans.com nach Schätzungen von Similarweb

Und das, wo Onlyfans in den vergangenen Monaten sowieso bereits ein enormes Traffic- und Umsatzwachstum verzeichnet konnte: Ein Abo-Wachstum von 50 Prozent im April vermeldete Onlyfans vor wenigen Tagen gegenüber Buzzfeed. Der Statistikdienst Similarweb schätzt, dass die Zahl der Visits auf Onlyfans von 62 Millionen über 83 Millionen im März auf 117 Millionen im April gestiegen ist. Anfang Mai verkündete Onlyfans auf Twitter, dass auf der Plattform 30 Millionen Nutzer und 450.000 „Content Creator“ registriert sind und das Unternehmen bereits 700 Millionen US-Dollar an die Creator ausgezahlt habe. Gegenüber dem Spiegel erklärte Onlyfans, dass einige Creator auf der Plattform mehr als 500.000 US-Dollar monatlich einnehmen; 4.000 Creator stammten aus Deutschland.

Große Stars der Branche sind auf Onlyfans aktiv

Auf Onlyfans – wir hatten im Juni 2019 bereits über die Plattform berichtet – kann jeder „Creator“ Inhalte für Fans zur Verfügung stellen, die dafür zu zahlen bereit sind – entweder in einem Abonnement, auf „Pay per View“-Basis oder in Form von privaten Chats. Onlyfans behält 20 Prozent der auf diese Weise erzielten Umsätze ein. Rechnet man also von der angeblich an Creator ausgezahlten Summe von 700 Millionen US-Dollar zurück, könnte Onlyfans bereits bis zu 175 Millionen US-Dollar Umsatz generiert haben.

In der Außendarstellung im eigenen Blog sowie dem Twitter-Account stellen die Betreiber und Inhaber der Plattform (der britische ehemalige Investment-Banker Guy Stokely und sein Sohn Tim) immer wieder heraus, dass auch Comedians, Fitness Coaches, Sprachlehrer und Beauty Influencer Onlyfans nutzen. Doch der Löwenanteil der Creator und des Umsatzes der Plattform dürften aus dem Bereich „Erwachsenenunterhaltung“ stammen. Diverse Stars der Pornobranche wie Mia Malkova oder Alexis Texas sind auch mit einem eigenen Account auf der Plattform vertreten.

Auch Influencer und Youtuber buhlen um zahlende Abonnenten

Onlyfans steht exemplarisch für die jüngste Entwicklungsstufe der Pornobranche: Nach der ersten Digitalisierungswelle und dem dann folgenden Aufstieg der „Tube“-Plattformen wie Youporn, Pornhub und Xhamster vermarkten sich mittlerweile viele Porno-Darsteller im Alleingang als „Personal Brand“ – ähnlich wie Influencer. Die erfolgreichsten „Porno-Influencer“ bauen Reichweite und Bekanntheit auf Plattformen wie Instagram, Twitter oder Reddit auf und monetarisieren diese dann über Kanäle wie Onlyfans.

Nicht nur „Adult Entertainer“, die klassisch in der Porno-Branche groß geworden sind, versuchen mit Onlyfans Geld zu verdienen. Auch immer mehr Digitalsternchen, Influencer, Youtuber und Blogger sind innerhalb der vergangenen zwölf Monate auf der Plattform aktiv geworden. Häufig sind es kontroversere Vertreter der Szene, denen es möglicherweise immer schwerer fällt, ihre Reichweite so wie bisher zu monetarisieren. Oder C- bis E-Promis, deren Ruhm möglicherweise mit rasanter Geschwindigkeit verblasst.

Backstreet-Boy-Bruder Aaron Carter richtet Account ein

Ihre Liste ist lang: Im November 2019 richtet Trisha Paytas, US-Youtuberin mit aktuell 4,87 Millionen Abonnenten und 1,78 Milliarden Views, einen Onlyfans-Account ein. Im Dezember 2019 folgt Kristen Hancher (23,9 Millionen Follower auf Tiktok und 5,7 Millionen auf Instagram). Im Frühjahr 2020 folgt der schwule Youtuber Nikocado Avocado, der mit Fressorgien zu 1,86 Millionen Abonnenten und 453 Millionen Views gekommen und nun offenbar auf dem absteigenden Ast ist.

Im März folgen Anisa Jomha, Freundin von Ian Carter, der als „iDubbbz“ zu den größten Gaming- und Comedy-Youtubern der USA zählt (7,82 Millionen Abonnenten und 1,29 Milliarden Views), und der abgestürzte Teenie-Star Aaron Carter (Bruder von Backstreet Boy Nick Carter) mit seiner Freundin. Im April dann das umstrittene Instagram-It-Girl Caroline Calloway, das im vergangenen Jahr in den USA enorme Aufmerksamkeit bekommen hat, sowie Ex-Stripper, Model und TV-Sternchen Blac Chyna. Im Mai schließlich Kerry Katona, ehemals Mitglied der britischen Girlgroup Atomic Kitten.

Onlyfans wird zum Meme

Auch aus dem deutschsprachigen Raum sind zu Influencern gewordene C-Promis zuletzt auf Onlyfans aktiv geworden. Anfang  Mai beispielsweise „Janina Celine“, Teilnehmerin an der Reality-TV-Sendung „Bachelor in Paradise“ und Inhaberin eines Instagram-Accounts mit 65.000 Followern (den sie seit ihrem Onlyfans-Start auf privat gestellt hat). Rund zwei Wochen später schloss sich ihr Tanja Brockmann an, deutsches Playmate und Teilnehmerin in der Schweizer Version der Reality-TV-Sendung Der Bachelor (70.000 Follower auf Instagram).

In Verbindung mit dem Umstand, dass im Februar ein angebliches „Leak“ mit geklautem Content von Onlyfans-Creatorn für weitere Aufmerksamkeit für die Plattform sorgt, ist die Allgegenwärtigkeit von Onlyfans in den eher trashigen Regionen des Netzes, dass mittlerweile diverse Memes rund um Onlyfans in der digitalen Sphäre kursieren. Als Onlyfans-Creatorin Sarvana auf Twitter ein Bild des Hauses präsentierte, das sie sich mit ihren Onlyfans-Einnahmen gekauft haben will, kopierten diverse Nutzer den Text ihres Tweets mit anderen Fotos – meist mit humoristischem Ergebnis. Sogar die kontroversen Mega-Creator Jake Paul und James Charles flirteten zuletzt – wohl eher augenzwinkernd – öffentlich mit dem Gedanken, sich einen Onlyfans-Account zuzulegen.

Opfer der Krise versuchen auf Onlyfans Geld zu verdienen

In der Corona-Krise erfährt Onlyfans nun offenbar nochmals einen größeren Ansturm. Wenig verwunderlich, verbringen zum einen die Menschen weltweit doch aktuell deutlich mehr Zeit zu Hause und verfügen dementsprechend über deutlich mehr Zeit um „Inhalte zu konsumieren“.  Zum anderen hat der zeitweise Stillstand der Wirtschaft vielen die Existenzgrundlage entzogen. In den USA ist die Arbeitslosenrate bereits auf 14,7 Prozent explodiert; Experten rechnen mit einem Anstieg auf 25 Prozent.

Offenbar drängen dadurch mehr Amateure als Creator auf Onlyfans als je zuvor. Die US-Ausgabe der Huffington Post und die Tageszeitung San Francisco Chronicle berichten von US-Bürgerinnen, die ihren Job verloren haben und nun versuchen, mit dem Verkauf von Nacktfotos über Onlyfans Geld zu verdienen. Die Plattform selbst erklärt in einem Blog-Beitrag, wie Creator in der Corona-Krise Onlyfans nutzen können. Die mit Onlyfans vergleichbare Plattform Is My Girl soll laut einem Vice-Artikel entlassene Hotelangestellte und McDonalds-Mitarbeiter sogar direkt angesprochen und mit dem Versprechen gelockt haben, dass sie bis zu 90 Prozent ihres vorherigen Gehalts auf der Plattform verdienen könnten.

Virtueller Stripclub startet mit prominenten Gästen

Inmitten des Ansturms durch neue Amateur-Creator änderte Onlyfans die Bedingungen des Referral-Programms, wie Vice berichtet. Zuvor hatte gegolten: Wer einen neuen Creator dazu bringt, sich auf der Plattform anzumelden, erhält ein Leben lang fünf Prozent von dessen erzielten Umsätzen. Das Programm soll ein entscheidender Grund für den Erfolg der Plattform gewesen sein, zitiert Vice den „Adult Entertainer“ Arron Lowe. Doch Anfang Mai informierte Onlyfans die Creator der Plattform in einer Mail darüber, dass das Unternehmen die Entscheidung getroffen hätte, stärker in Infrastruktur, Technologie und Support zu investieren. Deswegen gelte die Regelung künftig nur noch für ein Jahr.

Prä-Internet wäre für viele der neuen Onlyfans-Creator in einer Krise wie der derzeitigen eine Tätigkeit in einem Strip Club möglicherweise die „ultima ratio“ gewesen. Doch auch die sind mittlerweile schon auf Onlyfans angekommen. Die Macher von Demon Time, des „virtuellen Stripclubs“, von dem auch Beyoncé in „Savage“ rappt, haben gerade eine Kooperation mit Onlyfans beschlossen. Zu den Gaststars der ersten Demon-Time-Show auf der Paid-Content-Plattform gehörten u.a. die Musiker The Weeknd und Usher sowie NBA-Basketballer Kevin Durant und Footballer Odell Beckham Jr.