Wie die Krypto-Börse Bitmex ins Visier von US-Ermittlern geriet

Bitmex wollte noch ein Berliner Startup übernehmen

US-Ermittler machen Jagd auf die Gründer von Bitmex, einer der größten Krypto-Derivatebörsen der Welt. Zum Verhängnis wurde ihnen ihr laxer Umgang mit Geldwäscheregeln – obwohl Bitmex zuletzt noch verzweifelt versuchte, Compliance-Prozesse aufzubauen.

Wer verstehen will, wie Arthur Hayes, Gründer der zweitgrößten Krypto-Derivatebörse der Welt, mit Kritik umgeht, muss sich nur den „Tangle of Tapei“ ansehen. Auf einer Branchenkonferenz in Taiwans Hauptstadt trafen Hayes sowie der Ökonom und Kryptokritiker Nouriel Roubini im Sommer 2019 auf einem Podium aufeinander – und fetzten sich von der ersten Sekunde an.

Wobei: Es war vor allem Roubini, der Hayes in die Mangel nahm. Dessen Handelsplattform, zeterte der weltbekannte Forscher, profitiere davon, Leute in den finanziellen Ruin zu treiben. Bitmex, auf den Seychellen registriert, halte sich nicht an Regeln, um Anleger zu schützen oder Geldwäsche zu verhindern. „Ihr seid ein Beispiel für all das, was in dieser Branche krank und kaputt ist“, so Roubini.

Und Hayes? Der zeigte, wie egal ihm das alles war: In zerschlissenen Jeans und mit dicker Uhr am Handgelenk lungerte er in seinem Sessel, während Roubini seine Anschuldigungen vortrug, und kriegte sich fast nicht mehr ein vor Lachen über das erregte Gebaren des Professors.

Seit Donnerstag ist die Lage bei Bitmex allerdings nicht mehr zum Lachen. Die Staatsanwaltschaft des Southern District of New York hat Anklage erhoben gegen Hayes und seine Mitgründer, weil sie es unterlassen hätten, funktionierende Anti-Geldwäsche-Prozesse einzuführen. Dass da irgendwann etwas kommen würde und dass sie dringend an ihrer Compliance arbeiten müssten, war den Gründern allerdings bewusst – das zeigt unter anderem der zuletzt unternommene Versuch, einen deutschen Spezialisten für Know-your-Customer-Technologie zu übernehmen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Finance Forward. Auf dem Schwesterportal von OMR dreht sich alles um die Themen Fintechs, Kryptowährungen und digitales Banking.

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Ein Handelsvolumen von 60 Milliarden Dollar – pro Monat

Bitmex ist bei weitem nicht die erste Kryptofirma, die in das Visier von Staatsanwälten oder Finanzaufsehern geraten ist. Aber dass eine der ältesten und heute weltweit gesehen zweitgrößte Handelsplattform für Krypto-Derivate (Nummer eins ist Binance) juristische Probleme bekommt, ist schon bemerkenswert. Das Handelsvolumen auf Bitmex betrug nach eigenen Angaben im vergangenen Monat fast 60 Milliarden Dollar.

Hayes, ein ehemaliger Deutsche-Bank- und Citibank-Trader, gründete Bitmex 2014 gemeinsam mit dem britischen Programmierer Ben Delo, der für JPMorgan einst Hochfrequenzhandelssysteme entwickelte, und dem Web-Spezialisten Samuel Reed. Bitmex brachte Käufer und Verkäufer von Bitcoin-Derivaten zusammen, mit nur einem Minimum an Regeln, selbst für unerfahrene Anleger – so können Investoren ihre Wetten bis zu 100-fach hebeln.

Schon 2015 schloss Bitmex formal US-Amerikaner vom Handeln auf der Plattform aus. Doch diese Vorgabe ließ sich leicht umgehen, etwa mit VPN-Tunneln. Ansonsten fühlte sich Bitmex mit seinem Unternehmens-Setup sicher: Obwohl es ein Büro in New York unterhält und Gründer Hayes von Hongkong aus operiert, ist die Firma auf den Seychellen registriert und unterliegt der dortigen Finanzaufsicht.

Es koste nur „eine Kokosnuss“, um Beamte auf den Seychellen zu bestechen
Dass die Behörden des Archipels einigermaßen zahnlos sind, versuchte Hayes gar nicht erst zu verhehlen. Es koste nur „eine Kokosnuss“, um Beamte auf den Seychellen zu bestechen, witzelte er auf der Bühne in Taiwan. Aufseher in den USA, Großbritannien oder Deutschland „kosten mehr“, so Hayes.

Für Bitmex bot das Offshore-Konstrukt die Möglichkeit, unreguliert und ungehindert zu wachsen, für den Gründer hatte die Wahl des Standorts aber sicher auch weltanschauliche Gründe: Wie viele andere Krypto-Anhänger hegt Hayes ein massives Misstrauen gegen Staaten, Regierungen und deren Währungspolitik. Roubini, ätzte der Gründer während des „Tangle of Tapei“, wolle, dass sich Bitmex vor der US-Regierung „verbeugen und sich von ihr in den Hintern f***** lassen soll“, nur weil in den USA selbst bestimmte Regularien existierten.

Aber Hayes und seine Mitgründer wussten früh, das geht aus der New Yorker Anklageschrift hervor, dass viele US-Amerikaner unter ihren Kunden waren. Und dass sie daher AML- und KYC-Prozesse bräuchten: also Mechanismen, um Kunden zweifelsfrei zu identifizieren und verdächtige Transaktionen, die auf Geldwäsche hindeuten, zu erkennen. Doch bis August 2020 reichte alleine eine bestätige Email-Adresse, um sich für das Trading auf Bitmex anzumelden. Bis 2015 warb die Börse sogar damit, dass man anonym über sie handeln könne.

In einem Statement erklärte Bitmex am Donnerstag, man habe „seit den Anfangstagen als Startup danach gestrebt, die anwendbaren US-Gesetze zu erfüllen“.

Der Druck der Behörden stieg

Dass Hayes den US-Markt im Blick hatte, zeigt schon eine Marketing-Aktion aus dem Frühjahr 2018: Damals lieh sich Bitmex drei Lamborghinis und parkte sie außerhalb der Consensus-Konferenz in New York – und Hayes freute sich anschließend, dass der PR-Stunt Erfolg hatte, weil viele US-Medien berichteten.

Obwohl er darauf hingewiesen wurde, dass über Bitmex die Beute von Krypto-Hacks gewaschen wurde, und dass Iraner auf der Plattform handelten, obwohl sie unter US-Sanktionen fielen, unternahm Hayes laut Anklageschrift nichts.

Das änderte sich erst in den letzten Monaten. Offenbar war dies das Ergebnis von behördlichem Druck: Seit 2019 ermittelte bereits die Commodity Futures Trading Commission (CFTC), eine US-Aufsichtsbehörde, die den Futures- und Optionsmarkt überwachen soll. Die CFTC strengte am Donnerstag parallel ein Zivilverfahren an.

Kaufverhandlungen mit einem Berliner Startup

So begann Bitmex endlich, Compliance-Prozesse aufzubauen, im August 2020 führte die Börse schließlich eine ID-Überprüfung für Neukunden ein. Bis Februar 2021 sollten alle Nutzer einen KYC-Prozess durchlaufen haben.

Parallel interessierte sich die Firma, die in ihrer Geschichte laut CFTC etwa eine Milliarde Dollar an Gebühren eingenommen haben soll, nach Informationen von Finance Forward für einen deutschen Spezialisten für KYC-Technologie: Fractal, ein von Innogy Ventures und dem staatlichen Beteiligungsfonds Coparion finanziertes Berliner Startup. Das Fractal-Produkt ist eine KYC/AML-Plattform, die zum Beispiel von den Trading-Apps Etoro oder Bitpanda benutzt wird.

Zwischen Bitmex und Fractal soll es vor einiger Zeit Kaufverhandlungen gegeben haben, die aber nicht zu einem erfolgreichen Abschluss kamen. Das Berliner Startup wollte sich auf Anfrage nicht dazu äußern.

An den Ermittlungen der New Yorker Staatsanwaltschaft hätte ein erfolgreicher Deal aber vermutlich ohnehin nichts mehr geändert: Sie bezieht sich auf all das, was in den vergangenen sechs Jahren falsch gelaufen ist bei Bitmex. Von den Gründern der Handelsplattform wurde bislang einer, nämlich CTO Samuel Reed, festgenommen. Delo und Hayes sind nach Angaben der Ermittler flüchtig. Der Handelsbetrieb bei Bitmex läuft bislang weiter.

Autor: Niklas Wirminghaus; Bild: PR

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