Vine, Winamp, Motorola Razr: Gelingt diesen Digitalmarken nach dem Tod das Comeback?

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Unternehmen, die eigentlich schon tot sind, planen 2019 ihr Comeback – aber wie wollen sie das schaffen?

Auch große, weltweit bekannte Digital-Unternehmen verschwinden manchmal von der Bildfläche. Wer erinnert sich nicht an Winamp, den Player mit dem Anfang der 2000er eigentlich jeder seine MP3s hörte? Und was ist mit Vine, dem Kurzvideodienst, der von Twitter 2012 für 30 Millionen US-Dollar gekauft und 2016 eingestellt wurde? Diese und andere Brands feiern 2019 wohl ihr Comeback. Wir erinnern und schauen in die Zukunft.

Disney bringt Realverfilmungen seiner 90er-Klassiker „König der Löwen“, „Aladdin“ oder „Die Schöne und das Biest“ in die Kinos, Nintendo und Sony bringen Konsolen der 90er als „Classics“ auf den Markt, Modemarken wie Ellesse, Fila und Champion sind zurück und Sneaker-Brands wie Adidas und Nike legen Schuhe, die vor 20 Jahren mal hip waren, neu auf. Nostalgie ist zum Verkaufs- und Marketingfaktor geworden, die 80er und 90er bestimmen die Popkultur. Warum sollten also nicht auch Digital-Brands, die eigentlich dem Tod geweiht waren, eine zweite Chance bekommen?

Winamp fordert Spotify heraus

„Winamp: It really whips the llamas ass“: Das hörten Nutzer seit 1998, wenn sie das Musik-Programm öffneten. Und das waren viele. Denn wer Anfang der 2000er seine MP3s (alle sicherlich legal erworben) oder Internet-Radio auf dem Rechner hören wollte, hatte wahrscheinlich das Programm mit dem Blitzlogo und dem Lama als Maskottchen installiert. Winamp war mal eine richtig große Nummer und Nullsoft – das Unternehmen dahinter – wurde schon 1999 für 80 Millionen US-Dollar von AOL gekauft. Mitte der 2000er begann mit dem Aufkommen von iTunes der langsame Abstieg von Winamp. Später überholten Streaming-Plattformen wie Spotify die Software – und machten das Nutzungsszenario gleich mit zu Nichte. 2013 kündigte AOL das Ende von Winamp an – 2014 wurde die Brand an die belgische Webradioplattform Radionomy verkauft.

Jetzt wollen die Belgier die Marke wieder an den Start bringen. „Es wird 2019 eine komplett neue Version geben, mit dem Vermächtnis von Winamp, aber mit einer kompletteren Hörerfahrung“, sagt Alexandre Saboundjian, CEO von Radionomoy zu Techcrunch. Das neue Winamp soll eine Plattform für alle Audio-Sevices sein. „Du kannst deine MP3s hören, aber auch Medien aus der Cloud, Podcasts, Radio oder eine Playlist, die du gebaut hast“, so der Radionomy-CEO. Ob Nutzer dann auch Streaming-Services wie Spotify oder Apple Music über Winamp abrufen können, ist aber noch nicht bekannt. Erscheinen wird das Ganze für den Desktop und als iOS- und Android-App

Aufmerksamkeit dürfte es für die neue Version (dann 6.0) auf jeden Fall geben. Bis heute habe Winamp 100 Millionen monatlich aktive Nutzer – vor allem außerhalb der USA. Als im Oktober eine neue Version (5.8) im Internet auftaucht, schießt der Traffic auf Winamp.com nochmal ordentlich in die Höhe und erreicht laut dem Analyse-Tool Similar Web 2,6 Millionen Visits in dem Monat. Aber auch schon zuvor war der Traffic gleichbleibend stabil bei über einer Million Visits pro Monat. Die aktive Community und das öffentliche Interesse dürften eine stabile Grundlage für einen Neustart sein. Jetzt muss eigentlich nur noch das Produkt überzeugen.

Vine 2.0 heißt Byte

Noch viel frischer im Gedächtnis dürfte vielen das Ende von Vine sein. Die Kurzvideo-App, die Twitter 2012 für 30 Millionen US-Dollar gekauft hat, wurde 2016 offiziell eingestellt. Zuvor hatte die Plattform mit den Sechs-Sekunden-Videos Namen wie Shawn Mendes, Logan Paul und viele andere bekannt gemacht, die heute auf anderen Social-Kanälen wie Instagram, Youtube, Twitch und Tik Tok erfolgreich sind. Letzteres ist aktuell wohl der wichtigste Erbe von Vine in Sachen Kurzform-Video.

Vor Kurzem hat Vine-Co-Gründer Dom Hofman ausgerechnet auf Twitter die Wiederbelebung von Vine angekündigt – wenn auch unter neuem Namen (schließlich gehört der weiterhin Twitter). Die Video-Looping-App soll Byte heißen. Bis auf das Logo und die Webseite sind aber keine weiteren Details bekannt. So ein bisschen kann Hofman aber offenbar auf den Nostalgie-Faktor zählen. Dem Twitter-Account von Byte folgen nach vier Posts bereits knapp 78.000 Nutzer. Auf Instagram hat Byte noch gar nichts gepostet und trotzdem über 5.000 Follower. Laut eigenen Angaben hätten sich im Dezember 2018 in unter einer Minute 500 Nutzer für die erste Beta-Phase der Byte-App angemeldet.

Razr: Die Zukunft des Klapphandys?

Noch so ein Held der 2000er ist das Razr V3 von Motorola. Das extrem schlanke Klapphandy mit den bunten Farben und zwei Displays war nach dem Marktstart 2004 für viele ein Sehnsuchtsgerät. Nach eigenen Angaben hat Motorala das Gerät über 130 Millionen Mal weltweit verkauft – bis heute das meistverkaufte Klapphandy aller Zeiten. Doch 2007 nahm die Erfolgsgeschichte ein abruptes Ende. Mit Erscheinen des iPhones brach ein neues Handy-Zeitalter an und die Nachfrage nach Klapphandys rutschte in den Bereich von „nicht mehr vorhanden“ ab. Motorola versuchte den Namen im Anschluss mit Razr-Smartphones aufrecht zu erhalten – ohne durchschlagenden Erfolg.

Jetzt sind Patent-Anmeldungen aufgetaucht, die ein neuartiges Motorola-Handy zeigen. Wie beim Original-Razr können die Nutzer das Gerät in der Mitte zusammenklappen. Aber statt Bildschirm und Tastatur steht im ausgeklappten Zustand ein kompletter Touchscreen zur Verfügung. „Mit der neuen Technologie, vor allem faltbaren Bildschirmen, werden wir mehr und mehr innovative Smartphone-Designs sehen“, sagt Lenovo-CEO Yang Yuanqing zu Techradar. „Hoffentlich wird das Razr-Design bald wieder umgesetzt.“ Die Markenrechte an Motorola besitzt mittlerweile die chinesische Firma Lenovo – und die ist ja immer mal für mutige Geräte bekannt. Und vielleicht könnte eine bekannte Brand wie Razr ja sogar das schlecht laufende Smartphone-Geschäft des Unternehmens mal wieder beleben.

American Apparel startet neu – von Kanada aus

Eine Offline-Marke aus den 2000ern, die nahezu tot war, soll nun digitalisiert und zu alten Erfolgen geführt werden. Das Modelabel American Apparel war vor wenigen Jahren noch einer der Stars im hippen Modebusiness. Auch in deutschen Innenstädten eröffneten immer mehr Geschäfte der Marke, sehr anzügliche Werbung zum Teil mit Pornostars sorgte für die passende Aufmerksamkeit. Viele kauften die Klamotten, weil sie gerade irgendwie hip waren und gleichzeitig in den USA unter vorgeblich fairen Bedingungen produziert wurden. Doch mehrere Gerichtsverfahren wegen sexueller Belästigung gegen Gründer Dov Charney führten zu dessen Entlassung. Später kam heraus, dass er auch Geld veruntreut haben soll und so folgte 2016 die Insolvenz des Unternehmens.

Eine American-Apparel-Ad aus alten Tagen

So richtig verschwunden ist die Marke nie, denn die Insolvenzverwalterin hielt das Geschäft einigermaßen am Laufen – nur die Ladengeschäfte auf der ganzen Welt wurden geschlossen. 2017 kaufte dann das kanadische Unternehmen Gildan Activewear die Marke. Mehrere Dinge sollen unter dem neuen Besitzer anders werden: Die Mode richtet sich nicht mehr nur an hippe, dünne, weiße Menschen, sondern soll auch in größeren Größen erhältlich sein. Gleichzeitig gibt es die Klamotten nur noch online zu niedrigeren Preisen, und das Marketing soll inklusiver und bunter werden. Außerdem werden auf der Webseite neben „Made in USA“-Produkten auch in anderen Teilen der Welt hergestellte Klamotten verkauft – für 20 Prozent weniger. 2019 dürfte zeigen, ob das Konzept aufgeht. Die Brand ist bekannt und auf Instagram folgen dem offiziellen Account über 1,6 Millionen Nutzer. Nicht die schlechteste Voraussetzung im neuen Retail-Zeitalter.

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