Instagram-Phänomen "Spezi Suchtis": Wie die bayerischen Flaschenöffner viral gehen

Tanja Karrasch19.12.2023

Fünf Jungs aus einer beschaulichen Gemeinde im Landkreis Rosenheim begeistern auf Social Media über 174.000 Follower*innen

Spezi Suchtis
Die Spezi Suchtis beim Western-Dreh zu Part 200. Foto: Flötzinger Brauerei/Franz Steegmüller GmbH

"Servus, mia san die Spezi Suchtis und wir haben Euch 200 Wege zoagt, wia ma an Spezi aufmacht." In Bayern ist Spezi gerade in aller Munde: Fünf Jungs aus Feldkirchen-Westerham gehen mit dem urbayerischen Getränk bei Instagram durch die Decke, während andere über dessen Namensrechte streiten. OMR hat mit den Spezi Suchtis über ihren plötzlichen Erfolg und den Westerndreh zur 200. Folge gesprochen – und war live dabei, als eine Flasche aufgemacht wurde.

Es dauert ein paar Minuten, bis tatsächlich alle fünf Spezi Suchtis im Videocall eintrudeln. Während Korbi nebenbei schon mal mit den Hausaufgaben startet, beweist Flori, dass der Name nicht umsonst gewählt wurde: "Ich würd mia noch eben an Spezi aufmachen, wenn's recht ist", sagt er im oberbayerischen Dialekt. Und klar, ein langweiliger Flaschenöffner kommt für den 14-Jährigen nicht infrage. Sein heutiges Mittel der Wahl, um den Kronkorken fliegen zu lassen: ein Zollstock.

Die Spezi Suchtis, das sind neben Korbi und Flori auch Finn, Johannes und Louis, alle zwischen 13 und 14 Jahre alt. Was die fünf Freunde seit Sommer 2022 auf Instagram zeigen, hat fast schon etwas Philosophisches. Sie finden immer wieder neue Wege, um dasselbe Ziel zu erreichen – eine Colamix-Flasche zu öffnen. Die Methoden wurden mit der Zeit immer kreativer: an einer Liege im Freibad, mit einem Cityroller, einem Paddel, einem Schaukelpferd, einem Haferlschuh oder gleich mit einem Traktor. Die Idee dazu kam Louis und Johannes im Juli 2022, als sie im Supermarkt ein Video sahen, in dem jemand ein Bier aufmachte. "Da hab ich mir gedacht, das könnte man doch mit einer Spezi auch machen", sagt Louis.

173.000 Fans auf Instagram

Innerhalb eines Jahres sammelten sie so bis zum Frühjahr rund 17.000 Follower*innen. Richtig durch die Decke sei es dann aber so ab Part 138 gegangen, als die Flasche von den Jungs in Tracht mit einem Holzbrett geöffnet wurde. "Das war auf der Geburtstagsfeier von meinem Papa, da war uns langweilig und dann haben wir da einen Part gedreht, ich und der Louis", sagt Korbi. Das Video bekommt mehrere Millionen Aufrufe, seitdem hat sich ihre Followerzahl vervielfacht. "Da gab's einen Tag, da waren wir plötzlich auf 40.000 und am selben Tag sogar noch auf 60.000 und dann hat sich das immer weiter hochgeschraubt", sagt Flori. Inzwischen folgen ihnen 174.000 Menschen auf ihrem Instagramkanal, Tausende schauen ihre Videos auf Youtube. Und auch außerhalb der Plattformen sind die fünf Jungs aus der beschaulichen Gemeinde Feldkirchen-Westerham im Landkreis Rosenheim junge Social-Media-Stars, über die schon die Süddeutsche Zeitung berichtet hat, der Bayerische Rundfunk oder RTL.

Was so vielen Menschen an ihren Videos gefällt? "Ich denke, dass wir das so selbstbewusst machen und ganz einfach, nicht so professionell mit Kameras. Und weil wir die Leichtigkeit dabei haben", sagt Flori. Ihren Account und die Videoaufnahmen organisieren die Jungs eigenständig, sie können aber auch auf die Unterstützung ihrer Familien zählen, z.B. bei Medienanfragen. Die Spezi-Mamas tauschen sich dafür in einer Whatsapp-Gruppe aus. Und klar ist auch: Unter der Woche sind maximal zwei bis drei Flaschen erlaubt. 

Dass ihre Bekanntheit größer wird, merken die Fünf auch schon auf der Straße, wenn Fremde ein Foto mit ihnen machen wollen, oder in der Schule. "Wenn ich in die Schule komme, da kennt mich keiner mehr mit Vornamen, die sagen alle nur Spezi Suchti", sagt Louis. Selbst im Freizeitpark in Österreich hätten Menschen sie erkannt, erinnert sich Finn: "Die haben gesagt: Cool, schau mal, die Spezi Suchtis."

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Die Spezi Suchtis Jojo, Korbi, Louis, Finn und Flori im Videocall mit Redakteurin Tanja Karrasch. Screenshot: OMR

Große Westernparty im Saloon für Part 200

Um den plötzlichen Erfolg zu feiern, haben die Spezi Suchtis es beim 200. Part so sehr krachen lassen, dass sogar ein Waffenmeister am Set anwesend sein musste: Zu sehen sind die Fünf darin in den Hauptrollen ihres eigenen Westerns. Ihre 200. Spezi-Flasche öffnen sie als Cowboys stilecht mit einem Revolver. Der aufwendig produzierte Clip war ein Geschenk von Flötzinger Bräu.

Für die Rosenheimer Brauerei ein dankbarer Case fürs Social-Media-Marketing, auch wenn keine offizielle Kooperation bestehe, wie Marketingleiter Thorsten Diederich betont. Denn der Colamix von Flötzinger ist die Lieblingsspezi der Suchtis, die auf Instagram eine inzwischen fast siebenmal so große Reichweite haben wie die Brauerei selbst. "Die Jungs kommen aus der Gegend und wir sind schon relativ am Anfang auf sie aufmerksam geworden, das müsste so bei Part 30 gewesen sein", erinnert sich Thorsten Diederich. Seitdem habe es immer mal wieder Zusammenarbeiten gegeben: Anfangs spendierte die Brauerei ein paar Kästen Spezi, dann einheitliche T-Shirts mit Logo für alle, dann nahmen die Suchtis Videos bei der Brauerei auf oder kamen mit der Schulklasse zur Brauereiführung vorbei.

Und jetzt also der Film zur 200. Folge, an dem ein professionelles Filmteam, ein Haufen Kompars*innen vom Cowboy Club München und mit Eisi Gulp und Daniel Christensen sogar zwei bekannte Gesichter aus den Eberhoferkrimi-Kinofilmen nach den Romanvorlagen von Rita Falk (u.a. Kaiserschmarrndrama, Rehragout-Rendezvous) beteiligt waren. "Der Film ist sehr gut angekommen, das war absolut perfekt", sagt Diederich. "Es hat sich zwar bei den Verkaufszahlen nicht direkt bemerkbar gemacht, aber die Resonanz war super und es hat einen Haufen Kommentare gegeben." In Zahlen bedeutet das: mehr als 88.000 Likes bei Instagram, mehr als 50.000 Aufrufe auf Youtube, fast 3.900 Kommentare und jede Menge Lob von den Fans.

Kooperation mit bayerischem Modelabel

Produziert hat den Western die Filmagentur Victor Film aus Rosenheim. Für Geschäftsführer und Spaghettiwestern-Fan Stephan Schmuck war der Dreh ein Highlight – vom Location-Scouting über die Special Effects bis zum Soundtrack, den Schmuck mit einem befreundeten Musiker geschrieben hat und selbst mit dem Banjo eingespielt hat. "Die Jungs waren anfangs echt ehrfürchtig, als die ganze Crew vor ihnen stand, aber sie haben das cool durchgezogen, das sind richtige Typen", sagt er. 

Bisher waren die Einnahmen, die die Spezi Suchtis mit ihren Kooperationen gemacht haben, überschaubar, " meistens haben wir einfach Spezi dafür gekriegt", sagt Finn. Ein bisschen Geld floss durch den Online-Verkauf von Merchandise. Bald könnten auch Kappen hinzukommen, denn das bayerische Modelabel Bavarian Cap hat Interesse an einer Zusammenarbeit: "Es macht riesigen Spaß, den Hype um die Suchtis zu beobachten", sagt Mitgründer Peter Schels. "Wir folgen ihnen auf Instagram schon seit einiger Zeit und verpassen kein Video." Für Part 160 wurde schon eine Flasche mit einer Kappe geöffnet und zur Adventszeit hat das Label "Spezi Suchti"-Kappen verlost. Bisher sind es Einzelstücke, aber: "Wir hätten auf jeden Fall Lust auf eine richtige Spezi-Suchtis-Cap und den Jungs geht es genauso", sagt Schels.

Streit um Nutzungsrecht des Namens "Spezi" vor Gericht

An anderer Stelle in Bayern sorgte das Thema Spezi in diesem Monat übrigens nicht nur für Unterhaltung und gute Laune: Vor dem Oberlandesgericht München stritten nämlich die Familienbrauerei Riegele und die Paulaner Brauerei um das Nutzungsrecht des Namens. "Spezi" ist nämlich ein Markenname, den Riegele schon 1954 beim Patentamt schützen ließ. In den 1970ern erlaubte man Paulaner per Vereinbarung zwar, den Namen ebenfalls zu verwenden – für einmalig 10.000 DM. 2022 verlangte die kleine Brauerei dann allerdings Lizenzgebühren in Millionenhöhe vom Paulanerkonzern. Begründung: Die erheblichen Kosten, die die Brauerei jedes Jahr habe, um die Marke zu schützen, und an denen sich Paulaner nie beteiligt habe. Paulaner klagte dagegen, Riegele zog die Forderungen jetzt im Berufungsprozess vor dem Oberlandesgericht München zurück. Der große Streit um die Spezi dürfte damit erstmal beendet sein.

Aber zurück zu den erfreulichen Cola-Orangenlimonade-Mix-News: Für die Spezi Suchtis ist die Aufregung um den Namen ihres Lieblingsgetränks vorerst kein Thema. Bisher haben sie nichts Gegenteiliges von Riegele gehört. Und während lange nicht klar war, wie es bei den Jungs nach Part 200 weitergeht, steht jetzt fest: Sie wollen weitermachen, so lange es ihnen noch Spaß macht und so lange ihnen noch neue Ideen einfallen, wie man "an Spezi" aufmacht. Na dann, Prost!

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Tanja Karrasch
Autor*In
Tanja Karrasch

Tanja Karrasch ist Redakteurin bei OMR. Vor ihrem Wechsel arbeitete sie für die TV-Produktionsfirma Bavaria Entertainment und war als Redaktionsleiterin für zwei ZDF-Shows zuständig. Sie hat bei der Tageszeitung Rheinische Post volontiert und anschließend als Redakteurin gearbeitet.

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