Auf der Jagd nach der Super App: Wie die westlichen Tech-Konzerne Asien nacheifern wollen

Lässt sich das WeChat-Konzept in USA oder Europa nachbauen?

Es ist der heilige Gral der Platform Economy: die eigene Plattform in den Status einer „Super App“ erheben zu können. Also einer App, die die Nutzer vielfach am Tag benutzen und im besten Fall gar nicht mehr verlassen. Und in der sie nicht nur mit Freunden und Familie kommunizieren, sondern über die sie auch eine Vielzahl ihrer täglichen Bedürfnisse erfüllen. Ursprünglich stammt das Phänomen der Super Apps aus Asien, nun versuchen westliche Tech-Konzerne das Konzept zu kopieren. OMR geht der Frage nach, ob 2020 möglicherweise zum Jahr der ersten westlichen Super App werden könnte.

„Wenn ich doch nur vor vier Jahren auf Deinen Rat gehört hätte…“, kommentiert Mark Zuckerberg im März 2019 einen Facebook-Post der US-Journalistin Jessica Lessin. Die Gründerin und Herausgeberin des Tech-Business-Blogs „The Information“ hat in ihrem Post an einen von ihr selbst verfassten Artikel aus dem März 2015 erinnert, in dem sie Facebook empfiehlt, von WeChat zu lernen.

(Screenshot-Quelle: Facebook)

Ein Tag ohne WeChat? – In China kaum möglich

In dem Text schildert Lessin, wie Facebooks zum damaligen Zeitpunkt gerade verkündeter Schritt, den Facebook Messenger für externe Entwickler und Marktteilnehmer zu öffnen, sie an die zum chinesischen Internetkonzern Tencent gehörende App WeChat erinnere. „Es ergibt Sinn, dass Facebook sich in diese Richtung entwickelt“, schreibt Lessin damals. Als Mark Zuckerberg schließlich vier Jahre später, im März 2019, in einem ausführlichen Blog-Post seine Vision von Facebooks Zukunft erläutert, sind sich die großen US-Medien und Tech-Blogs von New York Times über Wall Street Journal bis zu The Verge in ihren Analysen einig: Facebook will WeChats Konzept für die westliche Welt nachbauen.

Im Kern von WeChat steht wie bei Facebooks Messenger und WhatsApp ein Messaging-Dienst. Doch der gesamte Funktionsumfang von WeChat geht weit über diese Funktion hinaus: Chinesische Internetnutzer informieren sich und kaufen und bezahlen über die App, buchen Termine und geben Bewertungen ab. Offenbar ist es heute kaum mehr möglich, einen Tag in China zu verbringen, ohne WeChat zu nutzen. Die New York Times skizziert in einem sehenswerten Video (ab ca. 2:14) ein Beispielszenario, das vor Augen führt, was WeChat-Nutzer innerhalb der App alles tun können, ohne diese verlassen zu müssen.

Bettler sammeln Almosen mit einem QR-Code ein

Die Bezahlung per WeChat mittels QR-Code (mittlerweile ist sogar die Zahlung per Gesichts-Scan möglich) hat sich in China offenbar durchgesetzt, so dass Bargeld-Transaktionen aus dem Alltag offenbar nahezu verschwunden sind. Straßenhändler, Straßenmusiker und sogar Bettler kassieren mittlerweile lieber mittels QR-Code statt in bar. Täglich (!) werden im Schnitt angeblich 1,2 Milliarden Zahlungsvorgänge über WeChats Bezahlfunktion abgewickelt.

In der Tech-Szene hat sich für WeChat der Begriff der „Super App“ eingebürgert: Apps, die viele Services und Funktionen auf einer Plattform bündeln. WeChat ist mittlerweile nicht mehr der einzige Vertreter dieser Gattung. Ihnen allen gemein ist: Sie stammen aus Asien.

Gojek und Meituan treten in WeChats Fußspuren

Gojek ist ein weiteres Beispiel. Die aus Indonesien stammende Plattform hat mit Kurierdienstleistungen und einem Taxi-Dienst angefangen und vereint mittlerweile nach eigenen Angaben mehr als 20 Services in einer App, darunter Essenslieferungen, Tickets, Beauty-Behandlungen, etc. Auf einer eigens eingerichteten Microsite bezeichnet sich das Unternehmen selbst als Super App. Nach der jüngsten Investitionsrunde ist Gojek angeblich 9,5 Milliarden US-Dollar wert. Zu den diversen namhaften Investoren des Unternehmen gehören auch Tencent und Google. Hauptkonkurrent von Gojek in dem Unterfangen, die Super App Südostasiens zu werden, ist die Singapurer Plattform Grab.

In China wandeln seit einigen Jahren weitere Unternehmen in puncto „Super-App-Status“ auf WeChats Spuren. Meituan etwa, zunächst mit einem ähnlichen Konzept wie Groupon gestartet, hat im Jahr 2013 in die eigene App einen Button integriert, über den man Hotelzimmer buchen kann. Heute soll die App Medienberichten zufolge mit weitem Abstand die größte Hotelbuchungsplattform in China sein. Außerdem lassen sich über Meituan Tickets kaufen, Fahrräder leihen und andere Services nutzen.

Ohne Kundenakquisitionskosten weitere Geschäftsfelder entern

Nach dem Prinzip von Gojek, Grab und Meituan wollen nun offenbar auch in der westlichen Welt Tech-Konzerne ihre Plattformen vergrößern: „Sie nehmen ein hochfrequentes, niedrigmargiges Business wie Essenslieferungen und fügen niedrigfrequente, hochmargige Geschäftsfelder hinzu – und das bei niedrigen oder nicht vorhandenen Kundenakquisitionskosten“, erklärt Connie Chan vom renommierten US-Venture-Capital-Unternehmen Andreessen Horowitz in einem sehenswerten Vortrag aus dem November 2019: „Super Apps sind gekommen, um zu bleiben, und die großen US-Internet-Konzerne haben das bereits verstanden.“

Der Kommentar von Mark Zuckerberg unter Jessica Lessin Post hat vermutlich zumindest eine augenzwinkernde Komponente. Es wäre erstaunlich, wenn der Facebook-Gründer sich nicht auch schon 2015 ausführlich mit WeChat befasst haben sollte. Trotzdem ist seine Äußerung ein Hinweis darauf, wie ernst es Facebook mit dem Vorhaben sein dürfte, eine ähnliche Super App zu bauen.

„Close the loop“: Facebooks WhatsApp-Pläne

Bei der letztjährigen Entwicklerkonferenz F8, auf der Facebook traditionell die wichtigsten Neuerungen vorstellt, ließ es sich Mark Zuckerberg nicht nehmen, höchstpersönlich die Neuerungen für WhatsApp Business zu präsentieren; die 2018 gestarteten Unternehmens-Accounts des Messenger-Dienstes. Ein neues Feature: Firmen können nun ihre Produktkataloge in WhatsApp einspeisen. In Indien testet Facebook außerdem eine Zahlungsfunktion innerhalb von WhatsApp. Die Parallelen zur Strategie, mit der Tencent WeChat in China allgegenwärtig gemacht hat, sind kaum zu übersehen.

Hinzu kommt: Sollte Facebook in eine oder mehrere seiner Apps erfolgreich eine Bezahlfunktion integrieren können, mittels derer die Nutzer irgendwann einmal auch in hoher Frequenz Käufe in der physischen Welt abschließen, könnte das Unternehmen damit eine bislang offene Schleife schließen. Denn aktuell kann Facebook in der Regel nicht oder höchstens über Umwege nachweisen, dass aufgrund von Werbung auf der eigenen Plattform offline ein Kauf erfolgte. Ein erfolgreicher Payment-Dienst könnte diesen „Missstand“ beheben.

Will Google Maps zur Super App aufbauen?

Facebook-Konkurrent Google arbeitet eigentlich mit Modellen wie „Progressive Web Apps“ daran, die Welt der „App Silos“ aufzubrechen“. Denn für das Geschäftsmodell, mit dem Google den größten Teil seiner Umsätze erwirtschaftet, ist das Unternehmen auf ein offenes Internet angewiesen. Wenn die wichtigsten Inhalte und Services immer seltener oder schlechter über Googles Suchmaschine auffind- und ansteuerbar sind, weil sie in Apps „eingeschlossen“ sind, droht dem Unternehmen ein Verlust von wirtschaftlicher Relevanz und Macht.

Trotzdem verfügt natürlich auch Google mit dem Zahlungsdienst Google Pay und seinen Milliarden Android-Nutzern auf der ganzen Welt über eine nutzerstarke Infrastruktur, die es möglich macht, ein WeChat-ähnliches Modell abzubilden. Hinzu kommt mit Google Maps ein Dienst, der bereits jetzt Auslöser vieler Offline-Transaktionen sein dürfte. Ein Analyst der Investment-Bank Morgan Stanley schätzt, dass Google Maps im Jahr 2020 4,86 Milliarden US-Dollar Umsatz in die Kassen von Google spülen wird. Mario Gavira, seit vielen Jahren in führenden Positionen in der Online-Travel-Branche tätig, schilderte vor Kurzem in einem Gastbeitrag für OMR, warum er glaubt, dass Google Maps zur Super App aufbauen will.

Wird Amazon in Indien zum Alltagsbegleiter?

Apple hat mit Apple Pay ebenfalls einen Zahlungsdienst im Produktportfolio, der mittlerweile in über 50 Ländern verfügbar ist, darunter USA, China, Russland und alle relevanten europäischen Märkte. Hinzu kommt „Business Chat“, mit dem der Konzern nun auch seinen Messenger iMessage zur Plattform ausbauen will. Beides grundlegende Komponenten für eine potenzielle Super App. Doch in der Vergangenheit hat der Konzern für Software-basierte Geschäftsmodelle weniger ein Händchen bewiesen als die anderen großen US-Tech-Konzerne. Apple lebt vor allem vom Hardware-Geschäft – und das sehr gut.

Amazon demgegenüber war von Anfang an eine Transaktionsplattform und verfügt mit Amazon Pay über einen Bezahldienst, den auch andere Händler und Dienstleister ihren Kunden anbieten können. Im vergangenen April soll eine Amazon-nahe anonyme Quelle der indischen Tageszeitung „Economic Times“ angeblich verraten haben, dass Amazon in Indien (nach China in puncto Nutzerzahl immerhin der zweitgrößte Digitalmarkt der Welt) versuchen wolle, eine Art Super App aufzubauen. Zunächst wolle Amazon in Indien ins Geschäft mit Essenslieferungen und Flugbuchungen einsteigen, später sollten Taxi-Dienste und Hotelbuchungen hinzukommen, so der Bericht. Einem Bloomberg-Bericht aus dem Januar zufolge testet Amazon seinen indischen Essenslieferdienst gerade, zunächst nur unter Mitarbeitern des Unternehmens.

Neue Chancen für „Aussenseiter“?

Folgt man der Logik von Connie Chan von Andreessen Horowitz („hochfrequente niedrigmargige Geschäftsmodelle um niedrigfrequente hochmargige Transaktionen ergänzen“), so birgt der Hype um Super Apps auch die Chance, dass andere Tech-Konzerne außerhalb der GAFA-Welt „über sich hinaus wachsen“. Als ein Beispiel in den USA zitiert Connie Chan den Taxi-Service Uber. Deren CEO Dara Khosrowshahi hat im zurückliegenden September in einem Beitrag im Unternehmens-Blog angekündigt, Uber zum „Betriebssystem des alltäglichen Lebens“ weiterentwickeln zu wollen. Das Unternehmen will eine Vielzahl von Mobilitätsangeboten (Taxis, Fahrräder, E-Scooter) mit Essenslieferdiensten und einem Treueprogramm bündeln.

Der E-Scooter-Dienst Lime soll laut dem US-Blog Axios im Jahr 2018 gegenüber potenziellen Investoren auch mit der Aussicht darauf, „Merchant Deals“ integrieren zu wollen, um Kapital gebuhlt haben. Den zu diesem Zeitpunkt 500.000 registrierten Lime-Nutzern könnten dann beispielsweise von Restaurantbetreibern beispielsweise auch Vergünstigungen in ihren Lokalen angeboten werden. Auch Essenslieferungen seien denkbar. Zuletzt war von Lime jedoch zu hören, dass das Unternehmen 14 Prozent seiner Belegschaft entlässt und sich aus zwölf Märkten zurückzieht.

Gibt es europäische Super-App-Kandidaten?

Kann es auch eine „Super App“ aus Europa geben? Gegenüber dem deutschen Blog „Payment and Banking“ zeigten sich im vergangenen Oktober mehrere renommierte Branchenvertreter diesbezüglich eher skeptisch. Ein möglicher Kandidat wäre der Essensliefer-Riese Deliver Hero. Dessen CEO Nikolas Östberg erteilte ebenfalls im vergangenen November gegenüber Gründerszene allzu ambitionierten Expansionsplänen eine Absage: „Wir müssen sehen, was die Verbraucher wollen. Aber wir wollen alles bedienen, was an die Haustür geliefert werden kann. Wir werden nicht unbedingt zur Super-App, mit der man Hotels buchen kann. Aber alles, bei dem wir unsere Fahrerflotte und unseren Lieferservice einsetzen können.“

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