News der Woche: Anthropics KI-Sperre und ein AI-Overview-Opfer

Martin Gardt19.6.2026

Wenn die US-Regierung den Stecker zieht und Google 70 Prozent des Traffics klaut: Der brutale Status quo der Aufmerksamkeitsökonomie

In der aktuellen Folge von OMR Takeaway liefert OMR-Chefredakteur Roland Eisenbrand den gewohnten Überblick über die Entwicklungen im digitalen Marketing. Die aktuelle Ausgabe beleuchtet US-Ausfuhrbeschränkungen für die neuesten Anthropic-Modelle und analysiert ein neues Google-Format zur Optimierung der eigenen KI-Sichtbarkeit. Im zweiten Teil der Folge zeigt ein exklusives Interview mit Nicolas Bouliane von All About Berlin (ein Berlin-Guide für Einwanderer), wie existenzbedrohend Googles AI Overviews für reine Informations-Websites werden können.

Anthropic und das Fable-Verbot: Politik bremst KI-Fortschritt aus

Die Tech-Welt wurde in dieser Woche von harten Exportbeschränkungen der US-Regierung gegen das KI-Unternehmen Anthropic erschüttert. Die brandneuen und erst seit wenigen Tagen verfügbaren Modelle Fable und Mythos wurden per Verordnung für Ausländer gesperrt – selbst für solche, die sich innerhalb der USA befinden. Um Compliance-Probleme zu umgehen, nahm Anthropic beide Modelle kurzerhand komplett vom Markt.
Hinter dem harten Durchgreifen der US-Behörden steckt eine tiefere Sicherheitsdebatte. Das Modell Mythos ist extrem stark darin, kritische Schwachstellen im Programmiercode von Cyber-Security-Systemen aufzuspüren. Weil Mythos an eine exklusive Gruppe von nur 111 Unternehmen verteilt wurde, darunter angeblich eines mit Verbindungen nach China, schritt die Regierung ein. Auch Amazon-CEO Andy Jassy soll direkt im Weißen Haus interveniert haben, obwohl sein Konzern selbst ein großer Anthropic-Investor ist.
In der Branche wird zudem über politische Vergeltungsmaßnahmen spekuliert, da sich Anthropic zuvor gegen Rüstungsaufträge des Pentagons gewehrt hatte, während die Trump-Regierung dem Konkurrenten OpenAI deutlich näher steht. "Es zeigt natürlich auch noch mal so ein bisschen die Dimensionen, die KI mittlerweile angenommen hat, dass das so ein geopolitisches Thema geworden ist [...] und mit welchen Themen man sich so als Marketeer mittlerweile auseinandersetzen oder sogar rumschlagen muss, bevor man da Entscheidungen für ein bestimmtes KI-Modell trifft", sagt Roland im Takeaway-Podcast

Das sind deine Takeaways:

  • Harte US-Ausfuhrbeschränkungen: Anthropic musste seine neuesten Modelle Fable und Mythos wegen nationaler Sicherheitsbedenken der US-Regierung komplett vom Markt nehmen.
  • Machtkampf um Cyber-Security: Das Modell Mythos konnte Programmierfehler so rasant aufdecken, dass eine Verbreitung an China-nahe Firmen unterbunden werden sollte.
  • Geopolitische Risiken für Marken: KI-Infrastrukturen sind zunehmend politisch verflochten, wodurch aufgesetzte Marketing-Prozesse über Nacht durch staatliche Regulierung wegbrechen können.

Googles neue Standards: Open Knowledge Format und Preferred Sources

Abseits der großen Schlagzeilen hat Google Cloud das sogenannte Open Knowledge Format (Version 0.1) vorgestellt, um das Bereitstellen von Unternehmenswissen im Zeitalter von KI-Agenten zu revolutionieren. Es handelt sich um einen offenen Standard, der Firmeninformationen so strukturiert, dass sie für Maschinen perfekt lesbar sind. Unternehmen können so ein strukturiertes Netz aus Produktinfos, Datendefinitionen, FAQs und simplen Stammdaten ins Netz stellen, um von KI-Scrapern fehlerfrei und vertrauenswürdig ausgelesen zu werden.
Ergänzend zu diesem maschinenlesbaren Standard testet Google die Funktion Preferred Sources. Dieses Feature erlaubt es Nutzenden, in ihrem Google-Profil bevorzugte Quellen zu hinterlegen. Suchen sie künftig nach Informationen, greift die Google-KI bei der Beantwortung bevorzugt auf die Daten dieser ausgewählten Publisher oder Marken zurück. Unternehmen können diesen Mechanismus aktiv für sich nutzen, indem sie spezielle, von Google bereitgestellte URLs oder grafische Buttons in ihre Newsletter und Websites einbinden. Dadurch werden loyale Fans und Kunden direkt dazu aufgefordert, die Marke als bevorzugte Quelle abzuspeichern. Roland empfiehlt deshalb, frühzeitig zu experimentieren: "Wenn ich eine Marke bin, wenn ich ein Unternehmen bin, würde ich das auf jeden Fall mal ausprobieren und testen, wie die Leute das annehmen und welche positiven Effekte das auf meine KI-Sichtbarkeit im Google-Universum hat."

Das sind deine Takeaways:

  • Maschinenlesbares Firmenwissen: Das neue Open Knowledge Format nutzt verknüpfte Dateien, um KI-Agenten strukturierte Unternehmensdaten zu liefern.
  • Strukturierte Daten als Basis: Über den offenen Standard können Produktinfos, Datendefinitionen und FAQs verlässlich für KI-Scraper aufbereitet werden.
  • "Preferred Sources": Googles neues Feature erlaubt es Nutzenden, favorisierte Webseiten für KI-generierte Suchantworten festzulegen.
  • Reichweiten-Push durch Fans: Marken können über Newsletter-Buttons ihre Stammkundschaft dazu bewegen, sie als bevorzugte Quelle zu hinterlegen, um die KI-Sichtbarkeit massiv zu steigern.

Im Interview: Wie Google AI Overviews ein erfolgreiches Digital-Business zerstören

Welch verheerenden Einfluss die KI-Suche aber auf klassische Web-Publisher haben kann, lässt sich am konkreten Fall von Nicolas Bouliane ablesen, der seit 2017 das erfolgreiche Expat-Portal All About Berlin betreibt. Nach sieben Jahren kontinuierlichen Wachstums brach der Traffic der Seite seit dem Live-Gang der Google AI Overviews um dramatische 70 Prozent ein. Statt der einstigen Spitze von 350.000 monatlichen Besuchern verzeichnet das Portal mittlerweile nur noch rund 77.000 Unique Visitors.
"Es ist ein bisschen frustrierend zu sehen, dass der Bedarf immer noch da ist, aber er wird nicht mehr bezahlt, weil der gesamte geschaffene Wert von diesem riesigen Tech-Unternehmen gefressen wird, das alle Wege zu meiner Website kontrolliert", erzählt Bouliane im Gespräch mit Roland Eisenbrand. Weil Google die mühsam recherchierten Inhalte der Seite ausliest, um sie als KI-Antwort direkt über den Suchergebnissen zu platzieren, bricht die Klickrate (CTR) ein und entzieht Boulianes bisherigem Affiliate-Geschäftsmodell (Provisionen v.a. für vermittelte Bankkonten oder Versicherungen) die Existenzgrundlage.
Google-CEO Sundar Pichai verteidigte die AI Overviews zuletzt mit dem Argument, man wolle lediglich austauschbaren "Commodity Content" zurückdrängen. Bouliane hält dem entgegen, dass auch hinter eindeutigen bürokratischen Fakten eine zeitintensive, harte Recherchearbeit stecke, die von Google nun einfach als Massenware ausgespuckt wird. Als Konsequenz plant er einen radikalen Strategiewechsel weg von reiner Information hin zu kostenpflichtigen, automatisierten Dienstleistungen – wie etwa der postalischen Wohnungsabmeldung bei einem Wegzug aus Deutschland oder der Rückerstattung von Rentenbeiträgen.
Roland sieht darin den einzig zukunftsfähigen Weg für betroffene Webseiten: "Es geht nicht mehr um Informationen, sondern um Dienstleistungen. [...] Man muss Dinge anbieten, die Google in diesen Antworten nicht abbilden kann, und das sind Dienstleistungen – genau da will Nicolas reingehen."

Das sind deine Takeaways:

  • 70 Prozent Traffic-Verlust: Google AI Overviews entziehen der Expat-Plattform All About Berlin durch die direkte Beantwortung von Fragen massenhaft Klicks.
  • Affiliate-Modelle vor dem Aus: Ohne diesen Traffic kollabieren klassische Erlösmodelle durch Vermittlungsprovisionen.
  • Der Trugschluss vom "Commodity Content": Google deklariert harte, exklusive Rechercheergebnisse kurzerhand als austauschbares Allgemeingut, sobald die KI die Antwort liefert.
  • Pivot zum Dienstleistungssektor: Um im KI-Zeitalter zu überleben, müssen Publisher von reinen Text-Informationen auf reale, automatisierte Services (z. B. Rentenrückerstattungen) umstellen.

Content Piece der Woche: Der Green-Screen-Schwindel in der Achterbahn

Zum Abschluss präsentiert Roland ein virales Video-Highlight aus Südkorea. In einem scheinbar gewöhnlichen Business-Videocall nutzt ein Teilnehmer einen künstlich generierten, seriösen Hintergrund. Durch ein plötzliches Ruckeln des Bildes wird jedoch entlarvt, dass der Mann in Wahrheit in einer rasanten Achterbahn sitzt und eine grüne Pappe hinter seinem Kopf als mobilen Green-Screen zweckentfremdet hat. Hinter diesem humorvollen Clip steckt cleveres Attention-Hacking und ein virales Marketing-Stück einer koreanischen Tourismus-Region, um die Aufmerksamkeit gezielt auf den dortigen Vergnügungspark zu lenken.
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Martin Gardt
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Martin Gardt

Martin kümmert sich vor allem um neue Artikel für OMR.com und den Social-Media-Auftritt. Nach dem Studium der Kommunikations- und Medienwissenschaft ging er zur Axel Springer Akademie, der Journalistenschule des Axel Springer Verlags. Danach arbeitete er bei der COMPUTER BILD mit Fokus auf News aus der digitalen Welt und Start-ups. Am Wochenende findet Ihr ihn auf der Gegengerade im Millerntor.

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