Sweatin’ money: Diese Online-Marketing-Checker profitieren von der Hitzewelle

Wie ein Affiliate und ein Amazon-HĂ€ndler erfolgreich mit Ventilatoren und Klimaanlagen Geld machen

geldfaechern
Inhalt
  1. Nur noch wenig Nischenseiten bei den „Money Keywords“
  2. In einem Jahr von null auf monatlich knapp 300.000 Unique User?
  3. „Hey Google, ich bin WissensfĂŒhrer“
  4. Ein Thema ĂŒber 30.000 Zeichen bis ins Detail durchdeklinieren
  5. So wie Google es gerne hat
  6. Als kleiner HĂ€ndler zu Platz 1 bei Amazon
  7. Mittels einer Prime-Aktion an die Ranking-Spitze
  8. So wichtig kann die Preissetzung sein
  9. Bis zu 200.000 Euro Umsatz mit einem Produkt an einem Tag?
Sommerzeit, Saure-Gurken-Zeit – das gilt eigentlich auch fĂŒr die Digitalbranche. In den heißen Monaten sind die Menschen in der Regel weniger im Internet unterwegs und kaufen weniger als sonst. Doch einige Hidden Champions verdienen gerade dann Geld, wenn es so richtig heiß ist. OMR hat zwei von ihnen recherchiert und versucht, ihren Erfolgsrezepten auf die Spur zu kommen.
„Erstmals seit Aufzeichnung der Temperaturmessungen in Deutschland ist die Temperatur ĂŒber 41 Grad gestiegen“, vermeldete heute Nachmittag die Deutsche Presseagentur. In Lingen im Emsland seien 41,5 Grad gemessen worden. Wenig verwunderlich, dass sich viele Menschen mit technischer UnterstĂŒtzung AbkĂŒhlung verschaffen wollen. Bei Googles Suchmaschine nehmen dementsprechend derzeit die Suchen nach Begriffen wie „klimaanlage“ und „ventilator“ rasant zu.
Die Zahl der Suchanfragen zu Klimaanlagen und Ventilatoren ist innerhalb der vergangenen 24 Stunden stark gestiegen (bearbeiteter Screenshot von Google Trends)

Nur noch wenig Nischenseiten bei den „Money Keywords“

Wer aber befriedigt diese Nachfrage und wer verdient damit Geld? Gibt man die beiden Keywords bei Google ein, stĂ¶ĂŸt man auf den ersten Suchergebnisseiten vor allen Dingen auf große Online-Shops: natĂŒrlich Amazon, Saturn, Mediamarkt, dazu einige Medien (Bild, Spiegel, Focus) mit informellem Content sowie Vergleichsportale wie Idealo und Vergleich.org (hier im OMR-PortrĂ€t), die zum Teil auch kostenpflichtige Suchanzeigen schalten. In Verbindung mit dem Keyword „kaufen“ fĂŒhrt Google fast nur Online-Shops auf. ErgĂ€nzt man die beiden Haupt-Keywords jedoch um Begriffe wie „test“ oder „vergleich“, finden sich auf der ersten Suchergebnisseite auch vereinzelt so genannte Nischenseiten. Diese werden in der Regel von Affiliate Publishern betrieben, die sich auf einen Themenbereich spezialisiert haben, die Nutzer beraten wollen und versuchen, durch von ihnen vermittelte KĂ€ufe von Online-Shops Provisionen zu kassieren.
Viele Nutzer, die bei Google „Klimaanlage“ oder „Ventilator“ eingeben, sind offenbar nach der Suche nach Tipps zur Selbsthilfe (Screenshot aus Google Trends)
Zwar mögen Keyword-Kombinationen wie „ventilator test“ oder „klimaanlage vergleich“ ĂŒber weniger Suchvolumen verfĂŒgen. DafĂŒr ist bei Usern, die ĂŒber solche Suchen auf eine Website gelangen, die Wahrscheinlichkeit eines Kaufinteresses deutlich höher als bei jenen, die nur „ventilator“ oder „klimaanlage“ eingeben: Wer sich ĂŒber existierende GerĂ€te informiert, der zieht es zumindest in Betracht, spĂ€ter vielleicht einmal ein solches zu kaufen. Viele andere Nutzer, die ĂŒber Google nach den beiden Haupt-Keywords suchen, interessieren sich möglicherweise dafĂŒr, wie man sich eine Klimaanlage provisorisch selbst bauen kann. Das legen auch die „Ähnlichen Suchanfragen“ nahe, die Google Trends beispielsweise fĂŒr das Keyword „klimaanlage“ auffĂŒhrt.

In einem Jahr von null auf monatlich knapp 300.000 Unique User?

Bei unseren Google-Suchen stoßen wir immer wieder auf die Seite Luftking.de. Bei einer Suche nach „ventilator test“ beispielsweise rangiert sie auf der Suchergebnisseite auf Platz 2, bei „klimaanlage test“ auf Platz 5, bei „klimaanlage kaufen“ auf Platz 8 und bei „ventilatoren“ auf Platz 9. Als Betreiber wird im Impressum das Unternehmen „Kaufberaterio“ aufgefĂŒhrt – unter einer Adresse in Lima in Peru. Auf der Firmen-Website heißt es, das Unternehmen sei dezentral organisiert und beschĂ€ftige Mitarbeiter in 15 LĂ€ndern. Sucht man nach dem Firmennamen bei Google, stĂ¶ĂŸt man auf Informationen ĂŒber eine gleichnamige UG, die in Aichach bei Augsburg angemeldet ist.
Nach eigener Darstellung betreibt Kaufberaterio 46 „Beratungsseiten“ in unterschiedlichsten Nischen, von Technik ĂŒber Medizin bis zu Reisen, und verzeichnet damit mehr als zwei Millionen Unique User pro Monat. Die Seite Luftking.de ist offenbar seit rund einem Jahr online und hat innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit eine beachtliche Reichweite aufbauen können. Das Statistik-Tool Similarweb schĂ€tzt die Zahl der Unique User fĂŒr den Juni 2019 auf 292.000 und die Zahl der Visits auf 402.000.
Die Entwicklung der monatlichen Visits-Zahlen von Luftking.de nach SchÀtzung von Similarweb

„Hey Google, ich bin WissensfĂŒhrer“

Similarweb schĂ€tzt, dass 85 Prozent des Traffics von Luftking.de aus Googles Suchmaschine stammt. Laut dem SEO-Analytics-Tool Sistrix hat die Sichtbarkeit von Luftking.de innerhalb eines halben Jahres stark zugenommen und bewegt sich seit dem Februar in Sistrix‘ Sichtbarkeitsindex relativ bestĂ€ndig im Bereich zwischen 1,5 bis 2.
Die Entwicklung der SEO-Sichtbarkeit von Luftking.de laut Sistrix
Wie ist es den Machern der Seite gelungen, mit ihrer auf KĂŒhl- und HeizgerĂ€te spezialisierten Seite zu den relevanten Keywords so weit vorne bei Google zu landen? Martin Grahl, MitgrĂŒnder der Berliner Agentur Claneo sagt: „Die Betreiber von Luftking haben eine allumfassende Website zum Thema Luft, Klima und Heizung aufgebaut und teilen auf 119 von Google indexierten Seiten ihr Wissen ĂŒber diese Themen. Damit wollen sie gegenĂŒber Google signalisieren, dass sie quasi WissenfĂŒhrer in diesen Bereichen sind.“ Wer also Google glaubhaft machen kann, Spezialist in einem Bereich zu sein, dem spĂŒlt der Suchmaschinenkonzern gerne User auf die Seite.

Ein Thema ĂŒber 30.000 Zeichen bis ins Detail durchdeklinieren

Luftking.de bietet umfangreichen Content zum Thema, und zwar so aufbereitet, dass Google leicht erkennt, dass auf der Seite mutmaßlich fast alle Fragen beantwortet werden, die Nutzer in diesem Zusammenhang interessieren könnten. „Google geht ja immer nach der Nutzerintention, und Luftking holt die Nutzer sehr gut ab“, sagt Grahl. „Das fĂ€ngt schon bei der Description auf der Suchergebnisseite an und setzt sich dann auf der Seite fort.“
Ein Beispiele fĂŒr eine Site Description, die fĂŒr Luftking in Googles Suchergebnissen angezeigt wird
Wer beispielsweise bei Google nach „ventilator vergleich“ sucht und dann auf der Ventilator-Test-Seite von Luftking landet, den empfangen dort mehr als 4.500 Wörter und 30.000 Zeichen zum Thema. Die sechs Kapitel umfassen u.a. einen Ratgeberteil und eine Entscheidungshilfe, hĂ€ufig um illustrierende Bildern und Tabellen, beispielsweise mit einem Verleich von Vor- und Nachteilen versehen. Gleich am Anfang steht ein eigenes Ranking verschiedener Ventilator-Modelle, die die Seitenbetreiber angeblich „nĂ€her getestet haben“. Ob dies der RealitĂ€t entspricht, ist von außen nicht nachvollziehbar. Die Stiftung Warentest warnte vor wenigen Tagen: „Im Internet wimmelt es nur so vor erfundenen Warentests.“

So wie Google es gerne hat

Am Kopf der Ventilator-Testseite von Luftking finden die Besucher ein ausfĂŒhrliches Inhaltsverzeichnis mit Sprungmarken und zum Ausklappen. Die ZwischenĂŒberschriften beinhalten hĂ€ufig Fragen in W-Form (so wie sie auch Nutzer bei Google eingeben könnten) und sind mit H2- und H3-Tags markiert – der gesamte Text ist also genau so formatiert und strukturiert, wie Google es gerne sieht. „Gerade mit Testseiten wie diesen rankt Luftking bei vielen Keywords sehr gut“, sagt Grahl.
Eine Übersicht der organischen Keywords, zu denen Luftking auf den Positionen 1 bis 3 bei Google rankt (Quelle: Ahrefs)
DarĂŒber, wie viel Umsatz die Seitenbetreiber von Luftking monatlich durch Affiliate-Provisionen generieren, lĂ€sst sich nur spekulieren. Wir gehen aber davon aus, dass ein Monatsumsatz mindestens einem Team-Mitglied von Kauferio einen schönen Sommeurlaub finanzieren könnte.

Als kleiner HĂ€ndler zu Platz 1 bei Amazon

Wer nicht bei Google nach einem Ventilator oder einer Klimaanlage sucht, der tut das vielleicht bei Amazon – schließlich beginnen laut einer PWC-Studie mittlerweile 45 Prozent aller Deutschen ihre Produktsuche direkt bei Amazon. Wer auf Amazon.de aktuell nach einem Ventilator sucht, der stĂ¶ĂŸt dort auf Platz 1 der Suchergebnisse auf den SĂ€ulenventilator TF35, der von den Mönchengladbacher HĂ€ndler Weg-ist-weg angeboten wird. Amazon fĂŒhrt das GerĂ€t selbst auf Platz 1 der Bestseller-Liste in der Kategorie „Heizen & KĂŒhlen“.
Nach zwei Werbeanzeigen liegt der SĂ€ulenventilator TF35 bei Amazon zum Suchbegriff „ventilator“ derzeit auf Platz 1 der organischen Suchergebnisse (bearbeiteter Screenshot)
Wie ist es einem kleinen HĂ€ndler gelungen, die Produkte von Markenherstellern auf die PlĂ€tze zu verweisen? „Wir haben das Produkt angelegt und durch viel Arbeit zum meistverkauften Ventilator avanciert“, so Ahmet Genc von Weg-ist-Weg.com auf Anfrage von OMR. An einem Interview sei das Unternehmen jedoch nicht interessiert.
Amazons Bestseller-Ranking weist den TF35 als derzeit meistverkauften Ventilatoren aus (bearbeiteter Screenshot)

Mittels einer Prime-Aktion an die Ranking-Spitze

Nach Ansicht von Andreas Bork, Director Accounts & Client Consulting bei der E-Commerce-Agentur finc3, hat dabei eine clevere Strategie geholfen. Noch vor wenigen Wochen habe der Ventilator im Amazon-Ranking irgendwo bei Platz 100 rangiert. „Der HĂ€ndler hat dann zum Amazon Prime Day den Preis fĂŒr das Modell aggressiv gesenkt und diesen bis zu 23 Euro gĂŒnstiger angeboten.“
Die so entstehenden VerkĂ€ufe hĂ€tten den Artikel im Sales Rank dann unheimlich nach vorne gebracht. „Bereits zwei Tage nach dem Prime Day war er schon in den Top 20“, so Bork nach Blick in mehrere Amazon-Tools. „Die Conversions sind ja bei Amazon der stĂ€rkste Trigger. Deswegen ist der LĂŒfter auch in Amazons Suchergebnissen viel besser sichtbar geworden“

So wichtig kann die Preissetzung sein

Nach Ansicht des Amazon-Experten habe das Produkt gegenĂŒber jenen von Wettbewerbern auf Amazon zwei Vorteile: „Zum einen ist er verfĂŒgbar, und nicht, wie viele andere Modelle derzeit, ausverkauft. Zum anderen ist er mit einem Preis im Bereich von rund 50 Euro etwas gĂŒnstiger als vergleichbare Produkte. Der StandlĂŒfter, den Amazon aktuell mit dem Label ‚Amazon’s Choice‘ versieht, kostet beispielsweise schon 75 Euro.“
Aber auch beim Einpflegen des Artikels auf Amazon habe der HĂ€ndler seine Hausaufgaben gemacht: „Er hat das Produkt in alle relevanten Kategorien einsortiert, von Baumarkt bis ElektrogerĂ€te. Egal, ĂŒber welchen Bereich der Kunde zu den Ventilatoren kommt – er sieht dieses Modell. Und natĂŒrlich stimmt auch sonst die Content-QualitĂ€t, was aber in dem Fall nur ein Hygienefaktor ist.“

Bis zu 200.000 Euro Umsatz mit einem Produkt an einem Tag?

Die geleistete Arbeit dĂŒrfte sich in beachtlichen Verkaufszahlen niederschlagen: „Ich schĂ€tze, dass von dem Artikel aktuell tĂ€glich eine niedrige bis mittlere vierstellige StĂŒckzahl verkauft werden“, sagt Andreas Bork. Das entsprĂ€che einem Außen-Umsatz zwischen 50.000 und 200.000 Euro an einem Tag. Davon abgezogen werden mĂŒssen jedoch der Wareneinsatz, die Amazon-GebĂŒhren, eventuelle Marketing-Kosten
 Vermutlich wird man sich aber trotzdem sowohl in Mönchengladbach als auch in Aichach wĂŒnschen, dass die aktuelle Hitzewelle noch eine Weile anhĂ€lt.
Update, 26.07., 15 Uhr: Wir haben den Artikel um das Statement von Stiftung Warentest zu Fake-Test-Seiten ergÀnzt.
 

Amazon SEO
Roland Eisenbrand
Autor*In
Roland Eisenbrand

Roland ist seit mehr als zehn Jahren als Journalist in der Digitalbranche aktiv. Seit 2014 verantwortet er als Head of Content (und zweiter Mitarbeiter) alle inhaltlichen Komponenten von OMR, darunter vor allem den OMR Blog und redaktionelle Arbeit rund um das OMR Festival.

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