Wie Linktree mit simplen Link-Übersichten zehn Millionen Dollar im Jahr umsetzt

So funktioniert das boomende Geschäftsmodell von Link-Tools wie Linktree, Cardd, Tap Bio & Co.

Pop-Star Selena Gomez nutzt es, die Medienmarke The Guardian auch, der Kosmetikkonzern L’Oréal ebenfalls. Linktree, ein Tool, das als Linksammlung dient und vor allem in Profilbeschreibungen von sozialen Netzwerken zum Einsatz kommt, wächst stark. Acht Millionen Nutzer soll das Startup aus Australien bereits haben. OMR erklärt das Geschäftsmodell von Linktree und anderen boomenden Link-Tools, weshalb sie vor allem in diesem Jahr stark gewachsen sind – und begründet, warum das Business trotz aktueller Erfolgszahlen nicht sehr nachhaltig sein dürfte.

Eigentlich wollen Alex Zaccaria, sein Bruder Anthony Zaccaria und der gemeinsame Freund Nick Humphreys 2016 nur ein Problem lösen, das sie bei ihrer Arbeit stört. Die Australier sind mit ihrem Unternehmen Bolster Group zu dem Zeitpunkt bereits seit einigen Jahren Manager für Musiker und Veranstalter von Events und betreuen entsprechend viele Instagram Accounts. „Uns hat es genervt, dass wir mit jedem Post auch den Link in der Beschreibung ändern mussten“, schreibt Alex Zaccaria vor wenigen Wochen auf startupnation.com.

Das Problem, das er beschreibt: Instagram hat Platz für nur genau einen Link in der Profil-Beschreibung vorgesehen. Verlinkungen in normalen Beiträgen sind (noch) nicht möglich. Lediglich in Storys können Betreiber von verifizierten Accounts oder Accounts mit mindestens 10.000 Abonnenten Verlinkungen setzen. Will man also mit einem Post etwas bewerben, muss der Link in der Beschreibung eingefügt werden – und die vorherige Verlinkung beispielsweise zur Homepage oder einem Impressum ersetzt werden. Der Ausdruck „Link in Bio“ ist in den vergangenen dadurch zu einer geflügelten Redewendung vor allem auf Instagram geworden.

Innerhalb von sechs Stunden zur ersten Linktree-Version

Die drei Zaccaria-Bürder und Nick Humphreys sprechen schließlich mit einem befreundeten Entwickler – und nach nur sechs Stunden Arbeit steht die, wie Alex Zaccaria sagt, im Vergleich zu heute noch sehr schlanke Plattform. Schon das Teilen im Freundes- und Kollegenkreis hätte dann für einen Word-of-Mouth-Effekt gesorgt. Ende 2016 landet Linktree, anfangs noch unbemerkt von den Gründern, auf Product Hunt. Über 3.000 Nutzer hätten sich quasi über Nacht angemeldet und für einen Server-Crash gesorgt. „Da wurde uns klar, dass wir etwas gebaut haben, was ein echtes Problem löst“, so Alex Zaccaria bei startupnation.com. Im April 2017 folgt dann schon der Launch von Linktrees Pro-Version, die laut Zaccaria direkt Hunderte Nutzer abonnieren.

Linktree Link in Bio Tools Selena Gomez

Pop-Star Selena Gomez verlinkt auf ihrem Instagram-Account mit über 194 Millionen Abonnenten zu ihrem Linktree-Profil.

Etwa vier Jahre nach dem Start als kleines Nebenprojekt hat sich Linktree zu einem Unternehmen mit 41 Mitarbeitern entwickelt. 2019 rechneten Alex Zaccaria und sein Team noch mit rund drei Millionen US-Dollar Umsatz bei insgesamt 2,8 Millionen Nutzern. Im Mai 2020 vermeldeten die Gründer dann, der Umsatz sei um 250 Prozent gestiegen. Auf das Jahresziel von 2019 übertragen wären das bereits 10,5 Millionen US-Dollar. Und laut The Verge nähert sich Linktree jetzt acht Millionen Nutzern.

Corona-Krise und Black Lives Matter beschleunigen Wachstum

Das Geschäftsmodell von Linktree ist simpel und hat sich seit der Einführung von Pro-Accounts 2017 nahezu nicht verändert. Basisfunktionen werden gratis angeboten, dazu zählt auch eine unlimitierte Anzahl an Links, die im Linktree-Profil aufgelistet werden kann. Für Features wie beispielsweise eine detailliertere Analytics-Funktion und eine individuellere Gestaltung der Seite inklusive Entfernen des Linktree-Logos müssen Nutzer dann aber zahlen. Sechs US-Dollar kostet das im Monat, also 72 US-Dollar im Jahr. Bei den kollportierten 10,5 Millionen US-Dollar Jahresumsatz wären das etwa 145.000 zahlende Nutzer – bei acht Millionen Nutzern insgesamt also ein Anteil von 1,8 Prozent.

Zu dem schnellen Wachstum hätten laut Gründer Alex Zaccaria in diesem Jahr auch zwei Ereignisse beigetragen. Während der Corona-Krise und vor allem in den ersten Wochen des Lockdowns hätten sich die täglichen Neuanmeldungen bei Linktree um 70 Prozent erhöht. Und in den vergangenen drei Monaten ließen sich rund 80.000 Neuanmeldungen mit Black-Lives-Matter-Protesten in Zusammenhang bringen.

Wie sieht die Zukunft von Linktree aus?

Trotz Wachstum und dem augenscheinlichen Momentum, das Linktree gerade erfährt, weist das Geschäftsmodell doch auch einige Schwachstellen auf – die das Unternehmen mitunter auch innerhalb von kürzester Zeit in die Knie zwingen könnte. So stellt sich wie immer bei Geschäftsmodellen, die an großen Plattformen andocken, um häufig nur einen Zweck mittels eines Tools zu erfüllen, die Frage nach der Nachhaltigkeit.

Schon einmal, einige Monate nach Launch, hatte Instagram alle Linktree-Links als Spam markiert und das Tool so über Nacht nutzlos gemacht. Nach über 40.000 Beschwerden seitens der Nutzer hat Instagram das allerdings innerhalb von einer Stunde wieder rückgängig gemacht. Gründer Alex Zaccaria sieht darin die Relevanz von Linktree, vielmehr zeigt es aber die gefährliche Abhängigkeit großer Plattformen. Und die können sich jederzeit dazu entscheiden, entweder Tools auszusperren oder ähnliche Lösungen einfach selber anzubieten. Instagram hatte offenbar erst kürzlich ein Patent für eine angemeldet, mit der Nutzer für zwei US-Dollar einen Link zum normalen Post hinzufügen könnten. Und mit Anbietern wie Carrd (eine Million Link-Seiten), Tap Bio und Push gibt es natürlich auch längst direkten Wettbewerb.

Für Linktree wiederum sprechen die Zahlen. Wenn ein technisch relativ simples Produkt, das auch mit einer selber aufgesetzten Landingpage ersetzt werden könnte, solchen Anklang findet, spricht das für eine echte Nachfrage. Viele Nutzer dürfte das einfache Handling überzeugen. Auch bei OMR haben wir einen Linktree-Link in der Beschreibung eingefügt, weil es schlicht immer wichtigere und dringendere Themen gibt, für die Ressourcen eingesetzt werden. Und bei einer derartigen Preispolitik (gratis oder sechs US-Dollar im Monat) verschließt sich der Dienst auch nicht vor der ganz jungen Zielgruppen. Und mit der lässt sich zumindest weiter Reichweite aufbauen.

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