Micro-Drama in Deutschland: Verhelfen Brands dem Format zum Durchbruch? (2/2)

In China und den USA sponsern Marken Micro-Dramen oder lassen sich gleich eine komplette 9:16-Serie auf den Leib schreiben. So könnte "Branded Entertainment" auch bei uns funktionieren

Inhalt
  1. Das Publikum ist da, der Markt noch nicht 
  2. Erster Case: ein Bio-Pic-KI-Micro-Drama 
  3. Suche nach der richtigen Erzählweise
  4. Geschichten für eine deutsche Audience 
  5. Micro-Drama-Plattformen von Youtube und Tiktok 
  6. Creator-driven, brand-funded
  7. For-You-Page dank Mark Forster
  8. Das "Stromberg"-Prinzip 
  9. Micro-Dramen von Meme-Machern
  10. Branded Entertainment im Südstadt-Späti 
  11. Mühlen Kölsch und Viva con Aqua sind dabei
  12. Education, damit das Format verstanden wird 
  13. Mut wird nicht immer belohnt 
  14. LGBTQ+-Love auch im Micro-Drama
  15. Ein deutsches "Hör mal wer da hämmert"?
  16. Warten auf den "House of Cards"-Moment
So könnte es funktionieren: Eine Gruppe Jugendliche verreist zusammen. Sie erleben kleine Abenteuer, Liebeleien, Eifersucht. Eine Mischung aus Coming of Age, Romance und Comedy. Perfekter Content für die Generation Tiktok und ideale Bühne für den Reiseveranstalter, der das Format finanziert und im Gegenzug organisch in die Handlung eingebunden wird. "Das war die Idee von ‚Young Hearts‘ – eigentlich ein No-Brainer", sagt Jonas Ems. Nur, leider gab es ein Problem: "Es hat nicht funktioniert."
Damit meint er nicht das Format. Moonvibe, die Firma der beiden Creator Jonas Ems und Jonas Wuttke, hat "Young Hearts" 2022 auch ohne Partner produziert. Die Serie wurde erfolgreich über einen eigenen Tiktok-Account distribuiert. Einzelne Episoden des im Vertical-Format gedrehten, 20-teiligen deutschen Mikro-Drama-Vorläufers erzielten über drei Millionen Views. Immerhin, im Nachhinein fand sich mit Dertour auch noch ein Partner. Über ein paar gebrandete Special-Episoden ließ sich dann zumindest ein Teil der Kosten der aufwendigen Produktion wieder reinholen. Insgesamt war die Erfahrung mit dem "No-Brainer" jedoch so enttäuschend, dass Ems sich seitdem nicht mehr an das Thema Micro-Drama herangewagt hat.

Das Publikum ist da, der Markt noch nicht 

War der Ansatz eines vertikal gedrehten Fiction-Formats im Jahr 2022 visionär? „Ich würde schon sagen“, antwortet Ems. Damals sei es zwar ein Zuschussgeschäft gewesen. Doch seit der Micro-Drama-Hype auch in Deutschland Thema ist, erreichten ihn immer mehr Anfragen nach Formaten wie "Young Hearts". Doch nach wie vor hake es an der Finanzierung, sagt Ems. Potenzielle Kunden hätten inzwischen zwar verstanden, dass die Kombi aus Fiction-Vertical und prominentem Creator-Cast Potenzial hat. Nachhilfe braucht es aber noch, dass so ein Format dann aber nicht für 50.000 Euro zu realisieren ist. 
Der Hype um Micro-Dramen läuft gerade heiß, Ems plant dennoch keine entsprechenden Projekte. Er ist ohnehin mit der Verfilmung eines seiner Romane beschäftigt. An das Modell von Marken, die vertikale Serien sponsern, glaubt er aber nach wie vor. Nur fehle eben noch immer der Case, der allen beweise, wie gut Micro-Drama als "branded Entertainment" funktioniert. Doch zum Glück gibt es Kai Fischer, der von sich sagt, es sei seine Mission den Markt für gesponserte Micro-Dramen zu schaffen. 

Erster Case: ein Bio-Pic-KI-Micro-Drama 

"Ich bin leider hängen geblieben und ziemlich tief ins Rabbit Hole gestolpert", sagt Kai Fischer. Anfang 2025 erreichte ihn eine diffuse Kooperationsanfrage eines chinesischen Micro-Drama-Anbieters. Fischer ist Head of Constantin Creators, also der Sparte, die Social-Media-Schaffende, Entertainment und Brands zusammenbringt. So richtig passte es damals nicht, aber das Thema Micro-Drama habe ihn nicht mehr losgelassen, sagt Fischer. Er fuchste sich rein, besuchte Drehs in Asien, trommelte bei Kunden für das neue Format. Constantin bekam tatsächlich einen Auftrag, zwei Serien mit jeweils 60 Folgen für die US-Plattform Crisp zu produzieren. Allerdings auf Englisch, und beide sind bis heute nicht erschienen. 
"Mir ging das zu langsam", sagt Fischer. "Ich wollte nicht über Micro-Drama reden, ich wollte einen Case machen." Den hatte er dann im Januar 2026. Das als Testballon konzipierte, mit dem Leipziger Fußball-Creator Aminho umgesetzte und von der Sportschuh-Marke Skechers finanzierte KI-Micro-Drama "Aminho – The Challenge" brachte viel Aufmerksamkeit in der Branche. Mit zusammengenommen 1,9 Millionen Views war die Reichweite aller 20 Episoden etwa halb nur so hoch wie Aminhos Follower-Zahl bei Tiktok, Instagram und Youtube.
"Aminho" steht hier stellvertretend für deutsche Produktionen wie "Size Does Matter" oder "Between the Beats", denen es bislang offensichtlich nicht gelingt, den Sweetspot der Audience verlässlich zu erwischen und im Algorithmus durchzubrechen (vergleiche hierzu Teil 1 des Features).

Suche nach der richtigen Erzählweise

Im speziellen Fall von "Aminho" kommt hinzu, dass die Produktion in einer Phase des beginnenden AI Backlash live ging. Für die sichtlich KI-generierte Optik und die synthetischen Stimmen gab es einigen Spott in der Kommentarspalte. Die positive Story der Serie wurde dagegen mit Herzen bedacht. Für ihn sei damals bei "Aminho" ohnehin etwas anderes wichtiger gewesen als Reichweite und Feedback, sagt Fischer: das Learning, wie man eine Vertical-Serie erzählt.
Wobei eine Erkenntnis schon vorher absehbar war. "Micro-Drama beginnt für mich nicht beim Format. Es beginnt beim Nutzerverhalten. Wenn sich verändert, wie Menschen Geschichten konsumieren, müssen wir Storytelling und User Experience darum herum neu bauen", sagt Fischer. Und da gibt es ein bis heute ungelöstes Problem: Auch in Jahr drei des "Micro-Drama"-Hypes existiert noch keine App für den deutschen Markt, die ein auf Micro-Drama optimiertes Nutzendenerlebnis bietet.

Geschichten für eine deutsche Audience 

Im ersten Teil dieses Features ging es um den sensationellen Aufstieg des chinesischen Nischenphänomens Micro-Drama zur internationalen Milliarden-Industrie und deren Ehrgeiz, mit Premium-Content zur neuen Konkurrenz von Netflix und Disney zu werden. Es ging aber auch um die – neben der Finanzierung ihrer Projekte – größte Herausforderung der deutschen Pioniere. Sie können ihre Serien bislang nur über Tiktok, als Instagram Reels oder Youtube Shorts ausspielen. Die Reichweite hängt an der Gnade der Algorithmen. Deutsche Micro-Drama-Plattformen, die das ändern wollen, stehen zwar in den Startlöchern, ihnen fehlen jedoch Content und Marketing-Budgets, um ihre Apps bekannt zu machen. Die Unsicherheit ist gerade fast so groß wie der Hype. Wer wagt den ersten Schritt – und wer bezahlt den Spaß?
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Am grundsätzlichen Glauben an das neue Format mangelt es zumindest nicht. Wie Constantin hatte auch Mitbewerber Banijay im März 2026 einen prominenten Aufschlag als Micro-Drama-Produzent. Damals kündigten die Kölner ein 28-teiliges Micro-Drama mit einem Cast aus reichweitenstarken Creators an. Die Euphorie war groß, doch wie "Aminho" ist die Serie bislang nicht live gegangen. Dennoch glaubt Imke Runde, als Executive Producer bei Banijay Productions Germany für das Projekt verantwortlich, an das Format. Sie lobt Micro-Drama für den Mix aus hohem Tempo, starken Emotionen, klaren Figuren und konsequenten Cliffhangern. Für den lokalen Markt brauche es jedoch "Geschichten, die näher an der Lebensrealität einer deutschen Audience sind." 
Runde denkt an Kombinationen der bekannten Sujets – New Adult, Romance-Thriller, Crime und Mystery – mit vertrauten Settings wie Supermärkte, Influencer-WGs, Sportvereine oder Familienunternehmen. "An kreativen Ideen und Produktionskapazitäten mangelt es aus unserer Sicht nicht", sagt Runde. Woran also dann? Entscheidend sei, man ahnt es, "welche Distributions- und Finanzierungsmodelle sich im deutschen Markt etablieren werden."

Micro-Drama-Plattformen von Youtube und Tiktok 

Das Dilemma der deutschen Micro-Drama-Szene zusammengefasst: Ohne Plattform keine Reichweite, ohne Reichweite kein Geld für Content, ohne Content keine Plattform. Es ist allerdings fraglich, ob die angekündigten Apps Eilin und Badaboom als Startups mit den entsprechend beschränkten finanziellen Mitteln die Patt-Situation auflösen können. Denkbar ist, dass die großen, mit hohen Budgets ausgestatteten Micro-Drama-Apps auf der Suche nach Wachstumsfeldern langsam den deutschen Markt entdecken. 
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Die neuen Rivalen: Tiktoks Micro-Drama-App Pinedrama und die Vertikal-Feeds von Disney und Netflix (v.l., Montage: OMR)
Möglicherweise springen unter dem Druck der neuen Konkurrenz auch ganz andere Player auf den Micro-Drama-Train auf: die etablierten Streaming-Anbieter. Sowohl Netflix mit "Clips" als auch Disney mit "Verts" haben in ihren Mobil-Apps Vertical-Feeds gelauncht, bzw. angekündigt. Bislang vor allem als Discovery-Feed für ihren 16:9-Content. Aber die Infrastruktur für künftige 9:16-Originals ist da. Und zumindest Disney hat angekündigt, Verts in Richtung Original-Content ausbauen zu wollen.
Dann gibt es noch zwei schwergewichtige Player, die sich dem Thema Micro-Drama verstärkt widmen wollen. Youtube arbeitet daran, Shorts als Ausspielkanal für Micro-Drama-Content populär zu machen – ein anschauliches Beispiel dafür folgt gleich. Vor allem aber bringt sich Tiktok in Stellung, den bekannten Microdrama-Apps Konkurrenz zu machen. Nachdem der chinesische Konzern Ende 2025 in den USA zunächst eine "Tiktok Minis"-Sektion in der Haupt-App getestet hatte, startete Anfang 2026 Pinedrama. Die kostenlose und – zumindest vorerst – werbefreie Standalone-App für Micro-Dramen kratzt zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Features an den Top-Ten des US-App-Stores. Insgesamt sind fünf der zehn beliebtesten kostenlosen Entertainment-Apps Micro-Drama-Plattformen. 
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Kai Fischer von Constantin Creators sagt: "Wenn heute jemand die Voraussetzungen hat, Micro-Drama im Westen groß zu machen, dann ist es Tiktok." Zugleich rät er allen, nicht zu zögern, bis das Rennen entschieden ist. "Brands sollten weder auf die Gewinner-Plattform, noch auf den perfekten Case warten", sagt Fischer. "In einem mega-crowded Markt fällt auf, wer früher lernt als die anderen." Einige Partner konnte er damit schon überzeugen. Offiziell ankündigen darf er nicht, aber aktuell habe Constantin 15 bis 20 Micro-Dramen fertig oder in Entwicklung. 
Auch Imke Runde von Banijay hält Abwarten für die falsche Strategie. Gerade jetzt würde sich Marken die Chance bieten, neue Formen des Storytellings aktiv mitzugestalten und sich früh in einem entstehenden Markt zu positionieren. "Wer wartet, wird sich später an den Standards orientieren müssen, die andere heute setzen."

Creator-driven, brand-funded

Geht man davon aus, dass eine deutsche Plattform nur langsam Reichweite aufbaut und die internationalen Apps noch eine Weile brauchen, Deutschland als relevanten Markt zu sehen, bleiben zwei Optionen für die Finanzierung von Micro-Dramen. Zum einen öffentlich-rechtliche Auftraggeber, wobei die sich nach dem durchwachsenen Erfolg der ARD-Produktion "Between the Beats" aktuell vermutlich eher zurückhalten. Damit bleiben als potenzielle Geldgeber in erster Linie Marken, die das angesagte Micro-Drama-Format nutzen, um ihre Produkte zu bewerben.
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Googles Pixel-Krankenhaus-Soap "Moving On" mit Star-Podcasterin Alex Cooper (Screenshot: OMR)
"Mein Modell für Deutschland ist ziemlich klar: creator-driven, brand-funded", sagt denn auch Kai Fischer von Constantin Creators. Dass also Marken die Produktionen finanzieren und ein Influencer-Cast dem Content Reichweite verschafft. Das ist auf der einen Seite wenig überraschend, denn genau damit verdient Constantin Creators Geld. Auf der anderen Seite ist diese Form von Branded Entertainment ein Modell, dass in den USA gerade tatsächlich gut zu funktionieren scheint. 
Als mustergültigen Case nennt Fischer das Micro-Drama "Moving On". Darin wird die erfolgreiche Podcasterin Alex Cooper ("Call Her Daddy") zur Heldin der fiktiven Seifenoper "Bleeding Hearts". Im Laufe der vierzehnteiligen Show, die Krankenhaus-Serie und "Trueman Show" amalgamiert, werden mehr oder weniger dezent die Features eines Google-Pixel-Smartphones in die Handlung eingewoben. Mit Abrufzahlen der letzten Folgen im mittleren sechsstelligen Bereich allein auf dem Kanal von Coopers Produktionsfirma Unwell kann man die Serie – natürlich ohne Kenntnis der Produktionskosten – als recht erfolgreich bewerten.  
Auch das US-Modelabel Marc Jacobs setzt auf Micro-Dramen, um seine neuen Kollektionen zu promoten. Nach der ersten Mini-Serie "The Scene", die im Frühjahr erscheint, startete Mitte August die Fortsetzung "The Swap". Neue Folgen werden im Wochenrhythmus über die Social-Kanäle der Luxus-Brand ausgespielt.
"Rico's Tacos" ist ein weiteres aktuelles US-Beispiel, das reale Produkte auf eine clevere Weise in den Plot eines fiktionalen Micro-Dramas einbindet. Das gemeinsam von Procter & Gamble und dem US-Supermarktbetreiber Albertsons initiierte Sitcom-artige Format dreht sich um den Taco-Stand einer Familie und ihre skurrilen Kund*innen. Wobei fraglich ist, ob die Auftraggeber das Format als Best-Case werten würden. Denn abgesehen von einigen Ausreißern sind die Abrufzahlen der auf 20 Episoden angelegten Mini-Serie sowohl bei Tiktok, als auch auf Instagram und bei Youtube eher enttäuschend. Allerdings wird das Format nicht nur online, sondern über das Retail-Media-Netzwerk von Albertsons ausgespielt.

For-You-Page dank Mark Forster

Die vielen schwachen Episoden von "Rico's Tacos" zeigen die zentrale Herausforderung der Micro-Dramen auf Nicht-Micro-Drama-Plattformen: Ob sie im Feed durchbrechen und viral gehen, ist kaum planbar. Magnus Folten, Managing Director bei Wecreate Agency in Hamburg, ist darum skeptisch, was Branded Entertainment über Micro-Drama angeht: "Ich will es nicht als unmöglich beschreiben, aber das Risiko, einen Haufen Kohle zu verbrennen, ist immens."
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Klar, Ausnahmen sind möglich. Wecreate selbst hat gerade mit einer Agentur-Mockumentary für Ricola eine Millionenreichweite erzielt. Allerdings im Kontext einer umfangreichen Creator-Kampagne und mit nur drei Folgen, die eher als lange Abfolge von Gags ohne großes Storytelling funktionieren. Es gebe durchaus ein paar Kunden, die Lust auf ein richtiges Micro-Drama hätten, berichtet Folten. "Aber der Vibe ist gerade eher: Macht mal bitte, was funktioniert."
Eine gewisse Vorsicht spricht auch aus dem Branded-Entertainment-Format, das die Agentur Scholz & Friends für die Sparkasse entwickelt hat. Das Finanzinstitut bewirbt darin Produkte für junge Kund*innen. Die fünfteilige Serie "Die Neusparer" handelt von die Rückkehr einer jungen Sparkassen-Mitarbeiterin als Filialleiterin in ihren Heimatort. Die Mini-Serie ist auch als Vertikal veröffentlich worden, produziert wurde sie jedoch als klassisches Youtube-Format und wird zudem über Joyn, RTL+ und Amazon Prime ausgespielt. Doch die Wette ging – nicht zuletzt wegen eines Gastauftritts von Mark Forster – in diesem Fall auf. Die in der Micro-Drama-Version auf zehn Episoden aufgesplittete Serie erreichte auf Tiktok durchgehend mittlere bis hoch sechsstellige Aufrufe. 

Das "Stromberg"-Prinzip 

Wenn "Die Neusparer" hier als erfolgreicher "Micro-Drama"-Case herangezogen wird, muss erwähnt werden, dass die Macher*innen ihr Format selbst nicht so nennen. Mit einer über mehrere Episoden durchzählten Story und erkennbaren, sich entwickelnden Charakteren ist die Mini-Serie jedoch näher am Micro-Drama als vieles, was sich gerade das Etikett anhängt. Vor allem zeigt "Die Neusparer" einen möglichen Weg, bei potenziellen Kunden Vertrauen in das neue Format aufzubauen. Denn im Kern handelt es sich um eine Workplace-Mockumentary, also das an "Stromberg" gelernte Format, das Arbeitsalltag durch absurde Überhöhung in Humor verwandelt. 
Die Kölner Rucksackmarke Aevor war ein gutes Beispiel, wie man durch das Spiel mit der Fiktionalisierung der Arbeit Sichtbarkeit für seine Brand auf Tiktok aufbaut. Als weiterer Case lässt sich "Boah. Bahn" nennen. Die selbstironische Serie der Deutschen Bahn wurde aufgrund der Kosten zwar zum PR-Desaster, war aber ziemlich erfolgreich. Die erste Episode erreichte 18 Millionen Views auf Tiktok, Episode fünf immerhin noch knapp eine Million.  

Micro-Dramen von Meme-Machern

Am "Stromberg"-Prinzip orientiert sich auch die Hamburger Agentur Virus. Um die künftige Zusammenarbeit mit den Meme-Spezialisten von Hamburg-Werber-Support (HWS) bekannt zu machen, hat die Markenfilm-Tochter die fortlaufende Mini-Serie "Social First" gelauncht. Darin fängt der vermeintliche "Admin von HWS" Tom bei Virus als "Head of Creation" an. Tom beherrscht die Sprache und die Codes der Branche, hat aber fachlich keinerlei Ahnung. Und nebenbei platziert er einen Sixpack Fritz Kola – "Kunde von mir (…) die haben richtig Bock."
Das Placement sei Teil der Storyline, obwohl unbezahlt, sagt Denis Hercog. "Aber wir freuen uns über einen Anruf von Fritz, dann können sie in den nächsten Folgen eine größere Rolle spielen." Hercog ist Head of Production bei Virus. Er sagt, das Ziel von „Social First“ sei keine direkte Vermarktung des Formats, sondern ein Pitch. Über die Serie will Virus die bislang für ihre Memes bekannte HWS-Truppe als 9:16-Content-Creators "von Micro-Drama bis Kampagne" positionieren. 
Eine Workplace-Mocumentary ist hier ein plausibler Zwischenschritt. Zum einen liegt hier das Potenzial, eigenes IP aufzubauen. Zum anderen versteht Hercog das Comedy-Format als Unterkategorie von Micro-Drama. Und dorthin soll der Weg von Virus und HWS führen. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis auch in Deutschland Plattformen an den Start gehen, auf denen Branded Content und Bezahl-Serien co-existieren, ist Hercog überzeugt. "Wir wappnen uns bereits für diese Zeit."

Branded Entertainment im Südstadt-Späti 

Einen ganz anderen Ansatz auf dem Weg zur Produzentin von branded Micro-Dramen verfolgt Anna-Lena Pittelkow. Sie und ein paar Mitstreiter*innen ihrer Agentur Le Pitt haben Mitte August in der Kölner Südstadt das "Bühnchen" eröffnet. Der Name verbindet die lokale Bezeichnung für Kiosk – Büdchen – mit der Idee, diesen Ort zur Bühne zu machen. 
Über einen Buzzer öffnen reale Kund*innen die Tür zum Set, das als realer Kiosk operiert. Hinter dem Tresen stehen dann aber beispielsweise Comedians, die den Verkauf eines Schokoriegels in einen Gag verwandeln. Der entstandene Content wird – nach erteilter Einverständniserklärung und in einem DSGVO-konformem Prozess – bearbeitet und über Tiktok ausgespielt. Weitere Kanäle wie Youtube und Live-Streams sollen folgen.
Pittelkow hat mehrere Jahre auf Agenturseite daran gearbeitet, Marken ins lineare TV zu bringen. Mit dem Bühnchen will sie nun eine neue Spielfom für brandend Content etablieren. Und welcher Ort würde sich dafür besser eignen als ein Kiosk, der voll mit Produkten ist. "Ich glaube, dass ein Kiosk die einfachste Form ist, Marken und Menschen an einen Ort zu bringen, wo es Sinn macht", sagt Pittelkow. Das Bühnchen böte eine sehr organische Verknüpfung.

Mühlen Kölsch und Viva con Aqua sind dabei

Als erste Partner, deren Produkte in den Content integriert werden, konnte sie bereits die Kölner Brauerei Gaffel mit ihrer Marke Mühlen Kölsch und die Hamburger Mineralwasser-Marke Viva con Agua gewinnen. Viele weitere sollen folgen. Mehrere Formate sind geplant. Neben Comedy denken Pittelkow und ihre Mitgründer*innen an Quizze und Dating Shows. Auch seriöseren Content könnten sie sich im Bühnchen vorstellen, eine Diskussion über den Gender Pay Gap zum Beispiel.
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Die Kölner setzen außerdem sehr auf das Thema Micro-Drama. "Wir versuchen wirklich das Genre voranzutreiben", sagt Pitelkow. "Dafür haben wir den Space gebaut." Zwei Tage pro Woche sind für den Dreh von Serien geblockt. "Wir haben eine perfekte Produktionsumgebung", sagt Pittelkow. Ihr Kiosk ist mit dem Equipment für Vertical-Drehs ausgestattet, das Team hat Zugriff auf echte Schauspielende. Durch das Verkaufsraum-Setting lässt sich nahezu jeder Partner organisch einbinden. "Marken haben einen Wunsch nach unabhängigen Storylines", sagt Pittelkow. Die will sie inhouse in ihrer Agentur Le Pitt mit den Partnern entwickeln dann im Bühnchen umsetzen, damit das Thema Micro-Drama in Deutschland endlich vorankommt. „Wenn wir das nicht hinkriegen, dann kriegt es keiner hin“, sagt Pittelkow.

Education, damit das Format verstanden wird 

Anna-Lena Pittelkow ist nicht die einzige, die auf Marken setzt, um Micro-Drama in Deutschland groß zu machen. Meriem Rebai ist Regisseurin und Inhaberin von Reelistiq. Stolz bezeichnet sie ihre Firma als "Germany’s first Micro Drama Agency" und leistet seit Jahren bei Marken Überzeugungsarbeit für vertikale Formate. Fragt man Rebai, wie fern oder nah deutsche Brands nun am Thema Micro-Drama sind, sagt sie: "Näher, als es von außen wirkt." Aktuell sei sie mit US-Marken mit deutscher Präsenz im Bereich Haushaltswaren sowie einem Automobil-Hersteller in konkreten Verhandlungen über Micro-Dramen, mit vielen weiteren im Gespräch. Doch oft würde gezögert, Budgets freizugeben, sagt Rebai. Alle warteten auf den großen deutschen Best-Case.
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Eine große Herausforderung besteht für sie darin, den Kunden zu erklären, was das Format ausmacht. Die Workplace-Mocumentary mag ein Zwischenschritt sein, doch ein echtes Micro-Drama gehe weit über das bekannte Social-Sitcom-Setup hinaus, so Rebai. Es gehe schließlich um erzählte, durchgeschriebene Fiktion mit ständigen Plot Twists, Cliffhangern und einer Handlung, die auf vorherigen Episoden aufbaut. "Gute Micro-Dramas sammeln Konsequenzen an, die sich Folge für Folge zuspitzen. Sie bauen entsprechend aufeinander auf und sind viel mehr als ein serielles Social-Media-Format", sagt Rebai. "Wer das mit einer lockeren Produkt-Serie fürs Feed verwechselt, kauft im Kopf was ganz anderes, als er am Ende bekommt."
Sie rät Marketern außerdem, das Format ernst zu nehmen. Die CEO-Romance-Geschichten mögen albern sein, aber sie haben eine Dynamik entfesselt, die aus einem chinesischen Nischenphänomen in nur fünf Jahren eine globalen Industrie gemacht hat (siehe Teil eins dieses Features). "Das Format entwickelt sich so schnell weiter, dass mich die Dynamik fast an die von AI erinnert", sagt Rebai. Für Brands sei das die gute Nachricht. Der deutsche Markt fange nicht bei Null an. Sie hat im Angesicht der Unfertigkeit des Formats durchaus Verständnis durchaus für die Zögerlichkeit deutscher Marken, zugleich wirbt Rebai aber für den Versuch: "Was ich Marken sage: Ihr steigt nicht in ein Experiment ein, sondern in ein Format, das anderswo längst Umsätze macht und ein Millionenpublikum anspricht und begeistert. Offen ist hier nur noch die Frage, wer es in Deutschland als Erstes richtig macht."
In diesem Sinne müsste sie bei Bülent Özdemir offene Türen einrennen. Gefragt zu einer Einschätzung, teilt er mit: "Micro-Dramen zeigen, wie sich Storytelling weiterentwickelt." Mit der "What the Fun"-Kampagne habe Essence bereits einen Schritt in Richtung Beautytainment getan. Man denke derzeit den Micro-Drama-Trend in verschiedenen Formaten weiter, so Özdemir. "Wir sind überzeugt, die spannendsten Formate entstehen oft genau dann, wenn Marken den Mut haben, über die Kategorie hinaus zu denken und früh zu experimentieren." Na dann, Film ab?

Mut wird nicht immer belohnt 

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Mut nicht zwangsläufig belohnt wird. Das zeigt das Beispiel von "Liebe, Lunch & Lügen". Die auf die Vermittlung von Frauen spezialisierte HR-Plattform Superheldin stellte im März die erste Staffel des Employer-Branding-Micro-Dramas live – und ging damit ziemlich baden. Niedrige Dreistellige Views auf Tiktok und Youtube dürften die Macher*innen enttäuscht haben. Und auch von der an sich sehr smarten Idee, das Format über die Integration von Unternehmen in den Plot zu refinanzieren, ist bei der fertigen Serie wenig zu bemerken. Zugleich zeigen ein erwartbarer Plot und die geruhsame Erzählweise von "Liebe, Lunch & Lügen", wie zentral hohes Tempo, extreme Emotionalität und starke Cliffhanger für ein funktionierendes Micro-Drama sind. 
Eine, die sich darum kümmert, dass Micro-Drama in Deutschland verstanden wird, ist Cordula Schneider. Über Instagram stieß sie erstmals auf ein Micro-Drama. "Ich habe gedacht: Mein Gott, ist das schlecht, aber ich will wissen, wie es weitergeht", sagt Schneider über diesen Erweckungsmoment. Die Journalistin war sofort fasziniert. Inzwischen entwickelt sie Drehbücher für internationale Vertical-Produktionen, hat die Vertical Script Academy samt Online-Kurs gegründet und berät Marken sowie Produktionsunternehmen bei der Entwicklung eigener Stoffe und Serien.
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Wie Meriem Rebai berichtet auch Schneider von einem großen Interesse seitens der Marken. Sie weiß aber auch, dass der deutschsprachige Markt nach hochwertigerem Content verlangt, was einen Balance-Akt bedeutet. "Wir brauchen bessere Stories, aber du darfst die Essenz aus den Verticals nicht kaputt machen." Sie hat dabei den irren Seifenopern-Eskapismus im Sinn, der das Format ja erst groß gemacht hat. Für viele Autor*innen ist es gar nicht so leicht, diesen Ton zu treffen, für Marken manchmal eine Herausforderung, sich in diesem Umfeld wohl zu fühlen. 

LGBTQ+-Love auch im Micro-Drama

Doch die geradezu exponentiell wachsende Nachfrage nach Micro-Drama-Content sollte alle überzeugen, etwaige Bedenken zumindest testweise über Bord zu werfen. Vor allem, wenn Brands junge Zielgruppen erreichen wollen. Mariano Glas, der 2003 das Fan- und Branchenportal Serienjunkies gegründet hat, widmet sich seit Kurzem mit mikrodrama.de dem neuen Hype-Format. Er ist sich sicher, mit Angehörigen der Generationen Z und Alpha, die nicht mehr fernsehen, dafür immer ein Smartphone in der Hand haben, existiert eine riesige Micro-Drama-Audience. 
Glas hat auch Indizien, wie sich diese Zielgruppe erreichen lässt. Zwar erlaubten die Zugriffszahlen seines neuen Portals noch keine repräsentativen Aussagen, er sehe aber, dass sich der aktuelle Hype um BL-Content, also homesexuelle Männer-Liebesgeschichten, im Interesse der Micro-Drama-Community widerspiegele. Vielleicht lieg hier ja eine Chance für eine zweite Staffel des deutschen Indie-Micro-Dramas "Size Does Matter". Aber auch Glas betont, man müsse verstehen, dass Micro-Drama nicht einfach ein neuer Weg sei, seinen Content zu distribuieren. Sondern, dass der Content sich aus der neuen Distributionsform ableitet. Das werde hierzulande oft übersehen, sagt Glas. "Deutsche machen Micro-Drama aus der Sicht von Filmproduktion. Der Rest der Welt aus der Sicht von App-Produktion."

Ein deutsches "Hör mal wer da hämmert"?

Aber braucht es jetzt wirklich eine deutsche Micro-Drama-App? Die Antwort auf diese Frage fällt bei den Leuten, mit denen OMR für dieses Feature gesprochen hat, sehr unterschiedlich aus. Chriz Merkl von der demnächst startenden Plattform Eilin ist erwartbar von der Notwendigkeit überzeugt. Vom Erfolg von Tag eins an jedoch nicht: "Wir werden garantiert hier und da auf die Nase fallen, aber das ist nicht schlimm", sagt Merkl.
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Er komme aus der Gaming-Branche, wo man traditionell risikofreudiger sei als im Filmbusiness – und genau diesen Geist brauche es ihm zufolge. "Die Filmbranche hat in den letzten Jahren sehr viel Spaß verloren", sagt Merkl. Eilin soll in diesem Sinne auch ein Ort sein, dann dem sich Ideen mit überschaubarem Budget ausprobieren lassen. Er denkt etwa an ein deutsches "Hör mal wer da hämmert" – nur eben mit einem realen Werkzeug-Sponsor statt der fiktiven Firma Binford Tools.
Der Creator und Webvideo-Produzent Jonas Ems. "An sich wäre ich von einer lokalen oder europäischen Plattform Fan", sagt er. Mit Blick auf Content und Regulierung nach EU-Standards wäre so eine App ein Gewinn. Er bezweifelt aber, ob ein Coin-Modell, wie es bei den internationalen Anbietern etabliert und wesentlich für das Geschäftsmodell ist, akzeptiert werden würde.  
Benjamin Bathmann, der mit Gemma Time eine internationale Micro-Drama-Plattform erfolgreich mit aufgebaut hat, sieht ebenfalls einen grundsätzlichen Bedarf für einen lokalen Player – „aber nicht mit rein deutschsprachigem Content.“ Das Business sei international, Deutschland zu klein, um hier ein tragfähiges Geschäftsmodell aufzubauen. 

Warten auf den "House of Cards"-Moment

Auch Micro-Drama-Fan Michaela Bergmann ist skeptisch: "Ich bin mir sicher, wir werden maximal eine Plattform aus Deutschland sehen." Wobei sie weniger wirtschaftliche Gründe dafür anführt, sondern den derzeitigen Mangel an Kompetenz: "Wir haben in Deutschland keinen, der schon genug Erfahrung hat, um qualitativ hochwertigen Content in der Kürze der Zeit herauszubringen", sagt Bergmann. Die Audience verzeihe jedoch keinen schlecht gemachten Content. Ihr Appell darum: Regisseure und Schauspieler mit Vertical-Expertise aus den USA zu holen, um zu lernen.
Tatsächlich spricht einiges dafür, Micro-Drama in Deutschland nicht in erster Linie über die Plattform zu denken, sondern über den Inhalt. Dazu noch eine interessante Zahl aus dem Holywater-Report (aus dem im ersten Teil dieses Features bereits ausführlich zitiert worden ist). Der ukrainische Micro-Drama-Anbieter betont darin, er müsse trotz des Hype noch immer sehr, sehr viel Geld ausgeben, um Zuschauende für neue Serien zu gewinnen. 77 Prozent würden die Formate über bezahlte Social-Media-Anzeigen entdecken, heißt es im Report. Über Mund-zu-Mund-Propaganda finden zu den neuen Serien gerade einmal fünf Prozent. Vermutlich geht es um diese Zahl, wenn Holywater-Mitgründer Anatolii Kasianov darauf hofft, die Micro-Drama-Industrie erlebe möglichst bald ihren "House of Cards"-Moment.
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Christian Cohrs
Autor*In
Christian Cohrs

Editor & Content Strategist bei OMR und Host des FUTURE MOVES-Podcasts. Zuvor war er Redaktionsleiter des Wirtschaftsmagazins Business Punk in Berlin, Co-Autor des Sachbuchs "Generation Selfie".

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