Seltsame Pakete: Amazon-Seller versenden unbestellte Ware en masse – um Reviews zu faken?

Offenbar ist das Problem größer als bisher bekannt

butters_stotch

In den vergangenen Monaten haben auf Amazon tätige Händler offenbar in großem Stil Pakete an Kunden verschickt, obwohl diese gar nichts bestellt hatten. Steht dahinter eine Masche, die auf die Fälschung von Produktrezensionen abzielt? Eine Amazon-Sprecherin bestreitet das. OMR zeigt, wie groß das Phänomen wirklich ist. Ein Paar aus Massachussetts in den USA erhält regelmäßig merkwürdige Pakete von Amazon, mit Artikeln, die es nie bestellt hat: Der Fall, über den OMR vor rund zwei Wochen berichtet hat, mag vielleicht zunächst nach einer nette Anekdote klingen. Ein kleines Beispiel dafür, welche skurrilen Blüten Online Marketing und Amazon SEO treiben kann – denn die Händler, die die Ware an Mike und Kelly Gallivan verschickt haben, spiegeln auf diese Weise gegenüber Amazon Verkäufe vor und können so Bewertungen mit dem Zusatz „verifizierter Kauf“ selbst verfassen.

Massen von deutschen Betroffenen

Doch offenbar ist das Erlebnis des Paares kein Einzelfall. Nicht nur, dass der US-Blog The Daily Beast wenige Tage später über einen ähnlichen Fall in den USA berichtete (eine Nutzerin hat mehrfach Sendungen mit Sextoys erhalten). Kommentare, die Nutzer auf der Facebook-Seite von OMR hinterlassen haben, zeigen, dass auch viele Deutsche innerhalb der vergangenen Monate solche merkwürdigen unverlangten Lieferungen erhalten haben.

Und die OMR-Leser, sind nicht die einzigen, die solche Pakete erhalten haben. Wer über Google nach Keyword-Kombinationen wie „amazon nicht bestellt“ sucht, stößt auf diverse weitere Fälle. Gadget-Blogger Bernd Jaeger berichtet von einem unverlangt erhaltenen Amazon-Paket; unter seinem Text schreiben Leser von ähnlichen Erfahrungen. Auch auf dem Frage-und-Antwort-Portal Gutefrage.net gibt es ähnliche Einträge. Im Forum Allmystery erklärt ein Betroffener, dass ein Amazon-Mitarbeiter ihm gegenüber telefonisch erklärt habe, dass ein chinesischer Händler den Namen und die Adresse des Betroffenen genutzt habe, um gefälschte Bewertungen abgeben zu können.

Ist das nur die Spitze des Eisbergs?

Auf Facebook schildern Nutzer in öffentlichen Beiträgen sowie in Gruppen die immer wieder gleiche Geschichte. Noch mehr Fälle bringt eine Suche auf Twitter zu Tage.

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Ich hab gerade ein Amazon Prime Paket bekommen was ich nicht bestellt hab…seltsam 🤔🤔

Posted by Lilith Plutschinke on Friday, January 5, 2018

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Kleines Rätsel an alle, weiß jemand zufällig was das sein könnte? Habe ich heute von Amazon bekommen, obwohl ich es gar nicht bestellt habe.

Posted by Christian Rasch on Wednesday, January 17, 2018

ich habe gerade das wohl komischste paket ever von amazon bekommen, das ich definitiv nicht bestellt habe.

— clarawr (@CwieClara) February 15, 2018

ich kriege andauernd amazon pakete, die ich nicht bestellt habe. amazon sagt, ohne bestellnummer können sie nichts machen. 

abgebucht wird mir nichts. what to do?

— alexRr (@alexrrcs) January 25, 2018

Heute lag ein Amazon Päckchen bei mir im Briefkasten. Nichts besonderes, das Problem ist nur ich hab das nicht bestellt.

— Emanuel Baptiste Zorg (@Zorg1334) January 5, 2018

WTF des Tages: Neben erwarteten Lieferungen (inklusive eines Pakets für eine Nachbarin) kam ein Paket von Amazon, adressiert an mich, an. Inhalt: Zwei Hue Leuchten, Sockel E27. Der Witz: Ich habe das nicht bestellt, und die tauchen auch nicht in meinem… https://t.co/LTzWJdgnu3

— Mark Nowiasz (@Carnosaurus) December 29, 2017

Wenn in deiner DHL Paketübersicht Amazon-Pakete an deine Post-Nr. auftauchen, die du nicht bestellt hast.

— Tenko fears the BIG 30 (@MasterOtenko) December 19, 2017

warum liefert mir Amazon Sachen die ich nicht bestellt habe?

— Gordon Shumway (@alcest) November 3, 2017

Äh Amazon? Ist ja nett, aber 1. nicht bestellt 2. ich würde mir, wenn das dazugehörige iPhone 8 vorher kaufen. 3. ich hasse alle iPhone über 4 Zoll. Nicht mal Account gehaked. Was da los. Ein Berkausmasche von #Apple mit Kundenadressen? Mh… Falls jemand n Silikonmantel für sein Surfbrett braucht? Bitte.

A post shared by Zeckenwombat (@zeckenwombat) on Oct 16, 2017 at 3:24am PDT

Ich warte auf etwas von Amazon. Ein Paket von Amazon kommt auf meinen Namen. Aber es sind vier Dinge drin, die ich nicht bestellt habe. ?

— Traumtänzerin (@Traumtaenzer1n) October 5, 2017

Das ist die schwarze Peel-Off-Maske aus der nervigen Werbung. Ist heute von Amazon gekommen. Habe ich aber nicht bestellt. Weiß jemand mehr? pic.twitter.com/yixBS31TwQ

— Tristan Veith (@TristanVeith) July 11, 2017

Schlecht übersetzte Rezensionen

Bei einigen Posts lässt sich rekonstruieren, welches auf Amazon verfügbare Produkt die Verfasser erhalten haben – und ob dieses Rezensionen aufweist, die als „verifizierter Kauf“ deklariert sind. Augenscheinlich sind es besonders häufig Produkte aus dem Erotik- oder Intim-Bereich, deren Händler auf diese Weise vorgehen – vermutlich weil es dort noch schwieriger ist, echte Bewertungen zu erhalten.

"Das System sagt, ich will das, aber ich will das nicht."

Mein Freund hatte das heute in der Post von "the Shop" (Amazon), obwohl keiner von uns das bestellt hat. @realMarcUwe #QualityLand #dassystemsagtichwilldasaberichwilldasnicht pic.twitter.com/Zpx5BzXAa1

— ?? (@_pandakitten_) November 17, 2017

Im Fall dieses Analvibrators von Zemalia lassen sich beispielsweise auf der Produkt-Listing-Seite bei Amazon Rezensionen finden, die eher nach schlechter Übersetzung klingen. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass ein Amazon-Kunde wirklich einmal eine Rezension wie diese verfasst hat:

Auch im Fall von dieser Menstruationstasse

Hallo @AmazonHelp ich bin ja immer wieder begeistert, was ihr alles so wisst (das meine Lötstation weg ist und mir prompt neue Lötstationen anbietet) aber woher wisst ihr, dass meine Frau gerade ihre…und was bitte ist eine Menstruationstasse? Und warum schickt ihr mir sowas? ? pic.twitter.com/iCQHVj4esO

— PicturePunxx (@PicturePunxx) January 25, 2018

…klingen die Reviews nach schlechter Übersetzung:

Amazon bestreitet Zusammenhang

Amazon selbst bestreitet jedoch, dass gefakte Produktrezensionen der Hauptgrund für die unverlangt versendeten Pakete ist. „Unsere bisherigen Nachforschungen haben ergeben, dass der Missbrauch von Kundenrezensionen nicht das Motiv dieser Aktionen ist“, so eine Unternehmenssprecherin per Mail gegenüber OMR. „Wir haben lediglich ein paar wenige Rezensionen zu diesen Lieferungen gefunden und wir entfernen jede weitere Rezension sofort. Nur der Besteller kann eine verifizierte Produktrezension verfassen und muss dabei gewisse Mindestanforderungen erfüllen. Der Besteller kann keine Rezensionen im Auftrag des Empfängers schreiben. Unsere Systeme sind darauf ausgerichtet, solche Verhaltensmuster zu identifizieren und wir werden weiter daran arbeiten, Missbrauch aufzudecken und zu verhindern.“

Amazon gehe jedoch jedem Hinweis von Kunden nach, die ungewollt ein Paket erhalten haben. Das Unternehmen legt wert auf die Feststellung, dass „Verkäufer in diesem Zusammenhang weder Namen noch Adressen von Amazon erhalten [haben]. Verkäufer, die gegen unsere Richtlinien verstoßen, werden gesperrt und wir arbeiten mit den Strafverfolgungsbehörden zusammen, um geeignete Maßnahmen zu ergreifen.“

Amazon
Roland Eisenbrand
Autor*In
Roland Eisenbrand

Roland ist seit mehr als zehn Jahren als Journalist in der Digitalbranche aktiv. Seit 2014 verantwortet er als Head of Content (und zweiter Mitarbeiter) alle inhaltlichen Komponenten von OMR, darunter vor allem den OMR Blog und redaktionelle Arbeit rund um das OMR Festival.

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