Micro-Dramen sind das Fiction-Format der Stunde. Erreicht der Hype jetzt Deutschland? (1/2)
Christian Cohrs27.8.2026
Gefühlige Stories, zerhackt in minutenlange Episoden, mobile first: Nach China und den USA erobern 9:16-Vertical-Serien nun den Rest der Welt. Was für Marketer drinsteckt
Inhalt
- Micro-Drama: eine Multi-Milliarden-Industrie
- Wo bleiben die deutschen Plattformen?
- Die ersten Micro-Dramen aus Deutschland
- Hoher Production Value, miese Abrufzahlen
- Tiktok und Insta bieten eine schlechte UX
- Micro-Drama-Plattformen sind Gaming-Apps
- Bei Abo only fehlt die Kundenbindung
- Remakes chinesischer Micro-Dramen
- Gewalt gegen Frauen und Kinder
- Audience wird jünger und männlicher
- Big TV entdeckt das Micro-Drama
- Trend zum "Premium"-Micro-Drama
- Brand-Partnerschaften als Kickstarter?
Milliardär wird Müllmann, um die wahre Liebe zu finden. Obdachlose Teenagerin muss sich entscheiden: Vampir-Prinz oder Werwolf-Erbe? Sekretärin wird Sex-Sklavin – ihres CEOs … Das sind die Plots einiger der aktuell erfolgreichsten Micro-Dramen. Zugegeben, nicht gerade Arthouse-Kino. Aber der Trash-Content zwischen Romance, Fantasy und Softcore ist exakt das, was die Audience will und wofür sie zahlt.
Von China aus sind Micro-Dramen in wenigen Jahren zu einer milliardenschweren Industrie geworden. Nur auf dem deutschen Markt war bislang außer Ankündigungen wenig vom Hype zu spüren. Das soll sich jetzt ändern. OMR hat mit Creator*innen, Produktionsfirmen, App-Entwickler*innen, Agenturen und potenziellen Werbekunden über Pläne und konkrete Projekte gesprochen. Außerdem zeigen wir im zweiten Teil dieses Features, wie Marketing und Brand-Partnerships im Micro-Drama-Kontext funktionieren und welche deutschen Marken sich als erste trauen.
Micro-Drama: eine Multi-Milliarden-Industrie
Die Zahlen sind krass: Der weltweite Umsatz der Micro-Drama-Branche im Jahr 2026 wird vom US-Marktforschungsunternehmen Omdia auf 14 Milliarden Dollar geschätzt. 2030 könnten es schon 24 Milliarden Dollar sein. Aktuell entfällt der allergrößte Teil auf China: 11 Milliarden Dollar, also knapp 80 Prozent. Doch der Rest der Welt holt auf. In den USA werden schon 1,5 Milliarden Dollar mit Micro-Dramen umgesetzt, bei rasant steigenden Downloads der zugehörigen Apps.
Für Deutschland liegen keine harten Zahlen vor. Dafür ist der Markt bislang noch zu irrelevant. Aber es gibt Indizien, welches Potenzial auch hier schlummert. In einer aktuellen Analyse aus dem Juli 2026 gibt Omdia an, fünf Prozent aller iPhone-Nutzenden in Deutschland hätten eine Micro-Drama-App installiert. Knapp die Hälfte davon besitze ein kostenpflichtiges Abo. Vorbehaltlich der Validität von Erhebungen zu Hype-Themen und unvermeidlicher Rundungsfehler, könnten also schon eine Million Deutsche die Inhalte zumindest ausprobiert haben. An anderer Stelle bezifferte Omdia die Zahl sogar auf 4,4 Millionen im Jahr 2025.
Wo bleiben die deutschen Plattformen?
Wie groß die deutschsprachige Micro-Drama-Fanbase auch sein mag, bislang muss sie sich mit englischsprachigen Originals mit Untertiteln oder sloppy KI-Synchronisation zufrieden geben. Auch der Anbieter Candyjar mit Wurzeln in Berlin richtet sein Angebot international aus. Aber bald wird dem deutschsprachigen Markt mehr Beachtung geschenkt werden. Weil es in der DACH-Region immerhin ein potenzielles 100-Millionen-Publikum gibt. Und weil erste deutschsprachige Serien produziert werden und lokale Plattformen in den Startlöchern stehen. Sie heißen Eilin, Badaboom oder sind noch namenlos wie die Plattform der Produktionsfirma Black Forest Studios (nicht verbunden mit dem KI-Unternehmen Black Forest Labs).
Die deutsche Micro-Drama-App Eilin setzt starkt auf Community. Nutzer*innen können über geplante Serien wie dieses beispielhafte Manga-Format "Eilin" dikutieren und den Content so mitbestimmen. (Screenshot: OMR)
Ein konkretes Start-Datum will keiner der Anbieter nennen. Im Gespräch mit OMR wird aber zumindest das Team hinter Eilin etwas konkreter. Chriz Merkl, Sophie-Marie Werdin und Markus Vogelbacher wollen zum Pionier auf dem deutschen Markt werden. Im Januar 2026 gründeten sie Vertical Minds, die Firma hinter Eilin. Wenige Tage später kündigten die Münchner auf der Berlinale ihre Micro-Drama-App an. Aktuell läuft der Beta-Test. Im Spätsommer oder Herbst soll es nun endlich losgehen.
Ursprünglich wollten die Münchner schon im Sommer starten, sagt Merkl. Doch in den vergangenen Monaten musste das Eilin-Team eine steile Lernkurve absolvieren. Plan A, existierende Inhalte einzukaufen und umzuschneiden, scheiterte an der Komplexität der Linzensierung. Plan B, die Übernahme asiatischer und us-amerikanischer Micro-Dramen, kollidierte mit dem Qualitätsanspruch der Münchner. Ein Problem, über das noch zu sprechen ist.
Die ersten Micro-Dramen aus Deutschland
Also Plan C: eine Mischung aus Eigenproduktionen und Zweitverwertung der ersten deutschen Micro-Dramen. Mit Budgets von 150.000 bis 250.000 Euro sind Originals zwar vergleichsweise günstig, aber für ein Startup-Projekt wie Eilin trotzdem finanziell herausfordernd. Um zum Launch, so Merkl, "eine bunte Mischung von Comedy bis True Crime" anbieten zu können, produziert Vertical Minds nun also mit Partnern erste Micro-Dramen und versucht parallel, die deutschen Pioniere des Formats zu Eilin zu holen.
Mit Erfolg konnten sie bei Schauspieler Kevin Silvergieter und Regisseur Dirk Rosenlöcher pitchen. Deren queere Boy-meets-boy-Lovestory "Size Does Matter" nutzt Eilin gerade für den Beta-Test. Das hat Potenzial für Win-Win, denn „Size Does Matter" wurde schon auf Instagram und Tiktok veröffentlicht und erhielt dort reichlich positive Kommentare, erzielte aber nur wenige tausend Aufrufe pro Episode.
Hoher Production Value, miese Abrufzahlen
"Size Does Matter" gehört zu einer Handvoll ambitionierter Micro-Dramen made in Germany, die ihr Publikum zwar begeistern, aber nur dosiert zu ihm durchdringen. Ein weiteres Beispiel heißt "Between the Beats". Das mit großem Aufwand von der Saxonia-Media-Tochter Red Pony für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk produzierte Ballett-Micro-Drama startete auf Tiktok mit vergleichsweise starken 32.000 Views. Bis zum Finale verlor die Serie jedoch drastisch an Sichtbarkeit und stürzte ab auf 4.500 Views.
Auch das Micro-Drama "Ghostwriter" und die KI-Serie "Zimmermädchen" – beide ebenfalls von Red Pony, aber für Badaboom produziert – starteten auf Tiktok und Instagram okay und stürzten dann tief. Einen möglichen Grund dafür findet man in der Kommentarspalte fast jeder Folge dieser Serien: "Wo kann ich das gucken?" Denn nicht allen Formaten scheint es zu gelingen, die Zuschauenden auf die zugehörige Playlist zu verweisen. So bleibt neben der herausfordernden Finanzierung das größte Problem für die deutsche Micro-Drama-Szene derzeit das Fehlen einer Plattform.
Tiktok und Insta bieten eine schlechte UX
Tiktok, Instagram Reels oder auch Youtube Shorts funktionieren anders als die auf serielles Anschauen spezialisierten Apps. Dort poppen neue Episoden nicht irgendwann auf der For-You-Page auf, sondern alles Folgen einer Serie sind direkt verfügbar und wie auf einer Streaming-Plattform abrufbar.
Eine wie alle: Hier die App von Reelshort (Screenshot: OMR)
Da die genuinen Micro-Drama-Plattformen bislang wenig Interesse am deutschen Markt zeigen, wittern Eilin und die weiteren Newcomer die Chance, diese Nische zu besetzen. Nicht alle Aspekte des Playbooks der internationalen Anbieter dürften auf Deutschland zu übertragen sein. Doch grundsätzlich orientieren sich die lokalen Rookies am etablierten Standardmodell der Branche.
Die Marktführer Reelshort, Dramabox und Mydrama sowie mehrere Hundert weitere Anbieter, die es in zwischen weltweit gibt, folgen alle demselben Prinzip: Die ersten Folgen eines Micro-Dramas sind in der Regel kostenfrei. Nach Episode drei, sieben oder zehn fällt dann die Bezahlschranke. Denn die wichtigste Branchenregel lautet: Wer die "Magic Ten" durchgeschaut hat, der binged auch den Rest und zahlt dafür. Und ab hier beginnt für die Anbieter ein extrem lohnendes Geschäft.
Micro-Drama-Plattformen sind Gaming-Apps
Micro-Drama-Apps sind nämlich kein Netflix im Hochformat, sondern als Streaming-Plattform verkleidete Gaming-Apps. Das beginnt bei der Customer Akquisition. Auf dem chinesischen Heimatmarkt gilt die Faustformel, dass von 100 Millionen Dollar Umsatz, die ein Anbieter macht, nur zehn Prozent in den Content fließen. 90 Prozent werden in Werbung für die Plattform und einzelne Serien gesteckt. Um diese immensen Ausgaben zu refinanzieren, arbeiten die Apps mit zwei Erlösquellen.
Wie Mydrama versuchen alle Anbieter ihre Kund*innen über Mechaniken, die man aus Gaming-Apps kennt, zum Kauf von Coins zu bewegen. (Screenshot: OMR)
Zum einen gibt es ein Coin-Modell, wie es bei Mobile-Games heute Standard ist. Sind die ersten Gratis-Folgen geschaut, werden kostenpflichtige Episoden nur nach längerer Wartezeit freigeschaltet. Im direkt weitergucken zu können, müssen für jede Folge Coins investiert werden. Diese Coins lassen sich durch die Betrachtung von Werbung oder unterschiedliche Aufgaben verdienen. Das können Log-ins sein, das Erteilen der Freigabe für Push-Nachrichten, dass man der App in sozialen Medien folgt oder bestimmte Mobile-Games installiert.
Schneller und einfacher geht es natürlich, wenn man sich Coins kauft. Je nachdem, für welches Paket sich die Kund*innen entscheiden, kann das Betrachten einer einzelnen 1,5-Minuten-Folge bis zu 60 Cent kosten. Bei einer 80-teiligen Serie käme man so auf 40 Euro. Da aber auch Micro-Drama-Fans rechnen können, bieten die Apps ebenfalls Abos an. Die Preise, die sie dafür aufrufen, liegen jedoch deutlich über denen klassischer Streaming-Plattformen. Reelshort etwa verlangt 19,99 Euro – pro Woche. Wobei es Modelle gibt, die beide Mechaniken mischen und ihre gefragtesten Serien auch für Abo-Kund*innen nur gegen die Zahlung von zusätzlichen Coins freischalten.
Bei Abo only fehlt die Kundenbindung
"Im Mobile-Gaming ist das Modell in Deutschland längst etabliert und akzeptiert. Ob es in der spezifischen Short-Drama-Zielgruppe hierzulande genauso greift, ist offen." Das sagt Benjamin Buthmann, Mitgründer und CEO von Thropic. Die Hamburger Agentur hat die US-Micro-Drama-Plattform Gamma Time technisch mitentwickelt und ist selbst investiert. Hinter der im Oktober 2025 gelaunchten App steckt unter anderem der frühere Miramax-CEO Bill Block. Trotz des Bezugs zu Hamburg fokussiert sich Gemma Time komplett auf Nordamerika. "Dort spielt derzeit die gesamte Musik", sagt Buthmann. Deutschland spiele "strategisch bislang keine Rolle.
Statt der komplexen, intransparenten Coin-Mechanik wäre dem deutschen Publikum ein reines Abomodell sicher einfacher zu verkaufen. Buthmann bezweifelt jedoch, dass sich eine Micro-Drama-App so refinanzieren lässt. Es passe nicht zur Art und Weise, wie der Content konsumiert werde. Mit der letzten Folge einer Serie verschwinde die Bindung an die Plattform – auch das ist ein Grunde warum die erfolgreichen Apps beinahe täglich neue Serien live stellen. Ein auf den deutschsprachigen Markt ausgerichtetes Angebot muss darum andere Wege zur Finanzierung des Contents finden und vielleicht auch andere Zielgruppen adressieren. Wie diese aussehen können, darum wird es im zweiten Teil dieses Feature gehen. Ein Wettlauf deutscher Newcomer mit den internationalen Marktführern wäre zumindest gewagt.
Die Auswahl auf den vor drei oder vier Jahren gestarteten großen Apps ist inzwischen riesig. Die führenden Anbieter haben jeweils mehrere Hundert Produktionen im Katalog. Analog zu klassischen Streaming-Plattformen werden sie nach Rubriken und Themen geclustert präsentiert. Wobei der Content von Milliardärs-Märchen über Mafia-Romanze bis Fantasy eines eint: Die Plots sind derart aufgeladen mit irren Twists und abstrusen Volten, dass klassische Seifenopern daneben wirken wie fein beobachtete Milieustudien.
Remakes chinesischer Micro-Dramen
Fairerweise muss man sagen: Die Brainrot-Storylines sind eine logische Folge aus Format und Business-Logik der Plattformen. Spätestens nach anderthalb Minuten braucht es einen Cliffhanger, damit die Zuschauer*innen die nächste Episode sehen wollen. Dazu müssen in den ersten Folgen so krasse Konflikte etabliert werden, dass die Audience bezahlt, um deren Auflösung zu erfahren. Die Coin-Mechanik wirkt hier auf die Plots wie Steroide. Und die Anbieter erhöhen die Dosis stetig.
Hinter den in den USA führenden Plattformen stecken meist chinesische Anbieter. Viele Serien sind Remakes asiatischer Formate für den westlichen Markt. Mit den Drehbüchern werden auch kontroverse Plots importiert. Das sei – vor allem mit dem Blick auf das Frauenbild – zunehmend problematisch, sagt Michaela Bergmann. Die Deutsche ist nicht nur Micro-Drama-Fan der ersten Stunde, sondern auch Hostin des englischsprachigen "Let’s talk about verticals"-Podcasts. Dort interviewt sie Stars und Macher*innen der Szene und plauscht einmal im Monat mit anderen Super-Fans über neue Produktionen und Branchen-Tratsch.
Gewalt gegen Frauen und Kinder
Seit etwa einem Jahr habe die Gewalt in den Micro-Dramen zugenommen, so Bergmann. "Es gibt Storylines, da wird jeder geohrfeigt, ohne Grund." Vor allem weibliche Figuren würden gedemütigt, gekidnappt und geprügelt. Und es werde schlimmer: "Wir sehen immer mehr Verticals, wo Gewalt gegen Kinder ausgeübt wird", sagt Bergmann. Sie berichtet auch von Schauspieler*innen, die sich weigern würden, in solchen Serien mitzuspielen. Was aber nicht immer einfach möglich sei. Oft sehen die Actors die Drehbücher erst kurz vor Aufnahmebeginn, wenn die Verträge längst unterschrieben sind. Und nach acht bis zehn Tagen muss die Serie abgedreht sein. Aber nicht nur in den USA und Europa werden gewaltvolle Micro-Dramen kritisch gesehen. Inzwischen hat die chinesische Regierung das Problem erkannt und eingegriffen.
Immerhin, in der Content-Krise steckt auch eine Chance für neue, europäische Anbieter. Es mangelt an ansprechenden Micro-Dramen, während die Nachfrage ungebrochen wächst. Für das vierte Quartal 2025 haben die Marktforscher*innen von Omdia einen Anstieg der Downloads von Micro-Drama-Apps um 186 Prozent gegenüber Vorjahr ermittelt. Gleichzeitig hätten klassische Streaming-Anbieter sieben Prozent verloren. Noch alarmierender für Netflix, Disney+ und Amazon Prime: Laut Omdia verbringen Kund*innen des Micro-Drama-Anbieters Reelshort in den USA inzwischen täglich 35,7 Minuten vor der App und damit mehr Zeit als mit der mobilen Nutzung der Streaming-Konkurrenz.
Die Verschiebung dürfte sich fortsetzen. Das zeigen Daten des Micro-Drama-Anbieters Holywater Tech. Das ukrainische Unternehmen betreibt die auf den US-Markt ausgerichteten Apps Mydrama sowie die Schwesterplattform Mymuse für komplett KI-generierten Content. Ende Juli hat Holywater einen umfangreichen Report veröffentlicht. Darin heißt es, man habe die „Karikatur“ des Micro-Dramas überwunden, also das Klischee der zwischen 35 und 54 Jahre Zuschauerin, die nachts die Serien wegsuchtet. Das Ziel sei nun ein breites Mainstream-Publikum.
Audience wird jünger und männlicher
Wobei der Sucht-Aspekt – wie bei Gaming-Apps, an denen sich die Micro-Drama-Anbieter ja orientieren – eine zentrale Role spielt. "Heavy viewers" sind für Holywater von zentraler Bedeutung. Auch wenn der Report keinen Umsatz nennt, lässt die wöchentliche Zuschaudauer darauf schließen, dass dieses Kund*innen-Segment viel Geld da lässt. Seit Anfang 2026 ist der Wochen-Konsum laut Holywater von 9,5 Stunden auf nunmehr 13,1 Stunden gestiegen – also auf bald zwei Stunden täglich.
Holywater berichtet außerdem von einer Veränderung seines Publikums. Die junge Zielgruppe der 22- bis 27-Jährigen habe sich in den vergangenen 15 Monaten mehr als verdreifacht. Und Männer, deren Anteil vor weniger als zwei Jahren noch bei einem Prozent lag, machten heute 30 Prozent der Nutzenden aus – wobei ihre Viewtime deutlich unter dem Schnitt der Nutzerinnen liege. Doch die Tendenz sei klar, schreibt Holywater: "Typische Nutzer*innen von Mikrodramen werden immer jünger, und die Neulinge wollen nicht das, was die Älteren wollten."
Big TV entdeckt das Micro-Drama
Wie konsequent sich die Ukrainer an den Zielgruppen der Zukunft ausrichten, spiegelt sich in den Branchen-Schlagzeilen, die Holywater zuletzt gemacht hat. Im Oktober 2025 ist der US-Medien-Gigant Fox bei dem Startup eingestiegen. Der Micro-Drama-Spezialist soll für Fox 200 Serien produzieren und dabei auch auf IP des Konzerns zurückgreifen können. Im Januar 2026 verkündete Fox dann einen Deal mit dem Youtuber Dhar Man. Dessen Studio soll mindestens 40 Micro-Dramen für die Auswertung bei Mydrama und auf Fox-Kanälen produzieren. Wer Mans Content nicht kennt: Seine oft im Teenager-Millieu angesiedelten Minifilme erzielen Millionen-Reichweiten. In ihrer Produktionsqualität und mit Themen rund um Liebe, Betrug und Mobbing ähneln sie Micro-Dramen. Bei Dhar Man jedoch endet jede Story stets mit einer erbaulichen moralischen Botschaft.
Fox ist nicht der einzige Player aus dem Medien-Establishment, der sich im Micro-Drama-Umfeld umschaut. Schon 2025 holte sich Disney die Plattform Dramabox in sein Accelerator-Programm. Ebenfalls im vergangen Jahr ist die auf ein Spanisch sprechendes US-Publikum ausgerichtete Streaming-Plattform Vix in das Micro-Drama-Segent eingestiegen und kann dabei auf Telenovela-IP des Mutterkonzerns Televisa-Univision zurückgreifen. Inzwischen sind rund 100 "Vix Micros" auf der Plattform gelistet.
Trend zum "Premium"-Micro-Drama
Mit dem Boom setzt auch eine Veränderung der Branche ein: weg von der Seifenoper auf Speed, hin zum vertikalen Premium-Drama. Hype und fließende Investorengeldern befeuern die Ausdifferenzierung des Formats. In einem Panel-Talk mit Netflix' Finanzchef David Wells träumte Holywater-Mitgründer und Co-CEO Anatolii Kasianov neulich von einem einem "House of Cards"-Moment der Branche. Dass also die Leute Mydrama nicht nur öffnen, weil man sie mit Marketing-Millionen dahin gebracht hat, sondern dass sie es freiwillig tun für "bekannte IPs, Ableger und Spin-offs beliebter Franchises, Prominente und Showrunner", schreibt Kasianov, "nicht Namen um der Namen willen, sondern solche, für die die Leute die App tatsächlich öffnen."
Im Fahrwasser der von den großen Plattformen angestrebten Transformation zu Premium-Outlets versuchen gerade neue Apps, sich direkt als Hochglanz-Anbieter zu profilieren. Plattformen wie Microhouse Film in den USA oder Black Forest Studios, Die Schwarzwälder stellen sich selbstbewusst als "Europas erstes Microdrama-Produktionskraftwerk" auf und versprechen ihren Kind*innen Premium-Content. Auf der Website zeigen sie, was sie sich darunter vorstellen: Die 40-teilige Mystery-Serie "Path of the Lost" ist abgedreht. Teaser gibt es für die Adels-Soap „Black Forest Royale“ und „Mountain Medical“, eine Art Neuauflage der "Schwarzwaldklinik" für die Gen Vertical.
Die Produktionen von Black Forest Studios sind mit Außendrehs, Drohnenaufnahmen und detailreichen Studiokulissen sichtlich aufwendiger – und damit teurer – als nahezu alles, was sich auf den klassischen Micro-Drama-Apps findet. Eine mutige Wette darauf, dass Micro-Drama in Deutschland die Trash-Phase überspringen und sich direkt als Premium-Content etablieren wird. Bleibt die große Frage, ob die Kund*innen tatsächlich bereit sein werden, entsprechend dafür zu bezahlen.
Brand-Partnerschaften als Kickstarter?
Oder aber, ob der finanzielle Atem der deutschen Micro-Drama-Startups so lange reicht, bis es ihnen gelungen ist, eine Plattform mit signifikanter Audience aufzubauen. Dann würden alternative Wege zur Refinanzierung des Contents offen stehen. Das ist auch eine verbreitete Hoffnung in der deutschen Micro-Drama-Szene: Partnerschaften mit Marken und "Branded Entertainment" (mehr dazu in Teil 2) werden zum Kickstarter für das Format.
In Erwartung des Goldrauschs haben sich auch die klassischen Produktionsfirmen in Position gebracht. Was Big Player wie Banijay und Constantin planen, warum davon bislang so wenig zu sehen ist, wie kleine Agenturen und Kreative das Thema Micro-Drama pushen, welche zentrale Bedeutung das Thema Werbung für den Durchbruch des Formats hat und welche Marke sich als erste auf ein Micro-Drama-Sponsoring eingelassen hat, darum geht es im zweiten Teil unseres Features).
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