"Unlautere Geschäftspraktiken": Warum die Influencerin Chiara Ferragni eine Millionenstrafe zahlen muss

Tanja Karrasch21.12.2023

Bei der Vermarktung eines Weihnachtskuchens hatte der italienische Megastar den Eindruck erweckt, Spenden für krebskranke Kinder zu sammeln

Chiara Ferragni
Chiara Ferragni ist als Influencerin und Unternehmerin international erfolgreich. Screenshots: OMR

Chiara Ferragni müsste es besser wissen. Schließlich ist der italienische Megastar seit mehr als 14 Jahren im Social-Media-Business aktiv. Mit knapp 30 Millionen Follower*innen gehört sie selbst international zu den erfolgreichsten Influencerinnen und hat nebenbei ein großes Markenimperium aufgebaut. Jetzt aber sollen zwei Firmen, die der 36-Jährigen gehören, mehr als eine Million Euro Strafe zahlen. Die italienische Wettbewerbsbehörde wirft ihnen "unlautere Geschäftspraktiken" vor und Ferragnis Fans kann auch eine Entschuldigung auf Instagram kaum besänftigen. Was ist passiert?

1,4 Millionen Likes hat das Entschuldigungs-Statement, das Chiara Ferragni auf Instagram hochgeladen hat. Auf Italienisch und sichtbar emotional erklärt sie darin ihre Sicht auf den "Pandoro-Skandal", der gerade international Wellen schlägt. Dessen Auslöser ist die Vermarktung eines traditionellen italienischen Weihnachtskuchens, bei der laut der Wettbewerbsbehörde AGCM (Autorità garante della concorrenza e del mercato) der falsche Eindruck erweckt wurde, Teile des Erlöses würden krebskranken Kindern im Regina-Margherita-Krankenhauses in Turin zugutekommen. Darauf hätten Pressemitteilungen, Aufdrucke auf der Verpackung sowie Social-Media-Postings von Chiara Ferragni hingewiesen.

Verkauf hatte keine Auswirkungen auf die Spendensumme

In Wirklichkeit aber soll der Kuchenhersteller Balocco, noch bevor der Kuchen im November 2022 in den Verkauf kam, pauschal 50.000 Euro an das Krankenhaus gespendet haben. Wie gut sich der Kuchen verkaufte, hatte also keinerlei Auswirkungen auf die Spendensumme, wohl aber auf den Gewinn von Chiara Ferragni. Und der fiel bei weitem höher aus: Mehr als eine Million Euro soll Chiara Ferragni mit ihren Firmen Fenice und TBS Crew laut AGCM an der Kuchen-Aktion verdient haben. Die kranken Kinder hatten nichts davon. Dabei war der kleine Weihnachtskuchen in der von Chiara Ferragni designten Verpackung mit neun Euro auch noch doppelt so teuer wie der Standardpandoro des Kuchenherstellers. Nun sollen die beiden Unternehmen für ihre "unlauteren Geschäftspraktiken" insgesamt etwas über eine Million Euro Strafe zahlen, Balocco weitere 420.000 Euro.

Chiara Ferragni zeigt sich auf ihren Social-Kanälen fast täglich mit ihrem prominenten Mann, dem Rapper Fedez, und den beiden Kindern. In der Amazon-Serie "The Ferranez" geben sie intime Einblicke in ihr Privatleben und haben sich trotz Luxus-Kleidung, Jetset-Leben und Penthouse in Mailand ein nahbares, sympathisches Image aufgebaut. Der aktuelle Skandal passt also gar nicht zur Brand der jungen Familie und löst einen riesigen PR-Schaden aus.

In ihrer öffentlichen Entschuldigung, mit der sie das Vertrauen der Fans zurückgewinnen will, nennt Chiara Ferragni den Vorfall einen "Kommunikationsfehler". In Zukunft wolle sie jede wohltätige Aktion von kommerziellen Aktivitäten trennen. Außerdem gab sie an, nun tatsächlich an das Krankenhaus spenden zu wollen – insgesamt eine Million Euro. Die Strafe des AGCM hingegen wolle sie anfechten, weil sie sie für "unverhältnismäßig und unfair" halte. Sollte diese dann niedriger ausfallen, werde sie die Differenz ebenfalls spenden, verspricht sie.

Aus dem Kuchen-Skandal könnte ein Eier-Skandal werden

Die mehr als 110.000 Kommentare unter dem Post fallen teilweise verständnisvoll aus, andere wollen sich mit der Erklärung nicht zufriedengeben. Es sei keine Spende, sondern die Rückkehr des Diebstahls, schreibt ein Follower und erhält dafür Tausende Likes. Eine Userin schreibt: "Es tut dir nur leid, weil du erwischt wurdest." Und wieder andere fragen, ob es bei den Eiern auch einen Kommunikationsfehler gegeben habe.

Eier? Nun, es ist möglich, dass nach dem Weihnachtskuchen-Skandal schon der nächste auf die Unternehmerin wartet. Dieses Mal in Form von Ostereiern. Bei der Vermarktung einer Kooperation zwischen Chiara Ferragni und der Süßigkeitenfirma Dolci Preziosi in den Jahren 2021 und 2022, im Zuge derer pinkfarbene Ostereier verkauft wurden, soll nach einem ähnlichen Prinzip geworben worden sein, in diesem Fall mit Spenden für autistische Kinder. Das schreibt unter anderem die italienische Zeitung Corriere della Sera und bezieht sich dabei auf Recherchen der Journalistin Selvaggia Lucarelli, die schon 2022 auch über die Praktiken beim Pandoro geschrieben hatte. Auch hier soll Ferragni angeblich mehr als eine Million Euro verdient haben, während Dolci Preziosi nur ein Pauschalbetrag von 36.000 Euro an Kinder gespendet haben soll. Auf die Vorgehensweise angesprochen, bestätigte Franco Cannillo von Dolci Preziosi gegenüber der italienischen Tageszeitung Il Fatto Quotidiano: "Es gab absolut keinen Zusammenhang zwischen dem Verkauf der Eier und der Spende an ‚I Bambini delle Fate‘.“ Das Unternehmen habe die Spende gezahlt, für Chiara Ferragni sei das nicht Vertragsbestandteil gewesen. Inzwischen sei die Kooperation aufgelöst worden. In einem Post zum Thema schreibt Lucarelli, Chiara Ferragni habe ihre Posts zu den Ostereiern plötzlich gelöscht.

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Tanja Karrasch
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Tanja Karrasch

Tanja Karrasch ist Redakteurin bei OMR. Vor ihrem Wechsel arbeitete sie für die TV-Produktionsfirma Bavaria Entertainment und war als Redaktionsleiterin für zwei ZDF-Shows zuständig. Sie hat bei der Tageszeitung Rheinische Post volontiert und anschließend als Redakteurin gearbeitet.

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