OMR Takeaway: Geheime Reels, ChatGPT-Werbewende und "Hängehoden"-Parodien

Martin Gardt26.1.2026

Die aktuelle Ausgabe von OMR Takeaway: Zwischen genialem Reichweiten-Hack und fragwürdiger Gewinnspiel-Masche

Inhalt
  1. Instagrams Test-Reels: Zwischen Geniestreich und Gewinnspiel-Falle
  2. Die Werbe-Ära bei ChatGPT: OpenAI braucht den Cashflow
  3. Employer Fakes und Retro-Kult: Die bizarren Blüten der KI
In der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie schlägt das Pendel jede Woche in eine neue Richtung. In unserem Format OMR Takeaway diskutieren Plattform-Expertin Julia Guembel und Head of Content Roland Eisenbrand regelmäßig über die Verschiebungen auf den großen Plattformen. Diesmal im Fokus: Ein neues Instagram-Tool, das eigentlich die Experimentierfreude fördern sollte, aber blitzschnell zum Werkzeug für dubiose "Loop Giveaways" mutiert ist. Außerdem blicken die beiden auf OpenAI, das mit der Einführung von Werbeformaten startet und damit direkt in das Revier von Google eindringt. Zum Schluss gibt's einen Blick auf die bizarren Auswüchse der Branche: von kriminellen "Employer Fakes", die Markenidentitäten für Onlyfans-Abos kapern, bis hin zu KI-gemachter Werbe-Nostalgie, die das Netz zum Lachen bringt.

Instagrams Test-Reels: Zwischen Geniestreich und Gewinnspiel-Falle

Instagram hat mit den sogenannten Test-Reels eine Funktion geschaffen, die es Creator*innen ermöglicht, Inhalte gezielt an Nicht-Follower auszuspielen, ohne das eigene Profil-Raster zu belasten. Was als Spielwiese für neue Hooks und Formate gedacht war, wird laut Roland aktuell massiv für plumpe Reichweiten-Hacks missbraucht. Er beobachtet eine Flut an "geheimen" Videos, die iPhones oder Luxusgüter versprechen: "Eigentlich ist es ja da, um neuen Content auszuprobieren. Aber jetzt wird es von Creator*innen massenhaft genutzt, um Verlosungen durchzuführen." Die Masche nutze die technische Besonderheit, dass Follower das Video nicht sehen, um eine künstliche Exklusivität vorzugaukeln.
Der Social-Media-Experte Felix Beilharz wählt sich in die aktuelle Folge ein und rät seriösen Marken zur Vorsicht. Zwar sei die Funktion "grandios geeignet", um etwa verschiedene Einstiege für Werbeanzeigen organisch zu testen, doch der Missbrauch für Gewinnspiele hinterlasse einen "shady Geschmack". Er mahnt: "Opfere niemals das Empire für den Topf voll Gold." Wer Test-Reels als seriöses Instrument nutzt, könne aber wertvolle Daten über die Abbruchraten und Hook-Performance bei kalten Zielgruppen gewinnen. Roland betont zudem die Notwendigkeit eines klaren CTA: "Wenn man Test-Reels nutzt, dann macht der Call-to-Action am Ende, 'Hey folgt mir jetzt' auf jeden Fall Sinn. Die Leute sehen sonst nie wieder was von dir."

Das sind deine Takeaways:

  • Gezielte Neukundengewinnung: Test-Reels sind das ideale Werkzeug, um Inhalte an Nicht-Follower auszuspielen und die Viralität neuer Hooks ohne Risiko für den eigenen Feed zu prüfen.
  • Reputationsrisiko beachten: Kurzfristige Reichweite durch Gewinnspiel-Hacks kann die Marke langfristig beschädigen und rechtliche Fallstricke (Gewinnspielregeln) nach sich ziehen.
  • Conversion-Hebel: Da die Zuschauer dich noch nicht kennen, ist ein expliziter "Folgen"-CTA am Ende des Videos essenziell für nachhaltiges Wachstum.

Die Werbe-Ära bei ChatGPT: OpenAI braucht den Cashflow

ChatGPT hat es relativ lange ohne Ads durchgehalten, doch der enorme Kostendruck fordert seinen Tribut. Roland stellt klar, dass OpenAI nun den Weg der Monetarisierung über Anzeigen einschlagen muss: "Pleite sind sie nicht, aber die müssen natürlich Geld verdienen. Generative AI ist teuer." Mit dem Modell "ChatGPT Go" wird weltweit ein vergünstigtes Abo eingeführt, das (wie die komplett kostenlose Variante) kontextbezogene Anzeigen in Form von gesponserten Boxen enthält. Suchen Nutzende beispielsweise nach Rezepten, könnten direkt passende Markenprodukte eingeblendet werden – eine Strategie, die OpenAI nah an das Kerngeschäft von Google rückt.
Trotz der 800 Millionen wöchentlich aktiven Nutzenden ist ChatGPT im Vergleich zum Suchmaschinen-Riesen Google noch ein kleinerer Fisch im Teich, wie Roland anhand seiner Hochrechnung verdeutlicht: "OpenAI macht das immer ganz clever. Sie sprechen von wöchentlich aktiven Nutzern – 800 Millionen. Google hat wahrscheinlich 4,5 Milliarden in der Woche." Dennoch ist der Vorstoß ernst zu nehmen, insbesondere durch die Personalie Fidji Simo, die ehemals bei Meta für die Facebook-Vermarktung zuständig war. Ihr Einfluss lässt vermuten, dass OpenAI ein hochperformantes Ad-System aufbauen wird, das weit über einfache Banner hinausgeht und tief in die KI-Interaktion integriert ist.

Das sind deine Takeaways:

  • Einführung von "ChatGPT Go": OpenAI kombiniert niedrigere Abo-Preise mit Werbeeinblendungen, um eine breitere Nutzerbasis profitabel zu machen.
  • Kontext statt Gießkanne: Werbung in KI-Chats hat Potenzial, weil sie direkt auf den aktuellen Informationsbedarf der Nutzenden reagiert.
  • Aggressives Wachstum: Mit Köpfen von Meta im Hintergrund entwickelt sich OpenAI zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für klassische Suchmaschinen-Werbung.

Employer Fakes und Retro-Kult: Die bizarren Blüten der KI

Zum Abschluss schauen Roland und Julia auf die derzeit wohl wildesten Geschichten rund um KI und Digitalmarketing. Derzeit sorgen zum Beispiel sogenannte "Employer Fakes" für Aufsehen. Betrüger*innen erstellen täuschend echte KI-Avatare, die sich als Mitarbeitende bekannter Marken wie Lidl oder DHL ausgeben. Diese fiktiven Angestellten verbreiten provokante oder pikante Storys aus dem Arbeitsalltag, um Neugier zu wecken. Roland kennt das Motiv dahinter: "Das Ziel ist, dass man die Leute auf Onlyfans oder auf Telegram führt, damit die da irgendwie ein kostenpflichtiges Abo abschließen."
Es geht aber auch kreativer, wie Accounts wie "Menestor TV" demonstrieren. Mit absurden Fake-Ads im Stil der 90er-Jahre – von "Knorr fix für Erbrochenes" bis zu skurrilen Joghurt-Kreationen – wird das Potenzial von KI für Unterhaltung und Satire genutzt.

Das sind deine Takeaways:

  • Kreative Nischen nutzen: KI-generierter Content im Retro-Stil bietet Marken die Chance, mit Humor und Nostalgie aus der Masse der perfekten Werbebilder herauszustechen.
  • Kritische Medienkompetenz: In der Ära der Employer Fakes wird die Verifizierbarkeit von Absendern zur wichtigsten Währung für Marken und Creator*innen gleichermaßen.
InstagramPodcastChatGPT
MG
Autor*In
Martin Gardt

Martin kümmert sich vor allem um neue Artikel für OMR.com und den Social-Media-Auftritt. Nach dem Studium der Kommunikations- und Medienwissenschaft ging er zur Axel Springer Akademie, der Journalistenschule des Axel Springer Verlags. Danach arbeitete er bei der COMPUTER BILD mit Fokus auf News aus der digitalen Welt und Start-ups. Am Wochenende findet Ihr ihn auf der Gegengerade im Millerntor.

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