Auf den Spuren von Tonies? Wie die âtigerboxâ Streaming ins Kinderzimmer bringen will
Martin Gardt18.2.2021
An die 100.000 Hörspielboxen hat das junge Unternehmen "tigermedia" bereits verkauft â wie Mami-Blogger dabei helfen
Inhalt
- Das Rocket Internet fĂŒr Kindermedien
- Streaming und Content-Karten
- Amazon ist Himmel und Hölle
- Word-of-Mouth durch Mami-Blogger
Die Zeiten von Benjamin-BlĂŒmchen-Kassetten sind endgĂŒltig vorbei. Allein zwei Millionen verkaufte Tonies-Boxen sprechen eine deutliche Sprachen. Im Schatten des MarktfĂŒhrers versucht es ein Startup mit einem anderen Ansatz. Statt mit Figuren, die ein Hörspiel abspielen, verkauft âtigermediaâ seine âtigerbox TOUCHâ mit einem integrierten Streamingservice. Wie das junge Unternehmen Eltern davon ĂŒberzeugt, Abos fĂŒr ihre Kinder abzuschlieĂen, welche Rolle Mami-Blogger und Youtube dabei spielen und wie wichtig Lizenzen der groĂen Klassiker sind, lest Ihr hier.
âDas Erfolgsrezept von der âtigerbox TOUCHâ ist heute das zentrale GerĂ€t â Content, Software und Hardware in einem. Intern nennen wir es manchmal das âGrundig-Radioâ mit eigenem Streamingdienstâ, sagt Martin Kurzhals, GeschĂ€ftsleiter bei âtigermediaâ. âDas Thema digitales Hören mit dedizierten GerĂ€ten im Kinderzimmer gab es vor uns und Tonies nicht wirklich. WĂ€hrend die Tonies sehr erfolgreich auf das Thema Einzelmedien setzen, glauben wir eher an die Kraft der Medienbibliothek.âÂ
Eine âtigerbox TOUCHâ mit âtigercardsâ und âtigerticketsâ.
2014 ursprĂŒnglich als App fĂŒr E-Books, Filme und Hörspiele fĂŒr Kinder entstanden und 2016 zu einer Kinder-Streaming-Plattform weiterentwickelt, verkauft âtigermediaâ seit 2017 seine internetfĂ€higen Hörspielboxen. âEltern haben uns direkt gesagt, dass ihr junges Kind kein Smartphone in die Hand bekommen soll. Also kam schon frĂŒh die Frage: Habt ihr nicht auch ein Device?â, so Kurzhals. âVon der ersten tigerbox haben wir in zwei Jahren 80.000 StĂŒck verkauft. Seit dem WeihnachtsgeschĂ€ft 2019 gibt es jetzt die Weiterentwicklung tigerbox TOUCH.â Bis Ende Februar diesen Jahres soll es 100.000 Mal verkauft sein. âWenn es so weitergeht, avisieren wir 2021 einen Umsatz im zweistelligen Millionenbereichâ, sagt der GeschĂ€ftsleiter. Neben Tonies, Sonos und Amazon-Echo-GerĂ€ten sei der Markt allein schon in Deutschland groĂ genug fĂŒr einen weiteren Player.Â
Das Rocket Internet fĂŒr Kindermedien
Martin Kurzhals, GeschĂ€ftsleiter von âtigermediaâ
Dabei ist das Startup nicht komplett aus dem Nichts entstanden, sondern aus dem Traditionsverlag Oetinger. Der ist vor allem fĂŒr die deutschen Versionen von Pippi Langstrumpf und weiteren skandinavischen KinderbĂŒchern bekannt. âDie Idee war, innerhalb von Oetinger zu ĂŒberlegen, wie Kinder in Zukunft digital Medien konsumieren werdenâ, so Martin Kurzhals. âWir wollten die digitale Anlaufstelle fĂŒr Kindermedien werden. Daraus ist 2014 die tiger-App entstanden mit interaktiven BĂŒchern, Filmen, Hörspielen und weiteren Inhalten. Die Vermarktung als reine App war nicht immer leicht.â Neben den Problemen mit der Vermarktung habe auch der Fokus bei Oetinger auf B2B-Kunden nicht zu den PlĂ€nen von Kurzhals und Till Weitendorf gepasst, die damals fĂŒr das Projekt zustĂ€ndig waren. âDurch einen Management-Buy-out von Till ist StoryDOCKS entstanden. StoryDOCKS kann man sich so grob als eine Art Rocket Internet fĂŒr Kindermedien vorstellenâ, erzĂ€hlt Kurzhals. Unter dem Dach der Kindermedien-Holding sind mit âTigerCreateâ (Baukasten fĂŒr interaktive E-Books und Apps), âOniloâ (Online-Portal fĂŒr Bildungseinrichtungen), âFramilyâ (personalisierte KinderbĂŒcher), âReadioâ (Erstellung von interaktiven E-Books) und âAltraverseâ (Produkte rund um Manga) fĂŒnf weitere Startups gebĂŒndelt.Â
Streaming und Content-Karten
FĂŒr das gröĂte Aufsehen sorgt derzeit aber sicher âtigermediaâ mit seiner Hörspielbox. Die Touch-Variante hat in seiner WĂŒrfelform durchaus Ăhnlichkeiten mit Tonies-Boxen. Vor allem der groĂe Touchscreen auf der Oberseite fĂ€llt aber als Unterscheidungsmerkmal auf. Die âtigerbox Touchâ verkauft das Unternehmen fĂŒr etwa 100 Euro. Dazu gibtâs ein sogenanntes âtigerticketâ, womit sich der Streaming-Service einen Monat gratis benutzen lĂ€sst, und eine âtigercardâ. Solche Karten werden in die Box gesteckt und das darauf gespeicherte Hörspiel abgespielt. âTigercards sind unser Handshake insbesondere fĂŒr Eltern kleinerer Kinder, die noch keinen Streaming-Service haben wollen. Das ist das Sprungbrett in die alte Weltâ, so Kurzhals. âEin Drittel nutzt die Karten intensiv, zwei Drittel setzen vor allem auf das Streaming-Angebot â beide Angebotsformate bedingen sich aber.â Eine âtigercardâ mit einem Hörspiel kostet 7,99 Euro.
Wie das âtigerticketâ schon zeigt, ist das Streaming-Abo bewusst begrenzt. âWir haben uns fĂŒr zeitlich begrenzte Abo-Laufzeiten entschieden, weil Eltern sich die volle Kostenkontrolle wĂŒnschen. Das erste Abo, dass Eltern sonst fĂŒr ihre Kinder abgeschlossen haben, ist oft die Prepaid-Karte fĂŒr das Handyâ, erklĂ€rt der âtigermediaâ-GeschĂ€ftsleiter. Ein Monatsabo kostet 9,99 Euro, drei Monate 24,99 Euro und ein Jahr (das Maximum) 74,99 Euro. Die Abos laufen laut Kurzhals automatisch aus. Die Abo-Tickets gibtâs als physische Karten im Stil von Gutscheinkarten, die oft an Kassen von SupermĂ€rkten und Drogerien hĂ€ngen.
Ăber 6.000 Hörspiele können Kids derzeit ĂŒber den Streaming-Service hören â durch eine Download-Funktion auch offline. Auf die âtigercardsâ kommen zusĂ€tzlich die neuesten Folgen, die erst spĂ€ter fĂŒr das Streaming freigeschaltet werden â derzeit mehr als 60. Trotz Buy-out haben dem Unternehmen die Kontakte in die Verlagsbranche bei Akquise von Content geholfen. âEine der wesentlichsten Herausforderungen war es, innerhalb von vier bis fĂŒnf Jahren die kritische Menge an Lizenzen aufzubauen. Wenn da Content drauf ist, den niemand kennt, hast du keine Chanceâ, sagt Martin Kurzhals. Zu den bekanntesten Hörspielen des Streaming-Angebots zĂ€hlen Benjamin BlĂŒmchen, Bibi Blocksberg, TKKG, Baumeister Bob, Die drei ???, Die drei !!! und Disney-Formate wie âDie Eisköniginâ.Â
Amazon ist Himmel und Hölle
Die Nachkauffunktion des Streaming-Angebots und von einzelnen Highlight-Hörspielen jeweils mit physischen Karten hilft vor allem, die âtigerboxâ auch fĂŒr den Einzelhandel zu einem spannenden Produkt zu machen. âAls wir im Herbst 2019 gestartet sind, waren wir ein dankbares Produkt fĂŒr den Fachhandel und haben einen wesentlichen Teil der Boxen und âtigercardsâ dort verkauft. Durch die Pandemie hat sich das Bild deutlich in Richtung der Online-Shops bewegtâ, erzĂ€hlt Martin Kurzhals. GroĂe HĂ€ndler wie Alternate und Debitel seien auf das Produkt aufmerksam geworden und listen es mittlerweile. 75 Prozent der VerkĂ€ufe finden jetzt vor allem ĂŒber Partner wie die beiden, Mediamarkt, Thalia oder Mytoys digital statt. âAuch unser Online-Shop wĂ€chst, aber noch ist es nicht so, dass das bisher entscheidend fĂŒr unser GeschĂ€ftsmodell istâ, so der GeschĂ€ftsleiter.
Amazon verkauft die âtigerbox TOUCHâ zum Teil unter Einkaufspreis
NatĂŒrlich stellt sich fĂŒr ein Produkt wie die âtigerboxâ auch irgendwann die Frage, ob Amazon vielleicht sogar der effektivste Vertriebskanal sein könnte. Der Handelsriese sei aber sogar auf âtigermediaâ zugekommen und habe angefragt, ob sie das Produkt listen können. Heute verkauft das Startup die Boxen an Amazon, das dann selbst als HĂ€ndler fungiert. Die Plattform sei direkt zu einem der besten VertriebskanĂ€le aufgestiegen und doch hadert Kurzhals mit der Partnerschaft. Amazon verkaufe zum Teil unter dem Einkaufspreis (zum Teil fĂŒr 80 Euro). Dadurch bluten kleine FachhĂ€ndler aus. FĂŒr âtigermediaâ sei aber der Absatz vordergrĂŒndig. âDas GeschĂ€ftsmodell ist nicht die Hardware, sondern der Content. Unser Ziel ist es, möglichst viele Boxen in den Markt zu bekommen. Die Kunden kaufen dann den Content bei uns nachâ, erklĂ€rt Martin Kurzhals.
Word-of-Mouth durch Mami-Blogger
Wie macht âtigermediaâ aber jetzt auf seine Hörspiel-Boxen aufmerksam? âEine Philosophie von uns: Das Wichtigste ist, dass die Eltern von dem Produkt so ĂŒberzeugt sind, dass sie es weiterempfehlen wĂŒrden. Denn wir glauben: Word-of-Mouth sorgt sicherlich fĂŒr 50 Prozent der VerkĂ€ufeâ, so der GeschĂ€ftsleiter. âDiese Word-of-Mouth-Effekte triggern wir ĂŒber unsere Social-KanĂ€le und ĂŒber Mama-Influencer wie Sarah Lombardi, Nina Bott oder die Harrisons.â Neben Instagrammerinnen mit riesiger Reichweite setzt das Unternehmen aber offenbar auch auf kleinere Mami-Blogger mit 20.000 bis 50.000 Followern. âWir machen da keine Vorgaben. Die Influencer sollen einfach das Produkt vorstellenâ, so Kurzhals. Influencer-Posts teilt âtigermediaâ dann zum Teil auf dem eigenen Instagram-Account, der mittlerweile ĂŒber 30.000 Follower zĂ€hlt. Das Wachstum sei vor allem auf die Kooperationen zurĂŒckzufĂŒhren.Â
Um möglichst viel Aufmerksamkeit zu bekommen, hatte das Startup im Sommer und im WeihnachtsgeschĂ€ft auch Plakate geklebt, TV-Spots und Zeitungsanzeigen gebucht. Am besten hĂ€tten Plakate in direkter NĂ€he von FachgeschĂ€ften funktioniert. Und obwohl im Zuge eines Media-for-Equity-Deals mit ProSiebenSat.1 tausende TV-Spots fĂŒr die âtigerboxâ laufen, sieht Martin Kurzhals einen effektiveren Kanal: âJunge MĂŒtter sind weniger im Live-Fernsehen anzutreffen, sondern informieren sich z.B. bei Youtube. Deshalb haben wir viel in Youtube-Werbung investiert.â Der Kanal habe zuletzt extrem viel Traffic gebracht â die sich immer wiederholende Werbe-Message fĂŒr die Zielgruppe dort zahle sich eben aus.Â
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