Dieses Tool zeigt, wie Gerüchte als Traffic-Treiber wirken

Die Story über eine „dreibrüstige Frau“ führt vor Augen, dass eine absurde Geschichte oft mehr zählt als die Wahrheit

(Jasmine Tridevil, Quelle: Youtube)

(Jasmine Tridevil, Quelle: Youtube)


In der vergangenen Woche führte in diversen Social Networks an den Fotos einer angeblich dreibrüstigen Frau kein Weg vorbei. Die 21-jährige Jasmine Tridevil soll sich dieser absurden Operation unterzogen haben, um ihrer angestrebten Karriere als Reality-Star nachzuhelfen. Die Story war bereits 200.000 Mal geteilt worden, als sie sich wenige Tage später als Fake herausstellte. Doch wie eine Analyse zeigt, wirkte sich diese Enthüllung kaum auf das Sharing-Verhalten der User im Social Web aus.

Das als Gerüchte-Tracker bezeichnete Tool Emergent, entwickelt vom Zentrum für digitalen Journalismus an der Universität Columbia, misst wie häufig Artikel über unbestätigte Ereignisse via Social Media geteilt werden. Es unterscheidet dabei zwischen Berichten, in denen die Story als Wahrheit verkauft wird, solchen, die die Ereignisse als unbestätigt wiedergeben, und solchen, die die Vorgänge als Falschmeldung bezeichnen. Im Fall von Jasmine Tridevil wurde die ursprüngliche Story 189.000 Mal geteilt, die zweifelnden Quellen immerhin noch 80.000 Mal; die Meldungen, in der die Lüge schließlich bestätigt wurde, nur noch 65.000 Mal. In diesem Fall war also für die Viralität der Story ihr Wahrheitsgehalt offensichtlich egal – es sei eine „unwahrscheinliche Geschichte, die aber offenbar zu gut war, um nicht geteilt zu werden“ gewesen, schreibt die New York Times.

Gesamte Shares der Artikel über die "dreibrüstige Frau" (Quelle: Emergent)

Gesamte Shares der Artikel über die „dreibrüstige Frau“ (Quelle: Emergent)


Kein Einzelfall: Zuletzt empörten sich mehrere US-Medien über eine Panel-Diskussion über häusliche Gewalt, die vom Sportsender ESPN angesetzt worden sein sollte, nachdem in den Tagen zuvor mehrere Fälle von Gewaltverbrechen prominenter US-Sportler bekannt geworden waren. Das Problem: Den Berichten zufolge hatte ESPN angeblich alleine Männer und keine Frau zu der Diskussion eingeladen. Noch am selben Tag stellte sich das Gerücht als falsch heraus. Wie Emergent zeigt, bleibt jedoch weiterhin ein Artikel von Esquire, der das Gerücht als wahr dargestellt hatte (in der Zwischenzeit aber zumindest ergänzt wurde), der am meisten geteilte Artikel zu diesem Thema.

Emergent listet darüber hinaus diverse Artikel, die über Ereignisse berichten, die bislang weder bestätigt noch dementiert worden sind. Für die Publisher kann es sich lohnen, solche Themen aufzugreifen: Ein Artikel der konservativen Website „The Washington Free Beacon“ über elf angeblich von islamischen Milizen im lybischen Tripoli gekaperte Passagierflugzeuge, der mit Ängsten über Flugzeugattentate in den USA spielt, wurde bislang mehr als 90.000 Mal geteilt – und das obwohl an seiner Richtigkeit starke Zweifel bestehen.

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