100 Millionen US-Dollar für Twitch-Star: Konkurrent Kick zahlt xQc „mehr als LeBron James“

Die Macher der Glücksspielseite Stake.com verpflichten Streamer*innen für ihre Streaming-Plattform

Drei Partner von Kick.com: xQc", "Amouranth" und Drake
Drei Partner von Kick.com: xQc", "Amouranth" und Drake

Félix Lengyel alias „xQc“, der meist geschaute Creator auf der Streaming-Plattform Twitch, ist angeblich für bis zu 100 Millionen US-Dollar vom Konkurrenten Kick.com angeworben worden. Mit Amouranth und Ninja haben zwei weitere Streaming-Stars Kanäle bei Kick gestartet. Der deutsche Top-Streamer Montana Black erklärt, er habe ein Angebot von Kick ausgeschlagen, das im zweistelligen Millionen-Euro-Bereich gelegen haben soll. OMR erklärt das Erdbeben in der Streaming-Welt und seine Hintergründe.

224,45 Millionen Stunden lang haben die Besucher*innen der Streaming-Plattform Twitch im vergangenen Jahr in Summe die Streams von „xQc“ abgerufen. Der 27-jährige Kanadier war damit laut dem Statistik-Dienst Streams Charts zum dritten Mal hintereinander der Streamer mit der höchsten Sehdauer weltweit auf Twitch. Und auch im ersten Halbjahr 2023 soll Lengyel bei dieser Kennzahl ganz vorne gelegen haben. Nun ist der Streaming-Star eine „Partnerschaft“ mit Kick.com eingegangen (wir hatten bereits im März über die Plattform geschrieben). Die sei zwar nicht exklusiv, wie Lengyel gegenüber der New York Times erklärte. In den kommenden Monaten wolle er jedoch vorrangig auf Kick streamen.

Ein Streaming-Star, der mehr verdient als LeBron James?

Wie die New York Times berichtet soll Lengyel im Rahmen eines Zwei-Jahres-Deals mindestens 70 Millionen US-Dollar erhalten; durch „Incentives“ könne die Summe auf rund 100 Millionen US-Dollar steigen. „Das ist mehr als die meisten Profisportler und Megastars bekommen“, so Lengyels Manager Ryan Morrison gegenüber der Zeitung. „Das ist einer der höchstdotierten Deals in der Entertainment-Branche, Punkt.“ Die Times verglich die Zahlung mit dem jüngsten, mit 97,1 Millionen US-Dollar dotierten Zwei-Jahres-Vertrag von Basketball-Star LeBron James bei den Los Angeles Lakers.

Die genauen Details des Deals zwischen Lengyel und Kick sind unbekannt. In einem live während eines Streams auf Twitch geführten Gespräch zwischen Lengyel und Star-Streamerin Pokimane (bürgerlicher Name Imane Anys) deutete ersterer an, dass er möglicherweise auch Unternehmensanteile an Kick.com erhalten habe. Das bietet viel Spielraum für eine kreative Auslegung der Deal-Summe. Denn der Wert solcher Anteile hängt von der Gesamtbewertung des Unternehmens ab, die bei nicht börsennotierten Firmen auch von den Anteilseignern relativ willkürlich festgelegt werden können.

Amouranth und Ninja starten ebenfalls auf Kick

Der Start von xQc bei Kick.com sorgte jedenfalls offenbar für eine solche Aufmerksamkeit, dass die technische Infrastruktur der Plattform kurzzeitig in die Knie ging. In einem Tweet schrieben die Betreiber*innen vom 50-Fachen des regulären Traffics. Einen Tag nach Lengyel verkündete auch die wegen freizügiger „Hot Tub“-Streams umstrittene, aber erfolgreiche Streamerin Amouranth (bürgerlich Kaitlyn Michelle Siragusa) ihren Start auf Kick.com. Etwa eine Woche zuvor hatte bereits mit Tyler Blevins alias „Ninja“ einer der größten Streamer der vergangenen Jahre seinen Kick-Kanal gestartet.

Auch Marcel Eris alias MontanaBlack soll von den Betreibern von Kick angesprochen worden sein. Auf der Plattform lässt sich auch einen Kanal unter seinem Namen finden. Wie Eris selbst in einem Twitch-Stream (hier die Aufzeichnung auf Youtube) erklärte, habe Kick ihm einen zweistelligen Millionenbetrag geboten. Er habe jedoch abgelehnt, auch wenn er die Plattform sympathisch fände. In einem weiteren Twitch-Stream sagte MontanaBlack, dass ihm Kick ein weiteres Angebot unterbreitet habe, dass er pro Stunde, die er auf der Plattform streamt, 5.000 Euro oder US-Dollar erhalte. Auch das habe er abgelehnt. Einige andere deutsche Streamer wie „OrangeMorange“ und „Scurrows“ sind von Twitch auf Kick umgezogen.

Twitch zahlt Top Streamer*innen weniger Geld

Dass zahlreiche namhafte Twitch-Streamer*innen lautstark auf Kick gestartet sind, ist auch vor dem Hintergrund diverser Konflikte zu sehen, die in den vergangenen Monaten rund um Twitch hochgekocht sind. Im September 2022 hatte Twitch-Chef Dan Clancy in einem Blog-Post Änderungen bei der Höhe der Anteile angekündigt, die Streamer*innen an den generierten Abo-Einnahmen erhalten. In der Regel erhalten die Streamer*innen auf Twitch 50 Prozent der Einnahmen; einige „größere“ Streamer*innen hätten jedoch 70 Prozent erhalten. Von Juni 2023 an sollten diese jedoch nur noch bis 100.000 US-Dollar den 70-prozentigen Anteil erhalten; danach erhielten auch sie 50 Prozent aller generierten Abo-Einnahmen.

Twitch gehört zu Amazon; der E-Commerce-Gigant hat die Streaming-Plattform im Jahr 2014 für 970 Millionen US-Dollar aufgekauft. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge ist das Unternehmen noch immer nicht profitabel. Amazon versucht vor dem Hintergrund der aktuellen Situation in der Wirtschaft im Allgemeinen und im E-Commerce im Speziellen seit einigen Monaten die internen Kosten stark zu senken. In diesem Jahr soll der Konzern bereits 27.000 Stellen abgebaut haben.

Viele Top Streamer wechselten zuvor zu Youtube

Die Ankündigung, dass Twitchs Top Streamer*innen künftig weniger Geld erhalten, sorgte in der Creator-Welt wenig überraschend für Protest. In den Monaten zuvor waren bereits bekannte Namen der Streaming-Welt wie Myth, Ludwig und Valkyrae zu Youtube gewechselt. Nun solidarisierte sich sogar der weltweit vielleicht größte Creator Jimmy Donaldson alias MrBeast mit dem Protest und erwägte öffentlich, zumindest einmal auf Kick zu streamen (was er bisher jedoch nicht getan hat). Denn bei Kick erhalten die Streamer*innen 95 Prozent der generierten Einnahmen; die Plattform selbst behält nach eigenen Angaben nur fünf Prozent ein.

Doch nicht nur der Streit um die Vergütung von Creatorn spielt beim Aufstieg von Kick eine Rolle. Vielleicht noch wichtiger ist der Umstand, dass Twitch im vergangenen Jahr Glücksspiel-Streams auf der eigenen Plattform stark eingeschränkt hat. Seit dem Oktober dürfen Twitch-Streamer*innen laut den Betreiber*innen der Plattform keine Casino-Spiele mehr streamen, die von Seiten durchgeführt werden, die keine Glücksspiel-Lizenz für die USA besitzen. Ausgeschlossen wurde dabei auch die Seite Stake.com, auf der die Besucher*innen Casino-Spiele zocken und Sportwetten abschließen können – alles auf Kryptobasis.

Stake.com macht Milliardengewinne

Wie mittlerweile bekannt ist, stehen Ed Craven und Binjan Tehrani, die beiden Gründer von Stake.com, auch hinter Kick.com. Betreiberfirma von Kick ist die australische „Kick Streaming Pty Ltd“. Der einziger Anteilseigner ist die „Easygo Entertainment Pty Ltd“, an der Craven und Bijan jeweils 50 Prozent der Anteile halten (wie Streamer OllyRobz zuerst herausgefunden hat) und die auf ihrer Website Stake.com als „Kunden“ ausweist. Dadurch gibt es zwar keine direkte gesellschaftsrechtliche Verflechtung zwischen Kick und Stake.com. Aber die entscheidenden Personen im Hintergrund sind exakt dieselben.

Stake soll laut der Financial Times (€) im vergangenen Jahr 2,6 Milliarden US-Dollar „Gross Gaming Revenue“ (die Gesamtsumme der Wetteinsätze abzüglich aller ausgezahlten Gewinne) erwirtschaftet haben. Gegenüber dem „Weekend Australian Magazine“ erklärten beide Gründer im vergangenen Herbst, dass Stake.com auf dem Weg sei, im Jahr 2022 einen Gewinn von einer Milliarde US-Dollar zu erwirtschaften.

360 Millionen US-Dollar an nur einen Streamer?

Der vermutlich wichtigste Marketingkanal von Stake.com: Twitch. Die Casino-Plattform zahlte offenbar Millionensummen an Streamer*innen, damit diese live auf Stake.com spielten. Streamer Tyler Faraz Niknam alias „Trainwrecks“, der mittlerweile Kick.com berät, soll einmal in einem Stream verkündet haben, dass Stake.com ihm innerhalb von 16 Monaten 360 Millionen Euro für Werbung gezahlt habe. Auch Félix Lengyel alias „xQc“ gehörte bis zu Twitchs Eingreifen in Sachen Casino-Streams zu den größten Werbepartnern von Stake.com. Das US-Wirtschaftsmedium Bloomberg (€) hat im August 2022 mit einem Glücksspielsüchtigen gesprochen, der durch Lengyel auf Stake.com aufmerksam geworden sei und schließlich Privatinsolvenz anmelden musste.

Wollen die Stake.com-Macher nun das Spiel umdrehen und betreiben eine Streaming-Plattform, um über diese vorrangig für ihr Online-Casino zu werben? Dies wäre zumindest eine Erklärung dafür, dass Kick (trotz vermutlich ähnlich hoher, oder vielleicht sogar höherer Infrastruktur-Kosten wie Twitch) so hohe Provisionen an Streamer*innen zahlen kann. Als Startup sei Kick dazu bereit, erst einmal auf Verlustbasis zu arbeiten, so Ed Craven gegenüber der New York Times. Darüber, ob der Deal mit Félix Lengyel eine bestimmte Anzahl oder Dauer von Glücksspiel-Streams beinhaltet, lässt sich nur spekulieren. Zumindest kann der Kanadier theoretisch nun wieder im Stream auf Stake.com spielen. „Kick erlaubt es mir, Dinge auszuprobieren und zu tun, die ich zuvor nicht tun konnte“, so Lengyel gegenüber der New York Times.

Kein Fake: Drake wirbt für Stake

Auch Rap-Superstar Drake ist Werbepartner von Stake.com. Vor Kurzem streamte er mit dem Twitch-Streamer Roshtein auf Kick.com und hat dabei angeblich „Giveaways“ im Wert von einer Million US-Dollar verschenkt. Laut Roshtein sollen 100.000 Menschen zugesehen haben. Schon zuvor soll Drake über Stake.com hochdotierte Sportwetten abgeschlossen haben.

Offizieller Firmensitz der Betreiberfirma „Medium Rare NV“ ist die Karibikinsel Curaçao. In Deutschland ist Stake.com damit illegal und damit auch nicht zugänglich. Weil der kontroverse Youtuber Ron Bielecki trotzdem für die Plattform Werbung gemacht hat, hat das Berliner Amtsgericht laut der Wirtschaftswoche im Februar gegen ihn einen Strafbefehl in Höhe von 480.000 Euro erlassen.

Amazon verdient danke AWS auch an Kick mit

Bislang ist Kick.com nicht annähernd so groß wie Twitch. 110.000 Streams verzeichnet die Plattform laut der New York Times im Schnitt täglich. Twitch liegt demgegenüber bei sieben Millionen Streamer*innen im Monat und 31 Millionen Zuschauenden täglich (!). Doch die reichweitenstarken Streamer*innen und Werbepartner haben der Plattform deutlich mehr Aufmerksamkeit beschert. Erst im Mai vermeldete Kick.com die Zahl von fünf Millionen registrierten Nutzenden.

Twitch-Eigner Amazon verdient übrigens auch an Kick kräftig mit: Wie ein Ex-Twitch-Mitarbeiter zuvor schon öffentlich vermutet hatte und nun von Félix Lengyel im Gespräch mit „Pokimane“ bestätigt wurde, nutzt Kick die technische Infrastruktur von Amazon Web Services. Dabei müsste Kick vermutlich den acht- bis zehnfachen Preis dafür zahlen, den Twitch zahlt, vermutet der Ex-Twitch-Mitarbeiter.

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Roland Eisenbrand
Autor*In
Roland Eisenbrand

Roland ist seit mehr als zehn Jahren als Journalist in der Digitalbranche aktiv. Seit 2014 verantwortet er als Head of Content (und zweiter Mitarbeiter) alle inhaltlichen Komponenten von OMR, darunter vor allem den OMR Blog und redaktionelle Arbeit rund um das OMR Festival.

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